Gegenstand der Arbeit ist das Romani, die Sprache der Zigeuner. Bei genauerer Betrachtung des Untersuchungsmaterials fällt auf, dass der Anteil an deutschem Vokabular im lexikalischen Teilbereich der Funktionswörter, zu denen allen voran Elemente wie Konjunktionen und Subjunktionen, Artikel, Pronomina sowie Adpositionen und Partikel gehören, besonders hoch ist. Aber der Teilbereich der Inhaltswörter, zu denen Nomina, Adjektive und Verben gehören, besteht zu einem besonders hohen Anteil aus Vokabular des Romanes. Desweiteren stammen die Flexionsaffixe beinahe ausschließlich aus dem Deutschen. Für die Filial- oder Hybridsprache, die aus Bestandteilen sowohl des Deutschen als auch des Romanes aufgebaut ist, lässt sich somit durchaus behaupten, dass die Grammatik deutschen Ursprungs ist und das Vokabular dem Romanes entnommen ist.
Die traditionelle Substrat-Superstrat-Theorie, wie sie hier näher erläutert wird, würde eine vollkommen gegenläufige Tendenz erwarten lassen. Kurz gefasst besagt dieses Sprachkontaktmuster, dass eine prestigereichere Sprache (das sogenannte Superstrat) einer durch Sprachmischung entstandenen Sprache das Lexikon vererbt und eine prestigeärmere Sprache (das sogenannte Substrat) jener entstandenen Sprache die Grammatik mitsamt dem morphologischen, morphosyntaktischen, syntaktischen und syntagmatischen Regelwerk vererbt. Das Deutsche müsste demnach als die Amts- und Prestigesprache in Deutschland und daher als Superstrat angesehen einer Mischsprache das Lexikon spenden. Das Romanes, das von einer sozial schwachen sowie prestigearmen Schicht gesprochen wird, müsste der Mischsprache demnach die Grammatik spenden. Doch wird diese Annahme durch die folgenden Sprachbeispiele völlig widerlegt. Die vorliegende Arbeit geht also von dem Standpunkt aus, dass das traditionelle Sprachkontaktmuster nach dem Ansatz der Substrat-Superstrat-Theorie keine Anwendung auf den Sprachkontakt Deutsch-Romanes finden kann. Die Arbeitshypothese lässt sich daher etwa folgendermaßen formulieren: Die Sprachmischungsuniversalien, wie sie sich die Forschung gerne zurecht legt, sind nicht universal, sondern können durch die folgenden Sprachbeispiele falsifiziert werden. Die Substrat-Superstrat-Theorie wird durch den Sprachkontaktfall Deutsch-Romanes völlig umgekehrt.
Inhaltsverzeichnis
0. Vorbemerkungen
0.1. Gegenstand der Arbeit und Hinführung zum Thema
0.2. Arbeitshypothese und Methodik
0.3. Festlegungen
0.3.1. Begriffliche Festlegungen
0.3.2. Orthographie
0.3.3. Glossierungsregeln
0.3.4. Abkürzungsverzeichnis
1. Darstellung des Untersuchungsmaterials
2. Analyse des Materials
2.1. Analyse des Materials in Bezug auf Interferenzen
2.2. Zweifelsfälle der Interferenz und deren Ausschluss
2.3. Ausarbeitung der Interferenzen
2.3.1. Hybridität im Lexikon
2.3.2. Hybridität in der Morphosyntax
2.3.3. Hybridität in der Syntax
2.4. Übersicht über die hybriden Sprachmuster
3. Versuch der Einordnung in bestehende Sprachkontaktmechanismen
3.1. Einführung der Sprachkontaktmechanismen
3.1.1. Substrat-Superstrat
3.1.1.1. Substrat
3.1.1.2. Superstrat
3.1.1.3. Diskussion der Zuordnungsmöglichkeit
3.1.2. Adstrat
3.1.3. Sprachbund und Sprachgemeinschaft
3.1.3.1. Sprachbund
3.1.3.2. Sprachgemeinschaft
3.1.3.3. Diskussion der Zuordnungsmöglichkeit
3.1.4. Pidginisierung
3.1.5. Kreolisierung
3.1.6. Sprachtod
3.1.6.1. Language Murder
3.1.6.2. Language Suicide
3.1.6.3. Diskussion der Zuordnungsmöglichkeit
3.1.7. Code-Switching
3.1.7.1. Äquivalenzmodell
3.1.7.2. Generatives Phrasenstrukturmodell
3.1.7.3. Dependenzmodell
3.1.7.4. Morphemhypothese
3.1.7.5. Konzept der Auslösefunktion
3.1.7.6. Matrix-Language-Frame
3.2. Überblick über die Zuordnungsmöglichkeiten
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
5. Ausblick auf aufbauende Untersuchungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Sprachkontakt zwischen dem Romanes (der Sprache der deutschen Zigeuner/Sinti) und dem Deutschen. Ziel ist es, die spezifischen Muster der Sprachmischung (Romnes) zu kategorisieren, die traditionelle Substrat-Superstrat-Theorie zu falsifizieren und eine Einordnung mittels gängiger kontaktlinguistischer Konzepte vorzunehmen.
- Analyse von Interferenzen auf lexikalischer, morphosyntaktischer und syntaktischer Ebene
- Kategorisierung der Sprachmischung mittels Matrix-Language-Frame (MLF)
- Vergleich der Sprachmischung mit bekannten Sprachkontaktmustern (Sprachbund, Pidginisierung, Sprachtod, etc.)
- Fokussierung auf die Vererbung sprachlicher Elemente unabhängig von Prestigegefällen
- Untersuchung von Beispielsätzen zur Verdeutlichung der Hybridsprache
Auszug aus dem Buch
2.1. Analyse des Materials in Bezug auf Interferenzen
Auffällig an Beispielsatz (1) sind die beiden Verben, deren Wortstämme jeweils aus dem Romanes stammen. Ob das Nullmorphem zur Markierung des IMP.2.SG bei dik seinen Ursprung im Romanes hat, lässt sich hier nicht entscheiden. Denn das Deutsche bildet den IMP.2.SG ebenfalls auf ein Nullmorphem. Während es nicht möglich ist das Flexiv an dik einer der beiden Parentalsprachen zuzuordnen, kann das Flexiv –t für die 3.Person Singular am Stamm śef- eindeutig dem Deutschen zugerechnet werden. Das Romanes bildet die Form 3.SG.IND.PRÄ.AKT auf -el.
Das Adjektiv latśo in prädikativer Stellung entstammt zur Gänze dem Romanes. Merk-würdig ist jedoch, dass im Genus keine Kongruenz zum Subjekt des Satzes des besteht. Das Flexiv –o kann im Romanes nur ein Maskulinum kodieren. Neutra werden in der Regel auf –i gebildet. Es scheint ganz so, als stünde das Adjektiv latśo in prädikativer Stellung in einer Art Default-Form. Im Deutschen unterscheiden sich Adjektive in prädikativer Stellung von Adjektiven in attributiver Stellung durch ihre Flexionsmarkierung. Während attributive Adjektive eine Kongruenz in Kasus, Numerus und Genus mit dem übergeordneten Nomen aufweisen, bleiben prädikative Adjektive unflektiert. Die in Satz (1) vorliegende Konstruktion ähnelt bezüglich der Flexionskongruenz auf das Genaueste der deutschen Syntax.
Die Funktionswörter des und doch sind keine Lexeme des Romanes und können ohne Zweifel dem Deutschen zugerechnet werden. Insgesamt zeichnet sich in (1) ab, dass Verben und Adjektive – beide Kategorien sind Bestandteile der großen Gruppe der Inhaltswörter – dem Romanes entnommen sind, während Funktionswörter wie Pronomina und Modalpartikeln dem Deutschen entstammen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Vorbemerkungen: Einführung in das Thema, Klärung der Begriffe und Darstellung des methodischen Vorgehens sowie der orthographischen und glossierenden Rahmenbedingungen.
1. Darstellung des Untersuchungsmaterials: Vorstellung des gesammelten Korpus, bestehend aus Äußerungen von zwei Semi-Sprechern, die die Grundlage für die Analyse bilden.
2. Analyse des Materials: Detaillierte Untersuchung der Beispielsätze hinsichtlich ihrer Herkunft (Romanes oder Deutsch) untergliedert in Lexikon, Morphosyntax und Syntax.
3. Versuch der Einordnung in bestehende Sprachkontaktmechanismen: Kritische Prüfung diverser linguistischer Theorien zur Einordnung des beobachteten Sprachkontakts, mit dem Ergebnis der Anwendbarkeit des Matrix-Language-Frame.
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Synthese der Ergebnisse, Falsifizierung traditioneller Theorien und Ausblick auf eine mögliche Modellierung kontaktinduzierter Sprachhybridisierung.
5. Ausblick auf aufbauende Untersuchungen: Diskussion zukünftiger Forschungsfelder und die Übertragbarkeit des Modells auf andere Sprachkontakte.
Schlüsselwörter
Romanes, Romnes, Sprachkontakt, Kontaktlinguistik, Sprachmischung, Substrat-Superstrat, Matrix-Language-Frame, Interferenz, Code-Switching, Sinti, Morphosyntax, Grammatikalisierung, Sprachwandel, Hybridität, Filialsprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Sprachkontakt zwischen Romanes und Deutsch und analysiert, wie daraus eine hybride Sprachform, das Romnes, entstanden ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die Kontaktlinguistik, insbesondere die Mechanismen der Sprachmischung, die morphosyntaktische Struktur der hybriden Sprache und die kritische Auseinandersetzung mit klassischen Sprachkontakt-Theorien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die spezifischen Interferenzen im Romanes zu kategorisieren und zu belegen, dass die traditionelle Substrat-Superstrat-Theorie auf diesen spezifischen Sprachkontakt nicht anwendbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es wird eine korpusbasierte Analyse von Sprachbeispielen durchgeführt, wobei die Strukturen der Sätze in deutsche und romanes Bestandteile zerlegt und nach ihrer syntaktischen und morphologischen Herkunft klassifiziert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der sprachlichen Daten (Interferenzen) und die anschließende theoretische Einordnung in bekannte Sprachkontaktmechanismen, wobei das Matrix-Language-Frame-Modell als passendste Erklärungsmethode identifiziert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Romanes, Romnes, Sprachkontakt, Kontaktlinguistik, Sprachmischung, Matrix-Language-Frame, Interferenz und Code-Switching.
Warum ist das "dative Reflexivum" in den Beispielsätzen so problematisch?
Es ist problematisch, weil es sich aus Sicht der deutschen Syntax als unmotiviert erweist und sich nicht als Dativus ethicus klassifizieren lässt, was die Anwendung gängiger Modelle wie dem Äquivalenzmodell erschwert.
Wie unterscheidet sich das Modell des Matrix-Language-Frame von anderen Ansätzen?
Im Gegensatz zu linearen Modellen betont es die hierarchische Struktur und die Aufteilung in Matrixsprache (ML) und Auxiliarsprache (EL), wobei soziale oder situative Faktoren ausgeblendet werden, um die linguistische Interferenz präziser zu beschreiben.
- Citation du texte
- M.A. Jesse Lehmann (Auteur), 2009, Sprachwandel im Romani, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189555