Rational-Choice & das Paradoxon des Wählens

In wie weit kann der Ansatz „Anomalien in Rational-Choice“ auf das Paradoxon des Wählens angewendet werden?


Seminararbeit, 2012
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Theoretische Grundlagen
2.1 Rational-Choice
2.2 Paradoxon des Wählens

3. Anomalien in Rational-Choice

4. Vergleich zwischen Anomalien und dem Paradoxon des Wählens

5. Schlussfolgerung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit soll sich mit der Schwierigkeit der Rational-Choice-Theorie beschäftigen, das Auftreten von relativ hohen Wahlbeteiligungen erklären zu können. Dabei wird sich auf das Modell der „Anomalien in Rational-Choice“ bezogen.

Es wird also die These geprüft, warum hohe Wahlbeteiligungen möglich sind, obwohl generelle Annahmen in Rational-Choice auf niedrige Wahlbeteiligungen schließen lassen müssten. Dabei ist es aus zwei Gründen sinnvoll, dieses durch Anthony Downs[1] bekannte, so genannte Paradoxon des Wählens aus Sicht von Rational-Choice-Ansätzen zu betrachten. Offensichtlich handelt es sich bei diesem Paradoxon um ein Rational-Choice internes Problem, daher muss auch innerhalb dieses Ansatzes nach möglichen Lösungen gesucht werden. Zum anderen befindet sich die geprüfte Problematik auf der Makroebene, die jedoch durch Handlungen in der Mirkoebene hervorgerufen wird.

Die zentrale Annahme von Rational-Choice besagt, dass Individuen rational handeln. Daraus kann auf das Verhalten von Kollektiven geschlossen werden. Das Explanandum durch Rational-Choice, also soziale Phänomene, liegt somit auf der Makroebene. Das Explanans hingegen in der Mikroebene. Die Verbindung zwischen diesen beiden Ebenen erfolgt durch die so genannten Brückenhypothesen.[2]

Zur Herangehensweise an die benannte Problematik werden zuerst die theoretischen Grundlagen des Rational-Choice Ansatzes und des Paradoxon des Wählens vorgestellt. Darauf folgt eine kurze Präsentation des Ansatzes Anomalien in Rational-Choice, welcher unter 4. auf das Paradoxon des Wählens Anwendung findet. Diesbezüglich wird versucht Szenarien zu entwerfen, die den Wahlakt des rationalen Wählers als Anomalie entlarven würden. Abschließend folgen Schlussfolgerung und Ausblick zur benannten Thematik.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Rational-Choice-Ansatz

Lange Zeit wurde Rational-Choice nur in den Wirtschaftswissenschaften angewandt. Doch Aufgrund seiner allgemeinen Anwendbarkeit konnte dieser Ansatz auch in andere Disziplinen vordringen. So führte dies schon im 18. Jahrhundert zur Formulierung des Maximierungsprinzips von Jeremy Bentham, welches besagt, dass Lust und Unlust jegliches Handeln und Denken regieren. Lust erfährt der Mensch aus der Befriedigung seiner Bedürfnisse. Dinge, die zur Bedürfnisbefriedigung dienen, werden in der Ökonomie Güter genannt. Diese Güter stiften also einen speziellen Nutzen. Güter müssen sich nicht auf materielle Dinge beziehen. Auch eine saubere Umwelt oder die öffentliche Sicherheit kann als Gut verstanden werden. Daher ist die Nutzenkalkulation nicht nur auf die Wirtschaft bezogen, sondern ist als eine generelle Grunddisposition des Handelns zu betrachten, die unter den Bedingungen der Knappheit wirksam ist. Diese Knappheit definiert die Differenz zwischen den Bedürfnissen und den Möglichkeiten diese zu befriedigen. Bedürfnisse können also nicht komplett befriedigt werden, da die Mittel zur Befriedigung nur begrenzt sind. Dabei wird die größte Einschränkung durch die Zeit eingenommen, da diese generell knapp ist. Aber auch das Einkommen und die Konkurrenz zu anderen Bedürfnisbefriedigern stellen begrenzende Komponente dar.[3]

Die Nutzentheorie bzw. Rational-Choice ist eine allgemeine Theorie, die auf einfachen Überlegungen beruht. Sie wird aber von zwei Arten von Annahmen unterschieden, nämlich den unbestrittenen Kernannahmen und den umstrittenen Zusatzannahmen.[4]

Zu den Kernannahmen von Rational-Choice gehören das Prinzip des methodologischen Individualismus, in dessen Vorgang soziale Phänomene auf der Makroebene durch das Handeln der Akteure in der Mikroebene erklärt werden, sowie drei zentrale theoretische Annahmen über die Mikroebene. Die erste Annahme besagt, dass das Handeln der Akteure durch Präferenzen, Wünsche und Motive verursacht wird. Bei der zweiten Annahme zeigt sich, dass auferlegte Handlungsrestriktionen ebenfalls Bedingungen für das Handeln darstellen. Die dritte Annahme beschreibt das Prinzip der Nutzenmaximierung. Akteure handeln unter Berücksichtigung der Restriktionen so, dass sie ihre Ziele in höchstem Maße realisieren können. Folglich setzen Handlungsbeschränkungen und Handlungsmöglichkeiten Anreize für bestimmte Handlungen. Bei positiven Anreizen handelt es sich um positiven Nutzen, während bei negativen Anreizen von negativem Nutzen gesprochen wird. Der negative Nutzen beschreibt die Kosten des Handelns. Des Weiteren schließt eine gewählte Handlung immer eine nicht gewählte zweitbeste oder drittbeste Handlung aus. Dabei spricht man von Opportunitätskosten, welche den entgangenen Nutzen bei einer Handlung definieren.[5]

Generell werden die Kernannahmen von vier häufig genannten Zusatzannahmen ergänzt. Da die Zusatzannahmen unabhängig von den Kernannahmen sind, können Streitigkeiten über diese nicht zur Aufhebung der Nutzentheorie führen. Die erste Zusatzannahme besagt, dass Akteure immer aus egoistischen Motiven handeln. Sie sind nie am Nutzen anderer Akteure interessiert, sondern ihr eigener Nutzen steht immer im Vordergrund. Durch die zweite Zusatzannahme wird beschrieben, dass Akteure kurzsichtig Handeln und positive Folgen in der Gegenwart höher bewerten als in der Zukunft. Die dritte Zusatzannahme besagt, dass Präferenzen interpersonell konstant und zeitlich stabil sind. Es gibt zwischen den Akteuren keine relevanten Unterschiede und im Zeitablauf keine wesentlichen Änderungen. In der umstrittensten dieser Annahmen, der vierten Annahme, wird besagt, dass Akteure vollständig informiert sind und uneingeschränktes Wissen bezüglich der Handlungsalternativen besitzen.[6]

Werden die Kernannahmen mit den Zusatzannahmen verbunden, spricht man in Rational-Choice vom Homo oeconomicus.[7]

Auf diesem Menschenbild wurde durch Anthony Downs die Neue Politische Ökonomie[8] entwickelt. Dabei handelt es sich um ein umfassendes Modell zur Erklärung von Wähler- und Regierungsverhalten.[9]

2.2 Paradoxon des Wählens

In Downs 1957 erschienenem Werk „Ökonomische Theorie der Demokratie“ tritt das Phänomen des Wahlparadoxons zum ersten Mal in Erscheinung. Downs behauptet, dass Wählen bei einem Kosten-Nutzen-Kalkül des Wählers irrational sei, denn die Kosten des Wahlgangs würden den individuellen Nutzen übersteigen. Eine einzelne Stimme habe schließlich keinen spürbaren Einfluss auf den Ausgang einer Wahl. So sei vielmehr der Stimmzettel des Einzelnen nur als ein Tropfen in einem Ozean anzusehen. Trotz Nicht-Wahl könne der Wähler aber nicht vom Nutzen des Regierungshandels ausgeschlossen werden. Bei der Wahl einer Regierung handelt es sich um ein Kollektivgut, welches auch bei Nicht-Wahl des einzelnen Akteurs erstellt wird.[10]

Die empirische Wirklichkeit zeigt aber mit relativ hohen Wahlbeteiligungsquoten ein anderes Bild auf. In westlichen Demokratien fällt die Wahlbeteiligung wesentlich höher aus als diese Theorie vermuten lässt.

Beispielsweise wies die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen in Deutschland bis Anfang der 1980er Jahre Raten bis zu 90% auf. Erst seit der "partizipatorischen Revolution“ in den 1970er Jahren kam es zu einem Rückgang bis zur Jahrtausendwende auf ca. 80%.[11]

Diese Marke wurde jeweils bei den Bundestagswahlen 2002 und 2005 mit 79,1% bzw. 77,7% Wahlbeteiligung unterschritten.[12]

Eine weitere abnehmende Tendenz der Wahlbeteiligung wurde auch bei der Bundestagswahl 2009 mit 70,8% gemessen.[13]

Dieser Diskrepanz zwischen Realität und Theorie war sich Downs durchaus bewusst. Er formulierte einen vom Wahlsausgang unabhängigen langfristigen Nutzen des Wählers, denn durch den Wahlvorgang wird das demokratische System am Leben gehalten. Bürger würden ihre Teilnahme an der Wahl als Bürgerpflicht ansehen und dementsprechend zur Wahl gehen.[14]

Durch den Wahlgang beweist der Wähler soziales Verantwortungsbewusstsein.[15] Downs formuliert hierzu: „Rationale Menschen in einer Demokratie sind bis zu einem gewissen Grade durch ein soziales Verantwortungsbewusstsein motiviert, das von ihren eigenen kurzfristigen Gewinnen und Verlusten relativ unabhängig ist.“[16]

[...]


[1] vgl. Downs 1968

[2] vgl. Schmitt 1996, S. 111

[3] vgl. Kunz 2004, S. 33-35

[4] vgl. Kunz 2004, S. 35-42

[5] vgl. Kunz 2004, S. 35-42

[6] vgl. Kunz 2004, S. 35-42

[7] vgl. Kunz 2004, S. 40

[8] Auch unter “Public-Choice” bekannt

[9] vgl. Downs 1968

[10] vgl. Downs 1968; Riker & Ordeshook 1968

[11] vgl. Schultze 2003

[12] vgl. Jung & Wolf 2005, S. 8

[13] vgl. Jung & Schroth & Wolf 2009, S. 15

[14] vgl. Downs 1968

[15] vgl. Braun 1999

[16] vgl. Downs 1968, S. 262

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Rational-Choice & das Paradoxon des Wählens
Untertitel
In wie weit kann der Ansatz „Anomalien in Rational-Choice“ auf das Paradoxon des Wählens angewendet werden?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: "Moderne Politische Theorie"
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V190285
ISBN (eBook)
9783656147596
ISBN (Buch)
9783656147374
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rational Choice, Paradoxon des Wählens, Anomalien, Wählerverhalten, Wahlverhalten
Arbeit zitieren
Pascal Ludwig (Autor), 2012, Rational-Choice & das Paradoxon des Wählens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190285

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