Die heterogene Bedeutung Fabels innerhalb des zeitallegorischen Kunstmärchens von Eros und Fabel

Das Klingsohr-Märchen im Heinrich von Ofterdingen (Novalis)


Seminararbeit, 2010
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die heterogene Bedeutung Fabels im Kunstmärchen
2.1 Das Wesen des Kunstmärchens
2.2 Die Fabel im Klingsohr-Märchen
2.2.1 5. Szene: Das Gespräch mit der Sphinx und die Begegnung mit den Parzen
2.2.2 6. Szene: Die Ankunft in Arcturs Reich
2.2.3 8. Szene: Die Lösung des Rätsels in der Unterwelt
2.2.4 10. Szene: Die Heimkehr Fabels und die Vollendung

3 Schluss
3.1 Das Klingsohr-Märchen als ein Kunstmärchen
3.2 Die heterogene Bedeutung Fabels

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Das Kunstmärchen von Eros und Fabel im neunten Kapitel des Heinrich von Ofterdin gen lässt kaum wie ein anderes Märchen dieser Form in der Forschung zahlreiche Interpretationsansätze zu, die in der Vergangenheit durch neue Perspektiven erweitert wurden, um im Bereich der Allegorie1 ein breites, vielschichtiges Angebot an Deutungsalternativen zu gewährleisten.2

Dabei kommt der Lesart eine entscheidende Funktion zu: Der Leser findet sich im Klingsohr-Märchen3 in einem historizitätsstiftenden und gleichzeitig leicht esoterisch- mystischen Stoff der Wundergestalten wieder, bei dem es sich um den Kampf zwischen guten und bösen Mächten handelt, die vorrangig durch die Protagonistin Fabel und den Schreiber personifiziert werden.4 Die Fabel nimmt im Werk als Hauptakteurin eine Schlüsselfunktion ein: Sie ist gleichzeitig Mensch und Begriff in Einem und wandelt als Einzige zwischen allen drei Welten (Himmel, Erde und Unterwelt) umher. Es ist die Aufgabe der Fabel, sich gegen ihre Gegenspieler zu behaupten, wodurch ihr eine hete- rogene Bedeutung zukommt.5

Nach einer Analyse der Eigenschaften des Kunstmärchens soll das Ziel der vorliegenden Arbeit sein, den vielschichtigen Charakter der Fabel auf den beiden Ebenen Mensch und Begriff herauszuarbeiten, ihre Leistungen zu beleuchten und zusammenfassend ihre Bedeutungen im Märchenstoff für das Personenensemble zu verdeutlichen. Die Ergebnisse sollen in einer Vogelperspektive auf das Werk das Wesen des Kunstmärchens sowie dessen Typen darstellen, um eine Vernetzung von Stoff, Form und Deutung, auch vor dem historischen Hintergrund, zu ermöglichen.

2 Die heterogene Bedeutung Fabels im Kunstmärchen

2.1 Das Wesen des Kunstmärchens

Das Märchen, das vom mittelhochdeutschen Lexem maere stammt, bedeutet im Neu- hochdeutschen etwa Kunde oder Nachricht. Es gilt als eine der typischsten epischen Formen in der Epoche der Romantik, die durch Autoren wie Wilhelm und Jakob Grimm, Ludwig Bechstein oder Johann Karl August Musäus6 gesammelt und veröffent- licht wurden:

Das Märchen ist eine kürzere Prosaerzählung, die wunderbare Begebenheiten zum Gegenstand hat. […] Die Märchenhandlung ist weder zeitlich noch räumlich festgelegt. Das phantastische Element kommt in sprechenden Tieren und Gegenständen, Verwandlungen und Verzauberungen zum Aus- druck. Grausame Elemente (wie harte Strafen) weisen auf die Verwandtschaft mit dem Mythos hin. Während im Mythos allerdings das Gute und das Böse noch unterschiedslos vereint ist, werden die verschiedenen Kräfte im Märchen in der Regel säuberlich getrennt (oft in Form guter und böser Figu- ren). Diese klare Aufteilung und die relativ einfache Struktur prägen die Form des Märchens. Inhalt- lich steht meist ein Held im Mittelpunkt, der Auseinandersetzungen mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften bestehen muß. In sprachlicher Hinsicht finden sich viele Redensarten und Sprichwörter.7

Das Kunstmärchen nimmt die phantastischen Elemente des Märchens auf und entwi- ckelt sich nach Wührl auf formaler und inhaltlicher Ebene durch eine „Psychologisie- rung der Figurenzeichnung und Literarisierung des Erzählstils“ weiter.8 Kennzeichnend ist für das Kunstmärchen, dass es die Grenzen der literarischen Gattungen überwinden kann, wodurch die Art des Erzählstils „vom feierlichen Pathos über die ernste Sachlich- keit bis zur übermutigen Burleske [grob komischer Roman] über die fratzenhafte Groteske bis zum unheimlichen Nachtstück“ reichen kann.9 Das Kunstmärchen zeichnet sich auch durch eine sozialgeschichtlich-literarische Verarbeitung des Zeitgeist-Stoffes aus, wo- durch die Protagonisten eine werkimmanente Wandlung erfahren: „Die fiktive Wunsch- erfüllung im Sinne der naiven Moral im Volksmärchen, die das Gute belohnt und das Böse bestraft, ist im Kunstmärchen durch eine skeptische Wirklichkeitssicht ersetzt. Das naive Glücksmärchen-Schema, das sozialen Aufstieg mit Glück gleichsetzt, wird oft durchbrochen. […] Häufig erweisen sich die Märchenarrangements als raffinierte Tarnung wichtiger soziologischer, psychologischer oder anthropologischer Einsichten. […]“.10 Bei der Lektüre des Kunstmärchens wird deutlich, dass das Figurenpersonal, wie im Märchen von Eros und Fabel, einem Bildungsprozess unterworfen ist.11

Eine weitere Unterscheidung zwischen Märchentypen bestimmt die Position des Kunstmärchens aus einer anderen Perspektive. Nach Diez lassen sich drei Typen aufgliedern: Beim ersten Typus hat es der Leser mit Wundergestalten zu tun, die als wirkliche Wesen mit natürlichen Menschen verkehren. Dies lasse sich an Volksmärchen wie Goethes Melusine erkennen. Im Märchen von Eros und Fabel, das zum zweiten Typus gehört, wird der Leser in eine Sphäre der Wunder, Magie und Fabelwesen versetzt. Der dritte Typus „hebt die materielle Wirklichkeit der Wundergestalt überhaupt auf und bietet sie nur noch als geistige Schöpfung des Helden, als Traum und Wahngestalt, als Halluzination oder dichterisches Produkt, nicht des Autors, sondern eben seines Helden.“12 Neben diesen drei genannten Typen sind auch Mischformen möglich, zu denen sich Der blonde Eckbert von Ludwig Tieck zählen lässt.13

Die Allegorisierung von abstrakten Begriffen wie „Weisheit“ oder „Liebe“ durch Per- sonifizierungen wie „Sophie“ oder „Eros“ stellt ein besonderes Merkmal des Kunstmär- chens dar. Bereits in Goethes M ä rchen lässt sich dieser Stil feststellen, der im Kling- sohr-Märchen von Hardenberg wieder aufgegriffen wurde: „Wie Goethes Märchen, so setzt sich auch das Klingsohrs zusammen aus mythischen Personifikationen der Natur und allegorischen Gebilden mit abstrakten Namen, nur im umgekehrten Verhältnis: es überwiegen bei Novalis die personifizierten Abstrakta, und so lockt dieses Märchen überall zur Interpretation.“14

Nach Max Diez wird der Leser durch Novalis im Märchen zur Mitarbeit angeregt. Es sei seine Aufgabe, die Rätsel im Werk zu entschlüsseln und die ineinander verwobenen Handlungsstränge zu deuten: „Das Rätselspiel ist ein beliebtes Mittel Hardenbergs: die Kunst, die Substanz in ihren Eigenschaften zu verbergen. […] Das Vergnügen des Erra- tens, was eigentlich gemeint sei, hat dieses Rätselspiel mit der Metaphorik gemein. No- valis entwickelt eine Kunst, auch mit den konkreten und eigentlichen Bezeichnungen ein solches Spiel zu treiben und dem Leser Aufgaben zu stellen.“15 Dadurch, dass der Leser angesprochen werde, den Märchengestalten eine tiefere Bedeutung zu verleihen, werde für Novalis das Märchen auf ein höheres Niveau gehoben.16 Die Analyse der Fi- gur Fabels an ausgewählten Textpassagen soll im Folgenden im Mittelpunkt der Unter- suchung stehen.17

2.2 Die Fabel im Klingsohr-Märchen

Sucht der Leser im Märchen von Eros und Fabel nach Beispielen für Allegorien, so lässt sich jeder Akteur mit mindestens einem abstrakten Begriff verbinden: „Viele Personen erscheinen im Märchen selbst unter doppeltem Namen: Freya-Friede, Eros-Liebe, Gin- nistan-Phantasie, Mutter-Herz, Sophie-Weisheit, der alte Held-Eisen. […] Arktur ist der Zufall, der Vater ist der Sinn, Sophie das Heilige, Unbekannte und der Schreiber der petrifizierende und petrifizierte [versteinerte] Verstand. Diese Namen geben den Schlüssel und die Anregung zum Auffinden einer zweiten metaphorischen Bedeutung hinter den Handlungen und Eigenschaften der Personen, die sich denn auch leichter als bei Goethe bestimmen läßt.“18

[...]


1 Die Allegorie ist eine rational fassbare Darstellung eines abstrakten Begriffs in einem Bild, oft mit Hilfe der Personifikation. (aus Duden. Das Fremdwörterbuch, Mannheim 1990, S.48.)

2 Mahoney, Dennis F.: Friedrich von Hardenberg (Novalis), Stuttgart 2001, S. 135.

3 Die Bezeichnung „Klingsohr-Märchen“ entspricht dem Märchen von Eros und Fabel im Heinrich von Ofterdingen.

4 Diez, Max: Novalis und das allegorische Märchen, in: Gerhard Schulz (Hg.): Novalis. Beiträge zu Werk und Persönlichkeit Friedrich von Hardenbergs, Darmstadt 1970, S. 134.

5 Ebd., S. 151.

6 Musäus reihte sich mit der Sammlung Volksm ä hrchen der Deutschen neben den Kinder- und Hausm ä r- chen der Gebrüder Grimm und Bechsteins Werk Deutsches M ä rchenbuch in den Kreis deutscher Mär- chenautoren ein.

7 Zur Definition des Kunstmärchens: http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/epik/maerchen.htm (Stand 13.08.2010)

8 Vgl. Wührl, Paul-Wolfgang: Das deutsche Kunstmärchen, Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen, Heidelberg 1984, S. 16.

9 Ebd.,S.16.

10 Ebd., S. 17.

11 Schmaus, Marion: Psychosomatik. Literarische, philosophische und medizinische Geschichten zur Entstehung eines Diskurses (1778-1936), Tübingen 2009, S. 128.

12 Ebd., S. 135.

13 Ebd., S. 135.

14 Diez, Max: Novalis und das allegorische Märchen, in: Gerhard Schulz (Hg.): Novalis. Beiträge zu Werk und Persönlichkeit Friedrich von Hardenbergs, Darmstadt 1970, S. 139.

15 Ebd., S. 143.

16 Ebd., S. 135.

17 Die Textpassagen werden nach der Ausgabe von Hans Jürgen Balmes (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2008) zitiert.

18 Diez, Max: Novalis und das allegorische Märchen, S. 139.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die heterogene Bedeutung Fabels innerhalb des zeitallegorischen Kunstmärchens von Eros und Fabel
Untertitel
Das Klingsohr-Märchen im Heinrich von Ofterdingen (Novalis)
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
PS Novalis
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V189602
ISBN (eBook)
9783656137993
ISBN (Buch)
9783656138440
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Seminar wurde von der Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Ethik angeboten.
Schlagworte
Literaturwissenschaft, Ethik, Germanistik, Novalis, Romantik, Blaue Blume, Heinrich von Ofterdingen
Arbeit zitieren
Robert Bräutigam (Autor), 2010, Die heterogene Bedeutung Fabels innerhalb des zeitallegorischen Kunstmärchens von Eros und Fabel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189602

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