Die französischen Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello greifen eine zentrale Kategorie von Max Weber auf, um den „neuen Geist des Kapitalismus“ in der Netzwerkgesellschaft der Gegenwart „spuken“ zu lassen. Dabei gehen sie davon aus, dass die Welt der Wirtschaft nicht allein gesetzmäßigen Strukturen unterliegt, welche sich den handelnden Subjekten gänzlich entziehen würden. Vielmehr hält sich der Kapitalismus erst durch die eigene Rechtfertigung gegenüber seiner Kritik am Leben.
Mit ihrer eigenen Definition von Webers Begriff bezeichnen sie „eine Ideologie (...), die das Engagement für den Kapitalismus rechtfertigt“ als Geist des Kapitalismus. Die Notwendigkeit einer Rechtfertigung sehen sie allerdings in der Natur des Kapitalismus als System begründet. Dieses halten sie im Grunde für absurd und bescheinigen ihm ein Plausibilitätsdefizit: Werden die Arbeitnehmer den Produkten ihrer Arbeit entfremdet, so sind die Arbeitgeber gefangen in einem Teufelskreis aus beständiger Investition, Profitmaximierung und Reinvestition, der durch das Akkumulationsprinzip und den Druck der Konkurrenz aufrecht erhalten wird.
Inhaltsverzeichnis
- Der neue Geist des Kapitalismus
- Der Kapitalismus als Plausibilitätsdefizit
- Die Rechtfertigung des Kapitalismus
- Der Geist als Motor der Veränderung
- Drei Ausprägungen des Geistes
- Das patriarchale Unternehmertum der Bourgeoisie
- Taylorismus, Massenproduktion und Karriereoptionen für Akademiker
- Die aktuelle Ausprägung des Geistes
- Die sechs Poleis
- Die „marktwirtschaftliche Polis“
- Die „bürgerweltliche Polis“
- Die „projektbasierte Polis“
- Kritik und der Geist des Kapitalismus
- Die Rolle der Kritik
- Sozialkritik
- Künstlerkritik
- Die 68er-Bewegung als Wegbereiter des Wandels
- Reaktionen der Arbeitgeberverbände
- Kritik an Arbeitsbedingungen
- Künstlerkritik als Chance für den Kapitalismus
- Flexibilität als Zauberwort
- Kritik an der Durchrationalisierung
- Wachsendes Bildungsniveau
- Frustration und Selbstverwirklichung
- Konkurrenz zu Gewerkschaften
- Kontrolle über die Arbeitskräfte
- Subversive Konzepte
- Flexibilität im Lohn und Zeitarbeitsverträge
Häufig gestellte Fragen
Was ist der „neue Geist des Kapitalismus“ laut Boltanski und Chiapello?
Es handelt sich um eine Ideologie, die das Engagement für den Kapitalismus in der heutigen Netzwerkgesellschaft rechtfertigt, indem sie Flexibilität und Selbstverwirklichung betont.
Welche Rolle spielte die 68er-Bewegung für den modernen Kapitalismus?
Die Künstlerkritik der 68er an Hierarchien und Entfremdung wurde vom Kapitalismus absorbiert, um neue, flexiblere Arbeitsformen zu legitimieren.
Was sind die „sechs Poleis“ in der Theorie?
Die Autoren beschreiben verschiedene Rechtfertigungsordnungen (Poleis), wie die marktwirtschaftliche, die bürgerweltliche und die neue projektbasierte Polis.
Warum bezeichnen die Autoren den Kapitalismus als „absurd“?
Sie sehen ein Plausibilitätsdefizit, da das System auf einem Teufelskreis aus Profitmaximierung und Reinvestition beruht, der ständiger Rechtfertigung bedarf.
Wie hat sich der Geist des Kapitalismus historisch gewandelt?
Vom patriarchalen Unternehmertum über den Taylorismus der Massenproduktion hin zur heutigen vernetzten und flexiblen Arbeitswelt.
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- Arndt Schmidt (Author), 2007, Rezension zu "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Eve Chiapello, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189028