Unternehmerische Flexibilität durch Kurzarbeit - Chancen und Risiken aus Sicht des Mittelstandes


Bachelorarbeit, 2011
45 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation dieser Arbeit
1.2 Zielsetzung und Aufbau dieser Arbeit

2 Grundlagen der Kurzarbeit
2.1 Abgrenzung und Definition von Kurzarbeit
2.2 Aktuelle gesetzliche Grundlage von Kurzarbeit
2.3 Berechnung des Kurzarbeitergeldes

3 Spezifizierung des Mittelstandes
3.1 Mittelstandsdefinition
3.2 Bedeutung des Mittelstandes in der deutschen Wirtschaft

4 Zeitliche Entwicklung der Kurzarbeit aus Sicht des Mittelstandes
4.1 Die historische Entwicklung der Kurzarbeit
4.2 Entwicklung und Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise
4.3 Fazit

5 Analyse des Einsatzes von Kurzarbeit im Mittelstand
5.1 Chancen und Risiken beim Einsatz von Kurzarbeit
5.1.1 Kosten bei Kurzarbeit
5.1.2 Weiterbildung während Kurzarbeit
5.2 Kurzarbeit im Mittelstand versus in Großunternehmen
5.3 Fazit

6 Experteninterview mit einem mittelständischen Unternehmen
6.1 Art und Aufbau des Interviews
6.2 Das Interview
6.3 Fazit

7 Zusammenfassung und Ausblick
7.1 Zusammenfassung
7.2 Ausblick

Anhang
Anhang 1: Kurzarbeiter nach Betriebsgröße
Anhang 2: Kurzarbeitende Betriebe nach Betriebsgröße

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: KMU-Definition des IfM Bonn

Tabelle 2: Kurzarbeiter nach Betriebsgröße (für § 170 SGB III)

Tabelle 3: Kurzarbeitende Betriebe nach Betriebsgröße (für § 170 SGB III)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zentrale Maßnahmen zur Personalfreisetzung im Überblick

Abbildung 2: Berechnung des Kurzarbeitergeldes (Kug) bei teilweisem und vollem Arbeitsausfall

Abbildung 3: Entwicklung der Leistungsempfänger von Kurzarbeitergeld in Deutschland

Abbildung 4: Prozentuale Aufteilung der Kurzarbeiter auf Mittelstand und Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten

Abbildung 5: Prozentuale Aufteilung der kurzarbeitenden Betriebe auf Mittelstand und Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Motivation dieser Arbeit

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise entwickelte sich 2008/2009 zur schwersten Krise der Weltwirtschaft in der Nachkriegszeit und traf damit auch die exportorientierte deutsche Wirtschaft. Nicht nur die exportabhängigen Großunternehmen hatten mit den negativen Aus­wirkungen der Krise stark zu kämpfen, sondern auch der Mittelstand war erheblich betroffen. (vgl. Mittelstands­monitor, 2010, Vorwort)

Die deutsche Bundesregierung versuchte die Auswirkungen dieser Krise auf die deutsche Wirtschaft mit diversen arbeitsmarktpoltischen Maßnahmen und Instrumenten, verpackt in einem umfangreichen Konjunkturprogramm, abzufedern (vgl. Bundesministerium der Finanzen, 2008, 2009). Dieses Programm berücksichtigte auch das Instrument Kurzarbeit, welches dadurch eine deutliche Aufwertung erfuhr (vgl. IAB, o.J.). Viele Unternehmen nahmen während der Krise dieses Instrument in Anspruch.

1.2 Zielsetzung und Aufbau dieser Arbeit

Diese Bachelorarbeit verfolgt die folgenden Ziele: die Beschreibung des arbeitsmarkt­politischen Instrumentes Kurzarbeit und dessen Potential für Unternehmen flexibel auf konjunkturelle Schwankungen zu reagieren und die Analyse der Chancen und Risiken von Kurzarbeit insbesondere aus Sicht des Mittelstandes. Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Beantwortung folgender Frage: Ist Kurzarbeit ein übliches Instrument des Mittelstandes?

Zunächst werden in dieser Arbeit die nötigen Grundlagen für das Verständnis von Kurzarbeit in Kapitel 2 erläutert. Dazu gehören die Abgrenzung von Kurzarbeit zu anderen Flexibilisierungs­maßnahmen, die Definition des Begriffes und eine aus­führliche Erläuterung des Instrumentes Kurzarbeit. Die Spezifizierung des Mittel­standes, auf den sich die Analyse der Kurzarbeit bezieht, folgt in Kapitel 3. Um zu sehen, welche Rolle Kurzarbeit im Mittelstand früher und heute spielte und spielt, wird in Kapitel 4 die zeitliche Entwicklung der Kurzarbeit von ihren Anfängen bis heute und im Besonderen in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise betrachtet. Durch den Einsatz von Kurzarbeit entstehen den Unternehmen sowohl Chancen als auch Risiken. Diese werden in Kapitel 5 analysiert. Das Experteninterview mit einem mittel­ständischen Unternehmen in Kapitel 6 gilt als Beispiel für den Einsatz von Kurz­arbeit in der Praxis aus Sicht des Mittelstandes. Es greift viele der bis dahin erläuterten Punkte dieser Arbeit noch einmal auf. Die Antwort auf die in der Zielsetzung gestellte Frage wird in Kapitel 7 als Fazit mit einer Zusammenfassung der Arbeit gegeben. Den Abschluss dieser Bachelorarbeit bildet ein Ausblick (ebenfalls Kapitel 7) bezüglich Kurzarbeit und weiterer interessanter Untersuchungsbereiche, die aufgrund der Aufgaben­stellung in dieser Arbeit nicht behandelt werden konnten.

2 Grundlagen der Kurzarbeit

In diesem Kapitel wird das arbeitsmarktpolitische Instrument Kurzarbeit erläutert, wozu die Begriffe Arbeitsmarktpolitik und Flexibilität betrachtet werden müssen. Zudem wird eine Abgrenzung zu anderen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und Instrumenten vorgenommen. Anschließend wird der Begriff Kurzarbeit definiert, dessen aktuelle gesetzliche Grundlage erläutert und die Berechnung des Kurzarbeitergeldes erklärt.

2.1 Abgrenzung und Definition von Kurzarbeit

„Arbeitsmarktpolitik ist die Summe aller Maßnahmen zur Beeinflussung des Geschehens auf Arbeitsmärkten. […] Arbeitsmarktpolitik soll den Unvollkommenheiten von Arbeitsmärkten (unter anderem mangelnde Transparenz, eingeschränkte Mobilität der Arbeitnehmer, Existenz von Organisationen und Transaktionskosten) entgegen wirken sowie die Folgen von Strukturwandel mildern.“ (Henneberger & Keller, o.J.)

Zur Bewältigung solcher Arbeitsmarktprobleme, die zum Beispiel durch eine wirtschaftliche Krise, wie sie in der Einleitung beschrieben wurde, entstehen können, setzt die Arbeitsmarktpolitik verschiedene Instrumente und Maßnahmen ein (vgl. Oechsler, 2006, S. 104). Einige davon werden im Verlauf dieses Kapitels aufgeführt.

Die Arbeitsmarktpolitik wird sowohl von der Bundesagentur für Arbeit als auch von den Agenturen für Arbeit der Länder und Kommunen getragen. Deren gesetzliche Grund­lage stellt das Sozial­gesetzbuch (SGB III) dar. (vgl. Oechsler, 2006, S. 104)

In diesem Kontext bezieht sich der Begriff Flexibilität auf die Anpassungs­fähigkeit des Arbeitsmarktes an veränderte wirtschaftliche Bedingungen. Tendenziell ist der Arbeits­markt dann flexibler, wenn dessen Akteure flexibel sind. Unternehmen müssen ihren Personaleinsatz den wirtschaftlichen Herausforderungen anpassen, für Arbeitnehmer steht die Vereinbarkeit von Beruf und privatem Leben im Vordergrund. Dem Streben nach Flexibilität steht das Bedürfnis nach Stabilität und Beschäftigungs­sicherheit seitens der Arbeitnehmer entgegen. (vgl. Berthold et al., 2004, S. 551)

Diese Arbeit widmet sich den arbeits­markt­politischen Flexibilisierungs­maßnahmen, die einem Unternehmen bei einem temporären Nachfrageausfall, das heißt in wirtschaftlichen Krisenzeiten, zur Verfügung stehen.

Diese Flexibilisierungsmaßnahmen sind in zwei Bereiche aufgeteilt. Auf der einen Seite gibt es Maßnahmen mit reduzierendem Einfluss auf den Personalbestand. Diese sind unterteilt in direkte Maßnahmen (zum Beispiel einstufiger Vorruhestand, Outplacement und Entlassung/Kündigung) und indirekte Maßnahmen (zum Beispiel Einstellungs­stopp und Nichtverlängerung befristeter Arbeitsverträge). Auf der anderen Seite stehen Maßnahmen zur Änderung von Arbeits­verhältnissen ohne Einfluss auf den Personalbestand mit den zentralen Gruppen Versetzung (horizontal und vertikal) und Arbeitszeit­verkürzung (zum Beispiel Teilzeitarbeit, Überstunden­abbau, Kurzarbeit und Lang­zeit­urlaub). Die vollständige Strukturierung der Flexibilisierungs­maßnahmen ist in der nachfolgenden Abbildung zu sehen. (vgl. Stock-Homburg, 2008, S. 225 f.)

Abbildung 1: Zentrale Maßnahmen zur Personalfreisetzung im Überblick

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Stock-Homburg, 2008, S. 225

Kurzarbeit ist nach dieser Einteilung ein arbeitsmarkt­politisches Instrument der Arbeits­zeit­verkürzung ohne Einfluss auf den Personalbestand und dient der unter­nehmerischen Flexibilität.

Ein Unternehmen muss sich nicht auf eine einzelne Maßnahme beschränken, denn der Einsatz von Kurzarbeit schließt nicht die Nutzung anderer Flexibilisierungs­maßnahmen aus. Die gesetzlichen Regelungen sehen sogar vor, Kurzarbeit in Verbindung mit weiteren Instrumenten einzusetzen. (vgl. Deeke, 2005, S. 4)

Definition Kurzarbeit: Unter Kurzarbeit ist die „Herabsetzung der betrieblichen Arbeitszeit bei entsprechender Kürzung des Arbeitsentgelts zum Zwecke der vorübergehenden Arbeitsstreckung, v.a. bei Auftragsmangel“ (Wichert, o.J.) zu verstehen.

Unterschieden wird laut Gesetz zwischen drei Formen der Kurzarbeit:

- Transfer-Kurzarbeit (§ 216b SGB III)
- Saison-Kurzarbeit (§ 175 SGB III)
- Konjunkturelle Kurzarbeit (§ 170 SGB III)

Die ersten beiden Formen werden für betriebliche Restrukturierungs­maßnahmen bei dauer­haftem Arbeitsausfall sowie für witterungsbedingten Arbeitsausfall (bevorzugtes Instrument des Baugewerbes im Winter) eingesetzt. (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 1)

In Krisenzeiten greifen Unternehmen vor allem auf die konjunkturelle Kurzarbeit zurück, da sie den Unternehmen ermöglicht, auf vorübergehende, erhebliche und unvermeidbare Arbeitsausfälle, welche auf wirtschaftlichen Gründen oder einem unabwendbaren Ereignis basieren, zu reagieren (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 1). Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der dritten Form, der konjunkturellen Kurzarbeit.

Als Instrument der Arbeitszeitverkürzung ermöglicht Kurzarbeit einem Betrieb, seinem kurz­fristigen Bedarf an Personal­kapazitätsreduzierung nachzukommen und Lohn­kosten einzusparen. Damit gewinnt das Unternehmen an Flexibilität. Gleichzeitig soll Kurzarbeit Entlassungen - und damit Arbeitslosigkeit - vermeiden und dem Unternehmen die Arbeitskräfte erhalten. (vgl. Deeke, 2005, S. 5; Wöhe, 2008, S. 143)

Damit ein Unternehmen Kurzarbeit beantragen kann, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Diese werden im folgenden Unterkapitel betrachtet.

2.2 Aktuelle gesetzliche Grundlage von Kurzarbeit

Über die letzten Jahre und vor allem während der aktuellen Wirtschaftskrise gab es zahlreiche gesetzliche Veränderungen bezüglich der Kurzarbeitergeld-Regelungen. Diese Veränderungen werden im Kapitel 4 unter der zeitlichen Entwicklung der Kurzarbeit erläutert. An dieser Stelle wird die aktuell gültige gesetzliche Grundlage inklusive der Anspruchsvoraussetzungen wiedergegeben.

Für die Zeit vom 1. Februar 2009 bis 31. März 2012 gelten in Deutschland mit dem Gesetz zur Sicherung von Beschäftigung und Stabilität vereinfachte Zugangs­voraussetzungen zum Bezug von Kurzarbeitergeld (Kug) (vgl. Bundesagentur für Arbeit, 2010b). Die folgenden Voraussetzungen und Bedingungen muss ein Unternehmen erfüllen, um im Betrieb kurzarbeiten zu lassen:

- Der Einsatz von Kurzarbeit muss mit den Tarifverträgen beziehungsweise mit den individuellen Arbeitsverträgen der Arbeitnehmer vereinbar sein und der Betriebsrat muss mittels einer Betriebsvereinbarung der Einführung zustimmen (vgl. Wöhe, 2008, S. 143). Gibt es im Unternehmen keinen Betriebsrat, müssen alle betroffenen Mitarbeiter dem Einsatz von Kurzarbeit zustimmen (vgl. Bundes­agentur für Arbeit, 2010c).
- Bevor das Instrument Kurzarbeit zum Einsatz kommen kann, müssen Flexibilitäts­reserven wie Arbeitszeitkonten, Überstundenabbau oder freiwilliger Lohnverzicht der Belegschaft weitgehend ausgereizt sein. (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 1, 6)
- Nach §§ 169 ff. SGB III müssen folgende Anspruchsvoraussetzungen für den Bezug von konjunkturellem Kurzarbeitergeld erfüllt sein:

1. Erheblicher Arbeitsausfall mit Entgeltausfall:

Ein solcher liegt vor, wenn er auf wirtschaftlichen Gründen oder einem unabwendbaren Ereignis beruht und er vorübergehend und nicht vermeidbar ist. Aktuell kann bereits für einen Mitarbeiter Kurzarbeitergeld beantragt werden, wenn ein Entgeltausfall von mehr als 10 Prozent nachgewiesen werden kann (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2010a, S. 5).

2. Betriebliche Voraussetzungen:

Das Unternehmen muss mindestens einen Arbeitnehmer beschäftigen. Zudem sollte eine konkrete Aussicht darauf bestehen, dass sich die wirtschaftliche Lage in absehbarer Zeit wieder normalisiert (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 9).

3. Persönliche Voraussetzungen:

Der Arbeitnehmer muss nach Beginn des Arbeitsausfalls versicherungspflichtig beschäftigt sein und das Arbeits­verhältnis darf weder gekündigt noch durch einen Aufhebungs­vertrag aufgelöst sein.

4. Anzeigepflicht

Das Unternehmen muss den Arbeitsausfall bei der zuständigen Agentur für Arbeit schriftlich anzeigen und die Notwendigkeit von Kurzarbeit nachweisen.

Sind alle Bedingungen erfüllt, zahlt die Bundesagentur für Arbeit dem Unternehmen als Entgeltersatzleistung Kurzarbeitergeld (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 1). Damit soll ein Teil des durch den Arbeitsausfall entstandenen Lohnausfalls ersetzt werden (vgl. Klamroth, Reimer & Renn, 2010, S. 4). Die Unternehmen berechnen zunächst die Höhe des Kurzarbeitergeldes und zahlen es an die Beschäftigten aus, welches wiederum dem Unternehmen von der örtlichen Agentur für Arbeit erstattet wird (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2010a, S. 4). (Berechnung des Kurz­arbeiter­geldes siehe Kapitel 2.3)

Die Bundesagentur für Arbeit übernimmt aktuell in den ersten sechs Monaten der Kurzarbeit die Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge für das betroffene Unternehmen. Ab dem siebten Monat übernimmt sie diese sogar vollständig. Bilden sich die Arbeitnehmer während der Kurzarbeit weiter, werden die kompletten Sozial­versicherungs­beiträge von der Bundesagentur für Arbeit vom ersten Monat an über­nommen. (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 9)

Die Bezugsfrist für das Kurzarbeitergeld beginnt mit dem ersten Kalendermonat, für den ein Unternehmen Kurzarbeitergeld erhält und ist einheitlich für alle Arbeitnehmer gültig (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 9). Je nach Anspruchszeitpunkt des Kurz­arbeiter­geldes gelten verschiedene Bezugsfristen: entstand der Anspruch in 2009, gilt eine Bezugsfrist von 24 Monaten, entstand er in 2010, gelten 18 Monate und entsteht er in 2011, gelten 12 Monate (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2010b).

2.3 Berechnung des Kurzarbeitergeldes

Als Berechnungsgrundlage für das Kurzarbeitergeld bei teilweisem Arbeitsausfall dient die Differenz zwischen dem eigentlich erzielten Bruttoentgelt (Sollentgelt) des Arbeitnehmers und dem tatsächlich erzielten Bruttoentgelt (Istentgelt) für die tatsächlich geleistete Arbeit. Für den Nettowert dieses Differenzbetrages zahlt die Bundes­agentur für Arbeit Kurzarbeitergeld in Höhe von 60 Prozent beziehungsweise 67 Prozent, je nachdem ob Kinder zu berücksichtigen sind oder nicht. Diese Regelung gilt auch bei vollem Arbeitsausfall, das heißt 100 Prozent Kurzarbeit, und entspricht der Höhe des Arbeitslosengeldes I. In der nachfolgenden Abbildung sind die Berechnungen grafisch dargestellt. (vgl. Crimmann & Wießner, 2009, S. 2)

Abbildung 2: Berechnung des Kurzarbeitergeldes (Kug) bei teilweisem und vollem Arbeitsausfall

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Crimmann & Wießner, 2009, S. 2

Bei der Angabe des Sollentgeltes ist zu beachten, dass es nur bis zur Beitrags­bemessungs­grenze in der Rentenversicherung gültig ist (vgl. Bundesagentur für Arbeit, 2009, S. 11). „Die Beitrags­bemessungs­grenze bezeichnet ein jährliches Arbeits­einkommen, bis zu dem im jeweiligen Sozialversicherungszweig Beiträge entrichtet werden. Die Beitragsbemessungsgrenze ist eine dynamische Grenze, die jeweils zum 1. Januar eines Jahres an die allgemeine Einkommensentwicklung angepasst wird“ (Bundesministerium der Finanzen, 2010b). Diese betrug 2010 monatlich 5.500 Euro im Westen Deutschlands und 4.650 Euro im Osten (vgl. Bundesagentur für Arbeit, 2009, S. 11).

In einigen Tarifverträgen sind für den Arbeitszeitausfall durch Kurzarbeit Arbeits­zeitgrenzen (Mindest­arbeits­stunden­zahlen) vereinbart, welche die weitere Kürzung der Löhne bei Unterschreitung einer gewissen Arbeitszeit verhindern. Darüber hinaus gibt es in vielen Wirtschaftszweigen und Bezirken tarifliche Lohngarantien (Mindestlöhne) beziehungsweise Zuschussregelungen, die dem Arbeitnehmer ein gewisses Mindest­einkommen sichern beziehungsweise das gesetzliche Kurzarbeitergeld aufstocken. Das Ausmaß der Arbeitszeit- und Lohnkürzungen ist somit in den meisten Fällen durch Garantie­klauseln eingeschränkt. (vgl. Bach & Spitznagel, 2009, S. 3)

3 Spezifizierung des Mittelstandes

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit dem Begriff des wirtschaftlichen Mittelstandes. Zuerst wird dieser Begriff definiert und anschließend die Bedeutung des Mittelstandes für die deutsche Wirtschaft dargestellt.

3.1 Mittelstandsdefinition

Für den Begriff Mittelstand im Bezug auf die Wirtschaft gibt es keine einheitliche Definition. Je nach Zweck gibt es verschiedene Merkmale zur Abgrenzung und somit auch verschiedene Definitionen (vgl. IfM Bonn, o.J.). In dieser Arbeit wird die Definition des Bundesministeriums der Finanzen verwendet, ergänzt durch die Definition des Institutes für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn.

Nach dem Bundesministerium der Finanzen zählt in Deutschland „ein Unternehmen zum Mittelstand, wenn es weniger als 500 Mitarbeiter beschäftigt, maximal 50 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet und sich nicht mehrheitlich im Eigentum eines Großunternehmens befindet“ (Bundes­ministerium der Finanzen, 2010a).

Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn unterscheidet zudem beim Begriff des Mittelstandes zwischen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), wie die folgende Tabelle zeigt. (vgl. IfM Bonn, 2002)

Tabelle 1: KMU-Definition des IfM Bonn

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: IfM Bonn, 2002

3.2 Bedeutung des Mittelstandes in der deutschen Wirtschaft

Das Bild der deutschen Wirtschaft ist geprägt durch den Mittelstand. Mehr als 99 Prozent der Unternehmen sind dem Mittelstand zuzurechnen, denen mehr als 78 Prozent der sozial­versicherungspflichtig Beschäftigten angehören. Das entspricht etwa 21 Millionen Arbeitnehmern. Allerdings erreichen Investitionen und Umsatz des Mittelstandes nicht einmal die Hälfte der gesamt­wirtschaftlichen Leistung in Deutschland. Großunternehmen besitzen den Vorteil, mehr Kapital einsetzen und eine höhere Produktivitätsrate vorweisen zu können. (vgl. Bundesministerium der Finanzen, 2010a)

Der Mittelstand besitzt als Hauptarbeitgeber in der deutschen Wirtschaft eine große Bedeutung. „KMU sorgen in ihrer Vielfalt für wirtschaftliche Stabilität und sind integraler Bestandteil einer ausgewogenen Unternehmensgrößenstruktur, die den Strukturwandel erleichtert, Innovationen fördert und damit letztlich zu mehr Wachstum und Wohlstand in einer Ökonomie beiträgt“ (Mittelstandsmonitor, 2010, Vorwort). Im folgenden Kapitel wird jedoch deutlich, dass Ereignisse wie die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise auch am Mittelstand nicht spurlos vorbei gehen.

4 Zeitliche Entwicklung der Kurzarbeit aus Sicht des Mittelstandes

In diesem Kapitel wird zunächst die zeitliche Entwicklung der Kurzarbeit von der Entstehung des Instrumentes bis hin zu dessen Nutzung in der heutigen Zeit betrachtet. Es folgt eine ausführliche Analyse der Inanspruchnahme von Kurzarbeiter­geld in der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise, insbesondere aus Sicht des Mittel­standes.

4.1 Die historische Entwicklung der Kurzarbeit

Die Ur-Form des Instrumentes Kurzarbeit geht bis in die Zeit des deutschen Kaiser­reiches zurück, in der es vor allem für große Industriebetriebe und den Bergbau genutzt wurde. Das Tabaksteuergesetz von 1909 und das Kali-Gesetz von 1910 sind die gesetzlichen Vorläufer und regelten den Ausgleich des Arbeits- und Verdienst­ausfalls in der Tabakverarbeitung, im Kalibergbau und in der Dünge­mittel­industrie. Die Arbeiter bekamen Kurzarbeiterfürsorge für Arbeitsausfälle, welche aus Anhebungen von Zöllen und Steuern oder vorübergehenden Stilllegungen von Werken aufgrund von Produktions­quoten resultierten. (vgl. Bundesagentur für Arbeit, 2010a; Holzmayer, 1989, S. 9 ff.)

Nach Beendigung des Krieges wurde Kurzarbeit erstmals branchen­übergreifend im Deutschen Reich in die staatliche Arbeitslosen­unterstützung aufgenommen. (vgl. Brenke, Rinne & Zimmermann, 2010, S. 2)

Zum ersten massenhaften Einsatz von Kurzarbeit kam es zu Zeiten der Hyperinflation von 1923 in der Weimarer Republik. Ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung war zu dieser Zeit von Kurzarbeit betroffen. Die bis dato gültigen Regelungen mussten verbessert werden. Mit der Verordnung über die Erwerbslosenunterstützung von 1924 wurde die Kurzarbeiterunterstützung eingeführt. Diese Verordnung und das spätere Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (AVAVG) von 1927 waren die Basis für die Regelungen des Kurzarbeitergeldes in der Form, wie wir sie heute kennen. (vgl. Brenke, Rinne & Zimmermann, 2010, S. 4; Bundesagentur für Arbeit, 2010a)

Während der beiden Weltkriege trat die Förderung der individuellen Belange des einzelnen Arbeitgebers, das heißt die sozialpolitischen Motive der Kurzarbeit, in den Hinter­grund. Das Instrument Kurzarbeit diente der betriebsfördernden Belegschafts­erhaltung aus kriegswirtschaftlichen Motiven. Die Flucht der Arbeiter in die unterstützte Voll­arbeits­losigkeit sollte vermieden werden. Das Interesse und die Bereitschaft zur Weiterleistung der Arbeit in kriegswirtschaftlich wichtigen Industriezweigen beziehungs­weise die Wiederaufnahme der Arbeit für den Wiederaufbau der deutschen Volks­wirtschaft nach den Kriegen sollten gestärkt werden. (vgl. Holzmayer, 1989, S. 20 ff., 56)

Um die in der Nachkriegszeit entstandene Rechtssplitterung der Kurzarbeit zu beenden, gab es 1957 eine umfassende Reform des AVAVG. Die Unterstützung wird seitdem Kurzarbeitergeld genannt und bundeseinheitlich geregelt. (vgl. Holzmayer, 1989, S. 61)

Als Mitte der sechziger Jahre die ersten Wirtschaftskrisen der Nachkriegszeit Deutschland trafen und die Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders mit Wachstum und teilweiser Vollbeschäftigung ablösten, erfuhr Kurzarbeit eine breite Akzeptanz als Instrument zur Steuerung des Arbeitsmarktes. Gebraucht wurde ein arbeitsmarkt­politisches Instrument, welches notwendige Strukturanpassungen der Wirtschaft ermöglichte und die ersten Wirtschaftskrisen in der Bundesrepublik sozialverträglich überbrückte. Darum löste 1969 das Arbeitsförderungsgesetz (AFG) das bis dahin gültige Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung ab. Dieser Wechsel war auch eine Abkehr von den liberalistischen Vorstellungen von Arbeitslosigkeit des 19. Jahrhunderts, wonach sie als gegebenes Naturereignis hinzunehmen sei, hin zu Vorstellungen einer sozialen Marktwirtschaft. (vgl. Bundesagentur für Arbeit, 2010a; Holzmayer, 1989, S. 74, in Anlehnung an Siegers, 1972, S. 841 f.)

Den bis dahin bedeutendsten historischen Einsatz erfuhr die Kurzarbeit zu Zeiten der Deutschen Wende, nachdem Mitte der siebziger und in der ersten Hälfte der achtziger Jahre Kurzarbeit zur Überbrückung der beiden Ölpreiskrisen genutzt wurde. Als nach der deutschen Einheit Anfang der neunziger Jahre weite Teile der Produktion auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik einbrachen, wurde Kurzarbeit nicht als ein Instrument für einen vorübergehenden Arbeitsausfall eingesetzt, sondern als Linderung für die Anpassungs­prozesse auf dem Arbeitsmarkt. Sie sollte als eine Art erste Hilfe solange den wirtschaftlichen Umbruch abfedern, bis die Wirtschaft und die angestrebte Privatisierung in den neuen Bundesländern auf eigenen Beinen stand und bis andere arbeitsmarkt­politische Instrumente wie Arbeitsbeschaffungs-, Weiter­bildungs- und Umschulungs­maßnahmen griffen. (vgl. Brenke, Rinne & Zimmermann, 2010, S. 4 f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Unternehmerische Flexibilität durch Kurzarbeit - Chancen und Risiken aus Sicht des Mittelstandes
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
45
Katalognummer
V190039
ISBN (eBook)
9783656153276
ISBN (Buch)
9783656153283
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kurzarbeit, Mittelstand, Flexibilität, Arbeitsmarktpolitik, Kurzarbeitergeld, Bundesagentur für Arbeit, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, arbeitsmarktpolitisches Instrument
Arbeit zitieren
Daniel Franz (Autor), 2011, Unternehmerische Flexibilität durch Kurzarbeit - Chancen und Risiken aus Sicht des Mittelstandes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190039

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