Brechts "Antigone des Sophokles" - Intertextualität als dekonstruktiver Prozess


Hausarbeit, 2011
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die theoretischen Grundlagen
2.1. Intertextualität und Autorschaft
2.2. Transtextualität : ein Analysekonzept von Gérard Genette

3 Transtextuelle Bezüge in Brechts „Antigone des Sophokles“ ─ ein erster Eingrenzungsversuch: Paratextualität ─ Intertextualität ─ Metatextualität ─ Architextualität
3.1. Der Paratext
3.2. Intertextualität
3.3. Metatextualität ─ Architextualität ─ Hypertextualität

4. Hypertextualität: eine ausgedehnte Betrachtung
4.1. Transformation oder Nachahmung?
4.2. Transformation: Parodie, Travestie oder Transposition?
4.3. Transposition: Transstilisierung ─ Aussparung ─ Verknappung ─ Erweiterung ─ Transmotivation

5. Intertextualität bei Brechts ‚Antigone des Sophokles’: ein dekonstruktiver Prozess

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang Zitatverzeichnis

„Die ganze Antigone gehört auf die barbarische Pferdeschädelstätte.“

Bertold Brecht, Aus den Briefen, 18. Januar 1948.

1.Einleitung

Versteht man Intertextualität zunächst aus dem Wort heraus, so kann „inter“ und „Text“ all das bezeichnen, was sich als Beziehung zwischen Texten aufzeigen lässt.

Intertextualität ist keine Erfindung des 20. oder 21. Jahrhunderts: schon Horaz forderte in seiner Poetik „imitatio veterum“[1], dass Schriftsteller sich an vorangegangenen Schriftstellerautoritäten orientieren, deren Texte also als Muster übernehmen, um so die Qualität der Texte sicherzustellen.

Bertold Brecht sieht die Produktion von Texten als einen gemeinsamen Prozess an, lehnt aber den Vorbildcharakter des Prätextes ab, bei ihm verblasst das Vorbild:

„Der Schöpfungsakt ist ein kollektiver Schöpfungsprozeß geworden, ein Kontinuum dialektischer Art, so daß die isolierte ursprüngliche Erfindung an Bedeutung verloren hat.“[2],[3]

Ein Beispiel zur Betrachtung dieser Jahrhunderte zurückreichenden Tradition der Intertextualität bietet die ‚Antigone des Sophokles’ von Bertold Brecht, die Ausgangstext dieser Hausarbeit sein wird. Brecht wiederum bezieht sich auf die eher freie Übersetzung vom Griechischen ins Deutsche durch Friedrich Hölderlin − er wird hier als zweiter Bezugstext dienen − welcher sich wiederum auf die ‚Antigone’ des Sophokles stützt. Die prägende Vorgeschichte zu dessen ‚Antigone’ lässt sich bei Aischylos ‚Sieben gegen Theben’ finden.

Neben der Hölderlinschen ‚Antigonae’ werden bei Brecht weitere Hölderlin-Übersetzungen[4] sichtbar, Goethe-Zitate[5] erscheinen und auf Bibeltext[6] wird angespielt: Text wird manifest als Schnittmenge anderer Texte dargestellt.

Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen der Intertextualität, ein Begriff, der auf Julia Kristeva zurückgeht und sprachontologisch zu verstehen ist, um darauf folgend mit dem Genetteschen Konzept der ‚Transtextualität’ eine Textanalyse vorzunehmen, die Erscheinungsformen und Funktionen der Intertextualität aufzeigen soll.

Abschließend, nach dieser textbasierenden Analyse, wird die Funktion der Intertextualität im Hinblick auf den implizit vorhandenen dekonstruktiven Prozess aufgezeigt.

2. Die theoretischen Grundlagen

2.1. Intertextualität und Autorschaft

Der Begriff der Intertextualität wurde von Julia Kristeva in ihrem wirkungsmächtigen Aufsatz „Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman (1972)“ geprägt, darin heißt es:

„..jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität, und die poetische Sprache lässt sich zumindest als eine doppelte lesen.“[7]

Intertextualität bei Kristeva ist eine Schnittmenge von „Aussagen“ in einem Text, die wiederum aus „anderen Texten entstammen“ und die einander „neutralisieren“[8]. Jeder Text rekurriert auf einen anderen Text, eine unendliche Verweiskette entsteht. Der Text hat damit keine statische Struktur, sondern zeigt eine dynamische Entwicklung auf. Daraus ergibt sich eine unendliche Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten, Querverweisen und Multiplikationen von Sinn.

Die Auffassung von Texten als ein aufeinanderbezogenes Gewebe hat auch Auswirkungen auf den Status des Autors. Der Autor wird damit nicht länger als Originalgenie gesehen, als ureigener Schöpfer von Literatur, sondern wird in seiner Rolle marginalisiert: Er wird zum Schreiber, der auf das Wörterbuch seiner Kultur zurückgreift. „Linguistisch gesehen ist der Autor immer nur derjenige, der schreibt...“[9], merkt Roland Barthes dazu an, und „Der Text ist ein Gewebe aus unzähligen Stätten des Kultur.“[10] Barthes Auseinandersetzung mit dem Autor gipfelt in der symbolisch zu verstehenden Forderung nach der Umkehrung des Mythos: “Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.“[11] Beide Theorieentwürfe, sowohl Barthes als Kristevas, beinhalten, dass die Urheberschaft verneint wird und der Text das Eigentum aller ist.

Zur ungefähr gleichen Zeit formuliert Michel Foucault eine Theorie der Autorschaft, die auf den kritischen Umgang mit der Autorität und Macht des Autors zielt. Er kritisiert indirekt Barthes, indem er feststellt: „Als Leeraussage zu wiederholen, dass der Autor verschwunden ist, reicht aber offenbar nicht aus.“[12] Er fordert ein Umdenken im Umgang mit dem Autor, ein Ausbrechen aus den gewohnten Denkweisen und ein Nachdenken über die Funktion des Autors in allen Verhältnissen, in denen er verankern ist: „Wir sind es gewohnt zu denken, dass der Autor so anders ist als alle anderen Menschen und so transzendent bezüglich aller Sprachen, daß, sobald er spricht, Bedeutung beginnt, sich zu vermehren[…].Genau das Gegenteil ist wahr: Der Autor ist nicht die unendliche Menge an Bedeutungen, die ein Werk füllen; der Autor geht den Werken nicht voran, er ist ein bestimmtes Funktionsprinzip […] unserer Kultur.“[13]

2.2. Transtextualität : ein Analysekonzept von Gérard Genette

Mit der Aussage „Es gibt kein literarisches Werk, das nicht, in einem bestimmten Maß und je nach Lektüre, an ein anderes erinnert.“[14] nimmt Gérard Genette zunächst den entgrenzten Begriff Kristevas auf. Er verzichtet auf eine Autorbetrachtung zugunsten des taxonometrischen Vergleichs von konkreten Texten untereinander. Mit dem Buch ‚Palimpseste. Die Literatur zweiter Stufe’ legt er ein Ordnungs- und Beschreibungssystem vor, das zahlreiche Formen von Intertextualität umfasst.

An Stelle des bisher verwendeten Oberbegriffs der ‚Intertextualität’ tritt der Oberbegriff der ‚Transtextualität’, die von Genette allgemein als „manifeste“ oder „geheime Beziehung zu anderen Texten“[15] bezeichnet wird.

Die Transtextualität spaltet Genette fünf Typen auf: Intertextualität, Paratextualität, Metatextualität, Architextualität und Hypertextualität.

Die Grenzen zwischen den Typen sind nicht fest, sondern fließend. Genette weist ausdrücklich darauf hin, dass „die fünf Typen der Transtextualität nicht als getrennte Klassen betrachtet werden, die keinerlei Verbindung oder wechselseitige Überschneidungen aufweisen. Sie sind im Gegenteil eng und oft in aufschlussreicher Weise miteinander verbunden.“[16]

In den Mittelpunkt seiner Betrachtung stellt Genette die Hypertextualität, wobei der Hypertext B den Hypotext A überlagert, ohne dass er Kommentar dazu ist.

Weitere Erläuterungen zum Modell der Transtextualität werden im nächsten Abschnitt bei der angewandten Transtextualität, hier Brechts ‚Antigone des Sophokles’, gegeben.

3.Transtextuelle Bezüge in Brechts „Antigone des Sophokles“ ─ ein erster Eingrenzungsversuch: Paratextualität ─ Intertextualität ─ Metatextualität ─ Architextualität

3.1. Der Paratext

Genette versteht darunter die „Beziehung, die der eigentliche Text im Rahmen des von einem literarischen Werk gebildeten Ganzen mit dem unterhält was man wohl seinen Paratext nennen muß.“[17] Der paratextuelle Bezug kann durch die Titel, Untertitel, Motti, Vor- und Nachworte u.ä. erkennbar werden.

Bei Brecht gibt die Titelwahl „Die Antigone des Sophokles“, bei der er sich auf Sophokles bezieht, ein deutliches Signal. Weitere Spuren werden erkennbar im Untertitel, „Nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet“. Damit rekurriert Brecht auf zwei Vorautoren des Stücks, zum einen also Sophokles, der den Kernkonflikt der ‚Antigone’ wie folgt konstruiert: in einem theokratischen Staat konkurrieren zwei Rechtsansprüche. Zum einen der Rechtsanspruch von Kreon, der als Herrscher[18] zur Durchführung und zum Erlass von Gesetzen, auch Strafen[19], ermächtigt ist, hier Anordnung der Nichtbestattung Polyneikes mit der Androhung von Bestrafung bei Zuwiderhandlung ─ zum anderen der Rechtsanspruch von Antigone gemäß Göttergesetz zu handeln, nämlich ihren Bruder zu erstatten. Konfliktverschärfend kommt hinzu, dass Kreon Antigones Onkel ist.

Hölderlin übersetzt Sophokles ‚Antigone’, aus dem Griechischen in einer Art, „die dem Geist des Originals weitaus am nächsten kommt“[20] und verschiebt den Kernkonflikt in Richtung individuell religiös motivierte Handlung:

„Antigonae: Mein Zeus berichtete mirs nicht“[21], Antigone unterscheidet also deutlich zwischen mein Zeus und dein Zeus ─ damit haben Zeus und seine Gesetze keine Allgemeindeutigkeit mehr, der theokratische Staat ist aufgehoben. Zudem betont Hölderlin das Heilige von Antigones Handlung, was sie zum Ideal eines human handelnden Menschen macht.

„…Denn treulos fängt man mich nicht.[…]

Schön ist es hernach, zu sterben[…]

Wenn Heiligs ich vollbracht[…]

Doch du,

[…] halt ehrlos vor den Göttern Ehrsams…“[22]

3.2.Intertextualität

Intertextualität bezeichnet bei Genette nur einen Teil der Transtextualität, nämlich denjenigen, der sich auf die effektive Präsenz eines Textes in einem anderen Text[23] bezieht ─ im Gegensatz zu Kristevas Definition der Kopräsenz von Texten.

Im Einzelnen heißt das, der Prätext wird als Zitatvorlage ─ mit oder ohne Quellenangabe ─ verwendet, oder als Plagiat schlichtweg kopiert.

Plagiat bedeutet eine unrechtmäßige Verwendung des schöpferischen Eigentums anderer, die darin besteht, das Ganze oder Teile aus diesem Eigentum zu verwenden, ohne sie zu markieren.

Brecht hat mit der Titelwahl bereits seinen Bezug zu den Vortexten kenntlich gemacht und zudem im Text wesentliche, neue Gedanken eingefügt, die eine radikale Umdeutung zur Folge haben.

Mit dem Vorspiel zeigt er die Nähe zum 2.Weltkrieg auf; im weiteren Dramenverlauf geht es im Krieg von Theben gegen Argos um das Produktionsmittel Grauerz; die Schlacht gegen Argos wird nicht gewonnen, sondern Argos rüstet sich erneut gegen Theben zu ziehen; Antigone, bei Hölderlin die Verkörperung des humanen Handelns, wird bei Brecht zu einer Aufbegehrenden innerhalb ihrer Klasse gegen den Raubkrieg Kreons; Kreon tötet Polyneikes in der Schlacht, als dieser fliehen will.

Brechts Umformung der ‚Antigone des Sophokles’ lässt sich als ästhetische Innovation ─ eine der Grundbedingungen für die Betrachtung als Nicht-Plagiat ─ sehen, deshalb kann hier eine weitere Untersuchung auf die Anfertigung eines Plagiats entfallen.

Rainer Pohl legt in „Strukturelemente und Pathosformeln in der Sprache“[24] dar, dass, gemäß einer Zählung von Hans-Joachim Bunge, der „Bearbeiter 19,5% der Verse Hölderlins wortwörtlich, 32,5% nahezu wörtlich“[25] übernommen habe. Dies soll, bei aller Gelegenheit zur philologischen Diskussion, die eine solche Aussage hervorruft, als ungefährer Anhaltspunkt zum Zitatumfang dienen.

Es wird daher verständlich sein, dass im Folgenden die Zitatauswahl beschränkt werden muss, und die verwendeten Zitate lediglich als Beispiele dienen sollen.

Klammert man zunächst einmal das Vorspiel „Berlin. April 1945.“[26] aus, eröffnet Brecht gleich die 1.Szene zitatmäßig mit:

Überblick:[27]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auffallend ist die Abnahme der Zitate bzw. des Zitatmäßigem ab der 3.Szene von Hölderlin, die mit dem Auftritt Haimons einhergeht. Hier fallen Prätext und Folgetext zunehmend auseinander.

Das Vorspiel „Berlin. April 1945“[30] ist eine zeitgenössische Hinzufügung; sie könnte als metaphorisches Anführungszeichen im Sinne einer Aussage Brechts: ‚Ich zitiere jetzt’ verstanden werden.

Zwischenfazit: bei Brechts ‚Antigone des Sophokles’ kann ein hohes Maß an Intertextualität gemäß der Genetteschen Definition festgestellt werden.

3.3. Metatextualität ─ Architextualität ─ Hypertextualität

Als Metatextualität bezeichnet Genette der Vorgang, dass ein Text der Kommentar zu einem anderen Text ist.

Man kann Brechts ‚Die Antigone des Sophokles’ durchaus als Kommentar im Sinne einer Meinungsäußerung zu bestimmten Kernthesen verstehen, so zum Beispiel seine Umdeutung über die Gründe des Krieges gegen Argos: „Der Krieg gegen Argos kommt von der Misswirtschaft in Theben. Die Beraubten werden auf Raub verwiesen.“[31]

Die Besonderheit der Definition des ‚Kommentars’ liegt bei Genette darin, dass der Prätext dabei ausdrücklich nicht zitiert wird. Insofern stellt die ‚Die Antigone des Sophokles’ keinen Kommentar zur Hölderlinschen ‚Antigonae’ dar.

Unter Architextualität ist bei Genette eine ─ meist unausgesprochene ─ taxonometrische Zugehörigkeit eines Textes zu einer Gattung zu verstehen.[32] Wählt man das ‚Drama’ als Textgattung mit der Untergattung ‚Tragödie’, so lässt sich eine Übereinkunft der ‚Antigone des Sophokles’ zur ‚Antigonae’ sowohl im Hinblick auf die Textgattung, als auch auf die Untergattung festhalten.

Sowohl Brechts ‚Die Antigone des Sophokles’ und Hölderlins ‚Antigonae’ können der Textgattung Drama/ Tragödie zugeordnet werden.

Hypertextualität bildet die Überlagerung von Texten ab, ohne Kommentar dazu zu sein[33] und erfährt bei Genette einer hochgradigen Diversifikation[34]. Dabei werden die Beziehungen von Text B, dem Hypertext, zu Text A, dem Hypotext untersucht. Die Untersuchung und Abbildung der Hypertextualität bilden den Schwerpunkt bei Genettes ‚Palimpseste’, der nächste Abschnitt geht auf diese Untersuchung ein.

4. Hypertextualität: eine ausgedehnte Betrachtung

4.1. Transformation oder Nachahmung?

Genette spaltet Hypertextualität in die Begriffe Transformation und Nachahmung bzw. Imitation auf. Die letzen beiden sind nicht mit den aus der griechischen Rhetorik stammenden Begriffen identisch.[35]

Bei der Transformation handelt es sich um eine Textbemächtigung durch den Autor, der diesen Text dann „entsprechend einer …semantischen Absicht“[36] transportiert. Das Merkmal der Nachahmung ist, dass ein bestimmter Stil nachgeahmt, also imitiert wird.[37] Im Gegensatz zur Transformation handelt es bei der Nachahmung um eine Stilbemächtigung, aus der der Text folgt.

Brecht benutzt den Hölderlinschen Text, indem er ihn zitiert, höhlt ihn durch Kürzungen aus, füllt ihn mit eigenen Formulierungen, sowie weiteren Zitaten von Goethe, Hölderlin und aus der Bibel. Man kann hier also weniger von Stilnachahmung als von einer Ästhetik der parallelen Stile sprechen.

Anhand des Genetteschen Rasters[38] kann nunmehr folgende Entscheidung getroffen werden: Bei der Brechtschen ‚Antigone des Sophokles’ handelt es sich um keine Nachahmung, die den Stil des Textes nachahmt, sondern eher um eine Transformation, die sich des Textes bemächtigt. Zu berücksichtigen ist bei dieser Einordnung, dass es keine Sortenreinheit geben kann. Im Brechtschen Antigone-Text lassen sich, sozusagen als kleine Einlagen, Nachahmungen finden, die auf eine Persiflage, bei Genette eine satirische Nachahmung, als Verspottung des Inhalts schließen lassen. Brecht bedient sich hier der Übersetzung der 4. pythischen Pindar-Ode durch Hölderlin und erfindet den willkürlichen Ausdruck bzw. die Bezeichnung ‚Lachmyschen Brüder’ hinzu, mit dem Ergebnis, dass man sie als Persiflage verstehen könnte:

„Duldend saßen im feuerzerfressenen Haus die

Lachmyschen Brüder

Modrig, mit Flechten genährt; immer die Winter

Schütteten Eis auf sie;“[39]

Brecht bemächtigt sich des Textes, formuliert an vielen Stellen direkter, aktiver als Hölderlin.

Beispiel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2. Transformation: Parodie, Travestie oder Transposition?

Bei der Transformation unterscheidet Genette zwischen den Gattungen Parodie, Travestie und Transposition. Bei der Parodie ist der Stil vornehm, das Thema vulgär; bei der Travestie der Stil vulgär, das Thema vornehm.[40] Diese beiden Gattungen kann man ausscheiden, da das Thema, ein Königsdrama, als vornehm bezeichnet werden kann, ebenso der Stil. Die komplexe Struktur des Inhalts spiegelt sich in der ebenso komplexen, von der Alltagsnorm abweichenden Sprache wieder.

Es bleibt daher die Transposition, also die ernste Transformation, als hypertextuelle Gattung übrig. Folgende Verfahren werden auf ihre Anwendung hin untersucht: die Transstilisierung, die Aussparung, die Verknappung, die Erweiterung, die Transmotivation und die Umwertung.

Der dahinter stehende Anspruch des Autors kann sowohl ästhetisch als auch ideologisch begründet sein.

4.3.Transposition: Transstilisierung ─ Aussparung ─ Verknappung─ Erweiterung ─ Transmotivation

Transstilisierung bedeutet den Stil zu verändern[41], ohne den Textinhalt zu verändern; dazu wurde bereits das obige Beispiel gegeben. Brecht ändert das Hölderlinsche Metrum im Sinne einer „gestischen Theatersprache“[42].

Als Besonderheit des Brecht-Textes lässt sich die parallele Existenz von mehreren authentischen Autorstilen ─ also Brecht, Hölderlin, Goethe, Sophokles ─ in Form von Zitaten, ergänzt durch die brechtsche Bearbeitung im Hölderlinstil, beobachten.

Im Vorspiel findet sich ein Brecht-Stil: klare, direkte und deutliche Sprache, ohne bildhafte Umschreibungen und schlichtes, volksliedhaftes Reimschema des Paarreims (Aabb). Der schlichte, sprachliche Stil Brechts bricht auch in seiner Bearbeitung des Hölderlintextes immer wieder hervor, siehe Beispiel vorherige Seite, sowie bei Teilen des Dialoges zwischen Kreon und Tiresias: Raub kommt von Raub und Härte braucht Härte/ Und mehr braucht mehr und wird am Ende zu nichts/[43]. Die Reimform aus dem Vorspiel wird jedoch nur dort einmalig gebraucht.

In der Bearbeitung übernimmt Brecht die stilistische Eigenheit von Hölderlin, Götternamen zu umschreiben: z.B. „Geist der Lüste im Fleisch“[44] für Eros, oder der „Schlachtgeist“[45] für den Kriegsgott Ares; aber auch dessen „Fähigkeit zu Verknappung und Raffung des Ausdrucks gegen alle Sprachkonventionen“[46], die sich mit „Brechts eigensten Sprachkonzeptionen, in denen Unebenheiten, schockartige Zusammenstöße, Risse und Sprünge bestimmend sind,“[47] deckt.

Zu dieser Ästhetik der Unebenheit und Sprünge passt auch die Einfügung von Teilen der Hölderlinschen Übersetzung der Pindar Oden[48], sowie die Verse aus den „Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-Östlichen Diwans“[49]. Sophokles dagegen zieht sich als schon statisch zu bezeichnendes Element durch die Texte von Hölderlin und Brecht, z.B. „Ungeheuer ist viel, doch nichts/ ungeheurer als der Mensch.“[50]

Neben den schon beschriebenen ‚Lachmyschen Brüdern’ durchziehen einige ungewöhnliche Vokabeln den Brecht-Text: „Fährlichkeit“[51], ein Begriff der mal als „Brechtsche Wendung im Stil Hölderlins“[52], mal als „Lutherton“[53] ohne Vorbild bei Hölderlin bezeichnet wird. Ebenfalls neu bei Brecht ist die Einführung des Wortes „Zähre“[54] für Träne, eine Bezeichnung, die nur bis zum Ende des 17. Jahrhunderts üblich war[55]. Auch diese beiden Wörter könnten als Persiflage gedeutet werden.

Bei der Transstilisierung sieht Genette die Möglichkeit zu Stilisieren, also aus einem schlichten Text unter Anwendung ästhetischer Mittel einen literarischen Text zu gestalten, was einer Stilerhöhung gleichkommt, oder einen Text zu entstilisieren, ihn zu defigurieren.[56] Doch der literarische Prätext ist ja bereits stilisiert und von einer Defiguration kann man bei Brecht auch nicht sprechen. Pohl hält den Volksgestus für „verklärt“ und urteilt: „in zusätzlichen Archaismen, aufgesetzt wirkende Metaphorik und episierender Metrik nähert sich die Sprache klassizistischer Monumentalität.“, sowie „Man sollte vielmehr zugestehen, daß Brechts unbestrittene Meisterschaft in der Verwertung vorgeprägter Sprachformen an den Dimensionen der Sprache Hölderlins ihre Grenze erreicht.“[57]

[...]


[1] Vgl.: Horaz: Imitatio veterum. http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/5430.htm (22.8.2011).

[2] Brecht, Bertold: Antigonemodell 1948. Vorwort. In: Brechts Antigone des Sophokles. Materialien. Hrsg. von Werner Hecht, S.50.

[3] Anmerkung: Zugleich fällt es Brecht schwer, sich von diesem Vorbildanspruch zu lösen, da er die Herstellung seines Theaterstücks ‚Die Antigone des Sophokles’ als „verpflichtendes Aufführungsmodell“ bezeichnet. Brecht, B. Antigonemodell 1948. Vorwort. In: Brechts Antigone des Sophokles. Hrsg. von Werner Hecht, S.49.

[4] Anmerkung: Pindar-Übersetzung Hölderlins der pythischen Ode I, IV, siehe Zitatanhang, Zitat 1.

[5] Anmerkung: Goethes „Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-Östlichen Diwans“, siehe Zitatanhang, Zitat 2.

[6] Bibel, NT: Matthäus 26, 72 , siehe Zitatanhang, Zitat 3.

[7] Kristeva, Julia: Bachtin, das Wort, der Dialog, und der Roman. In: Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven. Bd. 3: Zur linguistischen Basis der Literaturwissenschaft. Hrsg. von Jens Ihwe, S.348.

[8] Kristeva, Julia: Der geschlossene Text. In: Textsemiotik als Ideologiekritik. Hrsg. von Peter V. Zima, S.194.

[9] Barthes, Roland: Der Tod des Autors. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Hrsg. von Fotis Yannidis u.a., S.189.

[10] Ebd., S. 190.

[11] Ebd., S.225.

[12] Foucault, Michel: Was ist ein Autor? In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Hrsg. von Fotis Yannidis u.a., S.207.

[13] Ebd., S.228.

[14] Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe, S.20.

[15] Ebd., S.9.

[16] Ebd., S.18.

[17] Genette: Palimpseste. S.11.

[18] Anmerkung: Kreon soll hier als legitimer Herrscher angesehen werden, der der Sage nach die Macht von seinem Schwager Laios von Theben übernommen hat, um sie dann an Ödipus weiterzugeben. Von dessen Söhnen, Polyneikes und Eteokles, übernimmt er sie wieder nach deren Tod.

[19] Vgl. Schadewaldt, Wolfgang: Antigone. In: Tübinger Vorlesungen. Band 4: Die griechische Tragödie. Hrsg. von Wolfgang Schadewaldt, S.234.

[20] Vgl. Kreuzer, Johann: Hölderlin Handbuch. Leben- Werk- Wirkung, S.280.

[21] Hölderlin, Friedrich: Antigonae, S.242

[22] Hölderlin: Antigonae, S.225f.

[23] Vgl. Genette: Palimpseste, S.10.

[24] Pohl, Rainer: Strukturelemente und Pathosformen in der Sprache. In: Brechts Antigone des Sophokles. Hrsg. von Werner Hecht, S.246.

[25] Ebd., S.246.

[26] Brecht: Die Antigone des Sophokles, S.195-199.

[27] Anmerkung: Weitere Zitate befinden sich im Anhang „Zitate“ zu dieser Arbeit, Zitate 4.

[28] Anmerkung: alle Zitate dieser Spalte beziehen sich auf: Brecht: Die Antigone des Sophokles. Seitenzahlen sind im jeweiligen Kasten vermerkt

[29] Anmerkung: alle Zitate dieser Spalte beziehen sich auf Hölderlin: Antigonae. Ansonsten wie zuvor.

[30] Brecht, Bertolt: Die Antigone des Sophokles. Nach der hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet. In: Bertolt Brecht Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd.8, S.195.

[31] Brecht, Bertold: Aus dem Arbeitsjournal. In: Brechts Antigone des Sophokles. Hrg. Von Werner Hecht, S.15.

[32] Vgl. Genette, Gérard: Palimpseste, S.13.

[33] Vgl. Genette: Palimpseste, S.14f.

[34] Anmerkung: die komplette Diversifikation kann aufgrund des gegebenen Umfangs der Hausarbeit nicht völlig abgebildet werden.

[35] Vgl. Genette: Palimpseste, S.97.

[36] Vgl. ebd., S.108.

[37] Vgl. ebd., S.109.

[38] Vgl. ebd., S.44.

[39] Brecht: Die Antigone des Sophokles, S.218

[40] Vgl. Genette: Palimpseste, S.36.

[41] Vgl. Genette: Palimpseste, S.309.

[42] Vgl. Trilse, Jochanaan Christoph: Interpretationen. Brechts Verständnis der Antike. In: Brechts Antigone des Sophokles. Hrsg. von Werner Hecht, S.238.

[43] Brecht: Die Antigone des Sophokles, S.232.

[44] Ebd., S.224.

[45] Ebd., S.200.

[46] Pohl, Rainer: Stukturelemente und Pathosformeln, S.245.

[47] Ebd. S.245.

[48] Siehe Zitatanhang, Zitat 1.

[49] Siehe Zitatanhang, Zitat 2.

[50] Sophokles: Antigone, S.18.

[51] Brecht: Die Antigone des Sophokles, S.201.

[52] Vgl. Müller, Klaus-Detlef: Zeilenkommentar, 201,21. In: Bertold Brecht Werke. Hrsg. von Werner Hecht u.a., S.499.

[53] Jörg Wilhelm Joost: Die Antigone des Sophokles. In: Brecht Handbuch in fünf Bänden. Band 1: Stücke. Hrsg. von Jan Knopf, S.533.

[54] Brecht: Die Antigone des Sophokles, S.216.

[55] Zähre: http://www.woerterbuchnetz.de/DWB/wbgui_py?lemid=GA00001 (22.08.2011)

[56] Vgl. Genette: Palimpseste, S.311-313.

[57] Pohl, Rainer: Strukturelemente und Pathosformeln. In: Brechts Antigone des Sophokles. Hrsg. von Werner Hecht, S.254f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Brechts "Antigone des Sophokles" - Intertextualität als dekonstruktiver Prozess
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V189127
ISBN (eBook)
9783656130604
ISBN (Buch)
9783656130796
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Brecht, Antigone, Sophokles, Intertextualität, Dekonstruktion
Arbeit zitieren
Sabine Gesinn (Autor), 2011, Brechts "Antigone des Sophokles" - Intertextualität als dekonstruktiver Prozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189127

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Brechts "Antigone des Sophokles" - Intertextualität als dekonstruktiver Prozess


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden