In dieser Arbeit untersuche ich zwei Novellen von Gottfried Keller (1819-1890) hinsichtlich des Verklärungsprinzips aus der Literaturprogrammatik des bürgerlichen Realismus. Ich habe mich zum einen für „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ entschieden, die als die bekannteste Novelle Kellers gilt, und zum anderen für „Die drei gerechten Kammacher“, die der Schweizer Dichter selbst für die gelungenste aus seinem Zyklus „Die Leute von Seldwyla“ hält. Meine Wahl fiel deshalb auf diese Texte, die zu Kellers früher Schaffensperiode gerechnet werden, weil sie sehr gut verdeutlichen, wie unterschiedlich ein Autor das Prinzip der Verklärung nutzen kann.
Bevor ich mit der Analyse der Texte beginne, befasse ich mich mit einigen historischen Aspekten der Epoche des bürgerlichen Realismus. Anschließend wende ich mich der Literatur des Realismus zu, wobei ich zunächst allgemeine Besonderheiten dieser nenne und hinterher ihre Schlüsselkategorien. Als nächstes unternehme ich den Versuch einer Definition des Verklärungsprinzips. Dabei stütze ich mich vornehmlich auf die Ausarbeitungen von Plumpe, Preisendanz und Korte. Nachdem ich Gottfried Kellers Auffassung bezüglich der Verklärung dargelegt habe, gehe ich zum Schwerpunkt meiner Arbeit über; der Analyse der beiden Novellen. In der Vorbemerkung gehe ich auf die Entstehungsgeschichte beziehungsweise Kellers Schreibanlass ein und ich skizziere kurz den Inhalt. Es folgt die ausführliche Untersuchung des jeweiligen Textes sowie einer anschließenden Zusammenfassung der Ergebnisse. In einem letzten großen Punkt vergleiche ich die Novellen und ziehe die Schlussbilanz.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Historische Aspekte der Epoche
2.1. Gesellschaftliche Veränderungen
2.2. Politische Veränderungen
3. Die Literatur des Realismus
3.1. Allgemeine Besonderheiten
3.2. Kategorien realistischer Programmatik
3.3. Das Prinzip der Verklärung
3.3.1. Begriffsbestimmung
3.3.2. Gottfried Kellers verklärte Welt
4. „Romeo und Julia auf dem Dorfe“
4.1. Vorbemerkung
4.2. Das Prinzip der Verklärung in der Novelle
4.2.1. Eine Welt ohne Modernisierungsprozesse
4.2.2. Das arme Volk – ehrbar und sorgenfrei
4.2.3. Die paradiesische Natur
4.2.4. Die traditionelle Arbeitswelt
4.2.5. Ideale Liebe
4.3. Weitere Kategorien der Literaturtheorie in der Novelle
4.4. Zusammenfassung
5. „Die drei gerechten Kammacher“
5.1. Vorbemerkung
5.2. Das Prinzip der Verklärung in der Novelle
5.2.1. Die traditionelle Arbeitswelt
5.2.2. An der Schwelle zum Industriezeitalter
5.2.3. Liebe aus Geldgier
5.2.4. Die verlockende Natur
5.2.5. Übertriebene Enthaltsamkeit
5.3. Weitere Kategorien der Literaturtheorie in der Novelle
5.4. Zusammenfassung
6. Auswertung / Vergleich der Analyseergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Konzept der „Verklärung“ als zentrales Element der Programmatik des bürgerlichen Realismus am Beispiel von Gottfried Kellers Novellen „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ und „Die drei gerechten Kammacher“. Dabei wird analysiert, wie Keller die zeitgenössische Realität durch eine poetische Überhöhung transformiert, um Konflikte zu glätten und die Darstellung einer „schöneren Welt“ zu erzielen.
- Historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen des bürgerlichen Realismus
- Theoretische Definition und literarische Funktion des Verklärungsprinzips
- Analyse der Realitätssimulation und Themenselektion in Kellers Prosa
- Vergleich der Umsetzung programmatischer Leitlinien in den beiden ausgewählten Novellen
- Die Darstellung von Natur, Arbeitswelt und menschlichen Beziehungen im Kontext der Verklärung
Auszug aus dem Buch
4.2.3. Die paradiesische Natur
Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still nebeneinander durch die Fluren; es war ein schöner Sonntagmorgen im September, keine Wolke stand am Himmel, die Höhen und die Wälder waren mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend geheimnisvoller und feierlicher machte [...] (Keller 1987, S. 127).
Die Umgebung könnte kaum schöner sein, als die jungen Liebenden in ihren einzigen gemeinsamen Tag starten. Die Natur spiegelt genau das wieder, was Sali und Vrenchen innerlich empfinden. Ihnen ist feierlich zumute und was der Tag ihnen bringen wird, liegt noch im Geheimen. Gleichermaßen zeigt sich Landschaft um sie herum.
Auch der restliche Tag steht inmitten einer schönen Natur. Selbst in der Nacht herrschen „stille[...] Felder“ und „stille[...] Höhen“ vor (Keller 1987, S. 145) und der „Fluß [rauscht] sacht und lieblich im langsamen Ziehen“ (Keller 1987, S. 146). Das Mondlicht hat „magische[...] Wirkungen“ und „[wallt] nah und fern über die weißen Herbstnebel“ (Keller 1987, S. 147). Die sentimentale Stimmung zwischen den Verliebten, die sich für immer voneinander verabschieden sollen, wird durch die gefühlsbetonte und traurig schöne Darstellung der nächtlichen Landschaft gestützt. Die Natur ist auf eine niedergedrückte Art und Weise schön – sie ist still, bedrückend und magisch. Ebenso sehen die Empfindungen von Sali und Vrenchen aus.
Als sie den Entschluss fassen, sich das Leben zu nehmen, nachdem sie eine Liebesnacht miteinander verbracht haben, erscheint die Natur plötzlich noch stiller, als sie es ohnehin schon ist:
Der Fluß zog bald durch hohe dunkle Wälder, die ihn überschatteten, bald durch offenes Land; bald an stillen Dörfern vorbei, bald an einzelnen Hütten; hier geriet er in eine Stille, daß er einem ruhigen See glich und das Schiff beinah stillhielt, dort strömte er um Felsen und ließ die schlafenden Ufer schnell hinter sich (Keller 1987, S. 149/150).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung erläutert die Auswahl der zwei Novellen Kellers und skizziert das methodische Vorgehen zur Untersuchung des Verklärungsprinzips.
2. Historische Aspekte der Epoche: Dieses Kapitel beschreibt die sozio-ökonomischen und politischen Umbrüche um 1850, die als Hintergrund für die Entstehung des Realismus dienen.
3. Die Literatur des Realismus: Es werden die programmatischen Grundsätze des Realismus wie Lebensnähe, Immanentismus, Sittlichkeit und die zentrale Kategorie der Verklärung theoretisch hergeleitet.
4. „Romeo und Julia auf dem Dorfe“: Die Analyse der Novelle zeigt die Anwendung des Verklärungsprinzips durch die Ausblendung von Modernisierungsprozessen und die Schaffung einer idealisierten Natur- und Liebeswelt.
5. „Die drei gerechten Kammacher“: Dieses Kapitel kontrastiert die Darstellung idealisierter Arbeitsverhältnisse mit der kritischen Offenlegung der kapitalistischen Profitlogik und dem Scheitern kleinbürgerlicher Tugendideale.
6. Auswertung / Vergleich der Analyseergebnisse: Der Vergleich fasst zusammen, wie Keller in beiden Novellen die Wirklichkeit als „gutes Ganzes“ verklärt, wobei „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ idyllischer und „Die drei gerechten Kammacher“ satirischer geprägt ist.
Schlüsselwörter
Bürgerlicher Realismus, Gottfried Keller, Verklärungsprinzip, Poetischer Realismus, Literaturprogrammatik, Idealrealismus, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Die drei gerechten Kammacher, Themenselektion, Realitätssimulation, Industriegesellschaft, Sittlichkeit, Komposition, Seldwyla, Traditionelle Arbeitswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie der Dichter Gottfried Keller in zwei ausgewählten Novellen das „Prinzip der Verklärung“ nutzt, ein zentrales literarisches Konzept des bürgerlichen Realismus, um die Wirklichkeit poetisch zu überhöhen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die literarische Programmatik des Realismus, das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, die Darstellung der Industrialisierung sowie die Analyse spezifischer Motive wie die Natur, die Arbeitswelt und menschliche Liebesbeziehungen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Keller in seiner Prosa eine bewusste „Schönfärbung“ der Welt vornimmt, indem er störende oder hässliche Elemente der Realität ausblendet, um harmonischere Alternativen zu entwerfen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine werkimmanente Interpretationsmethode, gestützt auf literaturtheoretische Konzepte von Realismus-Forschern wie Plumpe, Preisendanz und Eisenbeiß.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung zum Verklärungsprinzip und eine detaillierte Analyse der Novellen „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ und „Die drei gerechten Kammacher“ hinsichtlich ihrer Ausgestaltung von Natur, Liebe und Arbeitswelt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Verklärung, Realismus-Programmatik, Themenselektion, Idealrealismus, Gesellschaftskritik und Poetisierung der Wirklichkeit.
Wie unterscheidet sich die Umsetzung der Verklärung zwischen den beiden Novellen?
Während „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ eine nahezu märchenhaft-idyllische Verklärung aufweist, setzt Keller in „Die drei gerechten Kammacher“ das Verklärungsprinzip ironischer ein, um satirische Kritik an kleinbürgerlichen Tugendidealen zu üben.
Warum spielt die Naturdarstellung in beiden Novellen eine so wichtige Rolle?
Die Natur dient als „verklärter Lebensraum“, der einen scharfen Gegensatz zur als bedrückend empfundenen Stadt und zur technisch-industriellen Entwicklung bildet, wodurch sie als idealer Gegenpol fungiert.
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- Rebecca Mahnkopf (Author), 2006, Das Prinzip der Verklärung in der Programmatik des Bürgerlichen Realismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189411