Die Auseinandersetzungen um die spanischen Missionskriege


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Reconquista

3. Bellum-Iustum-Lehre nach Francisco de Vitoria

4. Übertragung der Bellum-Iustum-Lehre auf die Reconquista

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die von Francisco de Vitoria in seinem Text „De Jure Belli“ aufgestellten Theorien und Aussagen beziehen sich ursprünglich auf die als Conquista bekannten spanischen Missionskriege im 16. Jahrhundert in Südamerika. Dass die von de Vitoria getroffenen Feststellungen diesbezüglich zutreffend sind, steht außer Frage. Spannend wäre hingegen zu sehen, ob sich seine Theorie des Völkerrechts bzw. über den gerechten Krieg auch auf andere damalige Kriege bzw. Kriegssituationen anwenden lässt.

Um eine authentische Übertragung zu gewährleisten, bedarf es eines Konflikts, welcher annähernd zur gleichen Zeit wie die Conquista stattfand. Aus diesem Grund wird die Reconquista als Betrachtungsgegenstand gewählt, da zumindest ihre Endphase dem Beginn der Conquista zeitlich gesehen unmittelbar vorausging. Weiterhin waren gegen Ende der Reconquista die ethischen und moralischen Wertvorstellungen sowie die politische Landschaft im Lebensumfeld von de Vitoria annähernd die gleichen wie zur Zeit der Conquista. Diese Tatsache ermöglicht erst eine Anwendung seiner Theorien auf den Konflikt zwischen Muslimen und Christen auf der Iberischen Halbinsel.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, Argumente für und gegen eine Einschätzung der Reconquista als gerechten Krieg aus Sicht der Christen im Rahmen von Francisco de Vitorias Bellum-Iustum-Lehre herauszuarbeiten und zu reflektieren. Weiterhin soll untersucht werden, wie de Vitorias Theorie funktioniert. Dabei steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, ob alle oder nur einige Kriterien zur Erfüllung der Theorie notwendig sind.

In Kapitel 2 erfolgt ein Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Reconquista. Die Darstellungsweise wird dabei so gewählt, dass ein Bezug zu der Lehre de Vitorias möglich ist. Anschließend werden in Kapitel 3 die Ansichten und Theorien de Vitorias ausführlich dargestellt und reflektiert. Hierbei steht die Auseinandersetzung um das Recht zum Krieg und das Recht im Krieg im Mittelpunkt. Abschließend werden die gewonnen Erkenntnisse in Kapitel 4 in Bezug zur Reconquista gesetzt um diesen Konflikt entweder als gerechten oder nicht gerechtfertigten Krieg einzustufen.

2. Die Reconquista

Reconquista bedeutet übersetzt Rückeroberung und ist die spanische und portugiesische Bezeichnung für die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch christliche Nachkommen der Bevölkerung des Westgotenreichs. Dieser Krieg erstreckte sich über einen Zeitraum von 711 bis 1492 auf der iberischen Halbinsel. In der folgenden Darstellung wird dieser Konflikt in drei Phasen eingeteilt, wobei jeweils nur die wichtigsten Ereignisse dargestellt werden.[1]

Die Reconquista wird traditionell als ein einziger, langer Kreuzzug der Christen[2] gegen die Muslime[3] dargestellt, es wird also die religiöse Dimension in den Mittelpunkt gerückt. Dieser Aspekt wurde allerdings während der Reconquista selbst bis ins ausgehende 11. Jahrhundert, als der christliche Westen zu seinen Kreuzzügen ins Heilige Land aufbrach, in Spanien praktisch nicht wahrgenommen. Ein zweites Charakteristikum der Reconquista war das Bestreben der christlichen Herrscher auf der Iberischen Halbinsel, das untergegangene westgotische Reich wieder herzustellen. Die christlichen Herrscher sahen sich als dessen legitime Erben und reklamierten einen Rechtsanspruch auf die muslimischen Gebiete.

Beweggründe und Verlauf der Reconquista waren außerordentlich vielfältig und unterlagen demografischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Einflüssen. Die gesamte Epoche der Reconquista ist nicht nur durch die Auseinandersetzungen zwischen dem christlichen und dem muslimischen Lager, sondern in weiten Teilen wesentlich auch durch Konflikte innerhalb beider Lager geprägt.

Aus Sicht der militärischen Erfolge der christlichen Herrscher kann die Reconquista in drei Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase dauerte vom Beginn der christlichen Rebellion in Asturien (722) bis zur Rückeroberung der alten Königsstadt Toledo im Jahr 1085. Die zweite Phase von 1086 bis 1212 war durch das Eingreifen nordafrikanischer Kräfte gekennzeichnet, die den Vormarsch der Christen zeitweilig zum Stehen brachten.

In dieser Phase nahmen die Auseinandersetzungen stärker als zuvor den Charakter eines Religionskrieges an. In der dritten Phase von 1213 bis 1492 wurden die Muslime auf ein relativ kleines Territorium mit dem Zentrum Granada zurückgedrängt, welches schließlich ebenfalls erobert wurde.

Im Zeitraum 711-719 vernichteten aus Nordafrika kommende muslimische Eroberer (Araber und Berber) das Westgotenreich und eroberten fast die gesamte Iberische Halbinsel.[4] Allerdings waren diese auch kaum auf Widerstand gestoßen, da sich ein Großteil des westgotischen Adels mit den Invasoren arrangierte. So konnten die Adeligen ihre Privilegien und Besitztümer wahren. Dies erscheint aus heutiger Sicht nahezu außergewöhnlich, denn normalerweise würde sich ein Gemeinwesen gegen eine kriegerische Eroberung zur Wehr setzen. Grund für dieses Verhalten könnte vielleicht eine deutliche militärische Überlegenheit der Muslime gewesen sein, was sich jedoch nicht belegen lässt.

Der Sieg der Christen in der Schlacht von Covadonga in Asturien wird in Spanien traditionell als Beginn der Reconquista betrachtet. Über den Zeitpunkt der Schlacht ist die Forschung uneinig. Der Großteil geht vom Jahr 722 aus, einige Forscher datieren diese hingegen auf das Jahr 718.[5] Darüber hinaus gibt es keinen Beleg dafür, dass damals schon eine umfassende Rückeroberung beabsichtigt war. Ein wichtiges Motiv für die Christen zur Reconquista in dieser ersten Phase war die Eroberung und Zerstörung Santiagos im Jahr 997 durch die Muslime. Gleichzeitig war dieses Gefecht eine der größten christlichen Niederlagen. Bedeutsam war diese Schlacht aus dem Grund, dass Santiago de Compostela das Zentrum des Kults um den Apostel Jakobus den Älteren war bzw. ist, welcher in dieser Stadt begraben sein soll.[6] Noch heute ist der heilige Jakobus der Patron Spaniens.[7]

In der ersten Phase der Reconquista hatte der christliche Vormarsch Gebiete betroffen, die für die Muslime strategisch entbehrlich waren. Erst mit dem Feldzug zur Eroberung von Barbastro im Jahr 1064 begann sich die Reconquista gegen Kerngebiete des muslimischen Herrschaftsbereichs zu richten.

Deren Verlust stellte aus muslimischer Sicht eine existenzielle Bedrohung dar. Dadurch erhielt die Auseinandersetzung eine neue Qualität, denn die Muslime sahen sich im Jahr 1086 gezwungen, die nordafrikanische Berberdynastie der Almoraviden zur Unterstützung ins Land zu rufen. Diese proklamierten den Dschihad[8] zur Verteidigung des Islam und stoppten den Vormarsch der Christen vorübergehend. Dabei übernahmen sie selbst die Herrschaft im muslimischen Teil Spaniens und gliederten diesen ihrem Reich an.

Im Zeitraum zwischen 1086 und 1212 wurde der Kampf gegen die Muslime von den christlichen Herrschern Europas als Kampf für die gesamte Christenheit und als Heiliger Krieg (vgl. dazu Kapitel 3) wahrgenommen.

Die muslimische Seite kannte den kriegerischen Aspekt des Dschihads schon seit Mohammeds Kriegszügen gegen seine Nachbarn und hatte auch die Eroberung Spaniens in diesem Sinne unternommen. Im 12. Jahrhundert entstanden zahlreiche Ritterorden (z.B. Templer-, Johanniter-, Santiago- oder Calatravaorden) auf der Halbinsel.[9] Diese folgten den Aufrufen der verschiedenen Päpste in diesem Zeitraum zum Heiligen Krieg gegen die muslimischen Besatzer.[10]

Der entscheidende Wendepunkt, der den Christen endgültig das militärische Übergewicht verschaffte, war die Schlacht bei Las Navas de Tolosa am 16. Juli 1212.[11] In den folgenden Jahren gelang es den christlichen Herrschern immer mehr Gebiete im heutigen Südspanien zurückzugewinnen. Nach der endgültigen Eroberung Murcias durch Kastilien und Aragon 1265 blieb nur das Nasriden-Emirat von Granada als kastilischer Vasallenstaat vorerst noch muslimisch.

Im 15. Jahrhundert besaß Kastilien die militärische Macht, das Reich der Nasriden zu erobern, aber die Könige zogen es zunächst vor, Tribut zu erheben. Der Handel mit Granada bildete einen Hauptweg für afrikanisches Gold in das mittelalterliche Europa. Um den 2. Januar 1492 kapitulierte der letzte arabische Herrscher in Al-Andalus, Muhammad XII., vor den Heeren von Ferdinand II. und Isabella I..

3. Bellum-Iustum-Lehre nach Francisco de Vitoria

Ein sogenannter gerechter Krieg wird um weltliche Ziele geführt, wobei die Gewalt bzw. Verluste begrenzt werden sollen. Die Ziele bei einem sogenannenten Heiligen Krieg sind dagegen religiösen Ursprungs. Außerdem wird dieser aufgrund göttlicher Autorität oder der eines religiösen Führers geführt.[12] Wie in Kapitel 2 bereits erläutert wurde im Verlauf der Reconquista, speziell im 12. Jahrhundert, die religiöse Dimension in den Vordergrund gestellt. Dies geschah hauptsächlich vor dem Hintergrund der zu dieser Zeit vom christlichen Abendland unternommenen Kreuzzüge ins Heilige Land. Da humanitäre Beschränkungen im Heiligen Krieg nicht vorhanden seien[13], wurde dieses Konzept von den Kämpfenden oft dem des gerechten Krieges vorgezogen. Neben dieser religiösen Komponente können im Verlauf der Reconquista hingegen auch Motive ausgemacht werden, die auf weltliche Ziele abstellten (z.B. wirtschaftliche Interessen oder Vergrößerung des Herrschaftsbereichs). Somit lässt sich auch de Vitorias Theorie eines gerechten Krieges darauf anwenden. Bevor dies geschieht, wird nachfolgend der Urheber dieser Theorie kurz vorgestellt.

Francisco de Vitoria wurde im Jahre 1483 in Burgos geboren und starb am 12. August 1546 in Salamanca. Er war katholischer Moraltheologe und Naturrechtslehrer. Weiterhin geht die „Schule von Salamanca“, welche als Meilenstein der Spätscholastik zählt, auf seine Lehrtätigkeit dort zurück.[14] Außerdem wird de Vitoria als Begründer des modernen Völkerrechts angesehen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass er bei seiner Weiterentwicklung des ius gentum („Recht der Völker“) zum ius inter gentes („Recht zwischen den Völkern“) den Begriff des Gemeinwohls auf die ganze damals bekannte Welt ausdehnte. Francisco de Vitoria begründet seinen Entwurf einer universalen politischen Ordnung naturrechtlich. Dadurch ist diese über den christlichen bzw. religiösen Horizont hinaus begründbar und bildet weiterhin das Fundament von de Vitorias Lehre vom gerechten Krieg.[15]

Im Folgenden sollen die Kernaussagen und die Funktionsweise von de Vitorias Theorie auf Grundlage seines Textes „De Jure Belli“ erläutert werden.

Das Recht auf Selbstverteidigung in Verbindung mit der Pflicht zur Verteidigung des Nächsten sind die Grundgedanken des gerechten Krieges bei de Vitoria.[16] Diese Rechte reichen von der individuellen bis zur staatlichen Verteidigung. Dadurch wird das Brechen von Gewalt mit Gewalt von de Vitoria legitimiert. Das Ausmaß an Gewalt wird hierbei wie folgt begrenzt: „… wer in der Zwangslage sei, sich verteidigen zu müssen, der müsse es, soweit er könne, mit dem geringsten Schaden für den Angreifer tun.“[17]. Das Ziel eines Verteidigungskrieges bzw. der staatlichen Verteidigung sind der Frieden und die Sicherheit des Gemeinwesens und der ganzen Welt. Diese können aber nicht eintreten, wenn „… der Feind nicht durch Furcht vor Krieg von Unrecht abgeschreckt wird“. Demnach kann ein gerechter Krieg über die bloße Verteidigung hinausgehen und zu einem Offensivkrieg werden, sofern dies notwendig ist, um die Urheber des Unrechts zu bestrafen.[18] Hingegen konnte de Vitoria nicht mehr wie Thomas von Aquin davon ausgehen, dass die Verteidigung des Gemeinwohls mit der Bestrafung der Übeltäter identisch ist. Aus diesem Grund stellte de Vitoria ethische Normen für den Krieg auf, anhand derer über die Angemessenheit der Gewaltanwendung entschieden werden kann.[19]

[...]


[1] Für eine ausführliche Darstellung vgl. Engels, O. (1989) oder Lomax, D. (1980).

[2] Aufgrund der unterschiedlichen beteiligten Stämme (z.B. Asturier, Kantabrier) wird im Folgenden der vereinende Religionsbegriff für diesen Personenkries gebraucht.

[3] Analog zum Begriff „Christen“ Verwendung als Oberbegriff.

[4] Vgl. im Internet: http://www.spanien-bilder.com/spanische_geschichte/reconquista-spanien.php.

[5] Vgl. Bronisch, A. (1998), S. 95.

[6] Vgl. im Internet: http://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Jakobus_der_Aeltere_der_Grosse.htm.

[7] Vgl. Engels, O. (1989), S. 301 ff.

[8] Vgl. zur genaueren Bedeutung im Internet: http://www.islam-info.ch/de/Dschihad.htm.

[9] Vgl. Engels, O. (1989), S. 296 ff.

[10] Vgl. Engels, O. (1989), S. 281 ff.

[11] Vgl. im Internet: http://www.spanien-bilder.com/spanische_geschichte/reconquista-spanien.php.

[12] Vgl. Bronisch, A. (1998), S. 213.

[13] Vgl. Bronisch, A. (1998), S. 213.

[14] Vgl. Justenhoven, H. (1991), S. 9.

[15] Vgl. Justenhoven, H. (1991), S. 165.

[16] Vgl. Justenhoven, H. (1991), S. 34.

[17] Vgl. De Vitoria, F. (1539), De Jure Belli 4.

[18] Vgl. Justenhoven, H. (1991), S. 36/37.

[19] Vgl. Justenhoven, H. (1991), S. 37/38.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Auseinandersetzungen um die spanischen Missionskriege
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V190340
ISBN (eBook)
9783656147503
ISBN (Buch)
9783656148418
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Francisco de Vitoria, Gerechter Krieg, Missionskriege, Heiliger Krieg, Reconquista
Arbeit zitieren
Simon Lutter (Autor), 2012, Die Auseinandersetzungen um die spanischen Missionskriege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190340

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