„Ich habe keinen einzigen Teil des mexikanischen Territoriums verloren“1, entgegnet der mexikanische Präsident Felipe Calderón wiederkehrenden Fragen nach einem möglichen Staatszerfall Mexikos. Das Staatsoberhaupt sieht sich angesichts zehntausender Gewalttoter, massiver Korruption der staatlichen Behörden und illegalem Handel mit Drogen in Milliardenhöhe zunehmend mit dem Thema Staatskollaps konfrontiert. In der Wissenschaft herrscht über den Zustand des mexikanischen Staates große Uneinigkeit. Während einige Vertreter von einem gesunden Mexiko sprechen, das allein durch neoliberale Interessen der USA als Problemfall markiert wird, sprechen andere Forscher von Staatszerfall und einem Wandel zu einer „Mafiakratie“.2 Die vorliegende Forschungsarbeit verfolgt das Ziel, Mexikos Staatszustand genauer zu definieren. Dabei erfolgt die Analyse unter der Forschungsfrage: Ist Mexiko auf dem Weg zum gescheiterten Staat? Hierzu wird die Failing States Theorie von Ulrich Schneckener bemüht.3 In einem ersten Schritt wird diese erläutert, bevor im empirischen Teil der Arbeit die Theorie auf Mexiko übertragen wird. Mit Hilfe zahlreicher Indikatoren wird die Funktionsfähigkeit des mexikanischen Staates in den drei Staatsfunktionen: Legitimität/Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und Wohlfahrt überprüft. Im Anschluss an die Bewertung erfolgt eine Einordnung der Beförderungsfaktoren für das Abschneiden nach Struktur-, Prozess- und Auslösefaktoren in Tabellenform. Relevanz erlangt die Arbeit nicht nur durch ihren Beitrag zur lebendigen Diskussion um Mexikos staatlichen Zustand. Der besondere Wert liegt vielmehr in der wissenschaftlichen Fundierung durch die Failing-States-Theorie nach Schneckener. Eine Analyse zum jetzigen Zeitpunkt bietet sich an, da sich die Ankündigung Calderóns, die Drogenkartelle zu bekämpfen, in Kürze zum fünften Mal jährt. Es können der Erfolg des Krieges gegen die Drogen in Verbindung mit dem Zustand des gesamten mexikanischen Staates untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Aspekt
2.1 Definition und Funktion des Staates
2.2 Indikatoren eines Defizites in einer Staatsfunktion
2.3 Vier Typen von Staatlichkeit
2.4 Beförderungsfaktoren des Staatszerfalles
2.5 Zusammenfassung der Theorie
2.6 Wissenschaftliche Methode und Literaturbericht
3. Empirischer Aspekt: Analyse der drei Staatsfunktionen
3.1 Sicherheitsfunktion
3.2 Wohlfahrtsfunktion
3.3 Rechtsstaatlichkeits/Legitimitätsfunktion
3.4 Zwischenfazit
3.5 Beförderungsfaktoren
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den aktuellen Staatszustand Mexikos unter Anwendung der "Failing States"-Theorie von Ulrich Schneckener, um die Forschungsfrage zu beantworten, ob Mexiko auf dem Weg zum gescheiterten Staat ist. Dabei wird der Fokus auf die Funktionsfähigkeit in den Bereichen Sicherheit, Wohlfahrt sowie Rechtsstaatlichkeit und Legitimität gelegt.
- Analyse der mexikanischen Sicherheitslage im Kontext des Drogenkrieges
- Bewertung der staatlichen Wohlfahrtsfunktion und wirtschaftlichen Kennzahlen
- Untersuchung der Rechtsstaatlichkeitsdefizite und Korruptionsproblematik
- Einordnung Mexikos in das Modell der vier Staatstypen nach Schneckener
- Identifikation und Kategorisierung von Struktur-, Prozess- und Auslösefaktoren des Staatszerfalls
Auszug aus dem Buch
3.1 Sicherheitsfunktion
Seit der mexikanische Präsident Felipe Calderón 2006 sein Amt antrat und den Drogenkartellen den Krieg ansagte, wurden von offizieller Seite 35.000 Morde im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen gemeldet.47 Es setzt sich zusammen aus vier, respektive sieben Kartellen oder häufiger benutzt: Drug Trafficking Organisations (DTOs), die den inneren Frieden Mexikos gefährden und das Gewaltmonopol des mexikanischen Staates in Frage stellen. Waren es zur Jahrtausendwende vier große DTOs, so werden mittlerweile sieben DTOs als miteinander konkurrierend angegeben.48 Diese sind „Sinaloa, Tijuana/AFO, Juárez/CFO, Beltrán Leyva organization, Los Zetas, Gulf, and La Familia Michoacana“49.
Das Hauptgeschäft der DTOs besteht aus der Herstellung und dem Verkauf von illegalen Drogen, wie Marihuana, Kokain, Heroin oder synthetisch hergestellten Drogen wie Methamphetamin. Mit dieser Schattenwirtschaft werden enorme Profite erschlossen. „It is estimated that between $19 billion and $29 billion in illicit proceeds flow from the United States to drug trafficking organizations [...] in Mexico.“50 Aber nicht allein die hohen Profite sind für die enorme Anzahl an Toten und hohe Drogengewalt verantwortlich, sondern eine Reihe anderer Ursachen liegt dem zugrunde. Ein Blick in die jüngere Geschichte hilft sie zu analysieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des mexikanischen Staates ein, stellt die Relevanz der Untersuchung dar und erläutert die Forschungsfrage sowie die verwendete Failing-States-Theorie.
2. Theoretischer Aspekt: Dieses Kapitel definiert den Staat nach Weber und Jellinek, erläutert Schneckeners Indikatoren für staatliche Defizite, kategorisiert Staatstypen und stellt die verschiedenen Beförderungsfaktoren des Staatszerfalls vor.
3. Empirischer Aspekt: Analyse der drei Staatsfunktionen: Das Kapitel untersucht detailliert die Sicherheits-, Wohlfahrts- und Rechtsstaatlichkeitsfunktionen Mexikos unter Berücksichtigung aktueller Daten und leitet daraus den Status Mexikos als schwacher Staat ab.
4. Fazit: Das Fazit beantwortet die zentrale Forschungsfrage, fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und gibt einen Ausblick auf die weitere Entwicklung Mexikos im Hinblick auf laufende Reformen und den Drogenkrieg.
Schlüsselwörter
Mexiko, Failing States, Staatszerfall, Drogenkartelle, Sicherheitsfunktion, Wohlfahrtsfunktion, Rechtsstaatlichkeit, Korruption, organisierte Kriminalität, Failed State, Schneckener, institutionelle Reformen, Gewaltmonopol, Menschenrechte, Governance.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den staatlichen Zustand Mexikos im Jahr 2011 und untersucht, ob sich das Land aufgrund der ausgeprägten Drogenkriminalität und institutioneller Schwächen auf dem Weg zu einem "gescheiterten Staat" befindet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die innere Sicherheit, die wirtschaftliche Wohlfahrtsleistung des Staates sowie die Qualität von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Legitimität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die präzise Einordnung des mexikanischen Staatsstatus mittels einer wissenschaftlich fundierten Typologie, um die Frage nach einem möglichen Staatszerfall sachlich zu beantworten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt die qualitative Inhaltsanalyse nach Blatter und Janning, um aktuelle Nachrichtenquellen, wissenschaftliche Publikationen und internationale Studien methodisch auszuwerten.
Was wird im empirischen Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert die drei Staatsfunktionen Sicherheit, Wohlfahrt und Rechtsstaatlichkeit/Legitimität und ordnet die identifizierten Faktoren in Struktur-, Prozess- und Auslösefaktoren ein.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Mexiko, Failing States, organisierte Kriminalität, Drogenkartelle, Korruption und Staatsfunktionen definiert.
Warum wird die Sicherheitsfunktion des mexikanischen Staates als "leidlich erfüllt" bewertet?
Obwohl staatliche Institutionen in vielen Regionen massiv durch Kartelle herausgefordert werden und das Gewaltmonopol beeinträchtigt ist, operiert der Staat weiterhin, weshalb die Funktion nicht als vollständig ausgefallen, aber dennoch als stark defizitär eingestuft wird.
Welche Rolle spielen die USA als Faktor für den Staatszustand Mexikos?
Die USA fungieren als Strukturfaktor, da sie zum einen den größten Absatzmarkt für illegale Drogen aus Mexiko darstellen und zum anderen durch den Waffenfluss in Richtung Mexiko die Gewaltspirale maßgeblich befeuern.
Welche Bedeutung haben die Justizreformen von 2008 für die Zukunft Mexikos?
Die Reformen sollen das bisher rückständige, schriftlich geprägte Strafprozessrecht transformieren, die Transparenz erhöhen und den Schutz der Angeklagten vor Folter und Willkür stärken, was langfristig zur Stabilisierung der Rechtsstaatlichkeit beitragen soll.
- Arbeit zitieren
- Martin Hochheim (Autor:in), 2011, Mexiko auf dem Weg zum gescheiterten Staat?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189527