Zur Kommunalisierung städtischer Versorgungs- und Verkehrsbetriebe im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert


Hausarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Hygiene und Entwicklungspolitik – Die Wasserbetriebe

2. Das exemplarische Scheitern privater Versorger – die Gaswerke

3. Die Straßenbahnen – ein wichtiges Mittel der Stadtplanung

4. Kommunalisierung - sozialpolitische Beweggründe

5. Kommunalisierung - fiskalische Beweggründe

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang 1: Entwicklung städtischer Gaswerke in Deutschland zwischen 1860 und 1912

Anhang 2: Straßenbahnen in deutschen Städten 1904

Einleitung

Ein Prozess rasanter Urbanisierung war wohl eine der bedeutendsten und bis heute prägendsten Entwicklungen des europäischen 19. Jahrhunderts. Reformen, die das Sozialgefüge des ländlichen Raumes veränderten, führten gemeinsam mit einer Reihe technischer Innovationen zur umfassenden Ausprägung der industriellen Produktionsweise und dem steten Zuzug ländlicher Bevölkerung in Städte und Industriedörfer. Dies stellte die Kommunen vor ganz neue Herausforderungen. Sie sahen sich hygienischen, sozialen, versorgungstechnischen und baupolizeilichen Problemen bisher unbekannten Ausmaßes gegenüber. Diese Probleme, gepaart mit einem neuen bürgerlichen Selbstbewusstsein, führten dazu, dass die Städte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Aufgaben an sich zogen, die zuvor vom Staat oder von Privatunternehmen übernommen worden waren. Dominierten auf dem Gebiet der städtischen Versorgungs- und Verkehrsunternehmen um 1850 noch die Privatanbieter, so sollte sich dieses Bild bis zur Jahrhundertwende stark zu Gunsten der städtischen Eigenregie gewandelt haben. Es entstanden die bis zum heutigen Tage bedeutenden Kommunalunternehmen.

Die vorliegende Hausarbeit wird untersuchen, ob diese Kommunalisierung städtischer Versorgungs- und Verkehrsbetriebe für die Kommunen alternativlos war und welche Handlungsspielräume sie sich davon erhofften. Dabei wird auf hygienische, entwicklungspolitische, sozialpolitische und fiskalische Beweggründe eingegangen werden. Objekt der Darstellung sind die Kommunen des Deutschen Bundes bzw. Deutschen Reiches der Jahre 1850-1920.

1. Hygiene und Entwicklungspolitik – Die Wasserbetriebe

Den mit einer massiven Urbanisierung verbundenen Problemen konnte nur durch eine konzertierte und komplexe Infrastrukturplanung abgeholfen werden. Am drängendsten zeigte sich dabei wahrscheinlich die Frage der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, eine der großen, urbanen Herausforderungen des 19. Jahrhunderts. Der über Jahrhunderte unveränderte Usus der dezentralen Versorgung aus Brunnen, verbunden mit einer Entsorgung über Senkgruben und Rinnsteine, war den neuen Großstädten mit Hunderttausenden Einwohnern, den eng und schnell errichteten Karrees aus Mietskasernen, nicht mehr gewachsen.

Die Einrichtung einer zentralen Wasserversorgung war für die Sicherheit und Lebensqualität in den neuen Großstädten unumgehbar. Die großen deutschen Städte haben ihre Wasserwerke fast alle zwischen 1870 und 1880 errichtet. Hygienische Gründe standen dabei Anfangs nicht im Vordergrund. Zwar war schon seit Jahrhunderten bekannt, dass „giftige Dünste“ zur Verbreitung gefährlicher Seuchen beitrugen; die ursächliche Verbindung zwischen städtischer Hygiene und der Ausbreitung von Krankheiten war jedoch noch nicht erkannt worden. So hatte die Einrichtung kommunaler Wasserwerke zunächst vor allem sicherheitspolizeiliche Gründe, denn Straßenreinigung und Brandschutz waren in den vielerorts eng bebauten und stetig wachsenden Elendsquartieren nicht mehr zufriedenstellend gewährleistet, da die bisherige Praxis der Wasserversorgung aus Flüssen und Brunnen den Bedarf nicht länger zu decken vermochte. Erschwerend kam hinzu, dass der Grundwasserspiegel vielerorts wegen der starken Wasserentnahme der Industrie sank.

Gleichzeitig wurde das Grund- und Oberflächenwasser durch den zunehmenden Eintrag von Fäkalien und Industrieabwässern stark belastet. Schon bevor der Zusammenhang zwischen mangelnden hygienischen Verhältnissen und Seuchen, wie der Cholera, eigentlich bekannt wurde, zwangen Klagen über Verschmutzung und Gestank der Entwässerungskanäle, Rinnsteine und Flüsse die Kommunen zum Handeln. So dienten die ersten deutschen Wasserwerke nicht nur der Behebung des Wassermangels, sondern vielerorts auch der Rinnsteinspülung, also der Straßenreinigung. Zwar wurden all diese Probleme schon mit der Jahrhunderthälfte akut, oft aber zögerten Sparsamkeitsrücksichten den Bau der dringend benötigten Wasserwerke hinaus und nicht selten bedurfte es erst der Mahnungen von Landräten und Regierungen, um für hygienische Zustände in vielen Städten zu sorgen, so zum Beispiel 1867 in Düsseldorf, Dortmund und Münster.[1] Der Bau des ersten Berliner Wasserwerks 1852 ging nicht etwa auf den Magistrat, welcher die Kosten scheute, sondern auf das Betreiben des Polizeipräsidenten zurück.[2] Diese städtische Zurückhaltung ist natürlich nur dort von Relevanz, wo eine solche Anlage auch in kommunaler Regie errichtet wurde.

In der Tat war das privatwirtschaftliche Engagement am Bau und Betrieb von Wasserwerken gering. Nur einige wenige, frühe Werke gehen auf ausländisches Privatkapital zurück, so das in Hamburg 1849, das in Berlin 1853 und das in Magdeburg 1856;[3] viel öfter aber erfolgte der Betrieb von Anfang an durch die Gemeinde. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass viele Städte der ordnungspolizeilichen Bedeutung der Angelegenheit wegen lieber selbst als Investoren und Betreiber auftraten, andererseits mit der von kommunaler Seite oft gewünschten Verbindung von Wasserver- und -entsorgung, die sich aus privatwirtschaftlicher Sicht nicht lohnte. So hatten selbst Kommunen, die einer privatwirtschaftlichen Lösung nicht abgeneigt waren, zuweilen Probleme einen seriösen Investor zu finden, so zum Beispiel Mannheim 1853 und Leipzig 1862.[4] In Dortmund scheiterte die Beteiligung privater Firmen an den von jenen geforderten Sonderkonditionen.[5] Wasser war zwar profitabel, das Betreiben einer Kanalisation aber nicht. Dort wo private Wasserwerke entstanden, lief also die Versorgung privat und die Entsorgung kommunal, was einer Privatisierung der Profite und einer Sozialisierung der Verluste gleichkam. Eine rein privatwirtschaftliche Wasserwirtschaft führte zudem schnell zu überhöhten Preisen, maroden Anlagen und der Nichterschließung ganzer Stadtteile, vor allem der ärmeren. Hier ergab sich für die Kommunen auch ein entwicklungspolitisches Problem. Beispiel für eine solche Investition, die am eigentlichen Bedarf vorbei ging, war das 1853 von Fox & Crampton errichtete Berliner Wasserwerk am Stralauer Tor, dessen 120 km Wasserleitungen vorwiegend zahlungskräftigen Stadtvierteln zugute kamen.[6] Eine Übernahme solcher Anlagen durch die Kommune war oft nur eine Frage der Zeit und so war die Kommunalisierung der deutschen Wasserbetriebe um die Jahrhundertwende nahezu abgeschlossen.[7]

Unabhängig davon folgten auch die meisten kommunalen Investitionen dem Muster, dass zunächst ein Wasserwerk und erst später eine Kanalisation errichtet wurden. Dies hängt natürlich auch damit zusammen, dass erst durch die Inbetriebnahme eines Wasserwerkes die Abwassermengen so richtig in die Höhe stiegen und die Rinnsteinspülung vielerorts zur Beseitigung von Abfällen und Fäkalien missbraucht wurde. So war man in Berlin nach Inbetriebnahme des ersten Wasserwerks bald gezwungen über den Bau einer Kanalisation nachzudenken, da sich das Geruchsproblem in der Stadt mit der Einrichtung der Rinnsteinspülung eher noch verschärft hatte. Das von James Hobrecht entworfene System radialer Entwässerungskanäle mischte Abwasser mit Regenwasser, um es schließlich auf Rieselfelder zu pumpen. Der Bau dieser modernen Sielkanalisation bedeutete auch hier nichts anderes als die Sozialisierung eines Verlustgeschäfts, während Fox & Crampton von den Gewinnen der Versorgung profitierten. Schon ein Jahr nach Fertigstellung der Kanalisation ging Berlin daher 1873 bei der Wasserversorgung zum Regiebetrieb über.[8]

Auch in Frankfurt/Main und Münster hören wir von den Problemen, welche das durch die verbesserte Wasserversorgung erhöhte Abwasseraufkommen mit sich bringt: stagnierende Entwässerungskanäle, Rückstau, überlaufende Senkgruben und in Folge all dessen schließlich durchfeuchtete Grundmauern und Gestank. Besonders am Beispiel Frankfurts kann man erkennen, dass es auch die Bewohner besser betuchter Stadtviertel waren, die sich für den Bau einer Kanalisation einsetzten. Nicht zuletzt waren es die Hoteliers und Ladeninhaber dieser Zeit, die wegen des Gestanks um ihre Geschäfte und das Ansehen der Stadt bangten.[9]

Insgesamt lässt sich feststellen, dass neben solchen Problemen der „öffentlichen Ordnung“ nach 1870 auch zunehmend hygienische Gesichtspunkte eine Rolle spielten, die der technische und medizinische Erkenntnisstand mit sich brachte. Vor den bahnbrechenden Entdeckungen Robert Kochs hatte noch weitgehende Uneinigkeit über die medizinische Relevanz von Hygiene bestanden. Nun setzte sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen schlechter Abwasserentsorgung und der Verbreitung von Seuchen wie Typhus und Cholera gab. Auch um entsprechend diesen neuesten Forschungsergebnissen hygienisches Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, investierten viele Städte in ihre Wasserver- und -entsorgung.

[...]


[1] Krabbe, Wolfgang: Kommunalpolitik und Industrialisierung, Stuttgart/Köln/Berlin/Mainz 1985, S. 27

[2] Eggert: Die Wasserversorgung Berlins. In: Monographien deutscher Städte, Bd. 8: Berlin, Berlin 1914, S. 196 und Treue, Wilhelm: Kommunale Unternehmen und ihre Zusammenarbeit mit politischen Gremien, Verwaltungen und Verbänden (ab ca. 1850 bis zur Gegenwart), S. 196.

[3] Tae-Yel Kwack: Die Entwicklung von Kommunalunternehmen in Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung finanz- und sozialpolitischer Aspekte,Münster, 1989, S. 86. Als Investoren traten britische Firmen auf, da in Deutschland noch das Know How für solche Anlagen fehlte.

[4] Krabbe: Kommunalpolitik, S.30.

[5] Ebenda, S. 203.

[6] Erbe, Michael: Berlin im Kaiserreich (1871-1918). In: Ribbe, Wolfgang: Geschichte Berlins, Bd. 2: Von der Märzrevolution bis zur Gegenwart, München 1987, S. 712.

[7] Um 1910 befanden sich bereits über 90% der Wasserwerke im kommunalen Regiebetrieb. Vgl. Krabbe: Kommunalpolitik, S. 24.

[8] Erbe, Michael: Berlin im Kaiserreich, S. 712.

[9] Bauer, Thomas: Im Bauch der Stadt. Kanalisation und Hygiene in Frankfurt am Main, Frankfurt/M., 1998, S. 210ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zur Kommunalisierung städtischer Versorgungs- und Verkehrsbetriebe im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Europäische Geschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V189721
ISBN (eBook)
9783656140764
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kommunalisierung, versorgungs-, verkehrsbetriebe, jahrhundert
Arbeit zitieren
Konrad Reinhold (Autor), 2011, Zur Kommunalisierung städtischer Versorgungs- und Verkehrsbetriebe im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189721

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