Die französischen Soziologen Luc Boltanski und Eve Chiapello greifen eine zentrale Kategorie von Max Weber auf, um den „neuen Geist des Kapitalismus“ in der Netzwerkgesellschaft der Gegenwart „spuken“ zu lassen. Dabei gehen sie davon aus, dass die Welt der Wirtschaft nicht allein gesetzmäßigen Strukturen unterliegt, welche sich den handelnden Subjekten gänzlich entziehen würden. Vielmehr hält sich der Kapitalismus erst durch die eigene Rechtfertigung gegenüber seiner Kritik am Leben.
Mit ihrer eigenen Definition von Webers Begriff bezeichnen sie „eine Ideologie (...), die das Engagement für den Kapitalismus rechtfertigt“ als Geist des Kapitalismus. Die Notwendigkeit einer Rechtfertigung sehen sie allerdings in der Natur des Kapitalismus als System begründet. Dieses halten sie im Grunde für absurd und bescheinigen ihm ein Plausibilitätsdefizit: Werden die Arbeitnehmer den Produkten ihrer Arbeit entfremdet, so sind die Arbeitgeber gefangen in einem Teufelskreis aus beständiger Investition, Profitmaximierung und Reinvestition, der durch das Akkumulationsprinzip und den Druck der Konkurrenz aufrecht erhalten wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinition und Systemkritik
3. Phasen des Geistes des Kapitalismus
4. Methodik der Diskursanalyse
5. Das Modell der sechs Poleis
6. Sozialkritik und Künstlerkritik
7. Transformation der Arbeitsbedingungen
8. Kritische Würdigung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Rezension untersucht die soziologische Analyse von Luc Boltanski und Eve Chiapello über die Entwicklung und Transformation des Kapitalismus sowie die wechselseitige Beeinflussung von ökonomischen Strukturen und gesellschaftlicher Kritik.
- Analyse der historischen Wandlungsprozesse des kapitalistischen Geistes.
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Kritik und kapitalistischer Anpassungsfähigkeit.
- Erläuterung des Modells der sechs Poleis als Referenzrahmen für Wertigkeitsordnungen.
- Darstellung der Verschiebung von Sozial- zu Künstlerkritik im 20. Jahrhundert.
- Diskussion der Auswirkungen von Flexibilisierung und Projektarbeit auf die Arbeitswelt.
Auszug aus dem Buch
Die Dialektik zwischen Kapital und Kritik
Die konkrete Gestalt des Geistes hängt dabei jeweils davon ab, welche Antworten die Vertreter des Kapitals auf die Vorhaltungen der Kritik finden. Sie dient dem Kapitalismus somit als Motor zur Veränderung. Erst durch sie ist der Geist nicht statisch, sondern dynamisch und kreativ. Der Kapitalismus bleibt somit auf seine Kritiker angewiesen.
Sobald sich ein Prozess in dieser Dialektik zwischen Kapital und Kritik entwickelt hat, machen Boltanski und Chiapello drei unterschiedliche Ausprägungen des Geistes seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus.
Die erste Variante drehte sich um das patriarchale Unternehmertum der Bourgeoisie. In ihr ergänzten sich eine „neuartige Wirtschaftshaltung“, die durch Sparsamkeit, Rationalisierung und Kalkül geprägt war, mit überkommener Moral und familiären Werten. Die zweite Phase des Geistes kennzeichnet sich durch Taylorismus, Massenproduktion und Karriereoptionen für Akademiker. Das System als ganzes ist hoch bürokratisiert und zentral organisiert. Es besteht eine hohe Identifikation mit dem fürsorglichen Großkonzern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das zentrale Anliegen der Autoren, Webers Begriff des Geistes des Kapitalismus auf die Gegenwart anzuwenden.
2. Begriffsdefinition und Systemkritik: Herleitung der Notwendigkeit von Rechtfertigungsstrategien innerhalb eines als amoralisch betrachteten Wirtschaftssystems.
3. Phasen des Geistes des Kapitalismus: Historischer Abriss der Entwicklung vom patriarchalen Unternehmertum bis hin zum Taylorismus.
4. Methodik der Diskursanalyse: Erläuterung des empirischen Vorgehens unter Einsatz des Textanalyseprogramms „Prospero@“ zur Untersuchung von Beraterliteratur.
5. Das Modell der sechs Poleis: Darstellung des theoretischen Rahmens zur Einordnung von Wertigkeitsordnungen und ihrer Anwendung in verschiedenen Phasen.
6. Sozialkritik und Künstlerkritik: Differenzierung zwischen der Kritik an Ungleichheit und dem Streben nach Selbstverwirklichung und Authentizität.
7. Transformation der Arbeitsbedingungen: Analyse der Implementierung flexibler Arbeitsmodelle als Reaktion auf die Künstlerkritik.
8. Kritische Würdigung: Reflexion über die Plausibilität der Theoriegebäude und die Rolle von strukturellen Faktoren im Kapitalismus.
Schlüsselwörter
Geist des Kapitalismus, Luc Boltanski, Eve Chiapello, Sozialkritik, Künstlerkritik, Netzwerkgesellschaft, Wertigkeitsordnungen, Diskursanalyse, Poleis, Flexibilisierung, Kapitalismus, Arbeitnehmer, Wirtschaftsideologie, Transformation, Legitimation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Rezension grundlegend?
Die Rezension befasst sich mit dem Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Eve Chiapello und analysiert, wie der Kapitalismus durch die Auseinandersetzung mit seiner eigenen Kritik wandlungsfähig bleibt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die soziologische Systemtheorie, die Dynamik zwischen Kapital und Kritik, die Transformation von Arbeitsbedingungen sowie die Legitimation unternehmerischen Handelns.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Autoren?
Das Ziel der Autoren ist es, die Wandlungsprozesse des kapitalistischen Geistes seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nachvollziehbar zu machen und aufzuzeigen, wie moderne Managementstrategien auf Kritik reagieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dem Werk verwendet?
Die Autoren verwenden eine Diskursanalyse, wobei sie große Textkorpora an Beraterliteratur aus den 1960er und 1990er Jahren mit dem Programm „Prospero@“ auswerten.
Was wird im Hauptteil der Analyse behandelt?
Im Hauptteil werden das Modell der sechs Poleis, die Differenzierung zwischen Sozial- und Künstlerkritik sowie der historische Übergang zu einer projektbasierten Arbeitswelt detailliert untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind „Geist des Kapitalismus“, „Künstlerkritik“, „Sozialkritik“, „Poleis“ und „Bewährungsproben“.
Warum spielt die sogenannte „Künstlerkritik“ eine so große Rolle für den Wandel?
Laut den Autoren bot die Künstlerkritik dem Management eine Gelegenheit, sich von starren, bürokratischen Strukturen zu lösen und flexiblere Arbeitsformen einzuführen, um auf Forderungen nach mehr Selbstbestimmung zu reagieren.
Was versteht man in diesem Kontext unter einer „Bewährungsprobe“?
Bewährungsproben sind Mechanismen innerhalb einer Polis, durch die Status, Einkommen und soziale Wertschätzung zugewiesen werden und an denen sich gesellschaftliche Kritik entzündet.
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- Arndt Schmidt (Author), 2007, Rezension zu "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Eve Chiapello, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189028