Kollektive Intentionalität bezeichnet ein soziales Phänomen, das gemeinsames Handeln ermöglicht. Bedenkt man, dass gemeinsame Absichten, ob nun bewusst oder unbewusst, einen Großteil zur Etablierung und Institutionalisierung einer Art Gemeinwillens beitragen, so scheint die Thematik eine sehr grundlegende und spannende für kulturelle Prozesse zu sein. Zu durchdenken und zu beschreiben, was dieses fragile Gebilde schwer nachweislicher Zwischenmenschlichkeit in seinem Wesen ausmacht und wie man es erfassen kann, haben sich verschiedene Autoren zur Aufgabe gemacht. Es wurden unterschiedliche Ansätze zu Tage gefördert, von denen einige im Rahmen dieser Arbeit miteinander verglichen, untersucht und letztlich auf ihren Erkenntnisgewinn hin überprüft werden sollen.
Zuerst werden vier Ansätze erläutert und aufeinander bezogen. Danach werden diese so gut es geht kurz resümiert, um anschließend einen reflektierenden Aufsatz aus der Debatte um kollektive Intentionalität vorzustellen. Am Ende wird das Thema unter genannten Gesichtspunkten zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Raimo Tuomela und Kaarlo Miller
3. John R. Searle
4. Margaret Gilbert
5. Michael E. Bratman
6. Zwischenresümee
7. Annette C. Baier
8. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das soziale Phänomen der kollektiven Intentionalität und vergleicht dazu vier maßgebliche wissenschaftliche Ansätze, um deren Erkenntnisgewinn sowie deren Grenzen bei der Beschreibung gemeinsamer Absichten zu analysieren.
- Vergleich zentraler theoretischer Positionen zur kollektiven Intentionalität
- Kritische Analyse logischer und individualistischer Analysemethoden
- Untersuchung der Rolle von Kommunikation und gegenseitigem Verständnis
- Reflektion über die Grenzen sprachlicher Erfassbarkeit sozialer Phänomene
Auszug aus dem Buch
3. John R. Searle
Schon das Beispiel mit dem Searle seine Ausführungen beginnt, sensibilisiert für die enorme Varianz und Bedeutung mentaler Zustände. In dem von ihm beschriebenen Fall, dem er eine kollektive Absicht abspricht, gibt es sogar eine von allen akzeptierte Ideologie, der zufolge es keine Wir-Absicht geben sollte. Erst wenn die Absolventen beispielsweise einen Pakt schlössen, läge eine kollektive Absicht vor. Searle lokalisiert das Problem der Analyse, die von Tuomela und Miller vorgeschlagen wurde, auf den Ausdruck »seinen Teil tun«. Dieser Ausdruck impliziert die Kooperation noch nicht, die aber für eine kollektive Handlung grundlegend ist.
An dieser Stelle soll Searles Betrachtung von der vorangegangenen vorerst gelöst werden – die Übereinstimmungen und eben auch die Abweichungen sind offensichtlich. Searle knüpft kollektive Absichten an die Bedingungen, die Gesellschaft bestehe aus einzelnen Individuen als elementare soziale Kategorie, um mystisch anmutende Phänomene wie einen Gruppengeist oder ähnliches auszuschließen. Zum anderen müsse eine kollektive Absicht auch unabhängig von den sinnlichen Einflüssen und deren Interpretation des Individuums existieren können. Es handle sich also um einen mentalen Zustand, der sich auch bei einem einzelnen Gehirn simulieren ließe. „Wir müssen bloß festhalten, dass individuelle Akteure über alle Intentionalität, die für kollektives Verhalten gebraucht wird, verfügen können, obwohl die fragliche Intentionalität sich auf das Kollektiv bezieht.“ Im Gegensatz zu Tuomelas und Millers Ansatz stehen die Absichtsmodi hier gleichartig und beinahe gleichwertig nebeneinander, allerdings ebenfalls nur als individuelle Zustände.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen der kollektiven Intentionalität und Darstellung der Zielsetzung, verschiedene Ansätze zu vergleichen.
2. Raimo Tuomela und Kaarlo Miller: Untersuchung ihres Ansatzes, der kollektive Intentionalität durch logische Reduktion auf individuelle Absichten und wechselseitige Überzeugungen zu erfassen sucht.
3. John R. Searle: Analyse von Searles Konzeption, die den Begriff der Kooperation einführt und kollektive Absichten als mentale Zustände betrachtet.
4. Margaret Gilbert: Betrachtung des Ansatzes von Gilbert, der Kommunikation und soziale Bindungen als konstitutiv für ein Pluralsubjekt hervorhebt.
5. Michael E. Bratman: Diskussion von Bratmans Fokus auf geteilte kooperative Handlungen und die notwendige Ausrichtung individueller Absichten auf ein Gesamtziel.
6. Zwischenresümee: Reflexion über die bisherigen Analyseversuche unter Berücksichtigung des Grades an Innerlichkeit und Äußerlichkeit der Betrachtung.
7. Annette C. Baier: Darstellung von Baiers Kritik an einer rein individualistischen Perspektive und ihr Plädoyer für eine genetische Betrachtung sozialer Absichten.
8. Resümee: Zusammenfassende Bewertung der Ansätze und Feststellung, dass das Fundament für die Untersuchung kollektiver Intentionalität gelegt ist, das Phänomen aber weiter differenziert werden muss.
Schlüsselwörter
Kollektive Intentionalität, Wir-Absicht, Soziale Ontologie, Individuum, Gemeinschaft, Kooperation, Mentale Zustände, Pluralsubjekt, Gesellschaft, Handlungstheorie, Kommunikation, Philosophische Analyse, Sozialphilosophie, Intentionalität, Individuelle Absichten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit befasst sich mit der sozialen Ontologie, speziell mit dem Phänomen der kollektiven Intentionalität und der Frage, wie gemeinsame Absichten theoretisch erfasst werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themenfelder umfassen die Analyse von Wir-Absichten, das Verhältnis von individuellem zu kollektivem Handeln sowie die Auseinandersetzung mit verschiedenen philosophischen Modellen zur Beschreibung von Kooperation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, vier einflussreiche Ansätze der zeitgenössischen Debatte vergleichend gegenüberzustellen, ihre analytische Stärke zu bewerten und ihre Grenzen im Hinblick auf das Verständnis kollektiven Handelns aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative und kritische Methode, indem sie die theoretischen Modelle von Tuomela/Miller, Searle, Gilbert und Bratman sowie die Kritik von Baier analysiert und reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden nacheinander die spezifischen Theorien der genannten Autoren detailliert erläutert, auf ihre logische Konsistenz geprüft und hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf soziale Realitäten bewertet.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind die kollektive Intentionalität, die Wir-Absicht, das Pluralsubjekt sowie die Unterscheidung zwischen individuellen und kooperativen Handlungsweisen.
Welches Problem identifiziert der Autor bei Tuomela und Miller?
Der Autor kritisiert, dass deren logische Reduktion auf Ich-Absichten zu einem mechanischen Beiklang führt und emotionale oder spontane Faktoren des kollektiven Handelns nicht ausreichend erfasst.
Warum spielt die Sprache für den Autor eine besondere Rolle?
Der Autor reflektiert darüber, dass schriftliche Sprache als Medium der Wissenschaft bestimmte Symbolsysteme reduziert, was eine kritische Distanz zur Realität des sozialen Handelns erfordert.
Welche Bedeutung misst die Arbeit Annette C. Baier bei?
Annette C. Baier dient als Korrektiv, da sie die individualistische Grundausrichtung der anderen Autoren hinterfragt und auf die genetische sowie gesellschaftliche Entwicklung von Absichten aufmerksam macht.
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- Eric Jänicke (Author), 2010, Erkenntnisgewinn über kollektive Intentionalität – Perspektiven und Grenzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190416