Von der Zivilisationskritik zum Bio-Boom

Eine Betrachtung naturnaher Ernährungskonzepte der Neuzeit


Hausarbeit, 2011

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Naturnahe Ernährungskonzepte der Neuzeit
2.1 Naturnahe Ernährungskonzepte des 18. Jahrhunderts
2.2 Naturnahe Ernährungskonzepte des 19. Jahrhunderts
2.3 Naturnahe Ernährungskonzepte des 20. Jahrhunderts
2.4 Naturnahe Ernährungskonzepte des 21. Jahrhunderts

3 Abgrenzung in den Ernährungskonzepten der Neuzeit

4 Zusammenfassung und Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wir werden täglich mit dem Thema Ernährung konfrontiert, ob in den Medien, beim Essen oder beim Lebensmitteleinkauf. Die Nahrungsaufnahme ist ein elementarer Be­standteil unseres Lebens – sie sättigt uns, stiftet Kontakt zu anderen und hält uns am Leben. Die Vorstellungen über die „richtige“ Ernährungsform und die Art und Weise des Essens gehen in der Bevölkerung weit auseinander. Während einige Mitglieder der Bevölkerung verstärkten Wert auf eine gesunde Ernährung mit naturnahen Produkten legen, kaufen andere vorwiegend Convenienceprodukte ein; zwischen diesen beiden Extremen gibt es zudem viele Zwischenstufen. In den letzten Jahren ist jedoch zu beobachten, dass die Konsumenten verstärkt Lebensmittel aus ökologischem Anbau nachfragen, wodurch das Angebot an „Bio-Lebensmitteln“ stark gestiegen ist. Gab es Müsli und Bio­produkte früher nur in Naturkostläden zu kaufen, so werden sie heute auch in Lebensmittel­discountern angeboten. Diese Lebensmittel werden damit für immer größere Teile der Bevölke­rung erschwinglich. Der Trend Bio boomt. Ursächlich für diesen Trend ist die Unsicherheit der Konsumenten bei Einkauf, verursacht durch Lebensmittelskandale. Der Wunsch nach mehr Kontrolle wächst, um diesen Wunsch zu realisieren, greifen die Konsumenten verstärkt auf naturnahe ökologisch erzeugte Pro­dukte zurück. Dieser Trend hin zu naturnahen Produkten ist jedoch nichts Neues, naturnahe Ernährungskonzepte gab es be­reits in der Antike und sie waren bis heute in jeder Epoche vertreten. In der vorliegen­den Arbeit wird der Fokus auf naturnahen Ernährungskonzepten während der Neuzeit liegen. Es wird dabei eine differenzierte Betrachtung naturnaher Ernäh­rungskonzepte beginnend beim 18. Jahrhundert bis heute erfolgen.

Neben dem physiologischen Effekt der Nahrungsaufnahme ist sie immer auch ein soziales Ereignis, in welches sich der Einzelne einordnet. Ernäh­rung dient dabei immer auch der Abgrenzung von anderen und der Selbstdarstel­lung. Die Einord­nung/Abgrenzung erfolgt dabei sowohl räumlich/ geographisch, zeitlich als auch schicht-, alters- und geschlechtsspezifisch (VanRandow2001:125, Prahl/Setzwein1999:77; Wirz 1993:440). Dies ist auch in den Naturkostbewegungen der Neuzeit zu beobachten, Kapitel drei wird sich daher dem Thema Abgrenzung durch Ernährung in den Ernährungskonzepten der Neuzeit widmen. Der Schwerpunkt der Betrachtungen wird auf der schichten- und gen­derspezifischen Abgrenzung liegen.

Den Abschluss der Arbeit werden eine Zusammenfassung und ein Ausblick bilden.

2 Naturnahe Ernährungskonzepte der Neuzeit

Im vorliegenden Kapitel werden verschiedene naturnahe Ernährungskonzepte der Neuzeit vorgestellt, beginnend mit Rousseaus zivilisationskritischen Ansichten aus dem 18. Jahrhundert bis hin zum heutigen Bio-Boom und dem Trend des Urban Gardenings. Zudem werden in einem kleinen Einschub die Folgen der vielfältigen Ernährungspublikationen und naturnahen Ernährungskonzepte aufgezeigt.

2.1 Naturnahe Ernährungskonzepte des 18. Jahrhunderts

Im 18. Jahrhundert zeichnet sich eine neue Denkweise in der Philosophie ab, welche die „Nutzbarmachung der Natur durch den Menschen“ kritisiert (Melzer2003:46). So schreibt Rousseau 1762: „Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen der Menschen. Er zwingt ein Land, die Produkte eines anderen hervorzubringen, einen Baum, die Früchte eines anderen zu tragen; er vermischt und ver­mengt die Klimate, die Elemente, die Jahreszeiten; er verstümmelt seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven; er stürzt alles um, er verunstaltet alles; er liebt das Unförmliche, die Missge­stalten; nichts will er so, wie es die Natur gebildet hat, nicht einmal den Menschen“ (Rosseau 2001:13). Rousseau fordert in seinem naturromantischen, zivilisati­onskritischen Weltbild auf, die unberührte Natur als Lehrmeisterin zu nutzen und ruft zur Rück­kehr zur Natur auf. Rousseaus Weltbild fand großen Anklang in der Medizin, etwa beim Me­diziner Wilhelm Hufeland (Melzer2003:46;Leitzmann/Stange2010:6). Dieser erstellt ein vitalistisches Medizinkonzept, in welchem er Empfehlungen zur Vorbeugung von Krankheiten durch naturgemäße Lebensweise und Ernährung gab. Er warnte dabei vor bestimmten Spei­sen und Getränken, welche laut seiner Ansicht Krankheiten auslösen können. So rät er ab vom Konsum der Genussmittel Kaffee, Tee, Schokolade, Back- und Zuckerwerk, da diese die Verdauung beinträchtigen (Melzer2003:47f). Daneben kritisiert Hufeland die Völlerei, so schreibt er „Der größte Teil der Menschen isst viel mehr, als er nötig hat. Wer alt werden will, esse langsam. Man esse nie so viel, dass es den Magen füllt“ (Hufeland1796) (aus Leitz­mann/Stange 2010: 6).

2.2 Naturnahe Ernährungskonzepte des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert prägt der Arzt Lorenz Gleich den Begriff der Naturheilkunde, welche eine „naturgemäße Medizin mit vielfältigen Verfahren und Mittel aus der Natur“ darstellte (Melzer 2003: 69). Diese etabliert sich als sogenannte Volksme­dizin parallel zu der an Universitäten gelehrten Medizin (Melzer 2003: 99). Die Anhänger der Volksmedizin gehen davon aus, dass die medizinische Versorgung unabhängig von medizi­nischen Institutionen und Fachpersonal durchgeführt werden kann und verfolgt die Ansicht: „Der Mensch ist selbst sein bester Arzt und Heiler“. Die Naturheilkundler greifen die Ernäh­rung als einen Teilaspekt auf.

Die von Johann Schroth (1798-1856) entwickelte Schroth-Kur war eine der ersten naturheilkundlichen Therapien, die ihren Fokus auf die Ernährung legte. Diese Kur sollte durch Ent­schlackung von Giftstoffen über den Darm zur Heilung verschiedener Krankheiten führen. Sie basiert auf dem Wechsel von Trockentagen mit altbackenen Brötchen und Trinkta­gen (Kraft/Stange 2010:95f).

Sebastian Kneipp (1821-1897) gilt als Begründer der naturheilkundlichen Ernährungslehre in Mitteleuropa. Er greift die Ernährungstherapie als eine Säule in seines aus fünf Säulen bestehenden Konzepts auf. Die Kneippschen Anschauungen zu einer der Gesund­heit förderli­chen Kost orientierten sich stark an der damals in seiner Heimat üblichen Hausmannskost (Leitzmann/ Stange 2010:6).

Vegetarismus

Das 19. Jahrhundert war in den USA geprägt von der beginnenden Industrialisierung einher­gehend mit einer zunehmenden Verstädterung. Im Zuge dessen fand eine Kommerzialisierung des häuslichen Bereichs statt, dies äußerte sich besonders im Bereich der Ernährung. Denn die konventionelle Landwirtschaft und die konventionellen Lebensmittelindustrie er­setzten hier nach und nach die Lebensmittelproduktion zum Eigenbedarf. Dies führte zu ei­ner wachsenden Fülle an Lebensmitteln und einem gleichzeitig steigenden Verarbeitungs­grad der Lebensmittel. Parallel zu der wachsenden Lebensmittelfülle stieg auch die Anklage der Völlerei. Diese Anklage ging größtenteils von der Kirche aus, der bedeutendste Vertreter der damaligen Zeit war der presbyterianische Pfarrer Sylvester Graham (1794-1851). Er ver­trat die Ansicht, dass Lebensmitteltechnologie und Industrialisierung schädlich für Moral und Gesundheit des Menschen seien. Er ging weiter davon aus, dass die von der Kommer­zialisierung verursachten Anregungen (Völlerei, Unzucht, Unmoral) ursächlich für Krankhei­ten sind. Hingegen lobpreist er die Natur als die Ordnung Gottes, welche seiner An­sicht nach die Quelle für Gesundheit darstellt. Neben der Anklage der Völlerei kritisiert er den Verzehr von fein gemahlenem Mehl, Weißbrot und Fleisch sowie den Verzehr von Genussmitteln wie Kaffee, Tee und Alkohol. Wobei ihm besonders die Außerhausproduktion von Brot wider­strebte. In den USA setzten die Bäckereien zunehmend das feine industriell hergestellte Weißmehl zur Brother­stellung ein. Dieses war laut Grahams Vorstellungen auf Grund des geringen Faseranteils abträglich für die Gesundheit. Aus diesem Antrieb heraus entwickelte er das Grahambrot und die Grahamcracker, die beide die natürlich faserige Qualität des frü­heren Brotes aufwiesen (Gusfield1993:82f).

Grahams Ansichten fanden auch in Deutschland viele Sympathisanten. So setzte sich der Hof-Apotheker Theodor Hahn (1824-1883) stark für die Verbreitung des Grahambrotes in Deutschland ein, da dieses seiner Meinung nach zahlreiche Vor­teile im Vergleich zu gewöhnlichem Brot bot, wie etwa einen höheren Gehalt an Nährstof­fen. Hahn verordnete sei­nen Patienten zudem eine vegetarische Ernährung. Angeregt wurde er dazu von den Argu­mentationen des New Yorker Arzt Russel Trall, welcher sich stark für die vegetarische Ernäh­rung aussprach (Melzer2003:84f).

Der Naturheilkundler Louis Kuhne (1835-1899) stützte sich auf Hahns Ernährungskonzept, auch er empfahl die fleischlose „reizlose Ernährungsweise“, präferiert bei seiner Empfeh­lung für Schrotbrote jedoch nicht das Grahambrot. Er führte zudem ein Gericht aus Weizen­schrot und Obst ein und betonte wieder verstärkt die Wichtigkeit der Naturbelassenheit der zu verzehrenden Nahrungsmittel (Melzer2003:97,100).

Die Naturheilkundler zu Beginn des 19. Jahrhunderts verfolgten in ihren Lehren das Ziel, den „überzivilisierten Menschen wieder mit der Natur in Einklang zu bringen“ (Melzer2003:100). In Ihren Werken finden sich immer wieder Bezüge zu den Rousseauschen Anschauungen (Melzer 2003: 100). Diese Lehren sind somit mehr philosophische Überzeugungen denn medizinisch/ ernährungsphysiologisch untermauerte Wissenschaft.

2.3 Naturnahe Ernährungskonzepte des 20. Jahrhunderts

Die Ernährungslehren des 18. und 19. Jahrhunderts wurden überwiegend durch medizinischen Laien verbreitet. Dies änderte sich beim Übergang zum 20. Jahrhundert, naturna­he Ernährungskonzepte rückten jetzt immer mehr auch in den Fokus akademisch ausgebil­deter Mediziner.

Beginn des 20. Jahrhunderts

Zwei bedeutende Vertreter, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts agierten, waren der dänische Arzt und Ernährungswissenschaftler Mikkel Hindhede (1862-1945) und der Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner (1867-1939) (Melzer2003:140; Leitzmann/Stange 2010:8), wel­che eine laktovegetabile Kost propagierten.

Hinhede veröffentlicht 1922 sein Werk „Die neue Ernährungslehre,“ in welchem er eine laktovegetabile Ernährungsweise propagiert. Seine Ernährungslehre erlangt vor allem im ersten Weltkrieg eine starke nationale Bedeutung, denn durch die Nahrungsblockade der Engländer waren keine Nahrungsmittellieferungen nach Dänemark mehr möglich. Die Dänen stiegen da­her auf eine laktovegetabile Kost um, die Anzahl der Schlachtungen wurde erheblich redu­ziert und das Futtergetreide zur Herstellung von Vollkornbrot genutzt. Die Dänen blieben da­durch im Gegensatz zu den Deutschen von Hungersnöten und Hungertod verschont, die dänischen Sterbe-und Krankheitsraten sanken zu dieser Zeit sogar (Melzer2003:140).

In Deutschland revolutionierte der Schweizer Arzt Bircher-Benner die Ernährungsansichten, denn auch er propagierte eine laktovegetabile Ernährung. Im Zuge der in Deutschland stattfindenden Industrialisierung stieg der Fleischkonsum der Deutschen „auf nie geahnte Höhen“ (Wirz1997:439). Fleisch und Gekochtes galten als ge­sund, rohes Gemüse und Obst hinge­gen galten als bestenfalls appetitanregende Beilagen und sollten von kranken Personen ge­mieden werden, da es für diese nicht verdaulich sei und Quelle gefährlicher Infektionen dar­stelle (Wirz1997:439). Bircher-Benners Lehrmeinung stand in starkem Kontrast zu den da­maligen Lehrmeinungen. Er stellt in seinen Ernährungskonzepten „die Pflanzenkost über die Fleischkost und das Rohe über das Gekochte“ (Wirz1997:439) und vertritt eine laktovegetabilen Ernäh­rungslehre, welche der Rohkost einen hohen Stellenwert beimisst (Leitzmann/ Stange2010:8). Durch diese Neuordnung in der Ernährung brachte Bircher-Benner die „symbolische Ordnung der Industriegesellschaft“ durcheinander, welche Fleisch als Symbol für Wohlstand nahezu ver­götterte, weshalb seine Ansichten zur damaligen Zeit auf große Kritik stießen (Wirz1997:439f). Auch in Bircher-Benners Lehren sind die naturro­mantischen Vorstellungen Rousseaus wiederzufinden, Bircher-Benner sieht die Natur als das Maß aller Dinge, „sie ver­körpert für ihn Ordnung und Gesundheit“ (Wirz1997:447). Er lehnt die Industriegesellschaft ab, welche, so Bircher-Benner, zwar ungeahnte Produktivitäts­kräfte entwickelt, jedoch zu­gleich Not und Krankheit inmitten von Überfluss hervorbringt (Wirz1997:449). Die Miss­stände der Industriegesellschaft äußern sich auf vielfältige Art und Weise: „die Hetze im All­tag, die Suche nach immer neuen künstlichen Reizen, den unabläs­sigen Wettlauf um Ehre und Geld, das Streben nach Macht, das immerwährende Schielen nach den Nachbarn (…) die ‚Völlerei‘ bei Tisch und allgemein der Überfluss inmitten des Mangels“ (Wirz1997:450). Bircher-Benner warnt vor den Gefahren des Überflusses und der Vielfalt. Er geht davon aus, dass eine harmonische Ernährung den Menschen gesund hält. Eine harmonische Ernährung bedeutet für ihn, optimale Versorgung mit Nährstoffen, kein Zuviel und kein Zuwenig. Denn ein Mangel an Nahrung führt zu Krankheit. Ein Nahrungs­überfluss hingegen, so Bircher-Benners Theorie verursacht Krankheiten wie „Darmträgheit, Verstopfung, (…) Migräne [,] (…) Kreislaufkrankheiten und Krebs (Wirz1997:451). In seiner Ernährungstherapie ging Bircher-Benner jedoch nicht nur auf die Nahrung sondern auf den ganzen Men­schen ein. Körper, Seele und Ernährung schloss er zusammen in einer Lehre über naturge­mäße Lebensweise in dessen Rahmen er acht Ordnungsgesetzte formulierte (Wirz1997:449f). Er ging davon aus, dass jeder, der diese Ordnungsgesetze befolgt, ein na­turge­mäßes Leben, auch in der Stadt, führen kann (Wirz1997:452).

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Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Von der Zivilisationskritik zum Bio-Boom
Untertitel
Eine Betrachtung naturnaher Ernährungskonzepte der Neuzeit
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Gender und Ernährung
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V190216
ISBN (eBook)
9783656146407
ISBN (Buch)
9783656146735
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zivilisationskritik, bio-boom, eine, betrachtung, ernährungskonzepte, neuzeit
Arbeit zitieren
Bachelor of Science Marie Tolkemit (Autor), 2011, Von der Zivilisationskritik zum Bio-Boom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190216

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