Das Fragment als Symbol in Walter Benjamins "Einbahnstraße"


Studienarbeit, 2010

15 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Einbahnstraße. Das literarische Fragment und sein Symbolcharakter im frühen 20. Jahrhundert

3 + 100. Die Suche nach dem Benjamin-Fragment in der globalisierten Welt des frühen 21. Jahrhunderts

4 Fazit. Eine Bewertung des Fragmentgedankens auf sozialer und kultureller Ebene - nach Möglichkeit frei vom Zeitzusammenhang

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Textsammlung Einbahnstraße, die Walter Benjamin 1927 veröffentlichte, ist kein geschlossenes Lesebuch mit einheitlicher inhaltlicher Ausrichtung, sondern ein Konzeptwerk - eine Gruppe von Texten, in der der Autor ursprünglich seine „(…) Aphorismen, Scherze, Träume versammeln“1 wollte, die durch persönliche Namensgebung ganzer Abschnitte seinen Freunden gewidmet werden könnten. Das Konzept wurde für die Veröffentlichung so modifiziert, dass die persönliche Note verschwand und stattdessen der Gedanke der losen Gemeinschaft stark variierender kleiner Texte, vom Rohwolt-Verlag sogenannter philosophischer Verxierbilder,2 in den Vordergrund trat, was auch die bis heute gängige Version des Werks darstellt. Die Besonderheit daran ist, dass auch nach der Veröffentlichung weitere Texte entstanden, die der Autor dezidiert seinem Konzeptwerk zuordnete, was zur Folge hatte, dass die Auswahl der Texte neuerer Auflagen zum Teil von der in der Ursprungsversion abweicht und die Einbahnstraße als fertiges Werk genau genommen nicht existiert.

Der Inhalt der Einbahnstraße reicht von leichtfüßigen philosophischen Gedanken und Reiseerinnerungen auf halben Seiten über zweizeilige Aphorismen bis hin zu mehrseitigen Aufsätzen mit politischem Tiefgang. Der Leser kann prinzipiell an einer beliebigen Stelle zu lesen beginnen, weil keiner der Texte auf dem anderen aufbaut.

Vom Volumen her ähnelt die Einbahnstraße einem typischen etwa hundertseitigen Gedichtband - eine Ähnlichkeit, die in der prinzipiellen Unabhängigkeit der Teile voneinander wieder auftaucht. Die Texte selbst entsprechen wie größtenteils Gedichte und Kurzprosa auch Konzentraten aus der konkreten und geistigen Umwelt des Künstlers, die in ihrem spärlichen Volumen fast haiku-ähnlich verdichtet sind.

Entsprechend der fortlaufenden Konstruktion der Texte aneinander war der - im Lauf der Arbeit vielfach geänderte - Titel der Einbahnstraße bei der Veröffentlichung als Versuch gedacht, den Inhalt in seiner architektonischen Folge, vielleicht vorstellbar wie der Bau von „Stein an Stein“ hintereinander oder am Wegrand aufgesammelte Gedanken, wörtlich zu illustrieren.

Aus der Lektüre der Einbahnstraße ergibt sich schon zu Beginn die Frage nach der vielschichtigen Bedeutung und dem philosophischen Wert des Begriffs des Fragments, für den der Autor, in dessen Weltbild er auf allen Ebenen als positiv einzustufen scheint, gleich auf den ersten Seiten sowohl in politischer als auch in künstlerischer und sozialer Hinsicht eine Lanze bricht. Konträr dazu stehen für ihn die ausufernde Kontinuität und künstliche Perfektion eines nur um seiner selbst willen abgeschlossenen Ganzen.3

In diesem Ausatz soll ein Vergleich zwischen den durch ein knappes Jahrhundert getrennten Bedeutungsgefügen gezogen werden, die sich jeweils um das Fragment als symbolische Entität in den verschiedenen Bereichen der westlichen Kultur und Gesellschaft legen. Damit soll gleichzeitig das Interesse Benjamins fortgeschrieben werden, die Verflechtung gesellschaftlicher und literarischer Phänomene auszuleuchten - ein Interesse, das sich durch alle Phasen bis in das Spätwerk des Autors gehalten hat.

Im Ergebnis soll Benjamins hundert Jahre alte positive Konnotation des unfertigen Teilstücks (des Fragments) gleichwertig neben dem „resignierten Akzeptieren“ des fragmentierten Daseins stehen, das am Beginn des globalisierten 21. Jahrhunderts auftaucht - wenn nicht sogar dagegen überzeugen.

2 Die Einbahnstraße. Das literarische Fragment und sein Symbolcharakter im frühen 20. Jahrhundert

Die Einbahnstraße kann ähnlich wie das darin thematisierte Fragment selbst kaum als abgeschlossenes Werk betrachtet werden.

Zum einen bestand es lange Zeit in unterschiedlichen Zusammensetzungen, wurde konzepttechnisch unter anderem vom francophilen Plaquettenband für Freunde zum schlichten Aphorismenwerk und gastierte auch auszugweise in anderen Schriften des Autors - Benjamin hat über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren immer wieder daran gearbeitet,4 und viele der Texte erschienen zuerst losgelöst in Zeitungen und Zeitschriften.5

Zum anderen hat er ihm nach der Veröffentlichung sporadisch noch Nachträge hinzugefügt; auch das über einen längeren Zeitraum. Damit entsprechen Form und Inhalt des Gedankens über das Fragment einander in der Einbahnstraße auf eine logische und natürliche Art.

Das Fragment, in dem für Benjamin soviel explosive Kraft liegt, erscheint schon durch seine zweifache unterschiedliche Verwendung am Beginn des Werks wandelbar und allegorisch für die verschiedenen Bereiche einer Gesellschaft. Dieser Kunstgriff regt die Zuordnung des Fragments auch in weitere Lebensbereiche und nicht zuletzt zeitliche Dimensionen an, was im Hinblick auf Benjamins übliche Ziele der Kritik essentiell ist, da sich seine Kritik - vor allem im Frühwerk - hauptsächlich mit den Entwicklungen von bildender Kunst und Literatur befasst. Vor allem mit dem Fokus auf die kulturelle Gegenwart am Beginn des 21. Jahrhunderts eröffnet die Einbahnstraße mit ihrem philosophischen Hintergrund Potenzial, den Dialog mit der Kulturgeschichte zu beeinflussen und - betrachtet man die vehemente Verteidigung des Fragments durch Benjamin im Kontrast zum klassisch vollendeten Werk beziehungsweise in letzter Konsequenz zur Ganzheitlichkeit der Elemente der Lebenswelt - die zersplitterte Globalisierungskultur der Jahrtausendwende in einem weicheren Licht zu sehen, als es in der künstlerischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte der Fall ist - Benjamins Kritik findet nach Witte ihre Erfüllung nur in der „ (...) radikalen Negation der schlechten (ästhetischen oder geschichtlichen) Welt.“6

Die postmoderne Gesellschaft steht dieser positiven Konnotation des kulturellen, politischen und sozialen Splitters mit einer vielleicht mutigen aber dennoch trotzig optimistischen Sichtweise gegenüber, die durch ihren Trotzcharakter sämtliche benjaminsche Leichtigkeit vermissen lässt, von der die Zeit der Entstehung der Einbahnstraße getragen war.

Dabei ist der Begriff der Hoffnung ein zentraler Angelpunkt in Benjamins Werk. Selbst als Kritiker Goethes lässt er sich seine in der Philosophie als Negation der symbolischen zugunsten der allegorischen Interpretation bekannte Haltung nicht nehmen, obwohl er dazu auf direkten Kollisionskurs mit der Intention des Gesamtwerks geht. Er dreht den Hoffnungsbegriff in der Kritik der Wahlverwandtschaften7 ins Positive, indem er ein Bruchstück oder Fragment herausgreift und es konträr zum Handlungszusammenhang interpretiert, hin zur erlösenden Hoffnung, die der antikisch täuschenden Hoffnung den von Goethe beabsichtigten Rang abspricht.

Gerade vor dem Hintergrund politischer Wirren und Kriege - oder eventuell auch genau deshalb - können das Bruchstück eines Kunstwerks, ein Aphorismus, ein Flugblatt oder ein kurzer Moment in Benjamins Zeit hoch geschätzt werden, ohne vom Perfektionismus eines de facto unerfüllbaren Strebens nach Ewigkeit und Vollendung wieder zu Boden gezogen zu werden. Das Fragment ist in Benjamins Zeit ein Symbol für Hoffnung und die Ehrlichkeit, einer unvollkommenen Welt entgegenzutreten und sich von jeglichem konstruierten Schein abzuwenden - für ihn trete die „(...)Wahrheit nur durch die Vernichtung des Scheins (...)“8 hervor. Dieser Schein wird durch die Fassade der Ganzheit erzeugt und wird von Benjamins Kritik wieder in Teile zerlegt.

[...]


1 Brief an Gershom Sholem am 22. Dezember 1924, in: WN 2, 510

2 Schöttker, D. (Hrsg.), Walter Benjamin, Werke und Nachlass 8, Einbahnstraße, Suhrkamp 2009, 493

3 WN 8, 14

4 WN 8, 259

5 WN 8, 260

6 Witte, B., Walter Benjamin - Der Intellektuelle als Kritiker. Untersuchungen zu seinem Frühwerk, Stuttgart 1976, S. 186

7 Goethe, J. W., Die Wahlverwandtschaften. In: Werke. Hamburger Ausgabe, Bd. 6, 1965

8 WN 8,

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Fragment als Symbol in Walter Benjamins "Einbahnstraße"
Hochschule
Muthesius Kunsthochschule Kiel
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V189046
ISBN (eBook)
9783656129592
ISBN (Buch)
9783656129974
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Theoriearbeit zur BA-Thesis
Schlagworte
Kunstkritik, Kulturgeschichte, Gegenwartsphilosophie, Philosophie, Literatur, Literaturkritik
Arbeit zitieren
Sybille Kambeck (Autor:in), 2010, Das Fragment als Symbol in Walter Benjamins "Einbahnstraße", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189046

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