Atreus - Polytropos: Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in Versen 642 bis 760 des Senecas Thyestes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
13 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Atreus, der Priester
1.1 Der heilige Ort
1.2 Ipse Est Sacerdos

2. Atreus, der Mörder
2.1 Die ausgehungerte Tigerin (V.: 707-714)
2.2 Der mähnenumwallte Löwe (V.: 732-736)

3. Atreus, der Seher
3.1 Der blinde Vates
3.2 Eigensinn blendet

4. Polytropie des Atreus als Folge seiner Einsamkeit?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Es ist nicht zu übersehen, dass Seneca in seinem Drama Thyestes unter vielen wichtigen Disziplinen auch die der Beherrschung menschlichen Verhaltens aufzuzeigen versucht.

Im Mythos über zwei sich befeindende Brüder wählt er die Figur des Atreus, der er ein besonders boshaftes Aussehen verleiht. Durch die vielgestaltigen Beschreibungen dieses Protagonisten, durch seine mit menschlichen Händen unausführbare Tat, zeichnet sich sorgfältig und in allen Einzelheiten eine eigenartige Polytropie dieser Figur auf, mit welcher ich mich in dieser Arbeit beschäftigt habe.

In meiner Arbeit ging ich chronologisch vor, und stieß zuerst auf die priesterlichen Fähigkeiten meines Untersuchungsobjektes, wobei ich es für wichtig hielt, zuerst die dargestellte sakrale Umgebung etwas zu beleuchten. Weiter ging ich zu Atreus als Priester über. Anhand zweier Gleichnisse habe ich dann versucht, die mörderische Seite des Protagonisten aufzuzeigen.

Während meiner fortgesetzten Untersuchung entstand bei mir ein geringer Zweifel, ob Atreus die ihm von Seneca verliehenen hellseherischen Fähigkeiten verdient hat. Diesen Zweifel versuchte ich dann, zu zerstreuen. Und zum Schluss meiner Arbeit nahm ich Stellung zu Ulrich Knoches Gedanken über die Einsamkeit des Atreus in einem seiner Aufsätze.

Ich bemühte mich, gezielt nur die Stellen in der von mir gewählten Szene zu bearbeiten, die meiner Meinung nach die angestrebte Polytropie des Atreus betreffen. Gewiss bietet Seneca in seinen umfangreichen Versen auch Auskunft über andere Charaktere im Drama. Diese ließ ich jedoch außer Acht.

1. Atreus, der Priester

1.1 Der heilige Ort

Die Priester – Die Rolle des Atreus beginnt mit der Beschreibung des Opferplatzes und den Worten:

hinc auspicari regna Tantalidae solent,[1]

hinc petere lassis rebus ac dubiis opem. (V.: 657-658)

Erst an dieser Stelle erkennen wir, dass es sich um einen für die Pelops – Familie, heiligen Ort handelt – die loca sacra: Der Name der Vorfahren – regna Tantalidae – wird erwähnt. Der Bote berichtet über einen uralten Hain, den nemus vetustum (V.: 651), den sich das alte Familienhaus der Tantaliden als einen Ort der Götterverehrung auswählte. Die Haine galten unter mehreren anderen Örtlichkeiten der Götterkulte, als Orte zur Verehrung mehr oder weniger in Vergessenheit geratener Gottheiten.[2] Deshalb erinnert das Wort vetustum den Leser zusätzlich daran.

Doch Seneca verleiht diesem Ort ein zusätzliches Grauen: Er schmückt ihn mit für den hinterhältigen Pelops bedeutenden Weihgeschenken wie vocales tubae (V.: 659), die schmetternden Drommeten, mit denen Pelops als König wohl seine Krieger motivierte, mit fracti currus (V.: 660), einen zertrümmerten Wagen, der, von Myrtilos präpariert, dem Pelops zum Sieg gegen Oinomaos verholfen hatte, sowie - et omne gentis facinus -. All das sind Geschenke einer tückischen Tat, die als Gepränge für den ebenso tückischen Ort geeignet sind. Es sind Geschenke der Vorfahren von Atreus und Thyestes, es ist ein Ort der heiligen Vergangenheit für beide.

1.2 Ipse Est Sacerdos

Nach der ausreichenden Beschreibung des Ortes in seinem Bericht geht der Bote zur Darstellung des Hausherrn über. Und für uns soll an dieser Stelle nicht überraschend sein, dass Atreus selbst als Hausherr die Priesterrolle übernimmt und den Prozess der Opferung vollzieht. Denn Seneca schildert uns hier eine für die Römer gewöhnliche Sache: Die Hausherren konnten in ihren eigenen Häusern auch die Aufgabe der Priester übernehmen.[3]

Allerdings, die einzelnen Szenendetails an dieser Stelle betrachtend, wage ich zu behaupten, dass dem Atreus es nicht zu sehr darauf ankommt, die Opferung der Kinder nach den Sitten entsprechenden Vorschriften zu vollziehen. Vielmehr stechen in den von mir bearbeitenden Versen, das emotionale Empfinden und der anfällige seelische Zustand des Rachsüchtigen, ins Auge (682-684):

[…] Quo postquam furens

intravit Atreus liberos fratris trahens,

ornantur arae. – quis queat digne eloqui?

Dazu auffallend ist, das von Seneca im Vers 682 gewählte, Enjambement. Das Übergreifen des Satzes auf die nächste Verszeile hebt hier furens deutlich hervor. Obwohl der Sinnzusammenhang des Satzes über die Versgrenze weitergeführt wird, wird jedoch die Monotonie des Versmaßes durchbrochen und der Tonfall, der gleitender und flüssiger zu sein scheint, zeigt eine deutliche Akzentuierung dieses Wortes an.

Meiner Meinung nach ist Atreus hier mehr rasend, als priestermäßig gefasst. Seine Priesteraufgabe an dieser Stelle soll als sekundär geglaubt werden und stattdessen soll seine Wut hier die höchste Position annehmen. Auch die Tatsache, dass die Altäre erst postquam geschmückt werden, bestätigt diese Aussage: Atreus, von seinem Plan besessen, seine Wut kaum in Schranken haltend, schafft es nicht, den heiligen Altar für die Opferung im Voraus vorzubereiten, sondern erledigt es erst, nachdem er die Kinder zum heiligen Ort mitgeschleppt hat. Man hat das Gefühl, als ob er verängstig ist, seine Opfer aus der Hand zu lassen, als ob er mit seinen somit unnatürlich riesigen Händen zwei Handlungen gleichzeitig durchzuführen glaubt: das Schleppen der Kinder und das Schmücken des Altars.

Der im Weiteren folgende Parallelismus unterstreicht den aufgebrachten Zustand von Atreus noch mehr - intravit furens / liberos fratris trahens (V.: 683). Dadurch, dass die zwei Partizipien parallel gestellt sind, sind die zwei Handlungen, auf eine Stufe zu stellen und somit gleichwertig zu bewerten: Atreus ist rasend vor Aufregung über das bevorstehende Opferungsvergnügen der Kinder seines Bruders.

[...]


[1] Vgl.: L. Annei Senecae tragoediae, recognovit brevique adnotatione critica instruxit O. Zwierlein, Oxford (1986). Die im Folgenden herangezogenen Textzitate legen, ohne dass es speziell vermerkt wird, diese Ausgabe zugrunde.

[2] Vgl.: Wissowa, G. Religion und Kultus der Römer. S. 470.

[3] Vgl.: Fustel de Coulanges, La cité antique: Chaque famille avait ses cérémonies qui lui étaient propres, ses fêtes particulières, ses formules de prière et ses hymnes. Le père, seul interprète et seul pontife de sa religion, avait seul le pouvoir de l’enseigner, et ne pouvait l’enseigner qu’à son fils.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Atreus - Polytropos: Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in Versen 642 bis 760 des Senecas Thyestes
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V190085
ISBN (eBook)
9783656145783
ISBN (Buch)
9783656145981
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Seneca, Drama, Thyestes
Arbeit zitieren
Swetlana Krieger (Autor), 2011, Atreus - Polytropos: Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in Versen 642 bis 760 des Senecas Thyestes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190085

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Atreus - Polytropos: Eine Untersuchung der Figur des Atreus auf seine priesterlichen, mörderischen und hellseherischen Fähigkeiten in Versen 642 bis 760 des Senecas Thyestes


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden