Der Einfluss weiblicher Genitalverstümmelung auf die Rolle der Frau in der afrikanischen Gesellschaft


Seminararbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Information zur weiblichen Genitalverstümmelung
2.1 Was ist FGM/C?
2.2 Wer ist von FGM/C betroffen und wo wird FGM/C durchgeführt?
2.3 Wie wird FGM/C durchgeführt und welche Folgen kann FGM/C haben?
2.4 Aus welchen Gründen wird FGM/C durchgeführt?

3. FGM/C und die Rolle der afrikanischen Frau
3.1 Einfluss der FGM/C auf die Rolle der Frau in der afrikanischen Gesellschaft
3.2 FGM/C im Kontext der Frauenrechte

4. Fazit - Kampf der afrikanischen Frauen gegen FGM/C

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“When the ties that bound me were removed from my legs, I was able to look at myself for the first time. I discovered a patch of skin completely smooth except for a scar down the middle like a zipper. And that zipper was definitely closed. My genitals were sealed up like a brick wall that no man would be able to penetrate until my wedding night, when my husband would either cut me open with a knife or force his way in” (Dirie, Waris).1

In der Literatur westlicher und afrikanischer Frauenrechtsorganisationen liest man häufig solche Zitate von afrikanischen Frauen, die das Ritual der Genitalverstümmelung als junges Mädchen erlebt haben. In 28 afrikanischen Ländern werden auch im 21. Jahrhundert noch Frauen und Mädchen beschnitten. Und die Praktik der Beschneidung weiblicher Genitalien, wie sie das afrikanische Model und Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie in ihrer Autobiografie schildert, ist kein Einzelfall. Die Beschneidung weiblicher Genitalien ist bis heute ein wichtiger Bestandteil vieler, vor allem afrikanischer Kulturen.

Dieser Arbeit liegt die Annahme zu Grunde, dass die weibliche Genitalverstümmelung in vielen afrikanischen Gesellschaften einen wichtigen Bestandteil der weiblichen Identifikation darstellt. Der Initiationsritus, dessen Bestandteil die Beschneidung ist, gilt als wichtiger Schritt in der Sozialisation afrikanischer Mädchen und ist Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. In der folgenden Arbeit wird daher der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die weibliche Genitalverstümmelung beziehungsweise die Beschneidung der weiblichen Genitalien auf die Rolle der Frau innerhalb der afrikanischen Gesellschaft hat. Um dieser Frage nachzugehen, werden im ersten Abschnitt der Arbeit allgemeine Informationen zur Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung dargelegt. Anhand einer Definition der Praktik, ihrer Ausbreitung und Durchführung sowie der Darlegung ihrer häufigsten Folgen und der zentralen Gründe soll dem Leser ein erster Einblick in die Problematik ermöglicht werden. Im zweiten Abschnitt der Arbeit wird die weibliche Genitalverstümmelung mit der Rolle der afrikanischen Frau in Verbindung gebracht und die wichtigsten Gründe für diese Praktik vertieft. Dieser Abschnitt soll die wichtige Rolle der Gemeinschaft in afrikanischen Staaten und die Beschneidung als Voraussetzung für die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft betonen. Der dritte Abschnitt der Arbeit bezieht sich auf die Lage der Frauenrechte im internationalen Völkerrecht im Allgemeinen und in den afrikanischen Staaten im Besonderen. Abschließend wird in einem Fazit die Problematik des Kampfes afrikanischer Frauen gegen die weibliche Genitalverstümmelung in Bezug auf die wichtige Rolle der Gemeinschaft und die schwierige Frauenrechtslage in vielen afrikanischen Staaten dargestellt.

2. Allgemeine Information zur weiblichen Genitalverstümmelung

Der Verwendung des Begriffs der weiblichen Genitalverstümmelung ist sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch in der politischen Sprache umstritten.2 Auf der einen Seite können sich die betroffenen Frauen durch den Begriff Verstümmelung diffamiert vorkommen, auf der anderen Seite wird der Begriff der Beschneidung dem tatsächlichen Ausmaß der Praktik nicht gerecht. Einen Kompromiss stellt die häufig verwandte Abkürzung FGM/C (Female Genital Mutilation/Cutting) dar, die sowohl der Schwere des Eingriffes durch den Aspekt der „Mutilation“ gerecht wird, als auch die Neutralität des „Cutting“ beinhaltet. In der folgenden Arbeit soll in erster Linie diese Abkürzung benutzt werden, um einen neutraleren Umgang mit dem Thema zu ermöglichen. Die Verwendung der Begriffe Verstümmelung und Beschneidung lässt sich jedoch nicht in allen Fällen vermeiden, soll aber dann keinerlei Wertung darstellen, sondern ergibt sich aus dem Zusammenhang.

2.1 Was ist FGM/C?

Unter FGM/C versteht man „alle Praktiken, bei denen die äußeren Geschlechtsorgane eines Mädchens oder einer Frau teilweise oder vollständig entfernt werden“3 sowie alle zwangsweise durchgeführten und medizinisch nicht notwendigen Eingriffe in die weiblichen Genitalien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet dabei vier verschiedene Typen der Beschneidung, wobei der Übergang zwischen diesen Formen oft fließend ist. Typ 1 (Klitoridektomie) beschreibt die vollständige oder teilweise Entfernung der Klitoris. Die Exzision oder Typ 2 umfasst die teilweise oder totale Entfernung der Klitoris sowie der inneren Schamlippen. In manchen Fällen werden die äußeren Schamlippen ebenfalls teilweise oder vollständig entfernt, die Vagina wird jedoch nicht verschlossen. Typ 3, die Infibulation oder auch „Pharaonische Beschneidung“, beschreibt die vollständige Entfernung der Klitoris, sowie der inneren und äußeren Schamlippen. Anschließend an die Beschneidung wird die vaginale Öffnung zusammengenäht oder -geheftet, wodurch ein narbiger Hautverschluss entsteht. Um ein vollständiges Zusammenwachsen der Schamlippen zu verhindern und anschließendes Urinieren zu ermöglichen, wird in den meisten Fällen ein Fremdkörper eingeführt.4 Der Durchmesser dieses Fremdkörpers ist häufig nicht dicker als der eines Streichholzes. Die „Pharaonische Beschneidung“ gilt als die radikalste Form der Beschneidung. In vielen Fällen werden nach der eigentlichen Prozedur die Beine des beschnittenen Mädchens zusammengebunden, damit sich über der Wunde das Narbengewebe bilden kann. Auf Grund der sehr kleinen verbleibenden Öffnung muss diese für den Geschlechtsverkehr mit ihrem Ehemann erweitert oder aufgeschnitten werden. Die gleichen Probleme ergeben sich bei einer Geburt. Die Öffnung wäre für eine normale Geburt viel zu klein und die Infibulation wird in den meisten Fällen kurz vor der Geburt rückgängig gemacht. In einigen Fällen wird die vaginale Öffnung nach der Geburt erneut verschlossen. Typ 4 umfasst alle weiteren Formen des Eingriffes, durch die die weiblichen Genitalien verletzt werden und die keinem medizinischen Zweck dienen. Dazu zählen alle Formen der Genitalverstümmelung, die sich keinem der ersten drei Typen zuordnen lassen, wie das Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Ausschaben, Ausbrennen oder Verätzen.5

2.2 Wer ist von FGM/C betroffen und wo wird FGM/C durchgeführt?

Offizielle Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit inzwischen bis zu 140 Millionen Frauen und Mädchen Opfer einer Genitalverstümmelung geworden sind.6 In der Regel wird die Prozedur bei jungen Mädchen ab der frühesten Kindheit bis zum Alter von 15 Jahren durchgeführt. In selteneren Fällen werden auch noch Frauen beschnitten, die schwanger sind oder kurz vor der Hochzeit oder einer Geburt stehen.7 Vor allem in west- und ostafrikanischen Ländern wird FGM/C durchgeführt, aber auch in Ländern des Mittleren Ostens wie im Jemen und in Teilen Süd-Ost-Asiens sind Frauen und Mädchen davon betroffen. Durch große Immigrantenströme hat sich die Praktik in den letzten Jahren auch in Europa, Nord-Amerika und Australien verbreitet.8 In diesen Ländern versuchen häufig Einwandererfamilien aus afrikanischen Ländern ihre Traditionen aufrechtzuerhalten. Die meisten Beschneidungen finden jedoch weiterhin in 28 Ländern Afrikas statt.9 Schätzungen zu Folge sind in Somalia etwa 98 Prozent aller Frauen und Mädchen beschnitten. In Sierra Leone, Djibouti, Guinea und Ägypten liegen die Schätzungen bei etwa 95 Prozent um nur einige wenige Beispiele zu nennen.10 Anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass es sich bei FGM/C nicht um ein Randphänomen handelt, welches lediglich in vereinzelten ethnischen Gruppen durchgeführt wird. Ganz im Gegenteil. In den meisten Staaten Afrikas ist FGM/C ein sehr wichtiger und weitverbreiteter Teil der Kultur und wird von den meisten ethnischen Gruppen, in den meisten Schichten und religionsunabhängig vollzogen.

2.3 Wie wird FGM/C durchgeführt und welche Folgen kann FGM/C haben?

Die Prozedur der Beschneidung wird in der Regel von traditionellen Heilerinnen oder Geburtshelferinnen durchgeführt. Für sie ist es häufig die einzige Möglichkeit das Familieneinkommen zu sichern und ihre Kinder zu ernähren. Für das Beschneidungsritual wird in vielen Fällen ein regelrechtes Fest veranstaltet. Bei diesem Fest treffen alle Frauen der Dorfgemeinschaft zusammen und mehrere junge Mädchen werden nacheinander beschnitten. Für die Frauen des Dorfes ist diese Zusammenkunft ein wichtiger Teil ihrer kulturellen Identität und in einigen afrikanischen Ländern gibt es regelrechte geheime Frauenorganisationen, oder sogenannte Geheimgesellschaften, die diese Beschneidungsfeste durchführen. Vielfach ist die Beschneidung „das einzige Ritual, das ausschließlich von Frauen organisiert und durchgeführt wird und bei dem Frauen im Mittelpunkt stehen“.11 Die Beschneidung der Genitalien wird dabei häufig ohne Narkose und mit Scheren, Rasierklingen, Skalpellen, Glasscherben oder stumpfen Messern durchgeführt. In den meisten Fällen sind diese Schneidegeräte nicht desinfiziert, wodurch schlimme Folgen wie zum Beispiel eine Blutvergiftung entstehen können.

Entgegen aller Annahmen der lokalen Gemeinschaft und der ausübenden Frauen hat FGM/C keinerlei gesundheitliche Vorteile. Die Beschneidung gesunder, weiblicher Genitalien behindert im Gegenteil die normale körperliche Entwicklung der Frauen. Die Infibulation hat sowohl kurzfristig als auch langfristig die wohl schwerwiegendsten gesundheitlichen Folgen. Jede Form der FGM/C birgt das Risiko zahlreicher Folgeschäden für die Mädchen oder Frauen.12 Zu den kurzfristigen Folgen zählen schwere Schmerzen und Blutungen in der Intimregion, bakterielle Infektionen sowie ein psychischer Schock. Es muss außerdem davon ausgegangen werden, dass die Sterblichkeitsrate hoch ist. Langfristig treten häufig Probleme bei der Geburt, ein erhöhtes Risiko von Totgeburten und psychische Traumata auf. In einigen Fällen führt die Prozedur sogar zu vollkommener Unfruchtbarkeit. Durch die unhygienischen Verhältnisse während der Beschneidung, die Beschneidung mehrerer Mädchen nacheinander mit demselben Instrument und durch das leicht reißende Narbengewebe ist die Gefahr einer HIV-Übertragung bei beschnittenen Frauen erhöht. Vor allem die Infibulation bedeutet für viele Frauen eine lebenslange ärztliche Behandlung.

2.4 Aus welchen Gründen wird FGM/C durchgeführt?

„Brauch und Tradition, religiöse Gebote, Läuterung, Familienehre, hygienische Gründe, ästhetische Gründe, Schutz der Jungfräulichkeit und Verhinderung von Promiskuität, Steigerung der sexuellen Lust des Ehemannes, Vermittlung eines Gefühls von Gruppenzugehörigkeit, Erhöhung der Fruchtbarkeit, Steigerung der Heiratschancen, Erhöhung des Brautpreises und damit eine Verbesserung der finanziellen Situation der Herkunftsfamilie“.13

Für die Durchführung von FGM/C werden regional bedingt unterschiedliche Gründe angeführt.

[...]


1 Waris Diries Autobiografie. Desert Flower. Zitiert nach http://www.frauen.bka.gv.at/studien/tgf2008/kapitel2.html

2 Die Begriffsdiskussion wird im Artikel des Bundeskanzleramtes Frauen ausführlich dargestellt. Die Aufzeichnungen sind dem Artikel entnommen: http://www.frauen.bka.gv.at/studien/tgf2008/kapitel2.htm

3 http://www.gtz.de/de/dokumente/de-fgm-fakten-was-ist-fgm.pdf

4 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Informationsschrift zur weiblichen Genitalverstümmelung, S.5

5 Vgl. WHO: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs241/en/, GTZ: htttp://www.gtz.de/de/dokumente/de-fgm-fakten-was-ist-fgm.pdf

6 htttp://www.gtz.de/de/dokumente/de-fgm-fakten-was-ist-fgm.pdf

7 http://www.unicef.org/protection/files/FGM.pdf

8 Ebd.

9 htttp://www.gtz.de/de/dokumente/de-fgm-fakten-was-ist-fgm.pdf 10 http://www.frauen.bka.gv.at/studien/tgf2008/kapitel2.html

11 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Informationsschrift zur weiblichen Genitalverstümmelung, S. 7

12 Eine ausführliche Aufstellung aller Gesundheitsschäden findet sich in der Informationsschrift zur weiblichen Genitalverstümmelung des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: S.9-13

13 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Informationsschrift zur weiblichen Genitalverstümmelung, S. 6

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss weiblicher Genitalverstümmelung auf die Rolle der Frau in der afrikanischen Gesellschaft
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Veranstaltung
Human Rights and Development
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V189038
ISBN (eBook)
9783656129639
ISBN (Buch)
9783656130048
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, genitalverstümmelung, rolle, frau, gesellschaft
Arbeit zitieren
Leonie Craes (Autor), 2011, Der Einfluss weiblicher Genitalverstümmelung auf die Rolle der Frau in der afrikanischen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189038

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Einfluss weiblicher Genitalverstümmelung auf die Rolle der Frau in der afrikanischen Gesellschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden