Barack Obamania - dem Mediencharisma sei Dank?!


Bachelorarbeit, 2009

61 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Barack Obamania: Eine Einleitung

2. Barack Obama - eine ungewöhnliche Biografie

3. „Charisma“ als soziologischer Begriff
3.1 Max Webers Charismabegriff
3.2 Max Webers Konzept der „charismatischen Herrschaft“
3.3 Historische Einordnung des Charisma-Konzepts Webers

4. Anwendung der Charisma-Definition Webers auf Barack Obama
4.1 Das politische System der USA als Basis einer „charismatischen Herrschaft“?
4.2 Barack Obama - ein „charismatischer Herrscher“?

5. Charismatische Herrscher in der Mediendemokratie
5.1 Politische Kommunikation in Amerika
5.2 „Mediencharisma“ - eine Definition

6. Barack Obama - ein medialer Charismatiker?
6.1 Sein Äußeres
6.2 Seine Mimik und Gestik
6.3 Seine Rhetorik
6.4 Sein Humor

7. Anwendung der Definition von „Mediencharisma“ auf Obama
7.1 Seine Glaubwürdigkeit
7.2 Seine Sympathie
7.3 Seine Sachkompetenz
7.4 Seine persönliche Kompetenz

8. Die Rolle der Familie im US-Wahlkampf
8.1 Michelle Obama - Der Fels der Familie
8.2 Die Obamas - eine perfekte Familienidylle?

9. Die Rolle der elektronischen Medien im US-Wahlkampf
9.1 Die Rolle des Fernsehens im US-Wahlkampf
9.2 Die Rolle des Internets im US-Wahlkampf
9.3 Die Rolle der Medien als Charismavermittler

10. Barack Obama - die Inszenierung des Medien-Messias
10.1 Die „Ahnen-Strategie“
10.2 Die „Common-Man-Strategie“
10.3 Die „Familien-Strategie“
10.4 Die „Vermenschlichungs-Strategie“
10.5 Barack Obama „live on stage“
10.6 Barack Obama als Verkörperung des „American Dream“

11. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Barack Obamania: Eine Einleitung

Die Obamania hat Amerika ergriffen - und das nicht erst seitdem Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt worden ist. Schon zu Wahlkampfzeiten zog der Senator aus Illinois die Massen in seinen Bann. So lockte er bis zu 100.000 Menschen zu seinen Wahlkampfreden, mobilisierte 1,5 Millionen freiwillige Helfer (vgl. von Marshall 2009: 41) und sammelte 780 Millionen Dollar an Spendengeldern (Wütherich 2008, Internet) - so viel wie kein Präsident zuvor1. Die US-Amerikaner kauften nicht nur zahlreiche Merchandising-Artikel, die mit Obamas Abbild bedruckt waren2, sondern schrieben auch Popsongs3 für ihn.

Obama schaffte es außerdem, viele Prominente als Unterstützer zu gewinnen4. Die Medien bezeichnen ihn als „Messias“ (The Economist), „BarackStar“ (TIME Magazine) oder „Menschenfänger“ (DER SPIEGEL) - die ObamaEuphorie scheint keine Grenzen zu kennen.

Eine Erklärung für das Phänomen der Obamania könnte die genauere Betrachtung seines von den Medien oft erwähnten Charismas liefern. Was genau macht Obamas Charisma aus und war er vielleicht sogar auf die Medien angewiesen, um sein Charisma gewinnbringend einzusetzen? Diese Fragen stehen im Zentrum der vorliegenden Bachelorarbeit und sollen dabei helfen, zu untersuchen, wie Barack Obama zu so großer Popularität gelangen konnte.

Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit befasst sich zunächst mit der Biografie Barack Obamas: Seine Kindheit zwischen Hawaii und Indonesien, sowie sein beruflicher Werdegang stehen hierbei im Mittelpunkt des Interesses. Mit Hilfe seines Lebenslaufes wird erörtert, inwiefern er ein typischer Anwärter auf das Weiße Haus war (Kapitel 2).

Max Weber war der erste Wissenschaftler, der sich aus soziologischer Sicht dem Begriff „Charisma“ genähert hat. Deshalb folgt in Kapitel 3 eine genauere Betrachtung des Charismabegriffs Webers und seines Konzepts der „charismatischen Herrschaft“.

Darauffolgend wird In Kapitel 4 Webers Definition der „charismatischen Herrschaft“ auf Barack Obama angewandt.

Da davon auszugehen ist, dass Webers Überlegungen nicht eins zu eins auf die heutige Zeit übertragbar sein werden, soll in dieser Arbeit der Begriff „Charisma“ dem Medienzeitalter angepasst werden. Dabei wird ein kurzer Abriss zum Verhältnis von Politik und Medien in der heutigen Zeit helfen, Kriterien zu definieren, die ein charismatischer Politiker heutzutage erfüllen muss.

Die Forschung geht aktuell davon aus, dass Politik und Medien in einem starken Abhängigkeitsverhältnis stehen5 und „Mediencharisma“ deshalb zu einer wichtigen Machtressource in der Politik geworden ist (vgl. Meyer 2001:27; Pontzen 2006: 35). Eine genaue Definition des Begriffs „Mediencharisma“ existiert bislang jedoch nicht und soll deswegen in Kapitel 5 erarbeitet werden. Kapitel 6 setzt sich dann mit Obamas „persönlicher Ausstrahlung“ auseinander. Anhand dieser Ergebnisse soll anschließend gezeigt werden, inwiefern Barack Obama mediales Charisma besitzt (in Kapitel 7).

Da der US-Wahlkampf ein Personenwahlkampf ist und deshalb in Amerika ein großes Interesse an dem Privatleben des Präsidenten besteht, wird in Kapitel 8 die Rolle der jetzigen Präsidentengattin Michelle Obama im Wahlkampf 2008 näher beleuchtet. Außerdem soll untersucht werden, inwiefern Obama sein Privatleben inszeniert hat und ob seine Familie sein „Mediencharisma“ gefördert oder eher behindert hat.

Kapitel 9 befasst sich mit der Rolle der elektronischen Medien im USWahlkampf, um der Frage nachzugehen, ob amerikanische Präsidentschaftsanwärter auf die Medien angewiesen sind, um politische Erfolge zu erzielen. Des Weiteren wird analysiert, wie Obama die Medien für seinen Wahlkampf genutzt hat und auf welche Weise sie sein Charisma transportiert haben. In Kapitel 10 wird aufgezeigt, mit welchen Inszenierungsstrategien Obama sein Charisma verstärkt hat und wie authentisch sein Image ist.

Das Fazit soll schließlich Antworten auf die Fragen geben, was Obamas Charisma ausmacht, inwiefern er als „charismatischer Herrscher der Medienzeit“ zu bezeichnen ist und ob ein Teil seiner Beliebtheit auf sein Charisma zurückzuführen ist. Außerdem soll ein Ausblick gegeben werden, wie sich Obamas Charisma entwickeln könnte.

2. Barack Obama - eine ungewöhnliche Biografie

Er zieht Millionen von Menschen auf der ganzen Welt in seinen Bann, sammelt für seinen Wahlkampf so viele Spenden wie kein Kandidat zuvor und wird am 04. November 2008 mit 365 Wahlmännern zum ersten afroamerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt (vgl. von Marschall 2009: 11).

Im Gegensatz zu den meisten anderen US-Politikern, wie zum Beispiel George W. Bush oder John F. Kennedy, stammt Obama nicht aus der so genannten Upper Class oder einer amerikanischen Politikerfamilie.

„Barack Obama kommt weder von unten noch von oben, er kommt von weither.“ (Günther 2007: 52)

Geboren wird Barack Hussein Obama am 04. August 1961 in Honolulu, Hawaii. Sein Vater, Barack Obama, stammt aus Kenia und kommt als erster afrikanischer Gaststudent nach Hawaii. In seiner Studienzeit lernt er Ann Dunham kennen, eine weiße Amerikanerin aus der unteren Mittelschicht (vgl. Günther 2007: 50). Ihr gemeinsamer Sohn erbt den Namen des Vaters und des Großvaters Hussein Onyango Obama, einem kenianischen Medizinmann (vgl. Günther 2007: 52f).

Der Name Barack stammt aus dem Arabischen und bedeutet „der Gesegnete“. Anns Eltern unterstützen die junge Familie finanziell, doch das Gehalt des Großvaters als Möbelverkäufer reicht nicht aus. Deshalb beginnt Anns Mutter in einer Bank zu arbeiten (vgl. Obama 2008: 72).

Als Barack Obama zwei Jahre alt ist, verlässt der Vater die Familie, um erst in Harvard zu studieren und dann nach Kenia zurückzukehren. Ein einziges Mal besucht ihn sein Vater - als Barack Obama zehn Jahre alt ist. Von ihm soll er jedoch seinen Charme und die Fähigkeiten, auf andere Menschen zuzugehen und sie von etwas zu überzeugen, geerbt haben (vgl. von Marshall 2009: 58).

Seine Mutter heiratet nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe einen Gaststudenten aus Indonesien und zieht mit ihm und ihrem damals 6-jährigen Sohn Barack für einige Jahre in sein Heimatland. Da sich die Familie die Internationale Schule in Jakarta nicht leisten kann, unterrichtet Ann Dunham ihren Sohn morgens noch vor Beginn der öffentlichen Schule in Englisch (vgl. Obama 2008b: 63).

Mit zehn Jahren kehrt Barack, allerdings ohne seine Mutter, zurück nach Hawaii und lebt fortan bei seinen Großeltern Toot6 und Gramps7. Sie zahlen Barack das Schulgeld für die renommierte Punahou-High-School, obwohl sie selbst nicht viel Geld haben (vgl. Günther 2007: 77).

Schon hier wird die Außergewöhnlichkeit seines Lebenslaufes deutlich, denn der Afroamerikaner Barack Obama wuchs zwischen der amerikanisch- christlichen und der indonesisch-muslimischen Kultur auf (vgl. Günther 2007: 58f). Auch seine Teenager-Jahre in Hawaii kann man nicht als typisch amerikanisches Leben bezeichnen, da Hawaii sich nicht nur klimatisch und geographisch, sondern auch sozial und kulturell stark vom Rest der USA unterscheidet (ebd.).

Seine Studienjahre verbringt Barack Obama in Los Angeles und New York. An der Columbia University kommt er zum ersten Mal mit der amerikanischen Oberschicht in Berührung (vgl. Günther 2007: 67).

1983 macht Obama seinen Abschluss in Politikwissenschaften. Er geht nach Chicago, um als Community Organizer zu arbeiten - ein schlecht bezahlter Job, in dem er sich in den Elendsvierteln der Stadt in der Gemeinde- und Sozialarbeit engagiert.

„Er gibt ein gutes Gehalt und eine sichere Karriere auf, um den Bedürftigen in der Gesellschaft zu helfen“ (von Marshall 2009: 87). Laut von Marshall lässt sich Obamas späterer Erfolg als Politiker auf Talente zurückführen, die er in Chicago entdeckt und perfektioniert habe (vgl. a. a. Ort: 91f). Obama habe in dieser Zeit seine rhetorischen Fähigkeiten stark verbessert und gelernt, wie man Menschen aus gegnerischen Parteien, Lagern und Gesellschaftsgruppen zusammenführt (vgl. a. a. Ort: 92).

Dieser Lebensabschnitt war für Barack Obama hinsichtlich seiner politischen Karriere also sehr förderlich.

Nach sieben Jahren in Chicago geht er nach Boston, um an der Harvard Law School Jura zu studieren. Dort macht er erstmalig landesweit von sich reden, denn er wird zum ersten schwarzen Präsidenten der renommierten Fachzeitschrift „Harvard Law Review“ gewählt (vgl. a. a. Ort: 101). Nach seinem Studium kehrt er zurück nach Chicago - dieses Mal mit dem Ziel, Politiker zu werden. Während eines Praktikums lernt er die Anwältin Michelle Robinson kennen. Die beiden heiraten und bekommen zwei Kinder, Malia und Natasha.

Sein erstes politisches Amt, einen Sitz im Regionalparlament von Illinois, erringt Obama 1996. Acht Jahre lang bleibt er im Senat.

2000 kandidiert er zwar bei den Kongresswahlen um einen Sitz im Repräsentantenhaus, verliert die Wahl jedoch haushoch.

2004 setzt er sich bei den Wahlen um einen Sitz im US-Senat durch und beweist so, dass er als schwarzer Kandidat auch bei weißen Wählern gut ankommt (vgl. Günther 2007: 125). 2004 darf er außerdem auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Boston die „Keynote Speech“ halten, die von über zehn Millionen Fernsehzuschauern verfolgt wird. Sie „veränderte binnen einer halben Stunde sein Leben und seine Laufbahn stärker, als jeder bisherige Wahlsieg“ (Günther 2007: 130).

Am 10. Januar 2007 gibt Obama offiziell seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2008 bekannt.

Er hat es trotz seiner Hautfarbe und seiner Herkunft geschafft, an die Spitze des amerikanischen Staates zu gelangen. „Der Aufstieg selbst ist schon bewundernswert, die Geschwindigkeit ist jedoch atemberaubend“ (von Marshall 2009: 139). Obamas Biografie ist für einen amerikanischen Spitzenpolitiker sehr ungewöhnlich und verkörpert für viele den „American Dream“ (vgl. Gerste 2008: 214). Markus Günther sieht in seiner Biografie noch einen weiteren Vorteil: Barack Obama wisse im Wahlkampf Erlösungsphantasien zu provozieren, weil er selbst seine ganze Kindheit auf den Erlöser (seinen Vater) gewartet habe (vgl. Günther 2007: 56).

3. „Charisma“ als soziologischer Begriff

Das Wort „Charisma“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet soviel wie Anmut, Schönheit, Ansehen und Gnade. Erst im christlich-theologischen Sprachgebrauch ist ihm eine neue Bedeutung verliehen worden: die Geistesgabe von Gott (vgl. Wang 1997: 37).

Der Charismabegriff hat sich mittlerweile stark gewandelt. So versteht man heutzutage unter „Charisma“ vor allem eine persönliche Begabung, Ausstrahlung und Anziehungskraft.

In diesem Kapitel soll Charisma jedoch nicht als theologischer oder alltagssprachlicher Begriff, sondern als soziologischer Begriff definiert werden.

3.1 Max Webers Charismabegriff

Max Weber behandelte als erster den Begriff „Charisma“ aus soziologischer Sicht und entwickelte die Theorie der „charismatischen Herrschaft“ (vgl. Wang 1997: 11). Dieses Charisma-Konzept ist ein wichtiger Bestandteil seiner „Herrschafts- und Staatssoziologie“, die er zwischen 1910 und 1920 aufstellte (vgl. a. a. Ort: 18).

Weber definiert in seiner Herrschaftssoziologie Charisma folgendermaßen:

„Charisma soll eine als außeralltäglich (…) geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ‚Führer‘ gewertet wird.“ (Weber 1980 :140)

Dabei kommt es Weber allein auf die Bewertung durch die „Anhänger“ an (ebd.). Weber geht es also nicht um eine Analyse der Persönlichkeit des Charismatikers, sondern um die soziale Beziehung zwischen dem Charismaträger und den Charismagläubigen (vgl. Lepsius 1993: 95f).

3.2 Max Webers Konzept der „charismatischen Herrschaft“

Max Webers „charismatische Herrschaft“ bezeichnet eine der drei reinen Typen legitimer Herrschaft. Da es in dieser Arbeit ausschließlich um die „charismatische Herrschaft“ Webers geht, sollen die beiden anderen Typen legitimer Herrschaft (die rationale und die traditionale Herrschaft) hier unbeachtet bleiben.

„Charismatische Herrschaft“ definiert Weber wie folgt:

„Im Fall der charismatischen Herrschaft wird dem charismatisch qualifizierten Führer als solchem kraft persönlichen Vertrauens in Offenbarung, Heldentum oder Vorbildlichkeit im Umkreis der Geltung des Glaubens an dieses sein Charisma gehorcht.“ (Weber 1980: 124)

Die „charismatische Herrschaft“ im Weberschen Sinne ist durch folgende Charakteristika gekennzeichnet:

1. Eine politisch, wirtschaftlich, religiös oder gesellschaftlich bedingte, krisenhafte Situation (vgl. a. a. Ort: 661)
2. Eine Menschengruppe, die aufgrund von Not oder Hoffnung an das Charisma des Herrschers glaubt (vgl. a. a. Ort: 140, 661)
3. Eine Überwindung der Krise durch den Herrscher (vgl. a. a. Ort: 141)
4. Eine auf der Bewährung der außergewöhnlichen Qualitäten des Führers beruhende Legitimität „Bringt seine Führung kein Wohlergehen für die Beherrschten, so hat seine charismatische Autorität die Chance, zu schwinden“ (a. a. Ort:140).
5. Eine spezifische charismatische Wirtschaftsfremdheit, denn die Beherrschten geben sich ganz dem Herrscher hin „Was sie alle verschmähen - solange der genuin charismatische Typus besteht - ist die traditionale oder rationale ‚Alltagswirtschaft’, die Erzielung von regulären ‚Einnahmen’ durch eine darauf gerichtete kontinuierliche wirtschaftliche Tätigkeit“ (a. a. Ort: 142).
6. Eine emotionale Vergemeinschaftung (vgl. a. a. Ort: 141), das heißt, dass auch der Verwaltungsstab nur „nach Eingebung des Führers auf Grund der charismatischen Qualifikation“ zusammengestellt wird.
7. Eine Veralltäglichung aufgrund der unvermeidbaren Anpassung an ökonomische Zwänge oder der Nachfolgeregelung (vgl. a. a. Ort: 142ff)
8. Ein Bruch bestehender Strukturen, denn eine charismatische Situation benötigt nach Weber nicht nur eine charismatische Persönlichkeit, sondern verändert auch Traditionen und Verhaltensstrukturen.

Nach Weber kann Charisma nur „geweckt“ und „erprobt“, nicht „erlernt“ oder „eingeprägt“ werden (Weber 1980: 145).

Um Webers Begrifflichkeiten der „charismatischen Herrschaft“ anwenden zu können, muss im Folgenden auch bedacht werden, was Weber unter „Herrschaft“ verstanden hat:

„ ‚Herrschaft‘ soll (..) die Chance heißen, für spezifische (…) Befehle bei einer angebbaren Gruppe von Menschen Gehorsam zu finden“

(Weber 1980: 122)

3.3 Historische Einordnung des Charisma-Konzepts Webers

Webers Demokratieverständnis liegt nicht hauptsächlich die Volkssouveränität als Legitimationsquelle zugrunde, sondern die Hervorbringung großer politischer Führungspersönlichkeiten (vgl. Mommsen 1989: 526). Deshalb ist fraglich, inwiefern man Webers Charisma-Konzept auf eine demokratisch geprägte Gesellschaft übertragen kann. Michael Bayer und Gabriele Mordt sind in ihrer „Einführung in das Werk Max Webers“ der Meinung, dass „charismatische Herrschaft“ keine Form der Demokratie ist, bei der die Beherrschten selbst bestimmen könnten, wie lange sie welchem Herrscher folgen (vgl. Bayer/Mordt 2008: 103). Auch Dirk Kaesler schließt sich dem an, indem er sagt, dass „Herrschaft“ im Weberschen Sinn heißt, dass „ein Individuum (…) seinen (…) Willen gegen (…) eine andere Gruppe durchsetzt, und zwar derart, dass die Handlungspartner diesem Willen ‚gehorchen‘“ (Kaesler 2003: 2007).

3.3 Historische Einordnung des Charisma- Konzepts Webers

Bedenken sollte man außerdem die Zeit, zu der Weber seine Herrschafts- soziologie entwickelte. Als „charismatischen Herrscher“ hatte Weber zum Beispiel Napoleon im Blick (vgl. Weber 1980: 141). Da er seine Herrschaftssoziologie im Nach-Wilhelminischen Deutschland entwickelte, spielt auch die Betrachtung des direkt gewählten, von Parteien und Parlament weitgehend unabhängigen Reichspräsidenten als charismatischer Herrscher eine Rolle (vgl. Sarcinelli 2005: 161f). Im Gegensatz zu Webers Idee einer plebiszitären Führerdemokratie findet man in modernen Demokratien außerdem kein hierarchisches System mit hoher Elitenautonomie mehr vor (vgl. Sarcinelli 2006: 68). „Insofern sind die historischen Umstände mit den Bedingungen der modernen Mediendemokratie nicht vergleichbar“ (ebd.).

Aus diesem Grund ist eine direkte Übertragung von Webers Herrschaftskonzept auf die heutige präsidentielle Demokratie Amerikas mehr als fragwürdig.

Allerdings sind sich die Wissenschaftler einig, dass es sich bei Webers Konzept der „charismatischen Herrschaft“ um einen Idealtypus handelt, der der Wirklichkeit nicht in vollem Umfang entspricht (vgl. Hein 2004: 279f; Lepsius 1993: 98). Deshalb sollen in dieser Arbeit lediglich die charismatischen Elemente Obamas herausgearbeitet werden und nicht der Frage nachgegangen werden, ob die Beziehung Obamas zu seinen Anhängern dem Idealtypus der „charismatischen Herrschaft“ entspricht.

4. Anwendung der Charisma-Definition Webers auf Barack Obama

Bevor die Kriterien der „charismatischen Herrschaft“ auf Barack Obama angewandt werden, sei anzumerken, dass die Bezeichnungen „Führer“ oder „Herrscher“ in der heutigen Zeit mehr als unpassend sind. Weber konnte zu seiner Zeit noch unbefangen mit diesen Begriffen agieren, doch durch das Dritte Reich haben sie einen äußerst negativen Beigeschmack bekommen. Deshalb kann Barack Obama keinesfalls als „Führer“ oder „Herrscher“ bezeichnet werden.

Im Folgenden soll jedoch anhand der Kriterien, die eine „charismatische Herrschaft“ nach Weber ausmachen, herausgearbeitet werden, ob Obamas Beziehung zu seinen Anhängern charismatische Züge aufweist. Dazu ist zuerst die Betrachtung des politischen Systems der USA sinnvoll.

4.1 Das politische System der USA als Basis einer „charismatischen Herrschaft“?

Der amerikanische Präsident hat, im Vergleich zu dem deutschen Bundespräsidenten, gleich drei Ämter inne. Er ist das Staatsoberhaupt, das Regierungsoberhaupt und gleichzeitig auch der Oberbefehlshaber der Armee (vgl. Weiss 2008: 57). Im Gegensatz zu Deutschland sucht der amerikanische Regierungschef nicht in den Parteien nach Unterstützung für seine politischen Vorhaben, sondern in der Öffentlichkeit. Da er viel Verantwortung trägt, ist es nur verständlich, dass in einer Präsidialdemokratie wie den USA das Interesse an der Person des Präsidenten besonders hoch ist (ebd. 58). Dieser vorherrschende Personenkult um das Amt des Präsidenten ebnet die Basis für eine „charismatische Herrschaft“.

4.2 Barack Obama - ein „charismatischer Herrscher“?

Schaut man sich die Umstände an, unter denen sich Obama als Präsidentschaftskandidat beworben hat, fällt schnell eine Parallele zu der von Weber als Vorrausetzung genannten Krise auf.

Die Ära Bush war eine Amtszeit voller Enttäuschungen und Rückschläge für das amerikanische Volk. Angefangen mit dem Hurrikan Katrina8, bei dem die US-Regierung viel zu spät Hilfe schickte, über den Irak-Krieg mit den angeblich vorhandenen Massenvernichtungswaffen, bis zur Immobilienkrise, die sich zur Weltwirtschaftskrise entwickelte, hat sich George W. Bush zu einem der unbeliebtesten Präsidenten der Vereinigten Staaten entwickelt. Seine Umfragewerte sanken immer weiter in den Keller. Im Mai 2008 waren laut einer CNN-Umfrage über 70 Prozent der US-Bürger nicht mehr mit seiner Politik einverstanden (vgl. Steinhauser 2008a, Internet). Die Forderungen nach einem Wechsel wurden immer lauter.

Somit ist ein Kriterium der „charismatischen Herrschaft“ nach Weber erfüllt, denn die Ausgangslage für Obamas Kandidatur kann man definitiv als politische Krise bezeichnen. Auch die Finanzkrise verhalf Obama zu einem Sprung nach vorne, da er im Gegensatz zu seinem Kontrahenten John McCain wirtschaftliche Kompetenz demonstrierte9.

Auch eine Menschengruppe, die aufgrund von Not oder Hoffnung an das Charisma des Herrschers glaubt, ist in der Zeit des Wahlkampfes im Jahr 2008 vorzufinden. Obama hat es geschafft, dass Millionen von US-Bürgern an seine Botschaft glauben. Sein Versprechen, als US-Präsident den Wandel zu vollziehen, überzeugte so viele Bürger, dass sie über 780 Millionen Dollar für seine Kampagne spendeten. Auch seine Wahlkampfreden zogen oftmals über 100.000 Besucher an. Das zeigt, dass seine Anhänger an sein Charisma glauben. Auch in den so genannten Networking-Portalen wie Facebook und MySpace standen Millionen Menschen hinter ihm, indem sie sich als seine Freunde eintrugen (vgl. von Marshall 2009: 42).

„Hope“ war eines von Obamas Schlagwörtern im Wahlkampf und traf genau den Nerv der Bevölkerung. Viele Menschen waren in Not geraten, weil sie ihre Jobs verloren hatten10 und durch steigende Kredite ihre Häuser nicht mehr bezahlen konnten. Obama gab ihnen das, was sie brauchten: die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Weshalb gerade er es geschafft hat, das Vertrauen der Amerikaner zu gewinnen, liegt vermutlich in seiner Unverbrauchtheit als Politiker. So schrieb er in seinem Buch „Hoffnung wagen“ über sich selbst:

„Ich bin neu genug in der nationalen politischen Szene, dass ich als leere Leinwand dienen kann, auf die Leute mit sehr verschiedenem politischen Hintergrund ihre diversen Ansichten projizieren.“ (Obama 2008: 22)

Außerdem distanzierte er sich früher als seine Konkurrenten von der BushAdministration und setzte bereits 2007 auf seinen Slogan „Change“ (vgl. von Marshall 2009: 19). Er stand von Anfang an für einen Wechsel, den sich die Amerikaner immer mehr herbeisehnten. Ein weiterer Vorteil war, dass er lange Zeit kein konkretes Wahlkonzept vorstellte und so niemanden abschreckte. Er verkörperte den Neuanfang mehr als alle anderen Kandidaten und schaffte es so, Millionen von Amerikanern für sich zu gewinnen.

Somit kann man auch das Kriterium der Menschengruppe, die aus Not oder Hoffnung an das Charisma des Herrschers glaubt, bei Obama wiederfinden.

Dass Obama die Krise bislang nicht überwinden konnte, dürfte allseits bekannt sein. Mit seinem 787 Milliarden schweren Konjunkturpaket zeigt er zwar einen Weg auf, wie er das Land aus der Krise führen will, nämlich indem er neue Arbeitsplätze schafft und für Steuererleichterungen sorgt (vgl. o. A. 3 2009, Internet), doch bis die Amerikaner davon etwas spüren, geschweige denn die Wirtschaft wieder bergauf geht, wird noch einige Zeit vergehen. Das Kriterium der Überwindung der Krise durch den Herrscher trifft auf Obama also bislang nicht zu.

[...]


1 Barack Obama sammelte mehr Spenden als George W. Bush und John Kerry im Präsidentschaftswahlkampf 2004 zusammen zur Verfügung hatten. Sie kamen gemeinsam „nur“ auf 653 Millionen Dollar. Obamas Rivale John McCain sammelte nur 340 Millionen Dollar und nahm deshalb, im Gegensatz zu Obama, öffentliche Gelder für seinen Wahlkampf an. Somit durfte McCain bei den Ausgaben bestimmte Obergrenzen nicht überschreiten, nämlich 84 Millionen Dollar in den letzten beiden Monaten vor der Wahl (Wütherich 2008, Internet).

2 Von Obama-T-Shirts, Wanduhren oder Golfbällen bis hin zum Schokoladen-Obama ist das Gesicht des neuen Präsidenten überall präsent (o. A. 1 2008, Internet).

3 Der Sänger Will.I.Am von den Black Eyed Peas produzierte zusammen mit Stars wie Scarlett Johansson aus Obamas „Yes we can“-Rede einen Song, der millionenfach auf youtube.com angeklickt wurde (Rühle 2008, Internet).

4 Beispielsweise rief die bekannte Talkmasterin Oprah Winfrey in ihrer Show zur Wahl Obamas auf und warb damit zum ersten Mal offen für einen Präsidentschaftskandidaten. Außerdem sammelte sie drei Millionen Dollar für Obamas Wahlkampf und lud neben Obama keinen anderen Kandidaten mehr in ihre Talkshow ein. Markus Günther glaubt, dass sie damit Einfluss auf die Wahlentscheidung genommen hat, da ihre Talkshow täglich von rund 8,4 Millionen Zuschauern gesehen wird (vgl. Günther 2007: 165).

5 Hierbei gibt es jedoch verschiedene Ansichten. Einige meinen, dass die Politik von den Medien abhängig ist, andere, dass die Medien von der Politik abhängig sind. Am gängigsten scheint die Theorie der gegenseitigen Abhängigkeit zu sein (vgl. Schulz 2008: 46f).

6 „Toot“ kommt vom hawaiianischen Wort „Tutu“, das Großelternteil bedeutet (vgl. von Marshall 2009: 52).

7 „Gramps“ ist der Kinderausdruck für „Grandpa“ (ebd.). 7

8 Am 29. August 2005 verwüstete Hurrikan Katrina die Stadt New Orleans und weite Landstriche im Süden der Vereinigten Staaten. Etwa 1800 Menschen starben, Zehntausende wurden obdachlos. Anstatt direkt zu handeln, genoss Bush seinen Urlaub in Texas und reiste erst Tage später zum Unglücksort. „Der Präsident und seine Regierung hatten komplett versagt - administrativ, politisch und moralisch.“ (Klingst 2009, Internet)

9 Obama versprach in seinem Wirtschaftsprogramm eine stärkere Regulierung der Finanzwelt. McCain hatte hingegen verlauten lassen, dass er von der Wirtschaft nicht viel verstehe.

10 Die Arbeitslosenquote in den USA lag im Oktober 2008 mit 6,5 Prozent so hoch, wie zuletzt 1994. Über 1,2 Millionen Menschen haben allein von Januar bis Oktober 2008 ihre Jobs verloren (o. A. 4 2008, Internet).

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Barack Obamania - dem Mediencharisma sei Dank?!
Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
61
Katalognummer
V189895
ISBN (eBook)
9783656141761
ISBN (Buch)
9783656142393
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Barack Obama, Obamania, Mediencharisma, charismatischer Herrscher, Max Weber, politische Kommunikation, politische Inszenierung, Politik in den USA, Amerika
Arbeit zitieren
Julia Ludger (Autor), 2009, Barack Obamania - dem Mediencharisma sei Dank?!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189895

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