"Software" - virtueller Partner oder Werkzeug

Die Erfindung der Programmiersprache


Essay, 1992
5 Seiten

Leseprobe

"Software" - virtueller Partner oder Werkzeug

Die Frage, was ist Software, erzeugt normalerweise eine einfache Antwort: Programme, oder alles, was man nicht anfassen kann. Auch unter Informatikern gilt es als unhöflich, sich mit dieser Antwort nicht zu bescheiden. Das hat Grund. Software virtualisiert Werkzeuge, die weit über das hinausgehen, was der gesunde Menschenverstand von einer simplen Maschine mit einigen (zig)tausend Stromschaltern erwarten würde: unter anderem Maschinen, die uns vormachen als Kommunikationspartner mit uns zu sprechen oder (sprachliche) Befehle entgegennehmen und ausführen zu können. Software erscheint als Geist solcher Maschinen. Wie aber werden diese Maschinen beseelt?

Spätestens seit Darwin die Evolutionstheorie von Wallace zum Allgemeingut machte, sind wir uns gewohnt, nicht nur Märchen, sondern auch Geschichten, die wahr sein wollen, ohne Anfang - ohne Schöpfung - zu denken. Bekannt ist bezüglich der Software allgemein nur die Evolution vom Assembler zum Case-Tool. Software muss sich nicht zuletzt der Geschichte ihres ursprünglichen Gewordenseins entziehen, damit wir im Paradoxon von sprachfähigen Maschinen verweilen können.

Aber Evolutionsgeschichten sind dialektisch, sie lenken unsere Aufmerksamkeit immer auch auf den Punkt, den sie ausblenden (wollen), nämlich eben auf den Anfang. Ueber unseren Anfang werden wir uns sinnigerweise keine Bilder machen, aber daraus sollten wir keineswegs - wie es gemeinhin in Software-Evolutions-Geschichten getan wird - ableiten, dass sich auch Nachdenken über den Anfang der sogenannten Software nicht lohnen könnte. Die "Software" ist nicht wie wir auf die Welt gekommen. Mit dem Wortteil "-ware" bringen wir diese (Tat)sache deutlich zum Ausdruck, auch wenn wir mit dem näher bestimmenden "soft-" die Eindeutigkeit des gemeinten Gegenstandes etwas relativieren.

Programmiersprachen

In den Evolutionsgeschichten steht: Die ersten Computer wurden sehr umständlich und aufwendig mittels einer sogenannten Maschinensprache programmiert. Suggeriert wird durch diese evolutionistische Redeweise, die den Anfang der Programmiersprachen ausblendet, dass bereits die Erfinder der Computer ihren Maschinen sprachliche Anweisungen gegeben hätten. Dem war aber keineswegs so. Die Programmier- Sprache fiel nicht termingerecht vom Himmel. Sie ist vielmehr eine eigenständige Erfindung, die die massenhafte Verbreitung der Computer überhaupt erst möglich machte. Die Programmiersprache entspricht in gewisser Hinsicht dem Buchdruckes von Gutenberg oder dem Benzinmotores von Otto, die beide eine bereits vorhandene Ware, nämlich das Buch und das maschinell angetriebene Fahrzeug massentauglich machten. Wenn wir die Computer - wie in den Anfängen - ohne Programmiersprachen programmieren müssten, würden sie heute noch in den Forschungslaboratorien statt auf jedem Schreibtisch stehen.

Als Erfindung teilt die Programmiersprache das Schicksal vieler genialen Erfindungen. Sie liegen im Nachhinein so sehr auf der Hand, dass sie gar nicht als Erfindungen wahrgenommen werden. Der naiv interpretierte Wortteil "-sprache" verleitet zusätzlich zur Annahme, dass Programmiersprachen wie unsere Sprachen zwar konkret geformt sind, aber als Sprache überhaupt immer schon da waren. In diesem Sinne werden Programmiersprachen auch oft als künstliche Sprachen bezeichnet, wobei das Attribut "künstlich" nicht auf die Sprache als erfundenes Produkt bezogen wird, sondern lediglich darauf, dass die Syntax oder die Form der Sprache eindeutig (eingeschränkt) ist.

Die Ware, die durch Programmiersprachen massentauglich wurde, ist der Computer. Mit dem Ausdruck "Computer" bezeichnen wir eine nicht scharf abgegrenzte Teilmenge der Automaten, also der konstruktiv explizit gesteuerten Maschinen. Computer sind Maschinen, die programmiert werden müssen. Ohne Programmierung ist der Computer unvollständig, wir bezeichnen das entsprechende Halbfabrikat als "Hardware". Die Hardware alleine kann man sowenig brauchen, wie eine einzelne Schraube, die Bestandteil der Hardware ist. Zum Computer gehört die Programmierung. Die Programmierung und der Computer sind unter dem Gesichtspunkt der Erfindung dasselbe. Wir können also uneingeschränkt sagen, wann die Programmierung erfunden wurde. Eine andere Frage ist, ob die Erfinder der Computer deren Programmierung auch Programmierung nannten. Und eine noch andere Frage ist, wie die ersten Computer tatsächlich programmiert wurden.

Was heisst programmieren überhaupt? Die Antwort zu dieser Frage liegt in der Evolution der Werkzeuge: Hammer und Sichel sind primitive Werkzeuge, die der Benutzer sowohl antreiben wie steuern muss. Entwickeltere Werkzeuge sind Maschinen, wie etwa das Auto, in welchem der Benutzer nur noch steuern muss. Noch entwikeltere Werkzeuge, eben die Computer, enthalten eine explizit konstruierte Steuerung. Computer machen, was in ihrer Steuerung festgelegt ist. Das Festlegen der Steuerung heisst programmieren. Sehr anschaulich ist die Steuerung einer Maschine mit einem eigens dazu konstruierten Mechanismus beispielsweise bei primitiven Musikautomaten, bei welchen Stiftchen auf einer Walze bestimmte Melodien bewirken. Man kann diese Automaten für bestimmte Melodien programmieren, indem man die Stiftchen auf der Walze entsprechend anordnet. Nicht viel weniger anschaulich sind die Lochkarten-Maschinen, die auf verschiedene Lochmuster reagieren. Der Webstuhlbauer Jacquard hat bereits um 1800 entdeckt, dass man entsprechend konstruierte Webstühle mit Lochkarten so programmieren kann, dass bestimmte Stoffmuster gewoben werden. Diese Beispiele zeigen, dass man zur Programmierung einer Maschine keine Programmiersprache - und insbesondere auch keine "0"/"1"-Sprache - braucht.

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Details

Titel
"Software" - virtueller Partner oder Werkzeug
Untertitel
Die Erfindung der Programmiersprache
Autor
Jahr
1992
Seiten
5
Katalognummer
V189633
ISBN (eBook)
9783656142096
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
software, partner, werkzeug, erfindung, programmiersprache
Arbeit zitieren
Rolf Todesco (Autor), 1992, "Software" - virtueller Partner oder Werkzeug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189633

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