Neben dem Lehren allgemeiner psychologischer Aspekte des Sports und der Forschungstätigkeit hat die Sportpsychologie besonders auch eine beratende Rolle inne. Dabei soll die Anwendung psychologischer (und medizinischer) Kenntnisse für den Sport sowohl der Leistungssteigerung als auch der Rehabilitation dienen. Doch auch für eine optimale Gestaltung des Breitensports ist die Sportpsychologie in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, wobei heute ein Schwerpunkt der sportpsychologischen Tätigkeit auf dem Gebiet der Leistungssteigerung liegt (vgl. Birbaumer et al., 1999). Im Rahmen der Sportpsychologie als anwendungsorientierte, empirische Wissenschaft ist also der praktische Nutzen von Erkenntnissen und den daraus abgeleiteten Methoden stets erforderlich. Nicht zuletzt für die Beschreibung und Erklärung sportmotorischer Lernprozesse gewinnt der Untersuchungsgegenstand des Zusammenhangs zwischen Bewegung und kognitiven Prozessen immer mehr an Bedeutung, geht es doch um die Frage, wie mentale Prozesse eine gegenständliche Bewegungshandlung beeinflussen oder diese gar strukturieren und organisieren (vgl. Munzert, 2001). Die Methode des Mentalen Trainings und der Begriff, der es umschreibt, stellen besonders im Hinblick auf den Erhalt oder die Zunahme einer Leistungsfähigkeit ein exemplarisches Untersuchungsfeld dar. So verwenden auch aktuelle Untersuchungen, beispielsweise zur Frage des Zusammenhangs zwischen den Bewegungsrepräsentationen technikprägender Merkmale und kinemetrischen Charakteristika ausgewählter sportlicher Bewegungen, theoretische Ansätze rund um Aspekte des Mentalen Trainings (Blaser et al., 1999). Derartige Studien werden am Institut für Sportwissenschaft der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg auch weiterhin durchgeführt. Seine praktische Relevanz und die offensichtlich guten Möglichkeiten, sportmotorische Lernprozesse durch empirische Untersuchungen einzelner Aspekten des Mentalen Trainings zu beschreiben und zu erklären, rechtfertigen erneut die Frage nach der Wirkungsweise des Mentalen Trainings. Dies veranlasst mich daher im Rahmen dieser Arbeit, bestehende Hypothesen noch einmal grundlegend zu erläutern. Zu diesem Zwecke wird im Folgenden zunächst eine begriffliche Abgrenzung vorgenommen und das Mentale Training definiert. Über einige Grundgedanken zur den Erklärungsansätzen sollen die drei bedeutendsten Hypothesen erläutert und kurz diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeiner Teil
2.1 Begriffsabgrenzung
2.2 Definitionen des Mentalen Trainings
2.3. Grundlegende Gedanken zu den Hypothesen
3. Die kognitive Hypothese
4. Die ideomotorische Hypothese
5. Die Programmierungs-Hypothese
6. Schlußdiskussion aus neurophysiologischer Sicht mit Fokus auf die Programmierungs-Hypothese
7. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit hat zum Ziel, den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs über die Wirkungsweise des Mentalen Trainings zu strukturieren, indem sie die drei bedeutendsten Erklärungsansätze grundlegend erläutert und kritisch diskutiert.
- Begriffsbestimmung und Abgrenzung des Mentalen Trainings
- Analyse der kognitiven Hypothese im sportpsychologischen Kontext
- Untersuchung der ideomotorischen Hypothese und ihrer neurophysiologischen Grenzen
- Evaluation der Programmierungs-Hypothese als Modifikation ideomotorischer Ansätze
- Diskussion aktueller bildgebender Verfahren in der sportpsychologischen Forschung
Auszug aus dem Buch
5. Die Programmierungs-Hypothese
Eine dritte Hypothese zur Wirkungsweise des Mentalen Trainings entspricht eigentlich einer Modifikation der ideomotorischen Hypothese. Bei der so genannten Programmierungs-Hypothese sind jedoch nicht die peripheren Begleiterscheinungen von Wichtigkeit, sondern die durch die Bewegungsvorstellungen induzierten zentralen Prozesse (vgl. Heuer, 1985). Vertreter dieser Hypothese gehen davon aus, dass die Bewegungsvorstellung mit der Bereitstellung der motorischen Kommandos im motorischen Kortex einhergeht. Heuer selbst formulierte diese Hypothese: „Die zentralen motorischen Prozesse, die bei der Vorstellung einer Bewegung ablaufen, sollen also weitgehend identisch mit denjenigen sein, die sich bei der Ausführung finden“ (Heuer, 1985). Diese Programme werden jedoch im Falle des mentalen Trainings nicht an die Körperperipherie weitergeleitet.
Nach Heuer belegen dies die Studien von Roland, Larsen, Lassen und Skinhoj aus dem Jahre 1980, als man anhand der Sauerstoffversorgung mittels PET (Positron-Emissions-Tomografie) deutlich den Grad der Aktivierung der entsprechenden gleichen kortikalen Felder messen konnte. Die senso-motorischen Felder waren bei der Bewegungsvorstellung nicht aktiv, aber besonders die Aktivierungen der suplementär-motorischen und prämotorischen Areale stimmten mit den Aktivierungsmustern bei der Bewegungsausführung (Fingerbewegung) überein. Im Sinne der übenden Wirkung einfacher Wiederholungen wird also bei der Programmierungs-Hypothese davon ausgegangen, dass bei Bewegungsvorstellungen die gleichen Programmierungsprozesse ablaufen, wie das bei der aktiven Ausübung der Fall wäre. So ist die Wirkung des Mentalen Trainings auf einen klassischen Übungseffekt zurückzuführen, der auf der Wiederholung der zentralen Anteile der Bewegung basiert (Heuer, 1985).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Sportpsychologie als anwendungsorientierte Wissenschaft ein und begründet die Notwendigkeit einer erneuten Untersuchung der Wirkungsweisen des Mentalen Trainings.
2. Allgemeiner Teil: Dieser Abschnitt differenziert Mentales Training von anderen psychoregulativen Verfahren und definiert es als spezifischen methodischen Einsatz von Bewegungsvorstellungsaufgaben.
3. Die kognitive Hypothese: Hier wird der Ansatz diskutiert, dass Mentales Training primär kognitive Anteile einer Bewegungsfertigkeit übt, was insbesondere bei taktisch geprägten Sportarten von Bedeutung ist.
4. Die ideomotorische Hypothese: Dieses Kapitel thematisiert die psychoneuromuskuläre Sichtweise, bei der periphere Begleiterscheinungen während der Vorstellung die Wirkung von Mentalem Training erklären sollen.
5. Die Programmierungs-Hypothese: Dieser Teil fokussiert auf zentrale neurophysiologische Prozesse und die Identität von Programmierungsmustern bei vorgestellten und tatsächlich ausgeführten Bewegungen.
6. Schlußdiskussion aus neurophysiologischer Sicht mit Fokus auf die Programmierungs-Hypothese: Diese Diskussion bewertet die Hypothesen anhand neuerer bildgebender Studien und stellt die Herausforderungen bei der Übertragbarkeit auf komplexe Ganzkörperbewegungen dar.
7. Ausblick: Der Ausblick resümiert den derzeitigen Forschungsstand und verweist auf das Potenzial moderner bildgebender Verfahren zur genaueren Erforschung neuronaler Einzelprozesse.
Schlüsselwörter
Mentales Training, Sportpsychologie, kognitive Hypothese, ideomotorische Hypothese, Programmierungs-Hypothese, Bewegungsvorstellung, Bewegungsrepräsentation, motorischer Kortex, neuromuskuläre Aktivität, neurophysiologische Prozesse, sportmotorisches Lernen, bildgebende Verfahren, PET, fMRI, Leistungssteigerung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den theoretischen Hintergrund des Mentalen Trainings und analysiert kritisch die drei zentralen wissenschaftlichen Hypothesen zu dessen Wirkungsweise im Sport.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die Begriffsabgrenzung des Mentalen Trainings sowie der Vergleich zwischen kognitiven, ideomotorischen und programmierungsorientierten Erklärungsmodellen für den Trainingserfolg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, bestehende Hypothesen zur Wirksamkeit des mentalen Übens grundlegend zu erläutern und auf Basis neurophysiologischer Erkenntnisse auf ihre Gültigkeit hin zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, die auf sportwissenschaftlichen und neurophysiologischen Studien (u.a. von Heuer, Narciss und Roland et al.) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsdefinition, die detaillierte Darstellung der drei Hypothesen sowie eine anschließende neurophysiologische Diskussion dieser Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Mentales Training, Bewegungsrepräsentation, kognitive Hypothese, ideomotorische Hypothese sowie neurophysiologische Mechanismen der motorischen Programmierung.
Was genau besagt die kognitive Hypothese?
Sie postuliert, dass Mentales Training vor allem das theoretische Wissen und die kognitiven Anteile einer Bewegungsaufgabe optimiert, anstatt rein motorische Fertigkeiten zu trainieren.
Warum ist die Programmierungs-Hypothese laut Autor derzeit am plausibelsten?
Die Hypothese erscheint am fundiertesten, da sie durch moderne bildgebende Verfahren wie PET untermauert wird, die eine Übereinstimmung der Aktivierungsmuster bei Bewegungsvorstellung und tatsächlicher Bewegungsausführung zeigen.
- Quote paper
- Christian Kuhn (Author), 2002, Hypothesen zur Wirkungsweise Mentalen Trainings, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19019