Gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich nicht allein durch ihren medialen Charakter, also in Schallereignis und Zeichen. Entstand die gesprochene Sprache vorerst auf evolutionär-biologischem Wege, jedoch nicht ohne kulturellen Einfluss (vgl. Bayer 1994:159ff.; Haarmann 2006:27ff.), so ist das geschriebene Wort hingegen eine rein kulturelle und somit bewusst konstruierte Kommunikation, mit dem Ziel der Abbildung und Speicherung zuvor abstrakter und unmittelbarer Gedankenkonstrukte (vgl. Martinetz 2006). "Seit etwa dem 15. Jahrhundert wird in der Geschichte der deutschen Sprache deutlich, daß geschriebene Sprache nicht einfach ein 'Abbild' der gesprochenen Sprache ist - so die mehr traditionelle Auffassung in der Sprachwissenschaft -, sondern ein eigenes, von der gesprochenen Sprache weitgehend unabhängiges Kommunikationssystem." (von Po lenz 2000:114f.) Gesprochene Sprache weist ebenso deutliche Unterschiede in ihrer Struktur, also ihrem System, zur geschriebenen Sprache auf (vgl. Eisenberg 2006a; Fiehler et al. 2004:36ff.).
Aufgrund technischer Entwicklungen der letzten Jahrzehnte keimt die
sprachwissenschaftliche Betrachtung und Analyse der sprachlichen 'Urform' erst jetzt auf und setzt sich allmählich neben der klassischen Analyse von Texten und Schriftzeichen durch (vgl. BehagheI1927:1lff.). Auch wenn die Linguistik sich nicht erst seit Erfindung von Aufnahmegeräten, also der Möglichkeit der Archivierung von Schallereignissen, mit gesprochener Sprache auseinandersetzt, so sind detaillierte Analysen und gerade systemlinguistische Betrachtungen an sprachlichen Rohdaten in großem Umfang erst durch solche technischen Neuerungen möglich. "Gut erforscht ist die Sprachgeschichte im Grunde als Geschichte der geschriebenen Sprache, was geradezu zu einer gewissen Vorrangstellung der Schriftsprache geführt hat.
Gesprochene Sprache dagegen kann für die Zeit vor den ersten Tonaufzeichnungen, d.h. also auch noch für den größten Teil des 19. Jahrhunderts, nur indirekt erschlossen werden, entweder über schriftlich überlieferte Objektsprache oder über metasprachliche Äußerungen und andere 'subjektive' Sprachdaten." (Elspaß 2005:24)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Das Korpus
1.2 Das topologische Feldermodell
1.3 Exkurs: Gibt es Sätze in gesprochener Sprache?
2 Kurzformen: Analepsen und Ellipsen
2.1 Analepsen
2.1.1 Subjekt-Analepsen
2.1.2 Objekt-Analepsen
2.1.3 Verb-Analepsen
2.1.4 Auslassungen ganzer Sätze
2.2 Ellipsen
2.2.1 Subjektellipsen
2.2.2 Objektellipsen
2.2.3 Verbellipsen
2.2.4 Satzellipsen
2.3 Diskussionen zur Topologie von Kurzformen
2.3.1 Verbauslassungen oder nichtverbale Sprachhandlung?
2.3.2 Leeres Vorfeld
2.3.3 Klitisierung als Zwischenstufe
2.3.4 Auslassungen und Informationsstruktur
2.4 Zwischenfazit: Kurzformen
3 Diskontinuierliche Strukturen
3.1 Prosodie und Syntax
3.2 Herausstellungen
3.2.1 Linksherausstellung
3.2.2 Rechtsherausstellung
3.2.3 Ausklammerung
3.2.4 Satzverschränkung
3.3 Anakoluthe
3.3.1 Abbruch und Pause
3.3.2 Abbruch und Wiederholung
3.3.3 Abbruch und Korrektur/Neuanfang
3.3.4 Abbruch, Parenthese, Fortsetzung
3.3.5 Drehsatzkonstruktion (Apokoinu)
3.4 Zwischenfazit: Diskontinuierliche Strukturen
4 Sonstige syntaktische Phänomene
4.1 Syntaktische Komplexität
4.2 Verbale Sonderfälle
4.3 Adjektive und Adverbien
4.4 Pronomen
4.5 Konjunktionen, Subjunktionen und das Außenfeld
5 Zusammenfassung der Analyse
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Anwendbarkeit des klassischen topologischen Feldermodells auf Phänomene gesprochener Sprache. Dabei wird geprüft, ob und unter welchen Bedingungen das Modell zur Analyse spontansprachlicher Äußerungen genutzt werden kann, die oft von Ellipsen, Analepsen und diskontinuierlichen Strukturen geprägt sind.
- Analyse von Kurzformen wie Analepsen und Ellipsen in der Spontansprache
- Untersuchung diskontinuierlicher Strukturen (Herausstellungen, Anakoluthe)
- Überprüfung der syntaktischen Komplexität und verbaler Sonderfälle
- Diskussion der Grenzen des topologischen Feldermodells im Kontext gesprochener Sprache
- Korpusbasierte Untersuchung anhand von Transkripten aus dem Archiv für Gesprochenes Deutsch
Auszug aus dem Buch
1.2 Das topologische Feldermodell
Seit 1937 existiert die speziell auf das Deutsche zugeschnittene Syntaxbetrachtung, nach welcher Sätze anhand der Positionen der beteiligten Satzglieder relativ zum Verb beschrieben werden. Die dem Deutschen eigene Klammerstruktur aus finitem und infinitem Bestandteil einer komplexen Verbform wurde zunächst von Erich Drach beschrieben, mit Blick auf eine vom Lateinischen unabhängige Schulgrammatik des Deutschen.
Ausgangspunkt ist hierbei die Rolle der flektierten Verbform als klammerkonstituierendes Element. „Das Verbum finitum ist der standfeste Angelpunkt, um den herum der Satz sich aufbaut und gliedert.“ (Drach 1963:16) Der von Drach vorgestellte Satzplan bildet jedoch diejenige Grundlage für die kommenden Generationen von deutschen Syntaktikern, die mittlerweile Grundpfeiler der linguistischen Analyse des geschriebenen Deutschen und weit verbreiteter Standard geworden ist.
Begriffe wie Stellungsfelder oder Verbklammer bzw. Satzklammer sind zum Grundwissen der linguistischen Ausbildung avanciert. Grundgedanke ist die Abfolge des deutschen Satzes nach folgendem Muster: Vorfeld – linke Satzklammer – Mittelfeld – rechte Satzklammer – Nachfeld.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass gesprochene Sprache oft als fehlerhaft gegenüber einem idealisierten Standard der Schriftsprache betrachtet wurde, und definiert das Ziel der Arbeit, diese Phänomene systematisch zu analysieren.
2 Kurzformen: Analepsen und Ellipsen: Dieses Kapitel widmet sich der Definition und Analyse von Kurzausdrücken, wobei diskutiert wird, wie diese trotz ihrer Unvollständigkeit mithilfe des Feldermodells erfasst werden können.
3 Diskontinuierliche Strukturen: Der Fokus liegt hier auf syntaktischen Abbrüchen, Korrekturen und Herausstellungen, die den linearen Sprachfluss unterbrechen.
4 Sonstige syntaktische Phänomene: Hier werden weiterführende syntaktische Besonderheiten wie die Komplexität von Nebensätzen, Modusverwendung und die Rolle von Pronomen und Konjunktionen untersucht.
5 Zusammenfassung der Analyse: Die Ergebnisse werden gebündelt und die Anwendbarkeit des Modells auf gesprochensprachliche Besonderheiten evaluiert.
6 Fazit: Das Fazit bilanziert, dass das topologische Feldermodell prinzipiell anwendbar ist, aber für eine umfassende Beschreibung der gesprochenen Sprache durch kontextuelle Erweiterungen ergänzt werden muss.
Schlüsselwörter
Topologisches Feldermodell, gesprochene Sprache, Syntax, Analepsen, Ellipsen, Anakoluthe, Klammerstruktur, Korpuslinguistik, Spontansprache, Satzgrammatik, Verbklammer, Diskontinuierliche Strukturen, Syntaxanalyse, Feldermodell, Sprachhandlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Es geht um die Untersuchung der Eignung des topologischen Feldermodells zur Analyse der Syntax gesprochener Sprache.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Kurzformen (Analepsen/Ellipsen), diskontinuierliche Strukturen wie Anakoluthe und Herausstellungen sowie die syntaktische Komplexität gesprochener Äußerungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob die in der schriftsprachorientierten Linguistik etablierten syntaktischen Modelle auch auf die spontane, teils „fehlerhafte“ gesprochene Sprache anwendbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine korpusbasierte, deskriptive linguistische Analyse auf Basis von Transkripten gesprochener Sprache, wobei das topologische Feldermodell als analytisches Werkzeug dient.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert, wie Phänomene wie ausgelassene Satzteile, Korrekturen und syntaktische Brüche im Feldermodell verortet werden können.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Topologisches Feldermodell, Spontansprache, Syntax, Ellipsen, Anakoluthe und Satzklammer sind die wichtigsten Begriffe.
Wie geht die Arbeit mit dem Begriff der "Fehlerhaftigkeit" um?
Die Arbeit lehnt die pauschale Abwertung gesprochener Sprache als "fehlerhaft" ab und betrachtet sie stattdessen als System mit eigenen, beschreibbaren syntaktischen Gesetzmäßigkeiten.
Welchen Stellenwert nimmt die Prosodie ein?
Die Prosodie wird als ergänzender Faktor diskutiert, der in Grenzfällen bei der Abgrenzung von Satzgrenzen helfen kann, auch wenn keine expliziten Intonationsmetadaten im Korpus vorliegen.
- Quote paper
- Christoph Villis (Author), 2011, Zur Anwendbarkeit des topologischen Feldermodells in der Analyse gesprochener Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189968