Herren mit Chaperon

Eine Gesellschaft im Werdegang am Beispiel von Jan van Eycks Porträts


Essay, 2008

25 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Anmerkungen über eine besondere Jahrhundertwende
1.1. Das Stadtwesen in den Flandern um die Jahrhundertwende
1.2. Die Gesellschaft um Jan van Eyck
1.2.1. Höflinge in pectore

2. Der Hofmaler der Bürgerwelt: Jan van Eyck
2.1. Einige repräsentative Porträts
2.1.1. Das Porträt des Kardinals Albergati, 1431-32
2.1.2. Herren en chapperon
2.1.3. Noch ein chapperon: Giovanni Arnolfini

3. Schlußfolgerung

4. Literatur

Vorwort

Mit der flämischen Ars nova wird dem Porträt eine neue Bedeutung verliehen.

Einerseits ermöglichte die verbesserte wirtschaftliche Lage weiteren Oberschichten der Gesellschaft, sich der Kunst zu nähern und dadurch sich selbst öffentlich kundzutun. Andererseits hatte sich das Interesse von einer in ihren Grundzügen fast erstarrten traditionellen Kunst der Buch- oder Wandmalerei auf eine eher lebenswahre Darstellung der bunten Wirklichkeit verlagert. Das heißt, die Porträtierung war nicht länger ein Herrscherprivileg.

Einleitung

Unabhängig von Zeit und Ort war das Interesse um Jan van Eyck (Maaseyck vor 1395 – Brügge 1441) immer lebendig; das weist darauf hin, wie tief der Einfluß seiner Werke in die Gefühlswelt und in die Erwägungen seiner Zeitgenossen und Nachfahren eingegangen ist[1].

Nur eine geringe Zahl an Urkunden zeugt vom Leben van Eycks[2]. In den ihm gewidmeten Studien werden Spuren entdeckt, die sein Profil beleuchten. Seine Existenz ist durch sein Werk bestätigt[3]: Darunter sind seine Porträts ein sonderbarer Nachlaß. Darin pflegte er die Physiognomie des Subjekts anscheinend so getreu wie nur möglich zu porträtieren und seine Leistung lag vor allem in der vollendeten Ausführung jeder Einzelheit.[4]

Wie durch seine vierzehn selbständigen Porträts belegt, war van Eyck ein Exzellenzprodukt seiner Zivilisation: Sein »imperative urge to individualize human beings« gab seinen Porträtsaufträgen bei der oberen échelons der Gesellschaft Aufschwung, denn »Jan’s portraiture was at that time an isolated phenomenon in Europe«.[5] Das Porträt erweist sich so als erlesenes Mittel sich selbst öffentlich kundzutun.

Außerdem war das Porträt ein Zeichen der Beziehung zwischen Auftraggeber und Künstler: Eine Ehre, dem Maler zugebilligt, der damit zu einem künftigen Hofmaler werden konnte, und eine öffentliche Anerkennung der Würde des Porträtierten. Diese Beziehung wurde im Namen der feudalistischen persönlichen Bindungen geschlossen, die den Stand eines Menschen einstuften: Je enger der Kontakt zur Herrschaft, desto höher die Würde und das Vertrauen. Auch bei Jan van Eyck, varlet de chambre und Hofmaler ab dem Jahre 1425, ist dieses Verhalten unverkennbar.[6]

Angesichts der oben geschilderten Lage stützt sich meine Erörterung auf den Text von Jean C. Wilson, Painting in Bruges at the close of the Middle Ages. Studies in Society and Visual Culture.[7] Diese Studie veranlaßt mich, jene Welt zu ergründen, die die Porträts van Eycks prägte.

Meine Stellungnahme ist dann, Porträts seien »vero testis temporum«[8], indem sie vom Kunstwerk zur Urkunde werden.[9] Ciceros Definition kann auf van Eyck angewandt werden, insofern seine Porträts die Züge einer Welt verewigen, die sonst dazu verurteilt sind, in Vergessenheit zu geraten.

Der in den Niederlanden um die Jahrhundertwende errungene Wohlstand[10] führte zu einem neuen Selbstbewußtsein, das über die Grenze der alten spätmittelalterlichen Kultur hinausging. In dieser Epoche erwies sich das Porträt als bevorzugte Ausdrucksweise der künstlerischen Tätigkeit[11], insbesondere diente es der persönlichen Erinnerung an Menschen, die einem öffentlichen oder einem privaten Umkreis angehören.[12] Die Wichtigkeit des Menschen und seine Unaustauschbarkeit wurden im Laufe der Jahrzehnte mittels einer erneuerten Ekphrasis der Gesichtszüge herauskristallisiert[13]: Jene visualisierte Denkweise wurde von der Malerei so verarbeitet, daß sie eine moderne Dimension der Selbstoffenbarung herbeiführte.[14]

Mein Untersuchungsgebiet hat darum einen Aspekt zum Ziel, und zwar die Porträts einer Gesellschaft im Werdegang. Aus diesem Grund werde ich mit einem Überblick in jene bunte und manchmal widersprüchliche Welt anfangen.

1. Anmerkungen über eine besondere Jahrhundertwende.

Im ausgehenden Mittelalter ergab sich eine positive Wirtschaftskonjunktur: Komplexe Handelsnetze hatten Europa noch mehr als zuvor globalisiert und das Gebiet zwischen Nordsee und Frankreich entwickelte eine Zivilisation, die als Maßstab für ganz Europa fungierte[15]. Die Mobilität von Menschen und ihren Waren waren ein gutes Sprungbrett, damit sich auch Ideen in der Kunst in Bewegung setzten.[16]

Zwei Aspekte sind zu vergegenwärtigen: das Stadtwesen und die oberen échélons der Gesellschaft.

1.1. Das Stadtwesen in den Flandern um die Jahrhundertwende.

In den größeren Ansiedlungen wurde die soziale Ordnung einer Handelsgewerbe betreibenden Gesellschaft im Werdegang ausgelegt[17], die im eigenen Interesse die ausländischen Hansen nicht vernachlässigte: Viele ihrer Mitglieder wurden von den lokalen Meistern abgebildet. Auch wenn es nur eine Annahme ist, daß Jan van Eyck die Lucca Madonna[18] für einen Vertreter einer ausländischen Kreditanstalt anfertigte, steht fest, daß Hugo van der Goes ein Triptychon für Tommaso Portinari[19] malte und das gleiche Hans Memling für Angelo Tani tat.[20] Diese Figuren, ihre Leistungen und ihre Rolle in der damaligen Gesellschaft werden durch die Verewigung auf den gestifteten Gemälden nicht mehr vergessen: Sie trugen bei, ihre Herkunftsstadt mit Kunstwerken und Weihgaben zu verschönern, und vermarkteten damit die niederländische Kunst. Dank Verschiffung und effizienten Kommunikationswegen konnten die retables schnell überliefert werden.[21]

[...]


[1] Unzählig sind die Texte, die mit Jan van Eyck befassen. Darunter sind folgende Autoren für die vorliegende Erörterung zu beachten: Erwin Panofsky: Early Netherlandish Painting. Its Origins and Character, 2 Bd., Cambridge, Mass. 1953, deutschsprachige Ausgabe benutzt: Die altniederländische Malerei. Ihr Ursprung und Wesen, 2 Bd., Köln 2006; Lorne Campbell, Renaissance Porträts. European – Portrait Painting in the 14th, 15th and 16th Centuries, New Haven and London 1990; Andreas Beyer, Das Porträt in der Malerei, München 2002; Otto Pächt, Van Eyck. Die Begründer der altniederländischen Malerei, München 20023.

[2] Vgl. Charles Sterling, »Jan van Eyck avant 1432« in: Revue de l’art, 33 (1976), S. 7-82; Jacques Paviot, »La vie de Jan van Eyck selon les documents écrits« in: Revue des archéologues et historiens d’art de Louvain, XXIII, 1990, S. 83-93; Les primitifs flamands et leur temps, von Brigitte de Patoul und Roger van Schoute, Louvain-la-Neuve 1994, S. 82-83, 288.

[3] Vgl. Jan van Eyck, Bildnis des Kardinals Niccolò Albergati, Arras 1431, Silberstiftzeichnung, Dresden, Kupferstichkabinett, Inv.-No. c775, und endgültige Ausführung, Brügge, 1431-35, Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv.-No. 975.

[4] Vgl. Investigating Jan van Eyck, hrsg. von Susan Foister, Sue Jones and Delphine Cool, Turnhout 2000, S. 80-ff. Obwohl die frühe niederländische Malerei auf die Physiognomik nicht verzichtet, werden Gesichtszüge und Mienen nicht mehr durch kodifizierte Formeln wiedergegeben, sie sind keineswegs Vermenschlichung einer Tugend mehr: Sie verhelfen, den greifbaren Andenken an einen bestimmten Menschen oder an eine bestimmte Gelegenheit lebenskräftig zu halten, und werden zu bildlichem Nachweis familiärer Beziehungen oder geschäftlicher Interessen.

[5] Ludwig Baldass, Jan van Eyck, London-Köln 1952, englische Ausgabe benutzt: Jan van Eyck, London-Köln 1952, S. 102.

[6] In dieser Hinsicht ist van den Veldens Analyse bemerkenswert. Vgl. Hugo van den Velden, The Donor’s Image. Gerard Loyet and the Votive Portraits of Charles the Bold, Turnhout 2000, S. 68-69 und 284-285.

[7] Jean C. Wilson, Painting in Bruges at the close of the Middle Ages. Studies in Society and Visual Culture, The Pennsylvania State University Press 1998. Was die grundsätzliche Lage der niederländischen Malerei in ihrer Entwicklungsgeschichte betrifft, ist folgender Text zu beachten: ‘Om iets te weten van de oude meesters’. De Vlaamse Primitiven – herontdekking, waardering en onderzoek, hrsg. von Bernhard Ridderbos und Henk van Veen, Open Universiteit Nederland 1995 (englische Ausgabe benutzt: Early Netherlandish Painting. Rediscovery, Reception and Research, von Bernhard Ridderbos, Anne van Buren, Henk van Veen, Amsterdam 2005).

[8] Cicero De oratore III, 10.

[9] Vgl. Jan van Eyck, Porträt des Giovanni Arnolfini und seiner Frau, Brügge 1434, London, National Gallery, Inv.-No. 186; dazu: Angelika Dülberg, Privatporträts. Geschichte und Ikonologie einer Gattung im 15. und 16. Jahrhundert, Berlin 1990, S. 1-72, 86 und 119.

[10] Max Friedländer, Die frühen niederländischen Maler. Von van Eyck bis Bruegel, Köln 1956, S. 4.

[11] Vgl. Luigi Grassi, »Lineamenti per una storia del concetto di ritratto«, o.O., S. 477-494, in Critica d’arte, o.J.; Caterina Limentani Virdis, Il quadro e il suo doppio: effetti di specularità narrativa nella pittura fiamminga e olandese, Modena 1981; Shearer West, Portraiture, Oxford, Oxford University Press, New York 2004.

[12] Vgl. Lorne Campbell, Renaissance Portraits, o.a., S. 193-ff.

[13] Das Porträt des Tymotheos, aka Leal sovvenir, Brügge 1432, London, National Gallery, und das von den Zeitgenossen hochgeschätzte Porträt der Margreten van Eyck (ebda. 1439), Brügge, Groeningemuseum, Inv.-No. 0.162, können beispielsweise derart enträtselt werden. Vgl. einen Text für alle, Norbert Schneider, Porträtmalerei, Köln 1999, S. 30.

[14] Das wird durch die besondere Auswahl von Beispielen aus der Kunstgeschichte dargelegt, vor allem in denjenigen Fällen, wenn übereinstimmende oder e contrario Belege meiner Behauptungen vorhanden sind.

[15] In diesem Absatz gab ich der Studie Brunners den Vorzug. Otto Brunner, Sozialgeschichte Europas im Mittelalter, Göttingen 1978, passim.

[16] Ein bedeutsames Beispiel ist der Wollmarkt. Die flämischen Städte verarbeiteten Wolle, zuerst aus England und dann aus der iberischen Halbinsel, in hochwertige Tücher, die in den späteren Jahren von erstaunlicher Feinheit waren. Sie wurden durch komplizierte und einzigartigen Mustern veredelt und mit Pelzstreifen und Juwelen garniert. Anhand von Abbildungen kann man auch belegen, daß ihre einmalige Färbung und ihre Brillanz zur Inspirationsquelle für die Farben der altniederländischen Maler wurden. Vgl. als Beispiele unter den Werken Jan van Eycks, Bildnis des Baudouin de Lannoy, Brügge 1435, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, und Thronende Madonna, verehrt von Kanzler Nicolas Rolin, Brügge 1435, Paris, Musée du Louvre, Département des Peintures, Inv.-No. 1271, aber auch Madonna des Kanonikus Joris van der Paele, Brügge, 1436, ebda., Groeningemuseum, Inv.-No. O.161.

[17] Otto Brunner, Sozialgeschichte Europas…, o.a., S. 71-80.

[18] Jan van Eyck, Madonna mit Kind (Lucca-Madonna), Frankfurt am Main, Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Inv.-No. 944.

[19] Hans Memling, Porträt des Tommaso Portinari, ebda. 1472, mit seinem Gegenstück, Porträt der Maria Baroncelli, ebda. (beide, New York, Metropolitan Museum of Art). Vgl. Jean C. Wilson, Painting in Bruges…, o.a., S. 54, 56-58. Memling porträtierte das Ehepaar Portinari auf einem Triptychon, das ihm zum Anlaß ihrer Trauung in Auftrag gegeben wurde (Triptychon der Christi Passion, Torino, Galleria Sabauda).

[20] Jean C. Wilson, Painting in Bruges…, o.a., S. 21, 74-77 und 81. Interessant ist ihre Bekanntschaft nachzugehen und vor allem die Laufbahn des Portinari in Brügge. Vgl auch Ludwig Baldass, Van Eyck, o.a., S. 74.

[21] Zum Thema Aufstieg des Kunstmarktes in Brügge vgl. Jean C. Wilson, Painting in Bruges…, o.a., S. 171-187.

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Details

Titel
Herren mit Chaperon
Untertitel
Eine Gesellschaft im Werdegang am Beispiel von Jan van Eycks Porträts
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Rigorosum
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V189826
ISBN (eBook)
9783656141334
ISBN (Buch)
9783656141723
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Portätmalerei;, Flämische Malerei;, Van Eyck;, Chapperon;, Kunstgeschichte
Arbeit zitieren
Dr. Marina Deco (Autor), 2008, Herren mit Chaperon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189826

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