Tabuloses Tabu

Das nukleare Tabu und seine Rolle im 21. Jahrhundert


Hausarbeit, 2012

29 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung
…forschungsleitende Fragestellung und ergänzende Fragen
Hypothese
Abgrenzung der Forschung
Vorgehensweise

2. Hauptteil
Die Atombombe und der Determinismus des Machbaren
Die Entwicklung des Tabus ein Fehlschluss?
Waffe ohne Ziel. Nukleare Abstinenz nach Ende des Kalten Krieges
Das nukleare Tabu als Waffe
Resümee

3. Beantwortung der Fragestellung
Hypothese

5. Anhang/ Abkürzungsverzeichnis

6. Anhang/ Literatur- und Quellenverzeichnis
Dokumente
Internetquellen
Bibliographie
Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung.

Im August 1945 explodierten die beiden Atombomben „Little Boy“ und „Fat Man“ über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki und läuteten damit offiziell das Atomzeitalter in der Kriegsführung ein.

Die USA, als damals einzige Atommacht, zwangen durch den Einsatz der neuen Superwaffe das japanische Kaiserreich endgültig in die Knie und feierten die Bombe als Friedensbringer in einem Krieg der weltweit mehr als 50 Mio. Opfer forderte.

Trotz des „durchschlagenden Erfolges“ aber kam die Waffe in den seither schon beinahe vergangenen 7 Jahrzehnten zu keinem einzigen weiteren Einsatz. Der Klärung der Frage nach dem „Warum“ haben sich unterdessen schon zahlreiche Wissenschafter angenommen, wobei eine der wichtigsten und langlebigsten Theorien in diesem Zusammenhang die der Abschreckung ist. Eine Theorie also, welche zugleich eine Strategie ist und auf dem enormen Zerstörungspotential der Atomwaffe, bei gleichzeitiger relativer Kompaktheit, aufbaut. So ermöglicht ein nukleares Arsenal, wie es etwa Russland und die USA besitzen, selbst einen nuklearen Erstschlag in einem Ausmaß zu überstehen, dass ein vernichtender Vergeltungsschlag durchgeführt werden kann. Aus dieser Überlegung heraus, erscheint ein Angriff als wenig lohnend, schließt er doch die nahezu sichere eigene Vernichtung mitein (vgl. Press et. al. 2011, 1). Vor allem Nina Tannenwald macht in ihrer Arbeit: „The Nuclear Taboo: The United States and the Normative Basis of Nuclear Non-Use“ aber darauf aufmerksam, dass dieser Ansatz alleine nicht ausreichen kann um die nukleare Abstinenz der neuen und alten Atommächte zu erklären. So zeigt sie anhand mehrerer Anomalien, die Lücken im Abschreckungs-Ansatz und stellt weiter die Frage nach ergänzenden Erklärungsfaktoren. Insbesondere hebt sie hervor, dass:

- auch in Fällen, in denen keine Furcht vor einem atomaren Gegenschlag bestand, keine Kernwaffen eingesetzt wurden. Selbst dann nicht, wenn der Gegner auch konventionell unterlegen war.
- ein nukleares Arsenal nicht in der Lage war, Angriffe von nicht Atommächten durch Abschreckung zu verhindern. (China gegen USA in Korea, Nordvietnam die US Kräfte, Argentinien – GB in den Falklands und Irak die US Kräfte im Golfkrieg ‘91).
- auch nicht Nuklearmächte sich nicht in einem Umfeld ständiger Angst befinden obwohl sie der neuen Waffe macht- und schutzlos ausgeliefert sind. Ihrer Ansicht nach kann auch nukleare Teilhabe dieses Phänomen nicht erklären, da viele Staaten hier nicht Mitglied sind (vgl. Tannenwald 1999, 433-434).

Zur Beantwortung dieser Unstimmigkeiten, verweist Tannenwald dabei auf die Entwicklung einer internationalen Norm, welche den Einsatz von Atomwaffen ablehnt, mehr noch – sogar tabuisiert. Dabei ergänzt sie mit dem „nuklearen Tabu“ nicht nur die Abschreckungstheorie, sondern widerspricht auch weiteren Ansätzen aus dem Bereich des Realismus, welche alleine rationale Erwägungen für den Nichteinsatz verantwortlich machen (vgl. 1999, 434).

Für mich von besonderem Interesse ist jedoch die Tatsache, dass trotz einer offensichtlichen Nichtverwendung von Atomwaffen, mitunter auch aufgrund ethischer Bedenken, der Einsatz von abgereichertem Uran in Geschoßen und Panzerplatten heute ein ganz „normaler“ Bestandteil eines modernen Kriegsschauplatzes ist (Irak 1991, Bosnien 1999, Afghanistan 2000, Irak 2003). Neben ihrer dichtebedingt hohen Durchschlags- bzw. Schutzwirkung ist dieses Abfallprodukt der Atomindustrie auch radioaktiv und toxisch und in seinen Langzeitfolgen auf Mensch und Umwelt dem Fallout einer Atombombe ebenbürtig (wenngleich bezüglich der Langzeitfolgen in der Literatur unterschiedliche Standpunkte eingenommen werden). Zudem kommt es auch zur Entwicklung immer verheerender konventioneller Waffen, die in ihrer Wirkung etwa mit taktischen Atomwaffen vergleichbar sind. Aber auch sie (Fuel Air Explosives bzw. Thermobaric Bombs) werden in modernen Konflikten mit zunehmender Häufigkeit eingesetzt. In Summe ist es also scheinbar möglich, im Schatten eines nuklearen Tabus, Waffen zur Anwendung zu bringen die in der Kombination ihrer Wirkungen auf Mensch und Natur im Gefechtsgebiet (auch Langzeitfolgen) etwa dem entsprechen, was auch vom Einsatz taktischer Atomwaffen zu erwarten sein würde.

Nina Tannenwald führt diesbezüglich in einem Nebensatz eine sehr interessante Auswirkung des Tabus an. Sie spricht davon, dass die Verbannung einer als besonders negativ empfundenen Waffe dazu führen kann, dass alle anderen Waffen und ihre Nutzung als legitimer erscheinen (vgl. 1999, 437).

Genau dieser „legitimierende Effekt“ stellt ein weiteres zentrales Interesse meiner Forschung dar. Es ergeben sich daraus folgende…

…forschungsleitende Fragestellung und ergänzende Fragen.

Welche Rolle spielt das Nukleare Tabu im 21. Jahrhundert?

- Warum wird in modernen Konflikten in der Zeit nach dem Kalten Krieg weiter auf den Einsatz von Atomwaffen verzichtet?
- Wie ist der Einsatz neuer Superwaffen, wie thermobarischer Bomben und mit abgereichertem Uran verstärkten Geschoßen und Panzerungen, mit dem moralischen Anspruch des nuklearen Tabus vereinbar?
- Ist das Tabu selbst, aufgrund seines legitimierenden Effektes, militärisch mittlerweile nützlicher als der Einsatz der von ihm geächteten atomaren Sprengköpfe?

Hypothese.

Durch die veränderten technologischen und strategischen Möglichkeiten und Anforderungen der modernen Kriegsführung ist das nukleare Tabu von einem militärischen Hindernis zu einem strategischen Vorteil avanciert.

Abgrenzung der Forschung.

Untersuchungsgegenstand/ -zeitraum:

- Die Rolle des nuklearen Tabus zur Erklärung des nuklearen Nichteinsatzes im Zeitraum: (1914) 1945 bis zur Gegenwart.

Vorgehensweise.

Durch einen Exkurs auf die Entwicklung des Luftkrieges und seiner Folgen im ersten und zweiten Weltkrieg, werde ich einen „Determinismus des Machbaren“ zeigen, der mit dem Nichteinsatz zur Verfügung stehender Atomwaffen sein Ende findet. Durch die Analyse nachfolgender, für die jeweilige Epoche kennzeichnender Konflikte werde ich weiters zeigen, dass überwiegend rationale Gründe für diese Entwicklung verantwortlich zeichnen und nicht etwa ein normatives Tabu.

Im letzten Abschnitt meiner Arbeit, werde ich die moderne Rolle des „Taboo Talk“ als Waffe im Kampf um die öffentliche Meinung und zur Legitimation tatsächlich eingesetzter Waffen, zeigen.

2. Hauptteil

Die Atombombe und der Determinismus des Machbaren.

VORDENKER. Konflikte und Kriege führen den Menschen und die Gesellschaft an ihre Grenzen. Es werden immense Anstrengungen unternommen um die eigenen Ziele zu erreichen und jene des Gegners zu vereiteln – typischerweise unter Einsatz des eigenen Lebens und/oder des Überlebens des Staates als politisches Gebilde - als soziale Fiktion. Dieses Umfeld kreiert und erzwingt gleichermaßen einen Raum der Kreativität, welcher es ermöglicht binnen eines halben Jahrhunderts buchstäblich vom Pferd auf die Atombombe zu kommen um sowohl die „Endmarken“ dieses Kontinuums als auch alle Zwischenschritte mit todbringender Entschlossenheit in immer neuen Varianten zum Einsatz zu bringen.

Ein entscheidender Zwischenschritt zur modernen Kriegsführung wurde bereits im ersten Weltkrieg mit der Entwicklung des Luftkrieges und Bombenflugzeugen gesetzt. Der italienische General und Theoretiker Giulio Douhet wird in diesem Zusammenhang als einer der ersten bezeichnet, welcher die Bedeutung der neuen Waffe für die Kriege der Zukunft beschrieb:

„now it is possible to go far behind the fortified lines of defense without first breaking through them. It is air power which makes this possible. (…) There will be no distinction any longer between soldiers and civilians“ (Douhet 1921, 9).

Douhet führt im Weiteren aus, dass eine Strategie der neuen Luftwaffe es sein muss, den Krieg in alle Teile des Feindeslands zu tragen und v.a. „peacetime industrial and commercial establishments (…) [as well as] certain designated areas of civilian population“ (Douhet 1921, 20) anzugreifen, da diese für die anfangs noch wenig zielgenauen Attacken besonders verwundbar seien.

Was sich daraus ableitet und den strategischen Luftkrieg des zweiten Weltkrieges entscheidend mitbestimmte, fasste ebenfalls in den 20er Jahren der japanische Kriegsminister Ozuki zusammen:

„Durch Luftangriffe kann man viel leichter Millionen von Zivilisten in großen Städten erschlagen als tausend Soldaten, welche in Schützengräben in Deckung sind. Der Sieg lässt sich rasch erreichen, wenn man den Feind demoralisiert und vernichtet, indem man rücksichtslos alle Zivilisten tötet und zerschmettert, alt oder jung, Mann oder Frau, Greis oder Kind.“ (Müller et. al. 2004, 26).

DETERMINISMUS DES MACHBAREN. Wie die Geschichte des (strategischen) Luftkrieges aber auch des Krieges generell zeigt, wurde immer das was technisch möglich war und einen Vorteil versprach, in die Tat umgesetzt. So auch das Flächenbombardement von Städten mit dem Ziel der Demoralisierung und Zermürbung des Feindes. Eine Taktik, der je nach Quelle während des gesamten Krieges (WKII) und auf allen Seiten mehr als 1 Mio. Menschen, großteils Zivilisten zum Opfer fielen[1].

Um die Aufgabe, welche großer Luftflotten an Bomberflugzeugen, ebenso vieler Piloten, sowie einer aufwändigen, teuren und verwundbaren Infrastruktur bedurfte, einfacher erfüllen zu können, wurde die Atombombe entwickelt. Eine Waffe, welche einen in die Lage versetzte, ganze Städte mit nur einem einzigen Flugzeug, einer Crew und einer Bombe in Schutt und Asche zu legen.

Dass dieser Schritt zum Einsatz der Bombe jedoch beiläufig erfolgte, wie ihn Tannenwald, aufbauend auf dem von ihr konstatierten „seemless web between nuclear and conventional bombing“ (1999, 442) statt fand, kann nur bedingt Geltung beanspruchen. So wurde Japan in der Potsdamer Deklaration wenige Tage vor den Bombenabwürfen vor „unermesslicher Macht“ gewarnt und zur Kapitulation aufgefordert:

„The might that now converges upon Japan is immeasurably greater than that which, when applied to the resisting Nazis, necessarily laid waste to the lands, the industry and the method of life of the whole German people.“ (Art 3. Potsdamer Deklaration, 26. Juli 1945[2])

Tatsache ist aber, dass die Waffe per se keinen Sonderstatus einnahm, sondern nur dem Ausmaß der Zerstörung neue Dimensionen eröffnete. Dimensionen welche, in Anbetracht der bereits zum Alltag des Krieges gewordenen Massenvernichtung und Brutalität, keinerlei schwerwiegendere moralische Bedenken aufkommen ließen (vgl. Tannenwald 1999, 442).

Dem entsprechend kam die Bombe kurz nach der Zurückweisung der Deklaration durch Japan zum Einsatz.

Robert Oppenheimer, der wissenschaftlicher Leiter des „Manhatten Programms“ und damit Chefentwickler der Atombombe, äußerte sich dazu in einem Artikel in Foreign Affairs folgendermaßen: „We flew straight in at medium height, at rather low speed, over the city of Hiroshima; we dropped one bomb with an energy release the equivalent of about fifteen thousand tons of TNT. It killed more than seventy thousand people and produced a comparable number of casualties; it largely destroyed a medium-sized city. That we had in mind.“ (1953, 527).

Die gesamte Opferzahl für beide Abwürfe in Hiroshima und Nagasaki belief sich auf ca. 200.000[3] Menschen, wovon viele erst Monate später an Verbrennungen und den Folgen radioaktiver Verstrahlung starben.

Der Einsatz selbst aber, entsprach des bis zum Jahr 1945 beobachtbaren „Determinismus des Machbaren“, dass also alle verfügbaren Mittel auch zum Einsatz kamen.

Die Entwicklung des Tabus ein Fehlschluss?

Zweifelsohne ist die Beobachtung korrekt, dass mit Ende des zweiten Weltkrieges der bis dahin festgestellte „Determinismus des Machbaren“ keine zutreffende Kategorie mehr für die Wahl der Waffen bei kriegerischen Auseinandersetzungen ist. Axel Roland spricht in diesem Zusammenhang von einem eben nicht existierenden „Technologiedeterminismus“. Seiner Ansicht nach, wird der Krieg zwar durch neue Technologien geändert und geformt, ein gleichsam naturgesetzmäßiger Zwang zum Einsatz bestünde jedoch nicht (vgl. 2009, fpri Newsletter Vol. 14/2[4]).

Dass das Tannenwaldsche nukleare Tabu aber weniger der Grund für den Nichteinsatz, als vielmehr der Versuch einer ex post „Rationalisierung“ bisher unbefriedigend geklärter Umstände des Bruches im Technologiedeterminismus ist, will ich im Folgenden zeigen.

EINE NEUE WELTORDNUNG. Mit dem Sieg der Alliierten im zweiten Weltkrieg fielen der gemeinsame Feind und die damit einhergehende, einigende und ideologienüberwindende Klammer weg. Der Weg war frei für ein System konkurrierender Blöcke – eine Entwicklung überdies, die sich bereits vor Ende des Krieges im Pazifik abzeichnete. So kann der Einsatz der Bombe, welche von Kritikern gegenüber dem bereits schwer geschlagenen Japan als unverhältnismäßig gesehen wird, auch als Signal gegenüber der UdSSR gewertet werden. Demnach sind die Einsätze als Postulat US-amerikanischer Macht im Bezug auf die zu schaffende Nachkriegsordnung und ihre angestrebte Position in dieser, zu sehen (Roth 2005, Telepolis[5]). Entsprechend der Gesetzmäßigkeiten dieser neuen Ausgestaltung des internationalen Systems in zwei Polen, stellte jeweils alleine die Gegenseite den Bezugspunkt jeglicher sicherheitstechnischer Überlegungen dar (vgl. Seantors McMahon, 1951). Spätestens 1953 wurde dies auch von höchster Stelle in einer Pressekonferenz indirekt bestätigt: „We (…) conclude that the Soviets now have the capability of atomic attack on us, and such capability will increase with the passage of time (…), but [our strength in atomic weapons of any sort] it is large and increasing steadily." (Präsident Eisenhower, 1953, in: Brodie 1954, 217).

[...]


[1] http://necrometrics.com/20c5m.htm#Second (13.02.2012)

[2] http://www.ndl.go.jp/constitution/e/etc/c06.html (13.02.2012)

[3] http://www.atomwaffena-z.info/atomwaffen-geschichte/einsatz-von-atomwaffen/hiroshima/index.html (13.02.2012)

[4] http://www.fpri.org/footnotes/1402.200902.roland.wartechnology.html (07.02.2012)

[5] http://www.heise.de/tp/artikel/20/20611/1.html (14.02.2012)

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Tabuloses Tabu
Untertitel
Das nukleare Tabu und seine Rolle im 21. Jahrhundert
Hochschule
Universität Salzburg  (Politikwissenschaft und Soziologie)
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
29
Katalognummer
V189453
ISBN (eBook)
9783656135357
ISBN (Buch)
9783656135418
Dateigröße
991 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tabuloses, tabu, rolle, jahrhundert
Arbeit zitieren
BA Markus Philipp Vogtenhuber (Autor), 2012, Tabuloses Tabu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189453

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