Muss Strafe sein? Zur gesellschaftlichen Funktion staatlichen Strafens


Essay, 2011

8 Seiten, Note: 1,3

Petra Berganov (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Vom Sinn und Zweck der Strafe
Normen und Sanktionen
Straftheorien

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

„ Von Strafe sprechen wir erst dann, wenn dem Bestraften das Übel deshalb auferlegt

wird, weil er etwas getan hat, was er nicht hätte tun dürfen, oder weil er nicht getan hat, was er hätte tun sollen.“

Schmidhäuser 1971: 34 f.

Einleitung

Ein funktionierendes soziales Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft setzt voraus, dass Menschen sich auf das Verhalten anderer verlassen und sich daran orientieren können. Aus diesem Grundsatz ergibt sich das Konzept sozialer Normen (vgl. Popitz 1980).

Diese Normen beruhen auf dem jeweiligen gesellschaftlichen Konsens. Manche fallen unter den allgemeinen Begriff der Etikette und sind nur grob definiert, andere sind institutionell manifestiert und können strafrechtlich verfolgt werden (vgl. Streng 1991: 5).

Um nach dem Sinn der Strafe fragen zu können, muss zunächst geklärt werden, woraus sich dieses gesellschaftliche Regelwerk‘ ergibt und welche Funktion die Sanktion darin einnimmt. Anhand der verschiedenen Straftheorien wird klar, dass staatliches Strafen keineswegs ein selbstverständlicher, natürlicher Prozess ist, sondern immer ein bestimmtes Ziel verfolgt. Über dieses Ziel herrscht zweifellos kein eindeutiger Konsens und seine Erreichbarkeit ist stets fragwürdig.

Die Strafe kann ein Mordopfer nicht wieder zurückbringen, zerstörtes Eigentum nicht wiederherstellen und generell nicht ,wiedergutmachen‘, was geschehen ist.

Was kann oder soll Strafe als fester Bestandteil unserer Gesellschaft dann überhaupt leisten? Die Auseinandersetzung mit dieser Frage ist Gegenstand des folgenden Textes.

Vom Sinn und Zweck der Strafe

Normen und Sanktionen

Nach Popitz sind Menschen innerhalb einer Gesellschaft aufeinander bezogen und orientieren ihr Verhalten aneinander. Dieser Prozess wird im Rahmen der Vergesellschaftung immer komplexer (Popitz 1980: 1). Der Mensch orientiert sich dabei nicht nur an Erfahrungswerten und vergangenem Verhalten anderer, um dann darauf zu reagieren, sondern vor allem am erwarteten Verhalten - aufgrund seiner eigenen Vermutungen. Sich rein reaktiv zu verhalten würde zu einer signifikanten Verlangsamung alltäglicher Prozesse führen (Popitz 1980: 2). Laut Popitz leben wir in Erwartung vorausgesetzter und noch nicht vollzogener Handlungen: „Jede Gesellschaft lebt auf Kredit“ (Popitz 1980: 3). Die Bedingung für diese Funktionsweise ist ein grundsätzliches Vertrauen in ,angemessene‘ Verhaltensweisen anderer - wenn es fehlt, werden beispielsweise einfache Situationen des Warenaustauschs von exakter Gleichzeitigkeit abhängig gemacht und können ,unsicher‘ werden. Für ein vertrauensvolles Interagieren müssen Enttäuschungen eher unwahrscheinlich bleiben (Popitz 1980: 3).

Um das Verhalten anderer einschätzen zu können, muss es zunächst voraussehbar gemacht werden. Dies geschieht laut Popitz bei wiederkehrender Regelmäßigkeit, die abstrahiert werden kann und durch die Möglichkeit, Absichten und Wünsche zu kommunizieren. Die Verhaltens­regelmäßigkeit als solche ist hierbei nichts natürliches, sondern als ihr Konstrukt eingebettet in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie ist außerdem variabel: Bei der Begrüßung beispielsweise muss nicht immer ein exakt gleiches Verhalten repliziert werden, sondern sie muss nur gewisse Merkmale aufweisen, um als die soziale Handlung erkannt zu werden, die sie ist. Hierbei ist es wieder die jeweilige Gesellschaft, in der diese Merkmale konstituiert und als soziale Verhaltensregelmäßigkeit verankert sind (Popitz 1980: 4).

Das Verhalten in einer jeweiligen Situation wird vom Menschen gleichgesetzt und abstrahiert.

Die Verhaltensorientierung basiert auf Hypothesen, die zumeist desiderativ sind und auf die eigene Realitätswahrnehmung, aber auch auf gesellschaftlichen Konsens zurückzuführen sind. Diese können kommunikativ signalisiert werden. Wenn das Erwartete nicht eintritt, ist man zunächst verwirrt; situationsabhängig auch enttäuscht oder erleichtert. Die eigene Handlung, die man aufgrund einer Erwartung derart gestaltet hat, kann hier rückwirkend ihren Sinn verlieren, wenn sie nicht auf die erwartete Reaktion stößt: Dies ist der mittelbare Wert der Handlung, dessen Enttäuschung manchmal relevanter sein kann als die unmittelbare Konsequenz (Popitz 1980: 5 ff.). Die Reaktion auf eine solche Enttäuschung als Teil der Handlungssequenz kann mitgeteilt werden, zu Klage oder Anklage oder sogar zu einer Gegenreaktion führen. Wenn dies mit einer gewissen „Schärfe und Eindeutigkeit“ geschieht, so spricht man laut Popitz von einer Sanktion (Popitz 1980: 8). Generell impliziert sie die Ablehnung, bezweckt einen Ausgleich und soll eine mögliche Wiederholung der Enttäuschung unwahrscheinlich machen (Popitz 1980: 9).

Nach Streng (1991: 5 f.) lassen sich drei Typen von normabweichendem Verhalten festhalten, die in Abgrenzung zur generellen Normkonformität stehen und mit Sanktionen bedacht werden können: Der erste Typ umfasst eher unschädliche und belanglose Abweichungen, die lediglich informelle Konsequenzen nach sich ziehen können, aber keinerlei staatlicher Sanktionierung bedürfen. Als nächsten Punkt nennt er Ordnungswidrigkeiten, die polizeirechtlich geltend gemacht und sanktioniert werden können, um die Klarheit von Geboten und Verboten zu verdeutlichen. Solche Abweichungen sind zwar sanktionsbedürftig, aber nicht im rechtlichen Sinne strafwürdig. Die dritte Art von Normabweichung nach Streng zieht strafrechtliche Konsequenzen nach sich, wenn persönliche, gemeinschaftliche oder Sachwerte direkt gefährdet oder geschädigt werden und somit ein Straftatbestand vorliegt. Dies wird vor allem am Wert der Güter, Gefährlichkeit und Verwerflichkeit der Tat gemessen. Die Strafbemessung erfolgt institutionell und bestimmt Strafart und -höhe (Streng 1991: 1).

Als strafrechtliche Sanktionen werden bei Streng „alle staatlichen Maßnahmen im Rahmen eines strafrechtlichen Verfahrens verstanden, welche sich als schuldausgleichende und/oder kriminalpräventiv ausgerichtete Rechtseinbuße gegen denjenigen richten, der eine rechtswidrige Tat [...] begangen hat“ (Streng 1991: 1). Davon werden Maßnahmen wie die Untersuchungshaft laut Autor generell ausgeschlossen, da sie Teil des Verfahrens sind und nicht die Tat an sich bestrafen.

Straftheorien

Es ist Aufgabe des Strafrechts, mit einem bestimmten Zweck und im gemeinschaftlichen Konsens zu sanktionieren (vgl. Streng 1991: 6). Wie in der Einleitung bereits angesprochen, ist der Sinn dahinter nicht allgemeingültig, sondern findet in unterschiedlichen Rechts- und Gesellschaftsformen auch unterschiedliche Ausprägungen. Geschichtlich gesehen unterliegt auch er dem Wandel der Zeit und steht unter ständiger kritischer Betrachtung durch die Wissenschaft (vgl. Streng 1991: 1). Die Einschätzung des Täters in etwaigen Fragen der Schuldfähigkeit, Prognosen seines zukünftigen Verhaltens und die Bestimmung dessen anhand gewisser Kriterien sind Aufgabe von Juristen. Vielerlei Faktoren müssen auf dem Weg der Rechtsfindung berücksichtigt werden, um die Strafe möglichst angemessen und verhältnismäßig zu gestalten (Streng 1991: 2). Das Instrument des Strafrechts als Schutz von Täter und Gesellschaft scheint unverzichtbar zu sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Muss Strafe sein? Zur gesellschaftlichen Funktion staatlichen Strafens
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Gefängnis und alternative Strafsanktionen
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V190256
ISBN (eBook)
9783656147763
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diskussion unter Einbeziehung der Straftheorien
Schlagworte
Strafsanktionen, Straftheorie, Strafe, abweichendes Verhalten, Normen, Sanktionen
Arbeit zitieren
Petra Berganov (Autor), 2011, Muss Strafe sein? Zur gesellschaftlichen Funktion staatlichen Strafens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190256

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