Der Alptraum der Indigenen? - Kurlands Kolonie auf Tobago


Essay, 2011
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zu den Quellen

3. Sekundärliteratur

4. Korrekturen und Ergänzungen
4.1 Zu Kurland und Tobago
4.2 Zu den kurländischen Kolonien
4.2.1 Die erste Phase
4.2.2 Die zweite Phase

5. Die Indigenen

6. Das Erbe Kurlands

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das eben ist unsere einzige Pflicht der Geschichte gegenüber: Sie nochmals zu schreiben. [...] Haben wir einmal die wissenschaftlichen Gesetze, die das Leben beherrschen, ganz durchforscht, dann werden wir entdecken, dass der einzige Mensch, der mehr in Illusionen befangen ist, als der Träumer, der Tat-mensch ist. [...] Jede Kleinigkeit, die wir tun, gerät in die große Maschine des Lebens, die unsere Tugenden zu Staub zermalmen kann und wertlos macht.“[1]

Dieses Zitat aus Oscar Wildes Stück „Der Kritiker als Künstler“ veranschaulicht ein Pro-blem, dem sich jeder Historiker früher oder später stellen muss. So meisterhaft ihm seine Arbeiten im Moment des Schreibens erscheinen: nach Jahren der fachlichen und persön-lichen Entwicklung entpuppen sich viele der Wahrheiten, die er zu kennen glaubte, als Irrtümer. Auch wenn das Werk des Historikers dann immer noch als Standardwerk gelten sollte: um der Verantwortung gegenüber seiner Profession gerecht zu werden, muss er es überarbeiten.

Mit dem Mut des Unwissenden beschloss ich vor zwei Jahren eine Hausarbeit über das Herzogtum Kurland und seine Kolonie auf der Karibikinsel Tobago zu schreiben. Ob-wohl es mir an Zeit, Sprachkenntnissen, Quellen, Literatur und vor allem Hintergrundwis-sen mangelte, entstand eine Arbeit mit der ich damals sehr zufrieden war. Ich veröffent-lichte sie im Grin-Verlag und war erfreut, als ein Online-Abdruck der Arbeit[2] im Wiki-pedia-Artikel zur kurländischen Kolonialgeschichte verlinkt wurde.[3] Seither habe ich mich weiter mit dem Thema auseinandergesetzt und neue Erkenntnisse gewonnen. Durch Lehr-veranstaltungen, u.a. zu den Postcolonial Studies, hat sich mein Blick auf Geschichte im Allgemeinen und koloniale Geschichte im Besonderen gewandelt. In meiner Arbeit finde ich heute viele inhaltliche und methodische Fehler, die ich im Folgenden aufdecken und berichtigen möchte.

In den ersten beiden Abschnitten der vorliegenden Arbeit werden deshalb Quellen-lage und Sekundärliteratur zum Thema Kurland und Tobago diskutiert. Danach folgen einige wichtige Korrekturen und Ergänzungen zu meiner Arbeit von 2009. Abschließend möchte ich auf zwei zentrale Problematiken aufmerksam machen, die bei Untersuchungen zur kurländischen Kolonialgeschichte beachtet werden müssen.

2. Zu den Quellen

Im Zuge der dritten polnischen Teilung wurde das Herzogtum Kurland 1795 aufgelöst und in das russische Zarenreich integriert. Kriege und Revolutionen führten im 20. Jahrhundert dazu, dass die ehemaligen kurländischen Gebiete verwüstet und ausgeplündert wurden. Ein großer Teil der Archivbestände ging dabei unwiederbringlich verloren.[4] Viele Dokumente sind heute nur noch durch Zitate in älterer Sekundärliteratur bekannt. Historiker, die sich mit dem Herzogtum Kurland und seiner Kolonialgeschichte beschäftigen, finden zwar ei-nige wichtige Unterlagen im heutigen Lettland - um ein aussagekräftiges Bild von Kurland und Tobago zu zeichnen, reicht das jedoch nicht aus. Zentrale Schriftstücke lagern in Archiven in Russland, Deutschland, Dänemark, England, Frankreich, Spanien, dem Va-tikan, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten. Darunter sind nicht nur Materialien, die aus Kurland „verschleppt“ wurden, sondern auch Aufzeichnungen von nicht-kur-ländischen Seefahrern, Kolonisten, Verwaltungsbeamten, Soldaten und Diplomaten, die mit ihren Standes- und Berufsgenossen aus dem Baltikum in Kontakt standen. Das Kurlandbild der nicht-kurländischen Quellen, ist fast immer negativ. Es steht in starkem Gegensatz zum Selbstbild der Kurländer, das überwiegend positiv ausfällt. Das größte Problem im Umgang mit den Quellen zur kurländischen Kolonialgeschichte liegt jedoch nicht in ihrer Parteilich-keit, sondern in ihrer unglaublichen Sprachvielfalt. Um alle Dokumente bearbeiten zu kön-nen, muss ein Historiker mehr als 10 Sprachen in ihren lokal- und zeittypischen Ausprägun-gen sprechen und verstehen können.

In Vorbereitung meiner Kurland-Arbeit von 2009 habe ich nur wenige Quellen im Original gelesen. Zumeist lagen mir kurze, übersetzte Quellenauszüge aus der Sekundär-literatur vor. In Übersetzung und Kontextualisierung waren diese Auszüge bereits „vorkom-mentiert“, wodurch ich unbewusst Interpretationsansätze aus der Sekundärliteratur über-nahm. Da mir für eine Recherchereise quer durch Europa Zeit und Ressourcen fehlen, wer-de ich auch in der vorliegenden Arbeit auf übersetzte Quellenauszüge zurückgreifen müs-sen. Im Wissen um die damit verbundenen Probleme werde ich jedoch versuchen einen un-abhängigen Standpunkt einzunehmen und jedes Detail so kritisch wie möglich zu hinter-fragen.

3. Sekundärliteratur

Über das Herzogtum Kurland, die Familie Kettler und die Insel Tobago existiert eine Reihe separater Bücher und Aufsätze, die hier aus Platzgründen nicht alle einzeln aufzählt werden können. Viele dieser Publikationen sind älteren Datums und müssten dringend überarbeitet werden. Nichtsdestotrotz enthalten sie wichtige Informationen, die kein Historiker ignorie-ren sollte. Für die Kurland-und-Tobago-Forschung sind jedoch die Monographien, Buchka-pitel und Aufsätze interessanter, die sich mit der kurländischen Kolonialgeschichte im Ganzen auseinandersetzen. Hier haben sich drei unbekannte Geschichtswissenschaftler ver-dient gemacht.

Der älteste ist der deutschstämmige Balte Otto Heinz Mattiesen. Er promovierte 1939 am Philosophischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin zum Thema „Die Kolonial- und Überseepolitik Herzog Jakobs von Kurland“[5]. Seine Dissertation ist ausge-sprochen quellenreich. Leider stammt Mattiesen’s gesamtes Quellenmaterial aus Deutsch-land und dem Baltikum. Die Archivbestände anderer Länder lässt er außer acht.[6] Mehr noch: eine Reihe von Dokumenten aus deutschen und lettischen Archiven, die Mattiesen vorgelegen haben müssen, werden in seiner Dissertation mit keinem Wort erwähnt. Der Historiker Edgar Anderson unterstellt Matthiesen die Dokumente bewusst unterschlagen zu haben.[7] Auch wenn sich Andersons Verdacht nicht bestätigen lässt: Mattiesen vertritt Überzeugungen, die mit den Inhalten der fehlenden Dokumente nur schwer in Einklang zu bringen wären. So weist er im ersten Kapitel seiner Dissertation deutlich darauf hin, dass es sich bei Kurlands Überseebesitzungen um „deutsche Kolonien“[8] gehandelt hat.[9] Die „Deut-schen“ stellten Oberschicht in Kurland, waren aber quantitativ eine Minderheit. Die Masse der Tobago-Siedler rekrutierten die kurländischen Herzöge aus anderen „Volksgruppen“. In Mattiesen’s Untersuchung wird der starke Nationalismus der NS-Jahre deutlich. Viele seiner Aussagen und Wertungen müssen daher stark relativiert oder aber direkt verworfen werden.

In meiner Arbeit von 2009 wies ich darauf hin, dass man Mattiesen’s Buch ohne Be-denken als Sekundärliteratur verwenden kann, da sich dessen nationalistische[10] Prägung aus wichtigen inhaltlichen Aussagen „herausrechnen“ lässt. Auch wenn ich das heute etwas an-ders sehe: “Die Kolonial- und Überseepolitik Herzog Jakobs von Kurland“ ist ein zentraler und unverzichtbarer Forschungsbeitrag zur kurländischen Kolonialgeschichte. Man muss dem Buch allein wegen seiner zahlreichen Zitate, aus heute nicht mehr verfügbaren Doku-menten, Beachtung schenken. Nichtsdestotrotz muss bei der Lektüre mit äußerster Vorsicht vorgegangen werden.

Der zweite Historiker, der sich mit Kurland und Tobago beschäftigt hat, ist Alexander Berkis. Er kam während seines Studiums in Lettland mit dem Thema in Kontakt. In den späten 1940er Jahren wanderte Berkis in die Vereinigten Staaten aus[11]. Dort promovierte er 1954 mit einer Arbeit über “The History of the Duchy of Courland“[12], die ein Kapitel zur kurländischen Kolonialgeschichte enthält. 1960 folgte “The Reign of Duke James in Cour-land”[13] - hier geht Berkis unter anderem sehr ausführlich auf die „internationalen“ Bezie-hungen Kurlands ein. Als Exil-Lette in den USA war es Berkis nicht möglich Quellen aus Osteuropa zu verwenden. Er griff stattdessen auf umfangreiche, vorher unerschlossene eng-lischsprachige Sekundärliteratur zurück. Berkis machte der Kurland-und-Tobago-Forschung neue Quellen zugänglich, erkannte aber nicht, dass die Glaubwürdigkeit der darin enthal-tenen Informationen in vielen Fällen bedenklich war. Er verweist in seiner Arbeit auf eine Reihe (semi-)wissenschaftlicher Publikationen, in denen Kurland und Tobago nur ein paar Nebensätze gewidmet sind und deren Inhalt durch keinerlei Belege gestützt wird. Zudem zitiert der Historiker seinen Kollegen Mattiesen ohne auch nur die geringste Kritik an des-sen Aussagen zu üben.

[...]


[1] Wilde, Oscar, Der Kritiker als Künstler, in: Gruenter, Rainer (Hg.), Oscar Wilde, Werke in zwei Bänden,
3. Auflage, München 1970, S. 474 - 475.

[2] www.grin.com/de/e-book/138725/der-traum-des-herzogs-kurlands-kolonie-auf-tobago, Zugriff: 29.08.2011.

[3] www.wikipedia.org/wiki/Kurl%C3%A4ndische_Kolonialgeschichte, Zugriff: 29.08.2011.

[4] Hier, wie im Folgenden: Edgar Anderson, The Couronians and the West Indies, Chicago 1965, S. 2, 364-368; Lennart Bes, Edda Frankot, Hanno Brand, Baltic Connections, Archival Guide to the Maritime Relations of the Countries around the Baltic Sea (including the Netherlands) 1450-1800, Band 1, Denmark, Estonia, Finnland, Germany, Leiden 2007, S. 795-796 u. 800-809; Beata Krajewska, Theodros Zeids, Zwei kurländische Archive und ihre Schicksale, in: Erwin Oberländer & Ilgvars Misans (Hg), Das Herzogtum Kurland 1561-1795, Lüneburg 1993, S. 13-28; Peter Wörster, Archivüberlieferung zur Geschichte Estlands, Livlands und Kurlands in der Bundesrepublik Deutschland, in: Gerald Wiemers, Matthias Lienert, Zusam-menarbeit deutscher Archive wissenschaftlicher Einrichtungen mit Archiven ostmitteleuropäischer und osteuropäischer Staaten, Dresden 1998, S. 41 - 51.

[5] Otto Heinz Mattiesen, Die Kolonial- und Überseepolitik Herzog Jakobs von Kurland, 1640 - 1660, Stuttgart 1939.

[6] Vgl. Anderson, The Couronians, S. 371; Harry C. Meritt, The colony of the colonized: the Duchy of Courland’s Tobago colony and Contemporary Latvian national identity, in: Nationalities Papers; Band 38, Nr. 4, 2010, S. 491 – 508, hier: S. 371.

[7] Anderson, The Couronians, S. 371.

[8] Mattiesen, Die Kolonial- und Überseepolitik, S. XIX.

[9] Mehr dazu im Kapitel: “Das Erbe Kurlands”.

[10] In meiner Arbeit von 2009 benutzte ich den Begriff „völkisch-national“. Diese Begriff erscheint mir mittlerweile unangemessen.

[11] Vgl. American Council of Learned Societies, Directory of American scholars, Volume 1, A biographical directory New York, 1974, S. 44.

[12] Die Dissertation erschien einige Jahre später in einer überarbeiteten Version als Buch. Vgl. Alexander Berkis, The History of the Duchy of Courland (1561-1795), Towson 1969.

[13] Alexander Berkis, The Reign of Duke James in Courland (1638 – 1682), London 1960.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Alptraum der Indigenen? - Kurlands Kolonie auf Tobago
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Veranstaltung
Postcolonial Studies
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V190191
ISBN (eBook)
9783656151050
ISBN (Buch)
9783656151586
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alptraum, indigenen, kurlands, kolonie, tobago
Arbeit zitieren
Stefan Noack (Autor), 2011, Der Alptraum der Indigenen? - Kurlands Kolonie auf Tobago, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190191

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