Der neue deutsche Osten

Aus umwelthistorischer Perspektive und mit besonderer Beachtung des "Generalplan Ost"


Seminararbeit, 2011

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der neue Osten
2.1. „Generalplan Ost“
2.1.1. Städte und Dörfer
2.1.2. Landschaft
2.2. Naturschutz
2.3. Gebiet der biologischen Experimente

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lebensraum-Planung für den Osten, Stand 1942.[1]

1. Einleitung

Wenn man an die Eroberung der östlichen Gebiete in der Zeit der NS-Herrschaft denkt, kommt am Anfang der Gedanke an die Massendeportation und Vernichtungspolitik der damaligen Zeit. Oft werden die Pläne für die vorgesehenen landwirtschaftlichen Umbaumaßnahmen und Verwendungszwecke in den Hintergrund gestellt, obwohl diese nicht weniger gewaltig und erschreckend waren. In der vorgelegten Arbeit sollen die Aspekte der Neugestaltung des östlichen Europas zusammengefasst und dargestellt werden. Dabei wird der Schwerpunkt auf die unterschiedlichen umweltbezogenen Vorhaben des so genannten Generalplans Ost gelegt, die durch einige weitere ergänzt werden. In der Arbeit soll gezeigt werden, wie die Nationalsozialisten ihre Macht bezüglich der eroberten Gebiete ausüben wollten, wie die Städte, Dörfer und Landschaften umgestalten werden sollten und inwieweit die vorhandenen landwirtschaftlichen Tatsachen überhaupt als eigenständige, in der Zeit entstandene und zum Bestehen geeignete Realität wahrgenommen wurden.

Seit den 50-er Jahren begannen sich die Historiker für den Generalplan Ost zu interessieren und ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen.[2] Im Jahr 1957 wiesen Robert F. Koehl und Alexander Dallin in ihren Werken auf die vorhandenen Pläne und welche Ausmaße diese in den östlichen Gebieten annehmen sollten.[3] Einige Jahre später publizierte Czesław Madajczuk die in den Beständen der National Archives Washington gefundene Langfassung des RKF Generalplans Ost vom 28. Mai 1942.[4] Zehn Jahre später folgte seine zweite Dokumentenveröffentlichung mit dem Stenogramm des Leiters der Umwandererzentralstelle Litzmannstadt aus einer Planungskonferenz der für den Generalplan Ost zuständigen Amtsgruppe III B des RSHA am 1. und 2. Februar 1943, welche in der SD-Führerschule Bernau bei Berlin stattfand.[5] Weitere Forschungen und Veröffentlichungen zu dem Thema beschäftigten sich mit städtebaulichen Aspekten der RKF-Planung, bis schließlich 1991 die erste Monographie von Rolf-Dieter Müller Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik. Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS[6] erschien.[7]

Obwohl bis heute die ursprüngliche Fassung des Generalplans Ost nicht gefunden wurde, ist man durch Archivarbeit im Verständnis des Vorhabens bedeutend weitergekommen. So fand Madajczuk z.B. im Koblenzer Bundesarchiv in den Akten des Persönlichen Stabs des Reichsführers SS und des Stabshauptamtes Dokumente, welche Landkarten, Diagramme und Unterlagen zum Generalsiedlungsplan enthielten und am 6. Januar 1943 an Himmler zugestellt wurden, wo Anweisungen zu den „Ansiedlungen in Lothringen, Elsaß, Luxemburg, Oberrain, Untersteiermark, [dem] Protektorat Böhmen und Mähren, Polen und [den] baltischen Länder[n]“[8] enthalten waren. Die im Jahr 2006 im Rahmen des Forschungsprojektes zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführte Ausstellung Wissenschaft – Planung – Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten zeigt, dass dieses Thema bis heute für die Wissenschaft interessant und forschungswert geblieben ist.

Die vorgelegte Arbeit ist folgendermaßen gegliedert. Den Hauptteil stellt die Untersuchung des Generalplans Ost im Hinblick auf die geplanten Umweltveränderungen dar. Es werden sowohl Umbaupläne der Städte und Dörfer, als auch Eingriffe in die Landschaft vorgestellt, wobei von besonderem Interesse die Allgemeine Anordnung Nr. 20/VI/42 über die Gestaltung der Landschaft in den eingegliederten Ostgebieten vom 21.Dezember 1942 ist. Ein kurzes Kapitel gibt Einblick in den Naturschutz unter der NS-Herrschaft und ein weiteres Kapitel beschreibt die geplante Nutzung des Ostens als Gebiet für biologische Experimente. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und eine abschließende Beurteilung gegeben.

2. Der neue Osten

2.1. „Generalplan Ost“

Im Generalplan Ost vom 15. Juli 1941 war die Abgrenzung neuer Siedlungsgebiete unter Zugrundelegung einer Entwicklung von 30 Jahren vorgesehen worden. Auf Grund von Weisungen des Reichsführers-SS ist zunächst von einer Besiedlung folgender Gebiete auszugehen: 1. Ingermanland (Petersburger Gebiet), 2. Gotengau (Krim und Chersongebiet, früher Taurien); es wird ferner vorgeschlagen: 3. Memel-Narewgebiet (Bezirk Bialystok und Westlitauen).[9]

Der Generalplan Ost, welcher nie vollbracht wurde und immer„eine Vision für die Zeit nach dem deutschen „Endsieg“ “[10] blieb, wurde im Inneren der SS–Führung erfunden und entwickelt. Heinrich Himmler,[11] der seit 1939 zusätzlich zu seinen bisher eingenommenen Posten auch Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums wurde, wählte für die Verwirklichung seiner Vorstellungen und Forderungen des Führers Adolf Hitler den Professor Konrad Meyer,[12] welcher schon damals eine bekannte Persönlichkeit in den SS-Kreisen war. Für die Ausarbeitung der Pläne zog Meyer Fachkräfte heran, wobei ihre politische Ausrichtung in den Schatten der fachlichen Qualifikation gestellt wurde[13]. Beteiligt wurden solche Disziplinen wie z.B. „Geologie, Klimatologie, Verkehrs-, Landschafts- und Stadtplanung, Architektur, Statistik, Medizin, Biologie Veterinärmedizin, Genetik, Agronomie, Anthropologie, Soziologie, Jura und Sprachwissenschaften.“[14] Mit Recht kann man deswegen behaupten, dass dieses Vorhaben „für eine enge Verbindung von akademischer Forschung, rationaler Planung und nationalsozialistischer Eroberungs- und Vernichtungspolitik“[15] stand. Dieses wird auch aus den beteiligten Organisationen ersichtlich: Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums (RKF), Reichsstelle für Raumordnung (RfR), Deutsche Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung, Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, Reichssicher­heits­haupt­amt (RSHA), Wirtschaftsverwaltungshauptamt (WVHA), etc.

Wenn man die Entstehungsgeschichte des Planes kurz verfolgt, ergibt sich folgendes Bild. Im September 1940 bekam die Reichstelle für Raumordnung den Auftrag innerhalb eines halben Jahres Kreisraumordnungspläne der neuen östlichen Siedlungsgebiete anzufertigen. „Damit begann eine systematische Durcharbeitung der grundlegenden Frage der Ostsiedlung: Größe und Gestalt der Dörfer und ihrer Bereiche; Verbindung von Land und Stadt; Zusammensetzung und Verteilung der Städte usw.“[16] Aus dieser Zeit stammt auch die heute gängige Bezeichnung „Generalplan Ost“, wobei darunter eine Fülle von Unterlagen verstanden wird.[17]

Tatsächlich unterstand dieses Projekt jedoch dem Himmlers SS-Stabshauptamt IV Planung und Boden, zu welchem auch das Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums unter der Leitung von Meyer zählte. Im Frühjahr 1941 übermittelte Prof. Konrad Meyer seine ersten Vorschläge, ein Jahr später folgte das Dokument, welches heute als erster Generalplan Ost bekannt ist. Die „späteren Varianten befaßten sich mit der „Germanisierung des Bodens“ in Osteuropa unter Berücksichtigung der „Verlagerung“ der Bevölkerung in den de facto angeschlossenen Gebieten West- und Südeuropas (Elsaß, Lothringen, Untersteiermark, Oberkrain) und aus den Ländern, die als germanisch angesehen worden wurden (Holland, Norwegen, Dänemark).“[18]

Letztendlich wurde Ende Mai 1942 die in fünfundzwanzig Jahren zu verwirklichende Denkschrift „Generalplan Ost“. Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des Ostaufbaus fertig gestellt. „Entsprechend Himmlers Wünschen war es ein übersichtliches, exakt kalkuliertes Siedlungsprogramm, dass eindrucksvoll Sachkompetenz und Führungsanspruch des RKF zu begründen vermochte. In den eingegliederten Ostgebieten, so hieß es dort, sei die Siedlung nur ein Teilgebiet der allgemeinen Verwaltung geworden. In den „weiteren Siedlungsgebieten“ müsse die allgemeine Verwaltung ganz der Siedlungspolitik untergeordnet werden. Daher schlug Meyer die Errichtung von sogenannten Siedlungsmarken vor, die völlig der Hoheitsgewalt des RKF unterstellt sein sollten.“[19] Ein halbes Jahr später wurde der Generalplan Ost in Generalsiedlungsplan umbenannt.

[...]


[1] Mechtild Rössler, Wissenschaft und Lebensraum. Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie, Berlin 1990, S.162.

[2] Z.B. Helmut Heiber, Dokumentation: Der Generalplan Ost, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 6 (1958) 3, S.281-325; Karol Marian Pospieszalski, Hitlerowska polemika z „Generalplan Ost“ Reichsführera SS, in: Przegląd Zachodni (1958) 2, S.346-369; Dietrich Eichholtz, „Großgermanisches Reich“ und „Generalplan Ost“. Einheitlichkeit und Unterschiedlichkeit im faschistischen Okkupationssystem, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 28 (1980), S.835-841; Gerda Zorn, Nach Ostland geht der Ritt. Deutsche Eroberungspolitik und die Folgen. Das Beispiel Lódz, Köln 1988.

[3] Robert F. Koehl, RKFDV: Germans Resettlement and Population Policy, 1939-1945, Cambridge/Mass. 1957; Alexander Dallin, German Rule in Russia 1941-1945. A Study of Occupation Policies, New York 1957.

[4] Czesław Madajczyk, Generaplan Ost, in: Przegląd Zachodni (1961)3, S.66-103.

[5] Czesław Madajczyk, Dalsze Dokumenty dotyczące generalnego planu wchodniego, in: Dzieje Najnowsze 3 (1971) 3, S.195-202.

[6] Rolf-Dieter Müller, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik. Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt/M. 1991.

[7] Vgl. Karl Heinz Roth, „Generalplan Ost“ – „Gesamtplan Ost“. Forschungsstand, Quellenprobleme, neue Ergebnisse, in: Mechtild Rössler/ Sabine Schleiermacher (Hgs.), Der „Generalplan Ost“. Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Berlin 1993, S.26-28.

[8] Czeslaw Madajzyk, Vom „Generalplan Ost“ zum „Generalsiedlungsplan“, in: Mechtild Rössler / Sabine Schleiermacher (Hgs.), Der „Generalplan Ost“. Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Berlin 1993, S.18.

[9] 1942, Juni, Berlin. Denkschrift „Generalplan Ost. Rechtliche, wirtschaftliche und räumliche Grundlagen des Ostaufbaus“, in: Czesław Madajczyk (Hg.), Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, München 1994, S.123.

[10] Isabel Heinemann/ Willi Oberkrome/ Sabine Schleiermacher/ Patrik Wagner, Wissenschaft – Planung – Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten. Katalog zur Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bonn 2006, S.28.

[11] Heinrich Himmler (1900-1945), Reichsführer-SS, Chef der Deutschen Polizei, Reichsminister, Leiter des Hauptamtes Blut und Boden im Reichsamt für Agrarpolitik.

[12] Konrad Meyer (1901-1973), Ord. Prof. für Agrarwesen, Friedrich-Wilhelms- Universität, Berlin; Leiter Fachsparte „Landwissenschaften und Allg. Biologie“ des RFR; Mitglied Preußische Akademie der Wissenschaften; Mitglied des Reichsbauernrates; Planungsbeauftragter für Siedlung und ländliche Neuordnung (REM/RKF); Leiter Siedlungsausschuß im Zentralplanungsstab RMO; Mitglied der Allg. SS, SS-Oberführer; Chef der Hauptabteilung Planung und Boden des RKF. Vgl. Heinemann/ Oberkrome/ Schleiermacher/ Wagner, Wissenschaft – Planung – Vertreibung, S.16.

[13] Vgl. Rössler, Wissenschaft und Lebensraum, S.164-165.

[14] Heinemann/ Oberkrome/ Schleiermacher/ Wagner, Wissenschaft – Planung – Vertreibung, S.23-24

[15] Ebd. , S.13.

[16] Müller, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik, S.94.

[17] Z.B. Madajczyk, Czesław (Hg.), Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, München 1994.

[18] Madajzyk, Vom „Generalplan Ost“ zum „Generalsiedlungsplan“, S.12.

[19] Rolf-Dieter Müller, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik. Die Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt/M. 1991, S.105.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der neue deutsche Osten
Untertitel
Aus umwelthistorischer Perspektive und mit besonderer Beachtung des "Generalplan Ost"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Menschen bekriegen, Natur besiegen. Umweltgeschichte des Krieges
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V189286
ISBN (eBook)
9783656134848
ISBN (Buch)
9783656134893
Dateigröße
922 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
osten, perspektive, beachtung, generalplan
Arbeit zitieren
M.A. Olga Linets (Autor), 2011, Der neue deutsche Osten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189286

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