Aristoteles über das Wesen der Philosophie, über ihre Nützlichkeit und ihre Aufgabe


Essay, 2010

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Datum: 25.01.2010

Die Philosophie, in der griechischen Antike wörtlich als Liebe zur Weisheit verstanden, unterlag schon zu Zeiten Sokrates‘ gewissen Zweifeln bezüglich ihrer Nützlichkeit. Vornehmlich erfährt sie Anfechtungen seitens der Rhetoriker, die in der Abstraktion philosophischen Denkens keine praktischen Erträge sahen. So entbrach einmal mehr in Athen eine öffentliche Debatte, die das Problem der Legitimation aufs Neue entflammte und eine mitunter Orientierungslosigkeit in der Bevölkerung auslöste. Diesmal schaltete sich Aristoteles mit seinem um 350 v. u. Z. entstandenen Protreptikos, einer Mahn- und Werbeschrift, in die Diskussion ein. Diese Werbeschrift sollte nun auf rhetorisch ansprechende Weise und gleichzeitig mit schlüssigen Argumenten vor allem ein junges gebildetes Publikum zum philosophischen Denken bewegen.

Den Autor Aristoteles braucht man kaum mehr vorzustellen, so wenig haben seine Schriften bis in die Gegenwart an Aktualität verloren und sein Einfluss übersteigt den Rahmen der heutigen philosophischen Fachschaft bei Weitem. Eine beständige Rezeption über die Jahrhunderte sicherte ihm einen festen Platz in der Geschichte des Denkens. Er begründete und beeinflusste zahlreiche Disziplinen, wie die Wissenschaftstheorie, Logik, Biologie, Physik, Ethik, Theologie, Dichtungs- und Staatstheorie.

Der Protreptikos selbst, der auch unter dem Titel „Mahnrede an Themison“ Bekanntheit errungen hat, soll hier in Bezug auf das Wesen, die Nützlichkeit und die Aufgabe der Philosophie untersucht werden. Er ist allerdings nur fragmentarisch überliefert und über die Jahrhunderte verfälscht worden. Zudem dient eine deutsche Übersetzung, nachträglich zusammengefügter Bruchstücke, dem Essay als Grundlage. Man kann also davon ausgehen, dass diese Rekonstruktion und ihre Umstände nur eine wahrscheinliche Nähe zum Original ermöglichen.

Der oben erwähnte Themison war ein zyprischer Fürst, der, unabhängig von seiner Bedeutung als Einzelner, am Beginn des Protreptikos als direkt angesprochener Adressat fungiert. Dieser Modus ermöglicht einen eindringlichen und intimeren Einstieg in die Problematik als etwa ein Sachtext. Nachdem damit das Interesse geweckt sein sollte, da der Text eine allgemeine Betroffenheit suggeriert, werden im weiteren Verlauf verschiedene Argumentationen und Perspektiven zur und auf die Philosophie ausgeführt.

Das Philosophieren ist eine Tätigkeit, die verknappt als Aneignung und Anwendung von Weisheit beschrieben wird. Man gelangt mit der philosophischen Einsicht in und über die Dinge zu einem Wissen, das erst dazu befähigt Potentiale zu befördern und Können richtig einzusetzen. Je klarer das Verständnis über die Dinge ist und je mehr Einsichten man gewonnen hat, umso besser bzw. trefflicher kann man handeln. Diese zentralen Gedanken werden veranschaulicht durch die dualistische Betrachtungsweise von Leib und Seele. Hierbei ist die Seele der herrschende und der Leib der beherrschte Teil. Damit die Seele auf treffliche Weise regieren kann, benötigt sie das Wissen und die Erkenntnis. Wie einige Gedanken des Protreptikos ist auch dieser dualistische Ansatz maßgeblich von Platon beeinflusst, bei dem das Leib-Seele-Axiom häufig auftaucht. Interessant zu sehen ist auch, dass diese Idee von Leib und Seele in der europäischen Geistesgeschichte fundamental geworden ist. Mit der im Text einhergehenden Hierarchisierung dieser ideellen Bausteine zeichnet sich eine deutliche anthropologische Haltung ab, die dann auch im Weiteren zu dem folgerichtigen Schluss führt, dass die Geisteskraft die größte und mächtigste der Kräfte darstellt. Dieser Hebung und Glorifizierung kann man durchaus eine Überschätzung des Intellekts unterstellen, die sich im Text zwar dadurch relativiert, dass die Befähigung zur Geisteskraft durchaus einer Begabung und anderen Umständen geschuldet ist, aber fast im gleichem Atemzug wird diese Befähigung zum Gipfel des Lebens gekrönt. Dem kann man entweder eine gewisse Intoleranz vorwerfen oder es dem rhetorischen Überredungsmodus des Textes zuschreiben. In jedem Fall zeichnet sich dadurch eine subtile innere Spannung ab, da auch die logische Struktur der Gedanken des Öfteren einbricht. Ein zur Geisteskraft befähigter Mensch ist damit für die Philosophie prädestiniert, doch im eigentlichen sollte jeder philosophieren, da das Erkennen und Denken wesenhaft für den Menschen ist. Zumindest ist das Philosophieren theoretisch von allergrößtem Nutzen. Den Schatten dieser durchaus klaren Gedanken wirft dann die Vorstellung, dass das philosophische Leben das wahre Leben darstelle, alles andere erscheine sogar töricht.

Die Philosophie selbst verhält sich zum richtigen, intensiven Leben, ähnlich wie die Medizin zur medizinischen Praxis, mit dem Unterschied, dass die Philosophie in erster Linie nicht nützlich, sondern gut ist. Gleichzeitig bringt sie aber den größtmöglichen Nutzen hervor. Dieser Gedanke kritisiert die damals weitverbreitete Haltung, Dinge für nützlich zu halten, wenn sie gewinnbringend und vorteilhaft waren. Gewinn schildert die weitverbreitete Vorstellung des Vermehrens von Reichtum, die in ökonomischen Gesellschaftsordnungen vorherrschend ist und daher auch heute noch zutrifft. Doch diese Maxime weisen, dem Text nach, schon auf eine Art beschränkten Horizonts hin. Versteht man die Philosophie und das Philosophieren also als gut, dann ergibt sich daraus die größte Nützlichkeit für das praktische Leben. Damit löst sich der begriffliche Widerspruch von Kritik am Nützlichkeitsdenken und maximalem Nutzen der Philosophie auf. Der Vorwurf, die Philosophie abstrahiere und theoretisiere, ohne, dass dies irgendeinen Gewinn verspräche, wird hier entkräftet. Es verkehrt sich sogar ins Gegenteil und versteht das Philosophieren als die einzig richtige Einheit von Erkenntnis und Lebensführung.

Die philosophische Erkenntnis wird im Text näher beschrieben und ausdifferenziert. Das Erkennen zeichnet sich in der Praxis durch den Fortschritt in den verschiedensten Bereichen aus. Die aus der Beobachtung resultierende Unbedingtheit des Erkennens gereicht zum Argument, dass Erkennen auch Voraussetzung eines menschenwürdigen Lebens darstellt. Auch hier lässt der Gedanke erahnen, dass er, wenn man ihn vollendet, bedeutet, dass der Philosoph der Menschenwürdigste ist. Denn gemessen an dieser Idee, lebt er am intensivsten. Die Einsicht in die Prinzipien wird als besonders wichtig erachtet, um verstehen und erkennen zu können. Prinzip meint, dem damaligen Verständnis nach, Urgrund aber auch Ziel. Damit sind sie für die Erkenntnis unabdingbar, da alles aus ihnen besteht, entsteht oder verstanden wird. Diese Prinzipien und damit wahrscheinlich auch der Grund, warum sie für Aristoteles so wichtig waren, beschreiben den elementarsten Teil der Denkbewegungen selbst und befähigen also dazu einen Gedanken formal zu durchschauen, bis hin zu ganzen Denksystemen, aber natürlich auch alles andere, außerhalb Befindliche. Daher scheint es logisch, wenn im Text dazu aufgerufen wird, dass man das Natürliche beobachten und begreifen soll um dem Wesenhaften, dem Beständigen näher zu kommen. Indirekt kritisiert das auch die Unmündigkeit, die entstehen kann, wenn man keine eigene Einsicht in die Dinge hat. Man wird dann lenkbar, was sich die Rhetorik wiederum zu Nutze macht - wer nicht denkt, der wird gedacht.

[...]

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Details

Titel
Aristoteles über das Wesen der Philosophie, über ihre Nützlichkeit und ihre Aufgabe
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Das Philosophieren in der Antike
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V190414
ISBN (eBook)
9783656149163
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aristoteles, wesen, philosophie, nützlichkeit, aufgabe
Arbeit zitieren
Eric Jänicke (Autor), 2010, Aristoteles über das Wesen der Philosophie, über ihre Nützlichkeit und ihre Aufgabe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190414

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