Ein Dichter im Krieg - Ernst Stadlers letzte Tage aufgezeichnet in seinem Kriegstagebuch vom 31. Juli bis 22. Oktober


Hausarbeit, 2012
11 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über das Kriegstagebuch.

Einstellung des Dichters zum Krieg

Der Mensch im Dichter

Der Soldat im Dichter

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Unzählige Soldaten haben trotz der erschwerten Bedingungen des Krieges Tagebuch geführt. In Ergänzung zu Beschreibungen des Alltäglichen findet meist auch der Schrecken des Krieges Eingang in diese subjektive Schilderung der Geschehnisse. So fand auch der Dichter Ernst Stadler es für wichtig, nichts von dem Kriegs-Geschehen des Ersten Weltkrieges auszulassen und jeden Tag seines Frontaufenthaltes zu schildern.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, anhand seiner täglichen Einträge in sein Kriegstagebuch, zu zeigen, wie ein Dichter es schafft, trotz der schrecklichen Lage und kaum ertragbaren Bedingungen, zuallererst ein Mensch zu bleiben und dann auch seine Handlungen als Soldat zu beweisen.

Außerdem habe ich mir die Freiheit genommen, die Bedeutung seines Kriegstagebuchs für ihn selbst deutlich zu machen und habe dann versucht, anhand einiger Vergleiche seine Einstellung zum Krieg aufzuzeigen. Für interessant hielt ich natürlich, seinen Umgang mit seinen Mitmenschen, welcher bis in die letzte Zeile des Kriegstagebuches vorzufinden war.

Beim Durchlesen von Stadlers Kriegstagebuch stieß mir eine Kriegsszene besonders ins Auge, anhand welcher ich in dieser Arbeit dann versucht habe, die Rolle des Dichters als Soldat zu beleuchten.

Über das Kriegstagebuch

Anhand der hilfreichen Recherchen von Ottheinrich Hestermann über Ernst Stadlers Kriegstagebuch wissen wir, dass das Tagebuch uns im Oktavformat von 15 x 9 cm mit grauem abgegriffenem Leineneinband und mit einer auf dem Vorderdeckel aufgedruckten Beschriftung: „Notes“ überliefert ist. Befindet sich jedoch in Privatbesitz. Es ist ein relativ kleines Schreibheft, das ursprünglich mit 75 karierten Blättern versehen war, das jedoch einige Stellen von herausgerissenen Blättern aufweist. Die Innenseite des Rückendeckels hat zusätzlich eine Papiertasche. Sämtliche Eintragungen Stadlers sind in lateinischer Schrift geschrieben, meistens mit Blei, teilweise mit Kopierstift und einmal mit Tinte.[1]

Auf dem ersten Blatt, das als Deckblatt zu gelten hat, hat Stadler mit Blei seinen Namen eingetragen und ihn einmal unterstrichen. Danach folgen seine Militärdaten: Leutnant der Res, Feld Art 80/2 und der Standpunkt der Artillerie: Gebweiler, Ober Elsass, bei Kreisdirektor Stadler. Auf der Rückseite des ersten Blattes, über dem ersten Tagebucheintrag Stadlers steht das Wort Kriegstagebuch, das zweimal unterstrichen ist.[2]

Zu bemerken ist, dass Stadlers Kriegstagebuch nicht nur ein fortlaufender Bericht über die Front-Geschehnisse beinhaltet, sondern ihm auch, als eine Art Erinnerungsstütze dient. Es scheint ein Buch für alles und alle zu sein. Denn dort finden sich sowohl Einträge von fremden Händen, die in deutscher Schrift wohl Nützliches über Proviant und Kleidungsstücke aufzeichnen, als auch Stadlers eigene Notizen über Ausrüstungstücke, Postsendungen, Munition und Ähnliches.

In diesem Heft beginnt Stadler auch ein Wochenkalender einzurichten, der die Kriegswochen aufzählt. Dieser fängt mit der Woche vom 28. September bis 4. Oktober 1914 an und endet mit der Woche vom 25. bis 31. Januar 1915. Am Schluss jeder Wochenspalte ist mit einer Ziffer gekennzeichnet, um die wievielte Woche des Krieges es sich handelt. Außerdem finden sich einige Einträge von Adressen und eine Notiz zu zwei geplanten Universitätsveranstaltungen, die Stadler wohl zu besuchen vor hatte.[3]

Im Großen und Ganzen ist es selbstverständlich, dass in der Kriegszeit dieses Tagebuch zu mehreren Zwecken benutzt wird. Wir lesen buchstäblich das Leben der Soldaten, in unserem Fall das Leben Stadlers darin. Wir sehen, wie er zur Post geht, um Postsendungen oder Briefe abzuschicken, wie er sich Proviant und Kleidungsstücke besorgt und wie er sein Tagebuch den anderen ausleiht, damit sie es für ihre Zwecke benutzen konnten.

Die Soldaten im Krieg scheinen über sehr wenige Gegenstände zu verfügen und man geht davon aus, dass diese ihnen deswegen sehr wertvoll waren. Wie es dieses Tagebuch für Stadler war. Denn es scheint, als ob dieses kleine Büchlein ein ganzes Universum in sich trägt. Es lebt buchstäblich. Vielleicht atmet es und hofft. Hofft, dass es noch genug in sich rein lassen kann, damit Stadler, der Soldat es nicht so schwer hat, diese kritische Zeit zu überstehen.

Einstellung des Dichters zum Krieg

Vorlesung am Vorabend abgesagt. Morgens Einkäufe: Revolver [...]“[4]. Mit diesen kurzen Sätzen beginnt Stadler sein Kriegstagebuch am Freitag, den 31. Juli 1914. Diese und viele weitere kurze, knappe, lakonische Sätze schildern das Kriegs-Geschehen und Stadlers Handlungen an der Front. Warum so knapp und kärglich und ohne jegliche uns von ihm bekannte Kunstform? Ja, weil Stadler, der Dichter schweigt! Und es schweigt auch sein Tagebuch …

Bekannt ist, dass Stadler einer der vielen Freiwilligen war, die in den Krieg zogen. Doch ich wage es nicht, ihn mit denjenigen Kriegsfanatikern auf gleiche Stufe zu stellen, welche das Kriegsfeuer ein- und auszuatmen schienen. Dafür schweigen seine Tagebuchäußerungen viel zu sehr. Wenn wir Tomas Manns „Gedanken im Kriege“ lesen, solche Anmerkungen wie:

„Wir kannten sie ja, diese Welt des Friedens. […] Wimmelte sie nicht von den Ungeziefern des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? […] Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheurere Hoffnung.“[5]

Erschreckt uns beinahe seine direkte, sichtbar dreiste und man könnte mit Gewissheit sagen unverschämte Ausdrucksweise, welche den Weltfrieden mit in den Bereich der Toten zieht und ihn dafür beschuldigt, dass er den menschlichen Geist langsam, Stück für Stück, Millimeter für Millimeter zerlegt, und welche den Dichter als Pflichtsoldaten darstellt, der, den „stinkenden“, nach Thomas Manns Meinung, Frieden beenden soll und der Welt und dem Menschengeist Reinigung und Befreiung durch den Kriegszustand beschaffen soll. Es steckt eine nicht zu übersehene Kriegsbegeisterung in jedem Wort von Thomas Manns Essay.

Und was schreibt Stadler? Nichts dergleichen! Er zählt die zahlreichen Batteriehandlungen chronologisch auf und verzichtet auf jede detaillierte Beschreibung der gesehenen Grausamkeiten:

„Morgens noch die letzten Schanzarbeiten auf der Höhe. Mittags – wir waren gerade mit dem Essen fertig – kommt der Befehl zum sofortigen Vorgehen. Es wird augenblicklich angespannt.“(Montag den 10. Aug.).

Denn nur der erste Verwundete und der erste Tote werden schriftlich genau festgehalten, als ob er das für ein Protokoll abhaken wolle aber von weiteren Verwundeten und Toten folgen keine genauen Beschreibungen mehr. Stadler pflegt sich seine kostbare Zeit an der Front, eher für die schönen Dinge zu nehmen, die er dann aufschreibt. Immer wieder gibt er die trotz der Kriegssituation schöne Naturumgebung wieder:

„Um 7.30 überschreiten wir die Grenze und rücken den Pass hinunter. Es ist ein wundervoller Abend. Weiter freier Blick in die französ. Berge. Ich grüße Frankreich beinahe mit solcher Erschütterung wie damals, als ich vor 7 Jahren zum 1. Mal Paris sah. Ich denke kaum mehr, dass Krieg ist. Ich grüße Dich, süße Erde von Frankreich.“[6]

Er schreibt nichts von einer Befreiung des Geistes durch den Krieg, genauso wenig dichtet er keinen einzigen Vers, weder dafür, noch dagegen. Wenn ihn der Drang nach dem Besingen des Krieges und dem Massensterben überfällt, dann weiß er es gut zu unterdrücken. Zu bemerken sei eher sein Drang nach dem Schönen und Ruhigem, nach dem Alten und Bequemen. All das spiegeln seine kurzen lakonischen Worte immer wieder. Die Sehnsucht nach dem alten Leben vor dem Krieg, nach, noch nicht von Geschossen zerstörter Natur und nach den Dingen, die er noch machen wollte und nicht geschafft hatte, verharrt bis in die letzte Zeile.

Das Einzige, was er sich erlaubt ist, dass er die Unbehaglichkeit des Krieges mit der angenehm wirkenden Beschreibung der Landschaft vermischt: „ Wundervolle Vollmondnacht. Die ganze Nacht durch fahren die Züge mit Truppen durch die Rheinebene nach Süden. (Samstag den 8. [Aug.]).“ Und das deswegen, weil er es in seinen Gedanken angenehmer haben will und weil der Krieg so vielleicht erträglicher wäre.

[...]


[1] Vgl.: Zu Ernst Stadlers Kriegstagebuch. Von Ottheinrich Hestermann. In: Ernst Stadler. Dichtungen, Schriften, Briefe. S. 805.

[2] Vgl.: ebd. S. 806-807.

[3] Vgl.: ebd.

[4] Vgl.: Ernst Stadler: Dichtungen, Schriften, Briefe. Hgg. Hurlebusch, K. und Schneider, K. L. München 1983. Die im Folgenden herangezogenen Textzitate legen, ohne dass es speziell vermerkt wird, diese Ausgabe zugrunde.

[5] Zit. vgl.: Thomas Mann: Essays. 1. Frühlingssturm 1893-1918. S. 530ff.

[6] Hestermann glaubt an dieser Stelle im Kriegstagebuch, dass Stadler hier die Rolle des Chronisten verlässt und sich als Verfasser persönlich bekennt. (Vgl.: Zu Ernst Stadlers Kriegstagebuch. Von Ottheinrich Hestermann. In: Ernst Stadler. Dichtungen, Schriften, Briefe.)

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Details

Titel
Ein Dichter im Krieg - Ernst Stadlers letzte Tage aufgezeichnet in seinem Kriegstagebuch vom 31. Juli bis 22. Oktober
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V190329
ISBN (eBook)
9783656147091
ISBN (Buch)
9783656147022
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadler, Tagebuch, Erster Weltkrieg
Arbeit zitieren
Swetlana Krieger (Autor), 2012, Ein Dichter im Krieg - Ernst Stadlers letzte Tage aufgezeichnet in seinem Kriegstagebuch vom 31. Juli bis 22. Oktober , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190329

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