Europäische Identität - Geschichte und Funktionsweisen eines Konzepts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung „Identität“

3. Geschichtlicher Abriss europäischer Identität

4. Das Konzept „Identitätsbildung durch Abgrenzung“

5. Diskussion

1. Einleitung

Das Konzept einer europäischen Identität ist ein erstaunlich junges. Selbstverständlich hat die Diskussion um eine europäische Identität bereits eine lange, bis in die Antike zurück reichende philosophische und politikwissenschaftliche Vorgeschichte, aber erst im Jahr 1973 wurde der Begriff „europäische Identität“ offiziell in die politische Agenda der Europäischen Union aufgenommen. Bo Strath hat mit seiner Studie „ A European Identity. To the Historical Limits of a Concept “ ein sozialwissen-schaftliches Tool vorgelegt, das nicht so sehr auf inhaltliche Aspekte einer aktuellen europäischen Identität eingeht, sondern viel mehr durch eine geschichtliche Herleitung und durch eine Herausarbeitung bestimmter Funktionsmechanismen versucht, ein grundsätzlich besseres, weil kontext-generiertes Verständnis der aktuellen Lage zu ermöglichen.

In der vorliegenden Arbeit werden einige von Strath speziell für dieses Ziel erarbeitete Thesen vorgestellt. Grundsätzlich wird es darum gehen, die Geschichte der europäischen Identität als die Geschichte eines Konzepts und eines Diskurses zu verstehen, denn so etwas wie europäische Identität ist immer eine Abstraktion und etwas Imaginiertes ohne konkrete Formen. Seit 1973 europäische Identität als politischer Begriff eingeführt wurde, ist es ein ideologisch aufgeladenes Konzept. Der konkrete Inhalt dieses Konzepts ist bis zum heutigen Tag umstritten und nicht eindeutig festzustellen. Auf Grund dieser inhaltlichen Unbestimmtheit lohnt es sich, den historischen Entstehungskontext europäischer Identität näher zu betrachten. Nach einer einführenden Begriffsklärung von Identität wird ein historischer Abriss des Konzepts europäischer Identität geleistet. In einem zweiten Themenblock (Identitätsbildung durch Abgrenzung) werden dann Funktionsmechanismen von Identitätsbildungs-prozessen dargestellt, die in der abschließenden Diskussion hinsichtlich ihrer Vollständigkeit diskutiert werden sollen. Außerdem wird die von Straths Aufsatztitel bereits suggerierte Fragestellung („ To the Historical Limits... “) hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit des vorgestellten Konzepts einer Prüfung unterzogen.

2. Begriffsklärung „Identität“

Bo Strath verwendet in seinem Aufsatz über europäische Identität (im Folgenden als EI abgekürzt) einen speziellen Begriff von Identität. Für die Fragestellung nach dem Vorhandensein einer kongruenten EI legt er einen Begriff von Identität zu Grunde, der als genuin konstruierter Begriff verstanden werden muss. Identität wird hier als ein Konzept verstanden, mit dem sich eine Gemeinschaft und ein Zusammengehörigkeitsgefühl konstruieren lässt. Durch diese konzeptuelle Verwendung von Identität wird überhaupt erst das produziert, was eine Gemeinschaft mit einer starken internen Identität ausmacht, nämlich die kollektive Überzeugung, dass in der Gemeinschaft alle gleich sind. Wichtig bei dieser Art der Identitätskonstruktion ist das Phänomen, dass Fragen der Identität genau dann zum Problem werden, wenn ein Gefühl der Identität fehlt. Identität wird also dann konstruiert, wenn sie zum Problem wird.

Diese spezielle Auslegung und Festlegung von Identität rechtfertigt Strath mit der Behauptung, Identität im allgemeinen sei ein problematisches und fluides Konzept und bedürfe daher einer Spezifikation. Historisch gesehen war Identität bereits als ein philosophisches und mathematisches Konzept bei den Griechen vorhanden, bis Ende des 19. Jahrhunderts spielte es aber keine nennenswerte Rolle in den Sozialwissenschaften. Erst die Adaption des Begriffs Identität durch die Theoretiker der Psychoanalyse und die dadurch erfolgende genauere Untersuchung von Identitäts-prozessen gab neue Impulse in der soziologisch relevanten Diskussion um Identitätsproblematiken. Es dauerte aber trotzdem noch bis weit in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, bis Identität auch in den Sozial-wissenschaften ein zentrales Thema wurde.[1]

3. Geschichtlicher Abriss europäischer Identität

Der folgende Abschnitt soll einen knappen Abriss der Ideengeschichte europäischer Identität liefern. In einem ersten Schritt werden allgemeine Entwicklungslinien aufgezeigt, ein zweiter Schritt präsentiert drei konkrete Epochenschritte in der Entwicklung europäischer Identität, und zum Schluss soll eine knappe Beschreibung des Status Quo geleistet werden.

Allgemein kann bei der Betrachtung der europäischen Geschichte der letzten ca. 250 Jahre parallel zu der zunehmenden europäischen Integration die Formation eines akademischen Diskurses beobachtet werden, der in fortlaufender Differenzierung und Spezialisierung das Vorhandensein einer gemeinsamen europäischen Geschichte postuliert und diese auch konkret auszuformulieren versucht. In diesem akademischen Diskurs wird nach gemeinsamen europäischen Wurzeln geforscht, die vorzugsweise in den Teilgebieten Geschichte, Religion, Wissenschaft und Kultur auch gefunden werden. Zentrale Fragestellungen und Forschungshypothesen dieses Diskurses sind beispielsweise: Wie definiert und klassifiziert man Europa? Was sind die genauen Grenzen von Europa? Was sind Gemeinsamkeiten, was sind Unterschiede innerhalb Europas?

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wird die europäische Idee dann eine genuin politische. Hierdurch gelingt die Transformation eines simplen Forschungsgegenstandes (die Suche nach einer gemeinsamen euro-päischen Geschichte) zu einer mobilisierenden Metapher. Europa wird nun als eine vereinigte kulturelle Formation formuliert, die sich auf ein angeblich gemeinsames Wertesystem berufen kann, die über gemeinsame kulturelle Muster verfügt und letztendlich also durch eine gemeinsame Identität konstituiert wird. Wichtigste Argumente in dieser Konzeption sind das gemeinsame griechisch-römische Erbe, das Christentum, die Ideen der Aufklärung, der wissenschaftlichen Vernunft, des Fortschritts und der Demokratie. Bemerkenswert ist, dass eine besonders gute Abgrenzung immer genau dann gelingt, wenn Vergleiche mit „dem Anderen“ bzw. „dem Fremden“ vorgenommen werden. Dieser Mechanismus wird in Kapitel 4 unter dem Titel „Das Konzept Identitätsbildung durch Abgren-zung“ ausführlich beschrieben. Bei internen Betrachtungsweisen wird hingegen häufig das Konzept der differenzierten Einheit („unity in diversity“) bemüht, um gewisse Differenzen trotzdem noch unter der europäischen Idee vereinen zu können. Mit Hilfe dieses Konzepts können scheinbar divergente Phänomene wie beispielsweise die eigentlich fundamentalen Differenzen im Bereich Religion (katholische, protestan-tische und orthodoxe Kirche) und Linguistik (romanische, germanische und slawische Sprachen) durch eine Korrelatskonstruktion (katholisch-romanisch, protestantisch-germanisch, orthodox-slawisch) doch noch zu einer gewissen Deckung gebracht werden.[2]

Konkreter verzeichnet Strath drei wichtige historische Etappen auf dem Weg zur heutigen Form von EI.

1. Das Konzept einer EI wird 1973 offiziell in die europapolitische Agenda eingeführt. Auf dem Europäischen Gipfel in Kopenhagen im Dezember 1973 wird ein offizielles Konzept entworfen und verabschiedet. Um den Entstehungszusammenhang besser zu verstehen, lohnt sich eine kurze Rekapitulation der zeitgeschichtlichen Situation, denn das Gipfeltreffen stand unter dem Zeichen einer internationalen Krisensituation. Diese akkumulierte sich aus verschiedenen Ereignissen und Teilgebieten: das Bretton Woods Abkommen war zwei Jahre zuvor kollabiert, der Vietnam Krieg schwächte den Dollar und die amerikanischen Wirtschaft, die Boomphase der Nachkriegszeit in Europa neigte sich dem Ende zu und die internationale Ölkrise begann. Als Antwort auf die Krisensituation sollte eine enger verknüpfte Europäische Union geformt werden. In diesem Fall bedeutete EI erst einmal die politisch erzwungene Gemeinschaft der Neun (Gründungsmitglieder), die sich davon nicht nur interne Stabilitätseffekte versprachen, sondern die zugleich auch ein Konzept der Verantwortung gegenüber der restlichen Welt formulierten.
2. Im Jahre 1977 wird dieses erste Konzept von EI weiterentwickelt und transformiert. Nun soll EI als ein Instrument dienen, die ökonomische Stellung Europas im internationalen Gefüge zu konsolidieren. Da in ganz Europa die alten Industrien langsam wegbrachen und akuter Handlungs-druck entstand, wurde der sogenannte MacDougall Report aufgesetzt, der eine zentralistische, europaweit angelegte ökonomische Strategie vorschlug. Die ökonomischen Probleme sollten gelöst werden, indem Europa als ein einziger großer Konzern verhandelt wird, der angesichts der Krise nach streng ökonomischen Gesichtspunkten umstrukturiert werden muss.[3]

[...]


[1] Vgl. Strath 2002, S. 387.

[2] Vgl. Strath 2002, S. 388.

[3] Vgl. Strath 2002, S. 389.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Europäische Identität - Geschichte und Funktionsweisen eines Konzepts
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Soziologische Theorie)
Veranstaltung
HS Soziologie der Europäisierung
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V19006
ISBN (eBook)
9783638232371
ISBN (Buch)
9783638801812
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Geschicht und Funktionsweisen eines Konzepts
Schlagworte
Europäische, Identität, Geschichte, Funktionsweisen, Konzepts, Soziologie, Europäisierung
Arbeit zitieren
Caspar Borkowsky (Autor), 2003, Europäische Identität - Geschichte und Funktionsweisen eines Konzepts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19006

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