Gewerbefreiheit als Modernisierungsfaktor - die Gewerbereform in Preußen


Seminararbeit, 2003
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Grundlagen
1. Sozioökonomische und politische Rahmenbedingungen
2. Der Anlass der Reformen
3. Die Intention der Reformer

III. Auswirkungen
1. Durchführung der Gewerbereform
2. Reaktionen

IV. Schluss

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die preußischen Reformen waren seit jeher Bestandteil der Forschung. In der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts waren die Reformen ein Element der Nationalstaatsbildung, das mit Blick auf die Reichsgründung von 1870/71 untersucht wurde. In dem Konzept der Reform ohne Revolution sah man die Grundlage eines preußisch-deutschen Erfolgsmodells.[1]

Besonders intensiv wurden die wirtschaftlichen Bereiche der preußischen Reformen von der DDR-Geschichtsschreibung untersucht. Durch das Erforschen vom Wirkungszusammenhang zwischen Agrarentwicklung und Industrialisierung versuchte man die These der „bürgerlichen Revolution“ zu stützen, in der die marxistische Geschichtsschreibung die Epochenscheide zwischen Feudalismus und Kapitalismus sah. Ein fortschrittliches Bürgertum, sowie eine unterdrückte Bauernschaft waren Verbündete im Kampf gegen den Feudalismus. Immer wieder wurden die preußischen Reformen unter dem Aspekt einer deutschen Sonderentwicklung zum Kapitalismus untersucht.

Angeregt durch diese Forschungen in der DDR entstand in den 70er Jahren die „historische Sozialwissenschaft“, die sehr bald im Anschluss angelsächsischer Modernisierungstheorien Vorstellungen längerfristiger Strukturwandlungen vertrat, in denen die preußischen Reformen als Wirkungsfaktor für die deutsche Industrialisierung in den Mittelpunkt der Forschung gestellt wurden.[2]

Bei der Erforschung der Reformen mit Blick auf die Industrialisierung stand seit jeher der agrarische Bereich im Mittelpunkt. Mit ihrem Werk „Allgemeine Gewerbefreiheit“ setzte Babara Vogel[3] zum ersten Mal den Schwerpunkt einer Strukturanalyse auf den gewerblichen Bereich der Wirtschaftsreformen.

Die vorliegende Hausarbeit ergab sich in Anlehnung an einen Aufsatztitel Babara Vogels „Die ‚allgemeine Gewerbefreiheit’ als bürokratische Modernisierungsstrategie in Preußen“[4] und soll überprüfen, ob die Gewerbereform Grundlage einer wirtschaftlichen Modernisierung war. Des weiteren stellte sich die Frage, ob eine Reform bewusst einen Modernisierungsprozess formen konnte oder nur eine Reaktion auf einen bereits vollzogenen Systemwandel war.

Da meine Hausarbeit die Gewerbereform als Teil einer Gesellschaftsreform untersucht, die die Grundlage einer wirtschaftlichen Modernisierung bildet, versucht sie eine Verknüpfung mit Reformen zu schaffen, die ein direktes Verhältnis zwischen Staat und Bürger darstellen. Es handelt sich um Bereiche des Militärs, der Finanzen oder des Agrarwesens, wobei in meiner Arbeit die Notlage der Finanzen den zentralen Übergang zu den Reformen im wirtschaftlichen Bereich bildet.

Die Entstehung dieser finanziellen Notlage und die daraus resultierende Entwicklung der Reformvorhaben bilden den ersten Teil meiner Hausarbeit.

Der zweite Teil beschreibt den chronologischen Verlauf der Gewerbereform und schildert die Reaktionen auf die Gesetzgebungen.

In meinem Schlussteil werde ich nochmals die wichtigsten Erkenntnisse meiner Arbeit zusammenfassen und sie in den Kontext meiner Fragestellung setzen.

II. Grundlagen

1. Sozioökonomische und politische Rahmenbedingungen

Die historische Betrachtung der preußischen Wirtschaft vor den napoleonischen Kriegen beinhaltete meistens einen Vergleich mit wirtschaftlich aufstrebenden Ländern, wie etwa England, Frankreich oder die Niederlande. Diese dienten jedoch Preußen selbst als wirtschaftliches Maß und prägten bei hohen Beamten, die Bildungsreisen in die westeuropäischen Länder unternahmen und hier neueste Produktionstechniken und großbetriebliche Produktionsstätten zu Gesicht bekamen, den Eindruck der wirtschaftlichen Rückständigkeit.[5]

Als Nachteile Preußens stellten sich vor allem die geringe Anzahl an modernen Produktionsstätten und –zweigen, die ungünstige Standortverteilung des Gewerbes und die Unterbeschäftigung in der Bevölkerung heraus.

Die frühen Ansätze europäischer Industrialisierung wurden in Preußen von einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik begleitet. Der Staat gründete und finanzierte Großbetriebe und führte technologische Innovationen ein.

Diese Art der Wirtschaftspolitik führte zu zwei grundlegenden negativen Folgen. Erstens waren solche Fördermaßnahmen nur punktuelle wirtschaftliche Eingriffe, die einigen Regionen wie etwa Berlin und der Mark Brandenburg einen Vorsprung in der gewerblichen Entwicklung verschafften, gleichzeitig aber die Rückständigkeit anderer Regionen verschärften. Zweitens verhinderten sie, dass die preußischen Gewerbetreibenden die Fähigkeiten entwickelten, selbständig Kapital zu akkumulieren und technische Innovationen in ihren Dienst zu stellen. Moderne staatliche Großbetriebe zeichneten sich häufig durch Unrentabilität und Kurzlebigkeit aus und boten der Privatwirtschaft zum Teil ein abschreckendes Beispiel.

Anfang des 19. Jahrhunderts war die Durchführung einer allgemeinen Gewerbereform abhängig von anderen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Bereichen. Zuerst musste sich die Idee der „Entfesselung aller wirtschaftlicher Kräfte“[6] der Militärreform beugen, die mit der allgemeinen Wehrpflicht ihre Idee, alle Stände im Soldatenstand zu vereinigen, durchsetzte und so Männer in ihren Ausbildungsjahren militärische und keine gewerblichen Fähigkeiten erlernten. Ein weiteres Hindernis war die Erbuntertänigkeit und die Dienstpflichten, die einen großen Teil der Bevölkerung auf dem Land und in landwirtschaftlicher Tätigkeit hielt. Eine „Gewerbefreiheit“ war ohne die Regulierung des gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisses eine Stärkung der Gutsherrn, die ohne Pflichten ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Arbeitern hätten schaffen können.

Gefestigt wurde die Beschränkung des freien Handels durch das Steuersystem. Als wichtigste Steuereinnahme galt die Akzise, die auf fast allen Handelswaren des Gewerbes lag und die Städte mit einer Mauer umschloss. Dies verhinderte die Ausbreitung der Städte und beinhaltete ein Verbot ländlicher Gewerbeansiedlung, das von der staatlichen Abgabenverwaltung schärfstens überwacht wurde. Es kam hinzu, dass eine niedrige Besoldung der Akziseeinnehmer zu Steuerbetrug und –hinterziehung führte und dem Staat hohe Einnahmeverluste brachte. Auf die Akzise, die ein Drittel aller Einnahmen ausmachte[7], konnte der Staat jedoch ohne gleichwertigen Ersatz nicht verzichten. Die starke Beschränkung der Gewerbeproduktion durch die Akzise war die größte Blockade für eine Liberalisierung des Marktes. Wirtschaftshemmende Gewerbeprivilegien und Zunftrechte hatten Bestand, solange die Akzisenverordnung die Gewerbebetriebe in der Stadt bannte.

Die Zünfte hatten in der Hochphase des Mittelalters ihre wirtschaftliche Berechtigung, da funktionierende Märkte auf die Städte beschränkt waren und das Zunftsystem auf einen solchen separaten Markt basierte.

In Folge von verbesserten Verkehrsmöglichkeiten kam es zu einem größeren Konkurrenzkampf mit auswärtigen Gewerbetreibenden, wodurch sich die Zünfte von einem traditionellen städtischen Element mit gesellschaftlichen Aufgaben zu einer überregionalen Interessenvertretung gewerblichen Handels wandeln musste. Durch die erschwerenden Ansprüche verwandelte sich vor allem der „Zunftgeist“ von der Vorstellung des gemeinsamen Wohls zu einer „Förderung der ökonomischen Verwertung des Arbeitsmonopols“[8]. Diese Entwicklung wurde seit dem Ende des Mittelalters immer wieder zum Anlass genommen die Zünfte abzuschaffen und durch eine staatliche Wirtschaftspolitik zu ersetzen, die keine mittelalterliche regionale Vermittlungspolitik, sondern eine staatliche Vorrangspolitik betreiben wollte. Einen Durchbruch schafften diese wirtschaftspolitischen Vorstellungen ab dem Reichsschluss von 1731.

Seit den gesetzlichen Eingriffen in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts gegen Zunftmissbräuche stand das Zunftwesen als die traditionelle Selbstorganisation des Handwerks unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle, gleichzeitig aber auch unter staatlicher Garantie. Gewerbezweige, die mit technischen Innovationen arbeiteten, wurden mit Hilfe des Staates ins Leben gerufen und unter unmittelbare staatliche Kontrolle gestellt.

[...]


[1] Vgl. Elisabeth Fehrenbach, Vom Ancien Régime zum Wiener Kongress, 4. Auflage, München 2001, S.235.

[2] Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Modernisierungstheorie und Geschichte, Göttingen 1975, S.11-17. / Vgl. auch Paul Nolte, Preußische Reformen und preußische Geschichte: Kritik und Perspektiven der Forschung, in: FBPG 6, 1996, S. 83-95

[3] Babara Vogel, Allgemeine Gewerbefreiheit. Die Reformpolitik des preußischen Staatskanzlers Hardenberg (1810-1820), Göttingen 1983.

[4] Babara Vogel, Die „allgemeine Gewerbefreiheit“ als bürokratische Modernisierungsstrategie in Preußen, in: Stegmann, D. (Hrsg.), Industrielle Gesellschaft und politisches System, Bonn 1978, S.59-78.

[5] Vgl. Vogel, Allgemeine Gewerbefreiheit, S.141/142.

[6] Ebd., S.155

[7] Babara Vogel, Staatsfinanzen und Gesellschaftsreform in Preußen, in: Bering, H. (Hrsg.), Privatkapital, Staatsfinanzen und Reformpolitik im Deutschland der napoleonischen Zeit, Ostfildern 1981, S.44.

[8] Christoph Quante, Die geistesgeschichtlichen Grundlagen und die Entwicklung der Gewerbefreiheit in Deutschland, Münster 1984, S.15.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gewerbefreiheit als Modernisierungsfaktor - die Gewerbereform in Preußen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
PS: Preußen im 18. Jahrhundert (bis 1815)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V18934
ISBN (eBook)
9783638231800
ISBN (Buch)
9783640113163
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewerbefreiheit, Modernisierungsfaktor, Gewerbereform, Preußen, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Robert Westermann (Autor), 2003, Gewerbefreiheit als Modernisierungsfaktor - die Gewerbereform in Preußen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18934

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