Zur Anwendbarkeit des topologischen Feldermodells in der Analyse gesprochener Sprache


Masterarbeit, 2011

127 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Das Korpus
1.2 Das topologische Feldermodell
1.3 Exkurs: Gibt es Sätze in gesprochener Sprache?

2 Kurzformen: Analepsen und Ellipsen
2.1 Analepsen
2.1.1 Subjekt-Analepsen
2.1.2 Objekt-Analepsen
2.1.3 Verb-Analepsen
2.1.4 Auslassungen ganzer Sätze
2.2 Ellipsen
2.2.1 Subjektellipsen
2.2.2 Objektellipsen
2.2.3 Verbellipsen
2.2.4 Satzellipsen
2.3 Diskussionen zur Topologie von Kurzformen
2.3.1 Verbauslassungen oder nichtverbale Sprachhandlung?
2.3.2 Leeres Vorfeld
2.3.3 Klitisierung als Zwischenstufe
2.3.4 Auslassungen und Informationsstruktur
2.4 Zwischenfazit: Kurzformen

3 Diskontinuierliche Strukturen
3.1 Prosodie und Syntax
3.2 Herausstellungen
3.2.1 Linksherausstellung
3.2.2 Rechtsherausstellung
3.2.3 Ausklammerung
3.2.4 Satzverschränkung
3.3 Anakoluthe
3.3.1 Abbruch und Pause
3.3.2 Abbruch und Wiederholung
3.3.3 Abbruch und Korrektur/Neuanfang
3.3.4 Abbruch, Parenthese, Fortsetzung
3.3.5 Drehsatzkonstruktion (Apokoinu)
3.4 Zwischenfazit: Diskontinuierliche Strukturen

4 Sonstige syntaktische Phänomene
4.1 Syntaktische Komplexität
4.2 Verbale Sonderfälle
4.3 Adjektive und Adverbien
4.4 Pronomen
4.5 Konjunktionen, Subjunktionen und das Außenfeld

5 Zusammenfassung der Analyse

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang: Korpustexte

1 Einleitung

„Die Schrift verhält sich zur Sprache etwa wie eine Skizze zu einem mit der größten Sorgfalt in Farben ausgeführten Gemälde.“

(Paul 1968:376f.)

Gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich nicht allein durch ihren medialen Charakter, also in Schallereignis und Zeichen. Entstand die gesprochene Sprache vorerst auf evolutionär-biologischem Wege, jedoch nicht ohne kulturellen Einfluss (vgl. Bayer 1994:159ff.; Haarmann 2006:27ff.), so ist das geschriebene Wort hingegen eine rein kulturelle und somit bewusst konstruierte Kommunikation, mit dem Ziel der Abbildung und Speicherung zuvor abstrakter und unmittelbarer Gedankenkonstrukte (vgl. Martinetz 2006). „Seit etwa dem 15. Jahrhundert wird in der Geschichte der deutschen Sprache deutlich, daß geschriebene Sprache nicht einfach ein 'Abbild' der gesprochenen Sprache ist - so die mehr traditionelle Auffassung in der Sprachwissenschaft -, sondern ein eigenes, von der gesprochenen Sprache weitgehend unabhängiges Kommunikationssystem.“ (von Polenz 2000:114f.) Gesprochene Sprache weist ebenso deutliche Unterschiede in ihrer Struktur, also ihrem System, zur geschriebenen Sprache auf (vgl. Eisenberg 2006a; Fiehler et al. 2004:36ff.).

Aufgrund technischer Entwicklungen der letzten Jahrzehnte keimt die sprachwissenschaftliche Betrachtung und Analyse der sprachlichen 'Urform' erst jetzt auf und setzt sich allmählich neben der klassischen Analyse von Texten und Schriftzeichen durch (vgl. Behaghel 1927:11ff.). Auch wenn die Linguistik sich nicht erst seit Erfindung von Aufnahmegeräten, also der Möglichkeit der Archivierung von Schallereignissen, mit gesprochener Sprache auseinandersetzt, so sind detaillierte Analysen und gerade systemlinguistische Betrachtungen an sprachlichen Rohdaten in großem Umfang erst durch solche technischen Neuerungen möglich. „Gut erforscht ist die Sprachgeschichte im Grunde als Geschichte der geschriebenen Sprache, was geradezu zu einer gewissen Vorrangstellung der Schriftsprache geführt hat. Gesprochene Sprache dagegen kann für die Zeit vor den ersten Tonaufzeichnungen, d.h. also auch noch für den größten Teil des 19. Jahrhunderts, nur indirekt erschlossen werden, entweder über schriftlich überlieferte Objektsprache oder über metasprachliche Äußerungen und andere 'subjektive' Sprachdaten.“ (Elspaß 2005:24) Phonologische, morphologische und syntaktische Eigenarten - zuvor, wenn nicht einem Dialekt zugesprochen, als Fehlerhaftigkeit gebrandmarkt - benötigen eine verlustfreie Archivierung des Sprachmaterials, was durch einzelne Hörbelege oder stenografierte Protokolle nicht annähernd gewährleistet werden kann.

In der vorliegenden Arbeit soll auf dem Hintergrund dieser Entwicklungen ein methodisches Hilfsmittel zur Satzanalyse auf seine Anwendbarkeit hin überprüft werden. Die Beschreibung des deutschen Satzes mit Hilfe des topologischen Feldermodells ist eine alteingesessene Tradition der Germanistik. Auch die Analyse der deutschen Sprache basierend auf einem angenommenen Primat der geschriebenen Sprache ist traditionell verwurzelt. Da Schrift jedoch als rationale, kulturelle Entwicklung des Menschen anzusehen ist und die gesprochene Sprache (das Sprechen, also Sprache im engeren Sinne) als unterbewusste, evolutionär-biologische Entwicklung, ist dieses Primat nicht haltbar. Einzig der Wissenschaftstradition, angefangen bei den griechischen Sprachphilosophen bis hin zu strukturalistischen und generativen Beschreibungen der Sprache, ist es zu verdanken, dass Linguisten sich über lange Zeit geradezu stiefmütterlich um das Gesprochene gekümmert und alles an sich eindeutig beschreibbare, das vom idealisierten Standard abweicht, unter dem Oberbegriff Fehler abgelegt haben. Schlobinski nennt dies Performanzfehler und weist darauf hin, dass sich dahinter ein doppelter Kompetenzbegriff verberge. „Zum einen wird dem Chomskyschen Kompetenzbegriff, dem ein idealisierter Sprecher und eine idealisierte (interne) Sprache zugrunde liegen, das Reale und Empirische über die Performanz als 'Abfalleimer' (Ballmer 1976: 27) gegenübergestellt, zum anderen wird der kompetente Wissenschaftler dem Alltagssprecher und sprachwissenschaftlichen Laien qua Profession übergeordnet.“ (Schlobinski 1997:9)

Blendet man den geschriebensprachlichen grammatischen Unterbau einmal aus, und beginnt, befreit von qualitativen Kategorien wie falsch/richtig oder grammatisch/ungrammatisch, die gesprochene Sprache mit Hilfe der Korpuslinguistik zu beschreiben, werden Muster deutlich, die in sich ein System bilden, das eine endliche Menge von Phänomenen aufweist und kein chaotischer Sprachfluss ist, bei dem gelegentlich - quasi auf gut Glück - dem Schriftstandard entsprechende (Satz-)Konstruktionen entstehen.

Ziel dieser Arbeit ist es nicht, ein etwaiges Primat der gesprochenen Sprache zu postulieren oder zu verteidigen. Basierend auf der Annahme, Sprechen verfüge über ein beschreibbares System, stellt sich für diese Arbeit die zentrale Frage, ob das Handwerkszeug der klassischen Syntaxanalyse des Deutschen überhaupt angewendet werden kann. Konkret wird hier beleuchtet, wo sich bei der Beschreibung des gesprochenen Deutsch mit Hilfe des topologischen Feldermodells Probleme auftun und wo dem Modell Grenzen gesetzt sind. Gerade elliptische Konstruktionen (und vor allem verblose Äußerungen), Herausstellungskonstruktionen sowie diskontinuierliche syntaktische Strukturen (Abbrüche, Korrekturen, Konstruktionswechsel etc.) stellen hier die Grundlage für die Diskussion dar. Wenn man annimmt, dass das Feldermodell den standardisierten deutschen Satz mit seiner Klammerstruktur abbildet, müssen bei der Analyse gesprochener Äußerungen, die zwar in der Spontansprache frequent sind, in der geschriebenen Sprache jedoch eher eine Marginalie in poetischen Textsorten darstellen, entweder Erweiterungen und Ausnahmen für das Modell formuliert werden, oder das Modell ist schlicht ungeeignet, das ohne Zweifel existierende Sprachkonstrukt zu beschreiben. Somit stellt die vorliegende Arbeit einen Beitrag zur übergeordneten Auseinandersetzung mit dem Begriff Satz im Kontext der gesprochenen Sprache dar. Legt man ein propositionelles Konzept zugrunde, dessen Wurzel ein finites Verb darstellt, und nennt dieses Satz, lassen sich viele beobachtbare Phänomene der gesprochenen Sprache als Abweichung dieser Struktur beschreiben. Als Grundlage für diese Arbeit soll dies zunächst geschehen, damit das auf die Kategorie Satz und auf die Verbklammer ausgerichtete topologische Feldermodell in Beispielen angewendet und diskutiert werden kann. Theorien, die sprachliche Äußerungen zunächst als solche definieren, also als sprachliche Handlungen diverser Formen, werden jedoch nicht außer Acht gelassen. Schon bei der Betrachtung von Kurzformen finden wir solche theoretischen Diskussionen.1 Der Ausdruck Aussage wird in der syntaktischen Analyse verwendet, als neutraler Begriff einer sprachlichen Handlung, die sowohl durch einen vollständigen Satz, als auch durch eine elliptische oder abgebrochene Struktur ausgeführt werden kann.

Es wird die Übersicht über syntaktische Phänomene des gesprochenen Deutsch aus Schwitalla (2006:100ff.) zugrunde gelegt. Hier finden sich zunächst die Kategorien Ellipse und Analepse als Kurzformen. Teil dieses ersten Abschnitts ist auch die Auseinandersetzung mit der Struktur des Verberstsatzes als vorfeldloses Konstrukt. Hier zeigt sich noch keine große Schwierigkeit, das topologische Feldermodell als Beschreibung gesprochensprachlicher Aussagen zu verwenden. Eine Ausnahme bilden verblose Strukturen, bei denen sich eine Felderanalyse problematisch darstellt. Um die gezeigten Beispiele umfassend zu beschreiben, wird auch auf informationsstrukturelle Betrachtungen zurückgegriffen. In einer kurzen Auseinandersetzung mit den Modellen der Thema-Rhema-Gliederung sowie der Topik-Kommentar-Gliederung wird Bezug zu Auslassungen hergestellt. Dazu werden diese Modelle kurz eingeführt.

Daran schließt sich eine Betrachtung syntaktisch diskontinuierlicher Aussagen an. Herausstellung, freies Thema und Nachtrag sind hier zentrale Phänomene, die in gesprochener Sprache vor allem der linearen und chronologischen Äußerungs­restriktion geschuldet sind. Einflüsse aus der thematischen Struktur längerer gesprochener Äußerungen und ihre Auswirkung auf die Satzstruktur werden in diesem Abschnitt ebenfalls diskutiert. Auch hier bietet das Feldermodell noch ausreichend Beschreibungsmöglichkeiten. Wie schon bei den Kurzformen reicht jedoch eine starre Betrachtung der Syntax in manchen Fällen nicht aus, um eine eindeutige Beschreibung formulieren zu können. Tonmuster, wie sie mit Hilfe der Prosodie untersucht werden, beeinflussen die Struktur von Aussagen auch auf syntaktischer Ebene, daher werden Beziehungen zwischen der Prosodie und der Topologie innerhalb der jeweiligen Abschnitte zu diskontinuierlichen Formen beschrieben. Zu Beginn dieses Abschnitts werden daher die Grundzüge der dafür verwendeten theoretischen Beschreibung der Tonmuster vorgestellt.

Anakoluthe sind vorrangig diejenigen Phänomene alltäglichen Sprechens, die typischerweise am schnellsten zu einer Verurteilung gesprochener Sprache als fehlerbelastet führen.2 Für eine topologische Analyse sind diese Phänomene schon deutlich 'unhandlicher'. Vor allem die Frage, wann eine Struktur wirklich als Satz betrachtet werden kann, setzt dem Modell Grenzen für der Beschreibbarkeit dieser Strukturen.

Folgend werden kleinere Gruppen von syntaktischen Besonderheiten einzeln betrachtet. Die syntaktische Komplexität gesprochener Sprache, Besonderheiten in der Verbform, Adjektive, Pronomen sowie Konjunktionen und Subjunktionen. Hier wird sich zeigen, dass diese tiefer in die Syntax eingebetteten Eigenschaften gesprochener Aussagen meist mit quantitativem Unterschied zur geschriebenen Sprache, in der Analyse mit Hilfe des topologischen Feldermodells kein Problem darstellen.

Anschließend soll ein Überblick über die Anwendbarkeit des Modells für die Analyse gesprochener Sprache gegeben werden. Wir werden sehen, dass es eine Frage des theoretischen Fundaments ist, ob das Modell nutzbar gemacht werden kann oder nicht. Abhängig vom zugrundeliegenden Verständnis aller sprachlichen Äußerungen als Satz bzw. Abweichung davon sowie als nebengeordnete sprachliche Handlungen, bei denen ein Satz mit finitem Verb nur eine Erscheinungsform darstellt, lässt sich ein solches Modell sinnvoll anwenden oder nicht.

Zuvor jedoch soll das für Beispiele verwendete Korpus beschrieben und das topologische Feldermodell noch einmal zusammenfassend vorgestellt werden. Ein Exkurs über die Frage, ob es überhaupt Sätze in gesprochener Sprache gibt, wird dann die Einleitung der Arbeit abschließen.

1.1 Das Korpus

Alle verwendeten Beispiele stammen entweder aus der verwendeten Literatur, und sind als solche gekennzeichnet, oder sie sind der Datenbank Gesprochenes Deutsch aus dem Archiv für Gesprochenes Deutsch vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim entnommen.3 Eine Ausnahme bilden die artifiziellen Beispiele in Abschnitt 2.3.3. Verwendet wird ein Teilkorpus, welches aus Transkripten des Freiburger Korpus4 besteht. Ausgewählt wurden spontansprachliche Gesprächssituationen5, in denen dialogisch und abschnittsweise monologisch gesprochen wird. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren I960 bis 1974. Das Teilkorpus besteht aus sieben Transkripten mit insgesamt 9531 Tokens6.

1. Transkript FR047: Dialog mit fünf Gesprächsteilnehmern in einer Fernsehsendung im Zweiten Deutschen Fernsehen zum Thema 'Sinnvolle Feriengestaltung'. 4733 Tokens.7

2. Transkript FR078: Vortrag8 mit zwei Gesprächsteilnehmern aus einer Fernsehsendung des ZDF, in dem ein Interviewer einen Ehemann über seine Ehesituation befragt. 1566 Tokens.9

3. Transkript FR115: Beratungsgespräch mit zwei Gesprächsteilnehmern am Telefon, in dem eine junge Frau bei einem Vermieter anruft und sich nach der Möglichkeit erkundigt, an der Wohnungsbesichtigung ihres ebenfalls jungen Lebenspartners teilzunehmen. 446 Tokens.10

4. Transkript FR118: Private Unterhaltung mit zwei Gesprächsteilnehmern in der Straßenbahn, in der sich zwei jüngere Sprecher über das Gespräch zweier älterer Männer unterhalten. 379 Tokens.11

5. Transkript FR122: Private Unterhaltung mit zwei Gesprächsteilnehmern in der Küche, in der alltägliche Themen wie der Einkauf und eine Paketlieferung besprochen werden. 622 Tokens.12

6. Transkript FR145: Private Unterhaltung mit zwei Gesprächsteilnehmern, in der sich die beiden Sprecher sich zu einem Treffen verabreden. 637 Tokens.13

7. Transkript FR187: Private Unterhaltung mit vier Gesprächsteilnehmern am Frühstückstisch, in der viele alltägliche Themen besprochen werden. 1148 Tokens.14

Die Auswahl der Korpustexte orientierte sich an mehreren Gesichtspunkten. Die Gesprächsteilnehmer sollten spontan sprechen und nicht vorbereitete Texte wiedergeben. Dies ist bereits Teil der Konzeption des Freiburger Korpus. Ebenso wurde bei den Aufnahmen darauf geachtet, dass bei den Gewährspersonen ein möglichst breiter Schnitt durch die Gesellschaft gezogen wurde, um soziolektale Einflüsse auf das verwendete Register zu minimieren.

Die Sprecherauswahl des Freiburger Korpus ist auf eine breite Aussagekraft der Datenbasis hin ausgerichtet. Es wurden „erwachsene Sprecherinnen und Sprecher erfaßt, bei denen eine normale Sprachgewandheit vorausgesetzt werden kann.“ (IDS 1971:20) Des Weiteren wurden die Sprachproben in Aufnahmesituationen angefertigt, die den Gewährspersonen eine größtmögliche Alltagsgewohnheit erlaubte. „Um die Unbefangenheit der Sprecherinnen und Sprecher nicht unnötig zu beeinträchtigen, gilt die Regel, daß unsere Aufnahmeaktionen erst nachträglich bekannt gemacht werden.

Wir können uns damit vor der Möglichkeit schützen, daß die Gesprächsteilnehmer nicht in ihrer üblichen Weise, sondern besonders 'gut' zu sprechen versuchen. Ausgeschlossen ist damit auch, daß Teilnehmer wegen Befangenheit vor dem Mikrophon sich gar nicht oder nur schüchtern äußern.“ (IDS 1971:20)15 Hinzu kommen Aufnahmen aus dem Fernsehen, in denen die Aufnahmesituation den Sprechern also bekannt war. Dass die Aufnahmen gesprochene Spontansprache abbilden, ist ebenfalls dokumentiert. Aufgenommen wurde „gesprochene Sprache, die ohne intensive Vorbereitung und ohne schriftliche Formulierung hervorgebracht wurde“ (IDS 1971:21).

Des Weiteren wurden für das hier zugrunde gelegte Teilkorpus keine fachsprachlichen Textsorten wie Fußballkommentare verwendet, sondern spontane und direkte mit Gesprächspartnern Interaktion aufweisende Kommunikations­situationen ausgewählt. Bei den Transkripten handelt es sich um private Gespräche, Telefonate und interviewförmige Gespräche aus Fernsehsendungen. Somit ist auch die Art der Aufzeichnung nicht einseitig. Damit soll vermieden werden, dass Stress oder die Absicht durch bewusste Orientierung am Schriftstandard ein soziales Image aufrechtzuerhalten, eine Rolle beim Formulieren der Spontansprache darstellt.

Zweck des Korpus ist nicht, quantitative Aussagen über das Auftauchen bestimmter der gesprochenen Spontansprache eigenen syntaktischen Phänomene anzustreben, sondern die Nutzung einer realen Datenbasis, um nicht auf artifizielle Beispiele zurückzugreifen. Wie bereits eingehend erwähnt, bietet die moderne Korpuslinguistik eben diese Möglichkeit, nicht introspektiv, sondern deskriptiv arbeiten können. Zu beweisen, dass die beschriebenen syntaktischen Phänomene in der gesprochenen Spontansprache zu finden sind, ist nicht Ziel dieser Arbeit.16 Gezeigt werden soll jedoch, dass für die von Schwitalla beschriebenen Eigenarten der Syntax des gesprochenen Deutsch ohne Weiteres in einem kleinen Korpus aus Transkripten Beispiele gefunden werden können.

Die Korpustexte sind nicht syntaktisch annotiert, da keine quantitative Auswertung erfolgen soll. Es sollen tatsächliche, spontan geäußerte Beispiele einer angenommenen gesprochenen Standardsprache als Grundlage für die Analyse verwendet werden. Somit ähnelt das Korpus eher einer Belegsammlung mit vollem Kontext, als einem klassischen annotierten Korpus. Als Primärdaten werden die reinen Text-Transkripte der Aufnahmen verwendet, die für das Freiburger Korpus angefertigt wurden. Metadaten werden in den einzelnen Beispielanalysen in Form von Felderzuordnungen eingefügt und diskutiert. Wollte man dies schon mit in das Korpus einpflegen, so müssten die Ergebnisse dieser Arbeit bereits zugrunde gelegt werden. Eine topologische Annotation auf Basis des Feldermodells wäre bei voll ausgeformten, dem geschriebenen Standard ähnlichen Sätzen unproblematisch und somit irrelevant. Eben diejenigen Aussagen mit gesprochensprachlichen Besonderheiten sind zu diskutieren und somit erst in der Analysephase annotierbar, gegebenenfalls je nach Betrachtung verschiedenartig. Alle verwendeten Transkripte sind vollständig im Anhang der vorliegenden Arbeit beigefügt.

Der Phänomenbereich der Untersuchung stellt ein Problem für die Repräsentativität des Korpus da. Untersucht werden sollen Eigenarten der gesprochenen Sprache im Allgemeinen, was bereits keine klare Abgrenzung ermöglicht. Wann die Standardferne einer Sprachprobe groß genug ist, um als regiolektal oder dialektal zu gelten, ist hier nicht klar bestimmbar. Daher beziehen sich die Angaben über die Existenz der untersuchten Phänomene der gesprochenen Spontansprache auf die Ausführungen von Schwitalla (2006), Hennig (2006), Schlobinski (1997) und Fiehler (2005). Legt man die Orientierung des Freiburger Korpus als standardnah zugrunde, wie dies in der Dokumentation auch geschieht17, können Belege aus dem Korpus als Beispiele für die gesprochene Spontansprache angesehen werden.

1.2Das topologische Feldermodell

Seit 1937 existiert die speziell auf das Deutsche zugeschnittene Syntaxbetrachtung, nach welcher Sätze anhand der Positionen der beteiligten Satzglieder relativ zum Verb beschrieben werden. Die dem Deutschen eigene Klammerstruktur aus finitem und infinitem Bestandteil einer komplexen Verbform wurde zunächst von Erich Drach beschrieben, mit Blick auf eine vom Lateinischen unabhängige Schulgrammatik des Deutschen. Ausgangspunkt ist hierbei die Rolle der flektierten Verbform als klammerkonstituierendes Element. „Das Verbum finitum ist der standfeste Angelpunkt, um den herum der Satz sich aufbaut und gliedert.“ (Drach 1963:16) Der von Drach vorgestellte Satzplan bildet jedoch diejenige Grundlage für die kommenden Generationen von deutschen Syntaktikern, die mittlerweile Grundpfeiler der linguistischen Analyse des geschriebenen Deutschen und weit verbreiteter Standard geworden ist. Begriffe wie Stellungsfelder oder Verbklammer bzw. Satzklammer sind zum Grundwissen der linguistischen Ausbildung avanciert.

Grundgedanke ist die Abfolge des deutschen Satzes nach folgendem Muster: Vorfeld - linke Satzklammer - Mittelfeld - rechte Satzklammer - Nachfeld

Das finite Verb bildet prototypisch in Verbzweitsätzen, also den deutschen Matrix- bzw. Hauptsätzen, den klammeröffnenden linken Teil der Satzklammer. In den subordinierten Verbletztsätzen, also den deutschen Glied- bzw. Nebensätzen, wird das finite Verb in die rechte Satzklammer gesetzt und die klammeröffnende Funktion wird von der nebensatzeinleitenden Konjunktion eingenommen. Dadurch ergibt sich eine unbewegliche, formgebende Struktur, in welche sich alle weiteren informations­tragenden Elemente, die schulgrammatischen Satzglieder, einbauen lassen. So lassen sich deutsche Eigenarten umfassend beschreiben. Etwa die Beschränkung, dass sich vor dem klammeröffnenden Ausdruck nur ein Element befinden darf, kann so abweichend von vorher genutzten lateinischen Grammatiken beschrieben werden. Außerdem greift dieses Modell auch die Distanzstellung von finitem und infinitem Verb oder Partikel nicht nur auf, sondern macht sie zur Basis der Syntaxbetrachtung. Die Positionen von Subjekten und Objekten relativ zum Verb sind im Deutschen nicht fest. Die Ungenauigkeit, die das Deutsche als Sprache in der Satzabfolge mit Hilfe der für andere Sprachen der Welt verwendeten Kategorien S, V und O18 aufweist, über die Sprachen und Sprachfamilien typologisch klassifizierbar sind, hat eine stellungsfelder­bezogene Syntaxtradition begünstigt.

In dieser Arbeit soll das topologische Feldermodell verwendet werden, wie es in den meisten Grundlagenbüchern vorgestellt wird. Dazu wurde auf die Syntaxeinführungen von Pittner/Berman (2007:78ff.) und Dürscheid (2007:89ff.) sowie die Übersicht zur Topologie von Altmann/Hofmann (2006) und die Einführung in das topologische Satzmodell von Wöllstein (2010) zurückgegriffen.

Wichtige Eckpunkte für die in dieser Arbeit vorgenommenen Analysen sind:

- Vorfeld (vgl. Dürscheid 2007:101):
- standardmäßig von einem Satzglied besetzt
- kann leer bleiben
- in Ausnahmefällen können hier auch mehrere Satzglieder oder nur Teile von Satzgliedern stehen

- Linke Satzklammer: (vgl. Wöllstein 2010:32)
- enthält finites Verb oder finiten Teil einer komplexen Verbform
- oder die Subordination bei Verbletztsätzen

- Mittelfeld (vgl. Dürscheid 2007:104):
- von mehreren Satzgliedern besetzt
- Reihenfolge bei nominalen Satzgliedern: Subjekt - Dativobjekt - Akkusativobjekt
- Reihenfolge bei pronominalen Satzgliedern: Subjekt-Akkusativobjekt - Dativobjekt
- Genitivobjekte stehen in Verbletztsätzen präverbal
- präpositionale Objekte stehen in Verbletztsätzen präverbal
- obligatorische Adverbiale stehen in Verbletztsätzen präverbal

- Rechte Satzklammer: (vgl. Wöllstein 2010:37)
- enthält die infiniten Formen einer komplexen Verbform
- oder Partikel von Partikelverben
- oder die finite oder vollständige komplexe Verbform bei Verbletztsätzen

- Nachfeld (vgl. Dürscheid 2007:106):
- enthält „umfangreiche Satzglieder“ (ebd.)
- oder subordinierte Sätze eingeleitet durch Konjunktionen
- oder Infinitivsätze

Außerdem soll mit drei verschiedenen Satztypen nach Position des finiten Verbs gearbeitet werden:

- Verberstsätze (VI), bei denen kein Vorfeld vorhanden ist (la) haben sie denn schon [...] Versuche gemacht mit ihrer Frau wieder nach diesem Vorfall19 (V1)
- Verbzweitsätze (V2), die den Standard für eigenständige Aussagesätze darstellen (lb) ich seh das gar nicht so sehr20 (V2)
- Verbletztsätze (VL), bei denen das finite Verb die rechte Satzklammer besetzt, und die den Normalfall bei subordinierten Sätzen darstellen. (lc) weil sie mich ja dadurch ständig kompromittiert hat21 (VL)

Das 'Fehlen' eines Vorfelds stellt kein ausreichendes Kriterium für einen Verberstsatz dar, da schon in der Definition für das Vorfeld festgehalten wird, dass dieses auch leer sein kann. Erst wenn es sich nicht um eine elliptische Konstruktion handelt und somit in einem vollständig realisierten Satz kein Vorfeld existiert, liegt ein Verberstsatz vor. Tiefergehend wird dies in Abschnitt 2 im Zusammenhang mit Ellipsen und Analepsen erörtert.

Für die Beispiele in (la-c) ergibt sich somit folgende Felderanalyse:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Außenfeld

Die oben eingeführte Felderstrukturierung deckt zunächst nur die Fälle ab, die prototypisch dem einfachen Satz ohne kontextuellem Umfeld entsprechen. Vor allem bei Fällen der Herausstellung nach links und bei koordinierenden Konjunktionen ist der linke Satzrand mit einem einfachen Vorfeld nicht ausreichend beschrieben. Pittner/Berman (2007) beschreiben zusätzlich zum Vorfeld noch eine Koordinationsposition (KOOR) und eine Position für die Linksversetzung (LV).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Pittner/Berman 2007:88)

Diese Positionen werden nicht überall gleich analysiert. Diskussionen über ein etwaiges Vor-Vorfeld oder Außenfeld sollen hier nicht weiter geführt werden. Die Position bzw. die Positionen vor dem Vorfeld werden im Laufe der Arbeit noch thematisiert. Zunächst soll nur festgehalten werden, dass das Vorfeld in der Theorie nicht immer den linken Satzrand darstellt. Betrachtungen dazu finden sich vor allem zum Thema Linksherausstellungen in Abschnitt 3.2.1. In den Analysen werden Elemente vor dem Vorfeld zunächst in einem Außenfeld (AF) analysiert. In einem Sonderfall wird diese grobe Felderzuordnung nach dem Modell wie bei Pittner/Berman aufgefächert (vgl. Koordination und Linksversetzung, Abschnitt 3.2.1).

Nach dem oben gezeigten Analysemuster werden alle Beispiele in dieser Arbeit aufgeschlüsselt. Es wird zunächst angenommen, dass eine satzartige Grundstruktur auch den meisten gesprochensprachlichen Äußerungen zugrunde liegt. Dass dies nicht immer der Fall ist, wird im Laufe der Auseinandersetzung verdeutlicht und schließlich zum zentralen Problem bei der Nutzung des Feldermodells in der Analyse gesprochener Sprache. Denn nur wenn ein finites Verb - Drachs fester Angelpunkt - vorhanden ist, kann eine vom Verb abhängige Betrachtung angestellt werden. Leere Felder, meist das Nachfeld und gelegentlich die rechte Satzklammer, werden in der Darstellung ausgelassen, wenn diese für die aktuelle Betrachtung nicht von Belang sind.

1.3 Exkurs: Gibt es Sätze in gesprochenerSprache?

Die Definition des Begriffes stellt sich zunächst als Problem und nicht als theoretische Grundlage dar, auf dem diese Arbeit aufgebaut werden könnte. Diskussionen über die Gestalt und eine hinreichende Bedingung dafür, dass einer sprachlichen Handlung die Kategorie 'Satz' zugeordnet werden kann, werden in der linguistischen Forschung schon lang geführt. Grundsätzlich ist der Begriff linguistisch nicht deckungsgleich mit der Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch. Basierend auf Hoffmanns Ausführungen in Zifonun (1997:86ff.) soll dieser Arbeit eine Unterscheidung von Satz und Kommunikativer Minimaleinheit zugrundeliegen.

„Sätze enthalten ein finites Verb und (in der Regel) die unter strukturellen und kontextuellen Bedingungen notwendigen Komplemente dieses Verbs; darüber hinaus können Sätze Supplemente enthalten.“ (Zifonun 1997:86f.; Hervorhebung von mir). Kommunikative Minimaleinheiten sind Einheiten, mit denen sprachliche Handlungen vollzogen werden. Somit werden Sätze über ihre Form und kommunikative Minimaleinheiten über ihre Funktion definiert. Nach Hoffmann verfügen kommunikative Minimaleinheiten über ein „illokutives Potential“ (Zifonun 1997:90), also die Eigenschaft, als eigenständige Handlung zu fungieren sowie über einen „propositionalen Gehalt“ (ebd.) zu verfügen. Sie sind somit aus dem Verwendungskontext herauslösbar. Aus dieser Definition ergibt sich eine einseitige Abhängigkeit, also die Tatsache, dass alle Sätze kommunikative Minimaleinheiten darstellen, jedoch nicht umgekehrt, denn auch wenn die Definition anhand der Form geschieht, enthalten Sätze zusätzlich auch die Eigenschaft, als Funktion eine sprachliche Handlung zu tragen. Diese nennt Hoffmann Vollsätze (Zifonun 1997:87).

Es wird festgestellt, dass der „Vollsatz [...] die explizisteste und damit unter grammatischer Perspektive vornehmste Form der Realisierung kommunikativer Minimaleinheiten“ (ebd.) sei. Die Explizitheit meint an dieser Stelle die im Verb kodierten grammatischen Informationen, und nicht etwaige kommunikative Genauigkeit oder Ökonomie.

In dieser Arbeit soll mit diesem Satzbegriff gearbeitet werden. Ausgangspunkt ist also das finite Verb, das als 'Schaltzentrale' über die weiteren Elemente in seinem Wirkungsbereich verfügt.22 Eine klare Grenze zwischen verblosen kommunikativen Minimaleinheiten und Sätzen zu ziehen ist dann problematisch, wenn satzähnliche Strukturen analysiert werden, die bis auf das finite Verb vollständig zu sein scheinen (mehr dazu in Abschnitt 2.2.3 in der Auseinandersetzung mit Verbellipsen). Kommunikative Minimaleinheiten sind Sprachhandlungen, die vorerst nicht weiter in ihrer Satzwertigkeit bestimmt sind. Der neutrale Begriff der Sprachhandlung wird im Laufe der vorliegenden Arbeit genutzt, da kommunikative Minimaleinheiten als herausgelöst aus dem Verwendungskontext betrachtet werden können, was gerade bei Ellipsen nicht der vorliegenden Beschreibung entspricht.

Das Definitionsproblem ist nicht mit der Aufteilung in Funktions- und Formaspekt einer sprachlichen Handlung gelöst. Für die vorliegende Arbeit ist die Auseinandersetzung auf dieser Ebene jedoch wenig zuträglich. Die Satz-Definition von Hoffmann in Zifonun (1997:86f.) zugrunde gelegt, stellt sich ein weiterer wissenschaftlicher Streitpunkt in den Weg: die Frage nach der Existenz von Sätzen in gesprochener Sprache. Implizit steckt eine Position Hoffmanns bereits in den genannten Ausführungen. Die Grammatik nach Zifonun versteht sich als Beschreibung „des gegenwärtigen Deutsch, wie es etwa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts [...] gesprochen wird.“ (Zifonun 1997:2) Ausdrücklich bildet die „Standardsprache in ihrer schriftlichen und mündlichen Ausprägung“ (ebd.) den Gegenstand dieser Grammatik. Spricht Hoffmann also von sprachlichen Handlungen, Sätzen und kommunikativen Minimaleinheiten, so liegt dieser Betrachtung ein breites Verständnis von Sprache zugrunde, welches Aussagen über gesprochene, wenn auch standardisierte und nicht-varietätische Sprache inkorporiert. Als problematisch stellen sich hier, wie auch im Verlauf dieser Arbeit, die Analysemethoden und Definitionsansätze heraus, welche über Möglichkeit und Unmöglichkeit von Auslassungen funktionieren, da sie eine irgendwie geartete, jedoch zumindest vollständige und unterbewusste Idealform voraussetzen.23

2 Kurzformen: Analepsen und Ellipsen

„Hat der Sprechende jedoch ein mal die Situation geklärt, so bedürfen die nachfolgenden Prädicate selbstverständlich nicht von neuem der Expositionselemente. “ (Wegener 1885:45)

Kurzformen sind in alltäglicher Kommunikation mehr als nur ein Randphänomen. Die Verkürzung der Redehandlung erfüllt in den meisten Fällen die von Grice aufgestellte Konversationsmaxime der Quantität (vgl. Grice 1975:41ff.). Wenn nicht mehr gesagt werden muss als nötig, kann der Sprecher mit der Fähigkeit des Hörers rechnen, aus syntaktischen und semantischen Gegebenheiten Informationen zu ergänzen, die ansonsten redundant wären. Es darf hier jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass in gesprochensprachlichen Situationen viele Faktoren in das Verständnis einer Äußerung mit hineinspielen. Neben dem pragmatischen Aufbau und der semantischen Struktur beeinflussen auch das sprachliche Register, der prosodische Verlauf der Äußerung oder soziolinguistische Faktoren den gesamten Ablauf der Kommunikation.

Die Definition des Begriffs der Ellipse ist ein umstrittenes Feld. In dieser Arbeit soll unter einer Ellipse eine nicht aus dem direkten Äußerungskontext ableitbare Auslassung bzw. ein Verkürzung der Redehandlung verstanden werden. Hier kommt das Weltwissen des Hörers sowie das des Sprechers zum Tragen. Oft handelt es sich bei Ellipsen dieser Definition um weitgehend feste, hochfrequente Fügungen der Alltags- oder Fachsprache. Davon abgegrenzt beschreibt der Begriff der Analepse die Auslassung syntaktisch oder semantisch bereits eingeführter Elemente. Somit werden die Begrifflichkeiten so genutzt, wie auch Schwitalla (2006:101ff.) sie verwendet. Die Konzepte sollen basierend auf Zifonun definiert werden. Hier finden sich zunächst folgende Beispiele für auslassende Konstruktionen (vgl. Zifonun 1997:410):

(2a) [ ] Komme gleich.
(2b) Sie ist nach München [ ].
(2c) [ ] Einen doppelten Whiskey bitte!
(2d) Aber weil er so gut geschrieben ist, liest man auch leicht über Wichtiges hinweg. [ ] Meint, man hätte es verstanden. [ ] Hat es aber nicht [ ].
(2e) Schüler Sie sin aber fleißig (...) Lehrerin [ ] Bin ich doch immer.

Die Beispiele in (2a-c) zeigen Ellipsen. Hier kann nicht aus dem Kontext, sondern nur aus der Weltwissen oder der kommunikativen Routine erschlossen werden, was ausgelassen wurde. In (2a) wurde das Subjekt-Pronomen ich, in (2b) ein Partizip eines Bewegungsverbs wie gefahren und in (2c) das Subjekt und finite Verbform wie ich nehme ausgelassen. Die Beispiele in (2d-e) zeigen Analepsen, da hier die verkürzten Aussageteile aus dem Kontext ableitbar sind. In (2d) ist dies an zwei Stellen das bereits eingeführte Pronomen man und am Ende das Partizip verstanden. Dies geschieht innerhalb einer längeren Aussage eines Sprechers, wohingegen das Beispiel in (2e) zeigt, dass dies auch über einen Sprecherwechsel hinaus funktioniert. Hier wird das vom Schüler verwendete Prädikativ fleißig von der Lehrerin nicht wieder aufgegriffen, obwohl es nach dem Aufbau des Satzes sogar in satzinitialer Position und somit im Fokus stünde.

Zusammenfassung und Merkmale

Analepsen sind Kurzformen mit kontextuell herleitbaren Auslassungen und Ellipsen kontextfreie Kurzformen. Sie stellen einen unvollständig realisierten Satz dar, vorausgesetzt, dass ein Satzkonzept verwendet wird, welches Propositionen als von einem finiten Verb abhängige Strukturen versteht. Auf diese theoretische Diskrepanz weist Hoffmann ebenfalls hin: „Ellipsen sind immer wieder im Blick auf den 'vollständigen Satz' - was immer das sei - und selten konsequent funktional betrachtet worden. Als Norm galt (und gilt) in der Grammatiktradition der Verbalsatz, zu dem eine Ellipse ergänzt oder aus dem sie durch Reduktion abgeleitet werden konnte. Tatsächlich ist auch im Deutschen der Verbalsatz nur eine (wenngleich besonders frequente) Form neben anderen.“ (Zifonun 1997:410) In der Generativen Grammatik ist dies nicht anders. Hier werden Ellipsen als „'Tilgung' vor dem Hintergrund strukturbezogener Erfordernisse“ (Zifonun 1997:411) analysiert. Wir werden sehen, dass es an dieser 'Schaltstelle' im Theoriefundament liegt, ob die topologische Felderanalyse sinnvolle Ergebnisse liefert oder nicht.

Eine zentrale Rolle im Umgang mit dem Ellipsen-Begriff spielen linguistische Strukturerwartungen, also Erwartungen, dass jegliche sprachliche Handlung als dem Muster entsprechend oder davon abweichend beschrieben werden kann. Für die nachfolgenden Ausführungen seien diese Strukturerwartungen einmal als gegeben angesehen.

Hoffmann definiert Ellipsen tilgungsfrei über eine elliptische Prozedur und unterscheidet verschiedene Typen von Ellipsen.

Elliptische Prozedur: „Verbalisierungsverfahren für kommunikative Minimaleinheiten, bei dem der Sprecher systematisch nicht versprachlicht, was aufgrund gemeinsamer Orientierung in der Sprechsituation, im aktuellen Handlungszusammenhang oder auf der Basis sprachlichen Wissens in den Hintergrund eingehen und mitverstanden werden kann. Das Äußerungsprodukt nennen wir ELLIPSE. Ellipsen sind als kommunikative Minimaleinheiten vollständige Lormen, mündlich abgeschlossen durch Grenztonmuster, schriftlich durch graphisches Schlußzeichen.“ (Zifonun 1997:413)

Eine ausführliche Auffächerung der Ellipsen nach Hoffmann findet sich in Abschnitt 2.2. Weiter formuliert Hoffmann Analepsen in Abgrenzung von Ellipsen als Kurzform, welche „auf vorgängiger Verbalisierung [beruhen], die unter bestimmten Bedingungen in Geltung bleibt, so daß das, was folgt, unmittelbar angeschlossen bzw. koordinativ integriert werden kann. Eine solche Integration erfolgt in eine parallele syntaktische Struktur hinein.“ (Zifonun 1997:412) Die Parallelität erweist sich als Möglichkeit, per Übernahme der syntaktischen Struktur einer vollständigen Aussage, die syntaktische Struktur der nachfolgenden Analepse feldertopologisch zu analysieren. Betrachtet werden im Rahmen dieser Arbeit jedoch nur Beispiele für Auslassungen von Subjekten und Objekten als obligatorische Erweiterungen des Verbs, von finiten und infiniten Verbformen selbst sowie von komplexen satzwertigen Einheiten.

2.1 Analepsen

Zunächst soll ein Blick auf die Strukturen geworfen werden, bei denen aus dem syntaktischen oder semantischen Kontext heraus nicht realisierte Satzteile durch den Hörer ergänzt werden. Dies betrifft zunächst häufig das Subjekt, wenn es in längeren Erzähltexten fortlaufend gleich bleibt.

(3) [...] sie is an den Apparat gegangen [ ] hat abgenommen [ ] hat sich gemeldet und [ ] wurde dann plötzlich sehr verlegen [ ] stotterte rum und [ ] kriegte nen roten Kopf und [ ] legte sehr schnell wieder auf24

(4) na ja dann können sie auch die Wohnung besichtigen sie werden dahin gehen und [ ] werden gucken und [ ] werden aus dem Fenster sehen und [ ] werden sagen ach das ist aber hübsch [...]25

Vielen subjektlosen Aussagen liegt ein Subjekt in der ersten Person Singular zugrunde, wo bereits durch die Redesituation eindeutig ist, wer die subjektive bzw. agentive Rolle übernimmt, ohne ein allgemeines oder gar gruppenspezifisches Weltwissen vorauszusetzen. Somit finden sich viele Ellipsen dieser Art. Mehr dazu in Abschnitt 2.2.1. Ist das ausgelassene Element jedoch aus dem syntaktischen Kontext ableitbar, wie in (3) und (4) jeweils die Proform sie, liegt eine Analepse vor, wie sie im Folgenden neben anderen Ausprägungen dieser Art von Auslassungen analysiert wird.

2.1.1 Subjekt-Analepsen

Bei der Analyse anhand des topologischen Feldermodells sind analeptische Strukturen wenig problematisch. Zunächst werden syntaktisch herleitbare Subjekte betrachtet.

(5) S1: [...] na ja sie,. hat ein Verhältnis mit einem jungen Mann mit einem gewissen Christian Dernbacher

S2 : ja

S1: seit dem September Oktober vorigen Jahres

S2 : ja

S1: und [ ]i streitet das ab [...]26

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier liegt eine frequente Form von Analepsen vor, denn ,,[s]olange Gesprächsgegenstände konstant bleiben, können sie zu Pronomen reduziert oder ganz weggelassen werden, damit der Hörer seine/ihre Aufmerksamkeit auf die Rhemata richten kann“ (Schwitalla 2006:103). Wie schon in (3) und (4) gezeigt, finden sich in gesprochener (wie auch geschriebener) Sprache lange Ketten koordinierter Aussagen, bei denen redundante Subjekte nicht realisiert werden.

Für eine felderstrukturelle Untersuchung ist das Beispiel in (5) unproblematisch. Nach der Definition lässt sich das koordinierende Element und nur in ein vor dem Vorfeld befindliches Feld, wie dem Außenfeld oder einem Koordinierungsfeld, einordnen. Das Vorfeld bleibt, wie es die Vorgabe erlaubt, leer, die syntaktische Struktur ist jedoch in beiden Sätzen die gleiche und aus dem semantischen Kontext lässt sich erschließen, wer Subjekt des Folgesatzes und streitet das ab ist. Rath (1979:143ff.) beschreibt die syntaktische Übereinstimmung im Satzbau als „Konstruktionsübernahme“. Dieses Prinzip bildet den Ausgangspunkt für die topologische Analyse von analeptischen Konstruktionen.

Subjekt-Analepsen außerhalb des Vorfelds

Subjektlose Strukturen, bei denen ein analeptisches Subjekt nicht im Vorfeld vorliegt, sind im Korpus nicht zu finden. Drei Möglichkeiten sind denkbar: Verbzweitsätze mit einem anderen Satzglied als dem Subjekt im Vorfeld, Verberstsätze oder Verbletztsätze. Im gesamten Korpus finden sich weder Sätze, bei denen ein 'Nicht-Subjekt' im Vorfeld steht und gleichzeitig das Subjekt im Mittelfeld ausgelassen ist, noch Verberstsätze mit ausgelassenem Subjekt. Zu den Verbletztsätzen wurde das Korpus auf die subordinierenden Konjunktionen daß, weil, wenn, als und obwohl hin untersucht.27 Keiner dieser Gliedsätze wies ein fehlendes Subjekt auf. Dies soll nicht als nebensächlich abgetan werden. Die Tatsache, dass es eine - zunächst einmal nur schwache - Evidenz dafür gibt, dass in gesprochener Spontansprache das Subjekt, wenn es im Mittelfeld steht, nicht ausgelassen wird, selbst wenn es semantisch erschließbar wäre, könnte darauf hindeuten, dass Subjekt-Analepsen sich mit Hilfe der Informationsstruktur erklären lassen. Das Thema, also der Redegegenstand, wird oft in das Vorfeld oder noch davor in das Außenfeld verschoben, um den Redegegenstand in der zeitlichen Abfolge der Aussage an den Anfang zu stellen, und dann erst die neue Information, das Rhema, mit Hilfe eines Prädikats auszudrücken (vgl. Abschnitt 2.3.4). Das Mittelfeld trägt also in den meisten Fällen eher das Rhema. Stehen Thema und Rhema im Mittelfeld, so wird das Thema bevorzugt zuerst genannt (Dürscheid 2007:102). Bleibt das Thema in einer laufenden Kette von syntaktisch gleich geformten Konstruktionen dasselbe, und wird es außerhalb des Prädikats in der Sprechsituation verankert, so liegt ein Subjekt im Vorfeld vor, welches in Form einer Analepse ausgelassen werden kann.

Auswirkungen auf die topologische Analyse

Grundsätzlich gilt, dass eine topologische Analyse, solang das im Vorfeld 'fehlende' Element syntaktisch oder semantisch in den Kontext eingebettet ist, durchgeführt werden kann. Anhand der Datenlage des verwendeten Korpus lässt sich kein Beispiel finden, in dem eine Subjekt-Analepse im Mittelfeld vorläge. Allerdings gestaltete sich eine topologische Felderanalyse in einem solchen Fall völlig problemfrei, da sich das Vorhandensein eines Mittelfelds weiterhin durch die vorliegende und an der Oberfläche realisierte Existenz einer Verbklammer belegen ließe. Auf die Diskussion über die Problematik vorfeldloser Konstruktionen im Zusammenhang mit der Unterscheidung in Verberst- und Verbzweitsatz wird noch einmal in Abschnitt 2.3.3 eingegangen.

Des Weiteren lässt sich beobachten, dass die Auslassung nur dann vorgenommen wird, wenn eine bestehende syntaktische Form im ununterbrochenen Redefluss vorweggegangen ist. Wenn weitere Phänomene, wie ein Abbruch mit Neuanfang (vgl. Abschnitt 3.3.3), hinzutreten, realisiert ein Sprecher die im ersten Versuch ausgelassenen, syntaktisch herleitbaren Elemente wieder, wie das Beispiel in (6) zeigt.

(6) S1: dann wollte siei aber ablenken nicht wahr

S2 :

S1: und [ ]i wollte es übergehen und [ ]i wurde also ja

wie soll ich sagen sie wurde also erotisch etwas aktiver um mich von dieser von diesem Vorwurf abzulenken28

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der felderstrukturellen Betrachtung werden die Rückversicherung nicht wahr und die Interjektion also ja als Elemente der Aussagen und somit als Teil der Felderstruktur angesehen und im Nachfeld bzw. Außenfeld analysiert. Nach dem Abbruch formuliert der Sprecher eine Frage. Diese führt eine veränderte Satzstruktur in die Aussagenfolge ein. Somit kann in der erneut beginnenden Aussage nicht auf den direkten syntaktischen Kontext zurückgegriffen werden, und der Sprecher realisiert alle Elemente der Aussage vollständig, anstatt erneut das Subjekt auszulassen. Diesem Phänomen liegt ein Prinzip zugrunde, dass Rath bereits für Ellipsen in einer Definition, die dem hier verwendeten Begriff der Analepse entspricht, formuliert: „Einer solchen Ellipsenbildung liegt die Konvention zugrunde, daß Konstruktionen solange in Geltung stehen, bis erkennbar eine neue beginnt.“ (Rath 1979:144)

2.1.2 Objekt-Analepsen

Aus topologischer Sicht bringen objektlose Strukturen ein geringes Problempotential mit sich. Wie sich noch zeigen wird, sind vor allem verblose Konstruktionen einer felderstrukturellen Analyse hinderlich. Zunächst ein Beispiel für objektbezogene Analepsen:

(7) S1: [...] das hatte einen Wert von fünfundsiebzig Marki ja bestimmt nich S2 : [ ]i hat s gehabt29

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch hier liegt wieder die gleiche Struktur bei beiden Aussagen vor, wie schon bei subjektbezogenen Analepsen. Das gleich indizierte Element befindet sich jedoch in unterschiedlichen Feldern. Die Konstruktionsübernahme beschränkt sich auf die Position des finiten Verbs und somit auf die Konstituierung eines Verbzweitsatzes. Topologisch lässt sich aber die nicht vollständige Aussage hat s gehabt ohne Schwierigkeiten beschreiben. Das ausgelassene Element steht wiederum im Fokus, also im Vorfeld, die Übernahme der Verbzweitkonstruktion vorausgesetzt. Weiterhin gilt, dass ein nicht an der Oberfläche realisiertes nominales oder pronominales Element für das topologische Feldermodell keinen Grenzfall in der Beschreibung markiert.

Objekt-Analepsen im Mittelfeld und die Wackernagelposition

Auch bei der Untersuchung des Korpus auf Mittelfelder hin, bei denen ein Objekt ausgelassen aber herleitbar ist, bietet sich die gleiche Situation, wie schon bei subjektlosen Strukturen. In der verwendeten Datenbasis finden sich keine Belegstellen, in denen dies der Fall ist.

Im Deutschen finden sich direkt zu Beginn des Mittelfeldes oft schwachbetonte Elemente wie Pronomina. Die Wackernagelposition ist auch vom klitisierten Teil der enklitisch mit einem Verb verbundenen Pronomen besetzt (vgl. Dürscheid 2008:103). Diese Position ist in den Beispielen des Korpus durchgehend besetzt. Nominale Ellipsen finden sich ausschließlich im Vorfeld.

Es liegen also Evidenzen dafür vor, dass einzig das Vorfeld für Analepsen geeignet ist. Inwieweit die Informationsstruktur dies beeinflusst, wird tiefergehend im Abschnitt 2.3.3 diskutiert.

2.1.3 Verb-Analepsen

Aus topologischer Sicht ergibt sich bei verblosen Strukturen ein zentrales Problem: Wenn das finite Verb als strukturkonstituierendes Element die Klammer im Aussagesatz eröffnet, fehlt genau diese strukturgebende Komponente für die Analyse. Weniger problematisch ist es hingegen, wenn infinite Elemente durch analeptische Strukturen ausgelassen werden.

(8) ja diei hätten-, damals diesen Anbau dazu nehmen müssenk und dann [ ]j [ ]i die Fleischabteilung daraus machen [ ]k30

S1: der Pullover hatl ja allein sechsunddreißig gekostete,

S2: sechsunddreißig stimmt

S1: nich sechsunddreißig das Hemd [ ]l sechzehn [ ]m

S2: s Hemd sechzehn bereits fufzig31

In der topologischen Analyse stellen sich die Aussagen in (8) und (9) wie folgt dar:

Nun zeigt sich zum ersten Mal die Schwäche, die das Feldermodell aufweist. Die Grundlage, dass ein Satz im Deutschen aus mindestens einem finiten Verb besteht, macht es in diesem Fall problematisch, die Aussage felderstrukturell zu analysieren. Gerade das Element die Fleischabteilung daraus wäre zwar mittelfeldgeeignet, es existiert aber keine an der Oberfläche realisierte linke Verbklammer, die ein Mittelfeld konstituieren könnte. Es stellt sich die Frage, ob die Tatsache eines fehlenden klammeröffnenden Elements ausreicht, um das Modell als unzureichend abzutun. Legt man die Existenz einer verborientierten Satzstruktur zugrunde, so können gerade bei Analepsen, wo eine syntaktische Konstruktionsübernahme vorliegt, die nicht realisierten Elemente in der Analyse durch koindizierte Leerelemente ergänzt werden. Die Felderstruktur der unvollständigen Aussage hängt somit von der Felderstruktur einer vorhergehenden Aussage ab. Eine felderstrukturelle Analyse ist dann möglich. Die Konstruktion kann auch als übernommen angesehen werden, wenn das Subjekt wie in (8) nicht an der gleichen Position analysiert werden kann, da es sich weiterhin um einen Verbzweitsatz handelt, und die Konjunktion dann bereits die Vorfeld­Position einnimmt.

Gleiches gilt bei der Verb-Analepse in (9). Die Aussage der Pullover hat ja allein sechsunddreißig gekostet gibt die syntaktische Form für die folgende Aussage vor. Nach dem Muster der so angelegten Felderstruktur lässt sich auch die unterrepräsentierte Aussage das Hemd sechzehn analysieren. Eine kontextfreie Betrachtung ist hingegen nicht möglich. Gerade die Verteilung der Elemente in ein Vorfeld und ein Mittelfeld ließe sich nur schwer erklären, ließe man die formgebende Struktur der Vorgängeraussage außer Acht.

Semantisch herleitbare Analepsen

Es finden sich auch semantisch herleitbare Analepsen, wie das Beispiel in (10) zeigt.

(10) S1: ... und das Paket ist noch nicht angekommen

S2: und [ ] Express geschickt

S1: und [ ] Express geschickt ja32

Es lässt sich aus dem Kontext erschließen, dass die Aussage von Sprecher 2, die auch von Sprecher 1 noch einmal wiederholt und bestätigt wird, bedeuten muss, dass das erwähnte Paket als Expresslieferung verschickt wurde. Vervollständigt könnte der Aussage also folgende Form zugrundeliegen:

(11) und es wurde (als) Express geschickt

Felderstrukturell ergibt sich für die strukturübergebende Vorgängeraussage sowie für die vervollständigte und die eigentliche Ausprägung der Aussage die folgende Form:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wiederum lässt sich die verkürzte Aussage nur mit dem Modell beschreiben, wenn der Kontext hinzugezogen wird, der die Struktur der Aussage als Muster vorgibt. Es lassen sich keine Analepsen der vorgestellten Strukturen finden, bei denen sich die analeptische Aussage in der Satzart von der vollständig ausformulierten Vorgänger­aussage unterscheidet.

Das in (10) angeführte Beispiel macht deutlich, dass verblose Strukturen nicht nur die syntaktische Konstruktion und damit auch das finite Verb übernehmen, sondern auch semantisch in den Kontext eingliedert sein können, wobei ein anderes Verblexem genutzt wird. Denkbar wäre auch, dass, wie in den anderen Beispielen für verblose Strukturen auch, die finite Verbform übernommen wird. Somit wäre als vollständige Aussage ebenfalls eine Perfektkonstruktion wie in (12) möglich:

(12) und es ist (als) Express geschickt worden

Dies würde jedoch nichts an der Felderanalyse der unterrepräsentierten Aussage und Express geschickt ändern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Semantisch herleitbare Analepsen in Verbletztsätzen

Des Weiteren finden sich Beispiele, denen Verbletztsätze zugrunde liegen und bei denen zwar eine Konstruktionsübernahme beobachtet werden kann, jedoch kein Verbelement aus dem syntaktischen Kontext übernommen wird, sondern der akute semantische Kontext ermöglicht, die verblosen Aussagen zu verstehen.

(13) S4: ja ich möchte eine Frage an sie richten is es nich

genauso gefährlich wenn man im Urlaubsort meinetwegen Skiurlaubsort ankommt sofort auf die Bretter [ ] und sofort auf dreitausend Meter Höhe [ ] und vier

S3 : ja

S4: Stunden Skilaufen [ ]33

Hier kann das zum Beginn der koordinierten Kette verwendete ankommt nicht in allen Aussagen ergänzt werden. Jede Aussage benötigt ein eigenes Lexem. Eine Möglichkeit wäre eine Ergänzung wie in (14).

(14) [...] wenn man im Urlaubsort meinetwegen Skiurlaubsort ankommt sofort aufdie Bretter steigt und sofort aufdreitausend Meter Höhe fährt und vier [...] Stunden Skilaufen geht

Es zeigt sich, dass auch hier mehr als nur eine Nichtrealisierung der finiten Verbformen vorliegt, da auch hier das klammeröffnende Element wenn sowie das Subjekt man ausgelassen bleibt. Somit ergäbe sich folgende vollständige Struktur:

(15) [...] wenn man im Urlaubsort meinetwegen Skiurlaubsort ankommt wenn man sofort aufdie Bretter steigt und wenn man sofort aufdreitausend Meter Höhe fährt und wenn man vier [...] Stunden Skilaufen geht

Auf Basis dieser semantischen und syntaktischen Konstruktionsübernahme lässt sich eine topologische Analyse durchführen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Hilfe der Konstruktionsübernahme kann die Struktur der analeptischen Aussagen ausreichend beschrieben werden, um das topologische Feldermodell anzuwenden. Somit beschränkt sich diese Kontextabhänigkeit nicht auf die syntaktische Ebene, sondern auch auf semantischer Ebene können in einer akuten Gesprächssituation ausgelassene finite Verbformen verstanden werden. Die Abgrenzung zum Phänomen der Ellipse ist nicht eindeutig, da es nicht nur der semantische Kontext ist, der den Hörern das Verstehen der Aussagen ermöglicht, sondern auch deren Weltwissen. Als Analepse ist diese Konstruktion dennoch einzustufen, weil die Konstruktionsübernahme nachweisbar vorliegt, was bei Ellipsen, nach verwendeter Definition, nicht der Fall ist.

Verb-Analepsen in Kookurrenz mit Subjekt-Analepsen

Die Konstruktionsübernahme stellt die einzige Möglichkeit dar, eine analeptische Aussage felderstrukturell zu analysieren. Eine derartige Konstruktionsübernahme ermöglicht nicht nur bei klammerbildenden komplexen Verbformen eine topologische Felderanalyse. Auch Aussagen mit Verbformen ohne partizipialen Teil in der rechten Satzklammer können das Muster vorgeben, an dem sich eine Verb-Analepse orientiert.

(16) die geht wohl richtig vielleicht drei Minuten vor34

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Ausnahme von (9) weisen alle Beispiele für verblose Strukturen nicht nur eine Nichtrealisierung der finiten Verbform, sondern auch die des Subjekts auf. Dies beschränkt sich nicht nur auf pronominale Subjekte, wie in (16), sondern gilt auch für die lexikalische Nominalphrase das Paket in (10). Wie auch an den Ellipsen gezeigt wird, lassen sich keine Beispiele dafür finden, dass nach einem realisierten Vorfeldsubjekt die finite Verbform ausgelassen wird. Eine Erklärung dafür könnte die Informationsstruktur liefern. Wenn ein Thema bereits im akuten Kontext verankert ist, erwartet der Hörer ein Rhema, welches Informationen zu dem geäußerten Thema hinzufügt. Hier wären Auslassungen kontraproduktiv. Weitere Wechselwirkungen zwischen topologischem Feldermodell und der Informationsstruktur werden in Abschnitt 2.3.3 diskutiert.

Analepsen in Antworten auf Fragen

Antworten auf Fragen mit Fragepronomen können als einzelnes Element realisiert werden und nehmen dabei aber die Konstruktion der vorangegangenen Frage auf. Da es sich bei diesem Fragentyp um Verbzweitsätze handelt, ist die passende Antwortaussage parallel konstruierbar, mit dem erfragten Element an gleicher Felderposition, nämlich im Vorfeld, da es in diesem Fall als hervorgehobenes Element in den Fokus gestellt wird.

(17) S2: wohin hati denn der Papaj geschriebenk

S1: ach nach Berlin [ ]i [ ]j [ ]k so also noch einmal hör mal soll ich das nich holen

Die Redehandlungen nach der Antwort nach Berlin können in der Analyse vernachlässigt werden, weil sie syntaktisch wie inhaltlich nicht mehr der gestellten Frage und der Antwort zugeordnet werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Dies betrifft in erster Linie die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Ellipse und dem Verständnis derer als verkürzte Form einer rekonstruierbaren Langversion auf der einen Seite und der Beschreibung als dem Satz nebengeordnete sprachliche Handlung auf der anderen Seite. Mehr dazu bei Hennig (2006:147ff.) sowie in Abschnitt 2.

2 An dieser Stelle sei ein wichtiges Argument gegen das Gefälle in der Fehlerhaftigkeit zwischen geschriebenen Texten hin zu gesprochenen Aussagen angedeutet, nämlich die Tatsache, dass in geschriebenen Texten nicht weniger Fehler gemacht werden, sondern die Korrekturmechanismen für den Rezipienten nicht mehr wahrnehmbar sind, während bei Korrekturen in der gesprochenen Sprache diese Korrekturmechanismen in der Oberflächenstruktur auftauchen.

3 http://agd.ids-mannheim.de/html/dgd.shtml, erstellt am 19.11.2008, abgerufen am 14.03.2011.

4 http://agd.ids-mannheim.de/html/korpora/korpus-fr.shtml, erstellt am 25.06.2007, abgerufen am 14.03.2011.

5 nach Koch/Oesterreicher (1985) nähesprachliche, also medial und konzeptionell mündliche Gespräche

6 Als Tokens wurden Wortformen gezählt, die durch Satzzeichen oder Spatien getrennt sind.

7 http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR0/FR047/FR047DOK.HTM, erstellt am

24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011.

8 Diese Bezeichnung entstammt der Dokumentation und ist nicht einleuchtend.

9 http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR0/FR078/FR078DOK.HTM, erstellt am 24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011.

10 http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR1/FR115/FR115DOK.HTM, erstellt am 24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011.

11 http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR1/FR118/FR118DOK.HTM, erstellt am 24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011.

12 http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR1/FR122/FR122DOK.HTM, erstellt am 24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011.

13 http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR1/FR145/FR145DOK.HTM, erstellt am 24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011.

14 http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR1/FR187/FR187DOK.HTM, erstellt am 24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011.

15 Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass m.E. diese Art der verdeckten Aufnahme zwar die 'reinsten' Daten produziert, aber ethisch nicht tragbar ist. Auch verletzt sie nach aktueller Gesetzeslage die Privatsphäre, wenn nichtöffentliche Äußerungen aufgenommen werden (vgl. §201 StGB. http://dejure.org/gesetze/StGB/201.html. Gesetzesstand vom 01.04.2011, abgerufen am 08.04.2011). Vgl. dazu Brinker/Sager (2006:25ff.)

16 Allerdings wäre für weiterblickende Untersuchungen eine quantitative Betrachtung der Häufigkeit dieser Strukturen interessant. Zentral könnte hier auch die Frage gestellt werden, inwieweit die Syntax der gesprochenen Sprache so charakteristisch ist und - synchron betrachtet - von der Syntax der vorherrschenden geschriebenen Standardsprache abweicht, dass dieser Unterschied als weiteres Entscheidungskriterium für eine einem historischen Text zugrundeliegende verschriftete Mündlichkeit gegenüber einer schriftlichen Genese dienen kann.

17 „Im Rahmen des Projektes Grundstrukturen der deutschen Sprache hatte die Forschungsstelle Freiburg des IDS die Aufgabe, grammatische und stilistische Besonderheiten der gesprochenen Standardsprache zu beschreiben. Dazu wurde ein umfangreiches Tonarchiv angelegt. Aus diesem umfangreichen Archiv wurde das Freiburger Korpus von ca. 500.000 Wörtern transkribiert.“ (http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/FR/FR_DOKU.HTM, erstellt am 24.02.2006, abgerufen am 28.04.2011)

18 vgl. dazu Ineichen (1979:107ff.)

19 Transkript FR078

20 ebd.

21 ebd.

22 Dieser Wirkungsbereich entspricht in der Valenztheorie dem Valenzfeld des Verbs. Vgl. dazu Dürscheid (2007:109ff.).

23 Hier findet sich m.E. einer der Auslöser für Kategoriezuordnungen wie 'richtig' und 'falsch'.

24 Transkript LR078

25 Transkript LR115

25 Transkript FR078

27 Des Weiteren wurden die Konjunktionen während, nachdem und da untersucht. Diese lagen jedoch nicht in gliedsatzeinleitender Funktion vor.

28 Transkript FR078

29 Transkript FR122

30 Transkript FR122

31 ebd.

32 Transkript FR122

33 Transkript FR047

34 Transkript FR187

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Zur Anwendbarkeit des topologischen Feldermodells in der Analyse gesprochener Sprache
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
127
Katalognummer
V189968
ISBN (eBook)
9783656143390
ISBN (Buch)
9783656143772
Dateigröße
944 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Topologisches Feldermodell, gesprochene Sprache
Arbeit zitieren
Christoph Villis (Autor), 2011, Zur Anwendbarkeit des topologischen Feldermodells in der Analyse gesprochener Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189968

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