Linnhoff merkt in ihrer Arbeit an, dass sich „Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen wie ein roter Faden durch die Geschichte“ ziehen. So fingen am Ende des 18.Jahrhunderts Frauen allmählich an sich gegen ihre geschlechtsbedingte Benachteiligungen aufzulehnen. Die wichtigsten Anstöße erhielten sie von der Französischen Revolution und durch die Aufbruchsstimmung der europäischen Revolution 1848/49. Die Frauenbewegung in Europa war größtenteils bis Anfang des 20. Jahrhunderts kämpferisch und wollte die rechtliche sowie politische Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen. Sowohl die erste deutsche Frauenbewegung im 19. Jahrhundert als auch die zweite, welche knapp ein Jahrhundert später entstand, bezogen ihre Forderungen und Initiativen auf viele Lebensbereiche wie die Bildungs- und Wohlfahrtspolitik oder die Jugendarbeit. Aber auch die Erwerbstätigkeit der Frau verkörperte eine wichtige Thematik in beiden Bewegungen: Am Ende der 1980er Jahre gab es kaum eine Frau, die sich nicht in einer Weise mit dem Gedanken an die Beruftätigkeit befasste.
Es muss allerdings beachtet werden, dass die Frauenbewegungen und ihre Interessen nicht für alle Frauen sprechen. Denn es gab auch Frauen, die das bestehende gesellschaftliche Bild unterstützten und sich gegen die sogenannte Emanzipation richteten. Die zunehmende weibliche Bildungsbeteiligung und Erwerbstätigkeit hatte nämlich gleichzeitig in allen Alters- und Familienstandsgruppen die traditionellen Vorstellungen einer „natürlichen Funktionsteilung“ immer weiter durchlöchert. Die weibliche Individualisierung führte außerdem über die außerhäusliche weibliche Erwerbtätigkeit nach Ansichten von Kritikern zur Auflösung der Familie.
Doch was wird unter Erwerbstätigkeit verstanden? Das Statistische Bundesamt definiert sie im Rahmen von volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen folgendermaßen: „Erwerbstätige sind alle Personen, die als Arbeitnehmer (Arbeiter, Angestellte, Beamte, geringfügig Beschäftigte, Soldaten) oder Selbstständige beziehungsweise mithelfende Familienangehörige eine auf wirtschaftlichen Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben [...].“ Auffällig ist bei dieser Definition, dass sie sich explizit an die Männer richtet, denn die weibliche Anredeform bleibt aus. Können Frauen somit nicht erwerbstätig sein? Fällt die Hausarbeit nicht unter die Kategorie der Berufstätigkeit und muss somit erst durch Löhne aufgewertet werden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die erste Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit
2.1 Historischer Umriss der ersten Frauenbewegung
2.2 Positionen zur Erwerbstätigkeit
2.2.1 Die einzelnen Gruppierungen
2.3 Erfolge der Bewegung
3. Die zweite Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit
3.1 Historischer Umriss der zweiten Frauenbewegung
3.2 Positionen zur Erwerbstätigkeit
3.2.1 Tagung in Rehburg Loccum
3.2.2 Die einzelnen Gruppierungen
3.2.3 Die Alternative: HausArbeit
3.3 Erfolge der Bewegung
4. Vergleich der Positionen der beiden Frauenbewegungen
4.1 Gemeinsamkeiten
4.2 Unterschiede
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht die Bedeutung der Erwerbstätigkeit für Frauen im Kontext der ersten und zweiten deutschen Frauenbewegung. Ziel ist es, die unterschiedlichen Haltungen der Bewegungen gegenüber der weiblichen Berufstätigkeit zu analysieren und in einen direkten Vergleich zu setzen, um das sich wandelnde gesellschaftliche Rollenverständnis kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung der Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert
- Analyse der Forderungen bezüglich Bildungszugängen und Berufschancen
- Rollenverständnis von Hausarbeit, Familie und Erwerbsarbeit
- Vergleich der Zielsetzungen und Vorgehensweisen beider Bewegungen
- Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf die weibliche Emanzipation
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Die einzelnen Gruppierungen
Wie schon im ersten Abschnitt dieses Kapitels erwähnt bestand die erste Frauenbewegung nicht aus einer Einheit, sondern aus vielen einzelnen Gruppen, die sich in ihren Ansichten und in ihrem Vorgehen unterschieden. Vorweg ist jedoch zu erwähnen, dass die bürgerlichen Frauen und ihre Organisationen nicht die prinzipielle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern aufheben wollten und „jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern in allen äußeren Lebensbeziehungen zu verwischen [versuchten].“
Das Primat der Familie im weiblichen Lebenszusammenhang blieb bei der Frauenbewegung von 1848 unangetastet. Die Frauen forderten allerdings eine höhere Schulbildung für Mädchen. Ihren Ansichten nach war es nicht richtig sie im Haus einzusperren. So konnten sie ihre Aufgaben als Mütter, Hausfrauen und Erziehen nicht angemessen erfüllen. „Denn wenn sie ihre Kinder zu verantwortungsvollen Mitgliedern der Gesellschaft erziehen sollten, müssten sie erst selber in der Lage sein, Ereignisse und Zusammenhänge des öffentlichen Lebens zu verstehen und zu beeinflussen.“ Dies versprachen sie sich von einer höheren Schulbildung, welche nicht nur typisch weibliche Fächer wie Sprachen, Zeichnen, Handarbeit und Musizieren, enthielt. Dabei dachten die Frauen der frühen Frauenbewegung nicht nur an die zukünftigen Mütter, sondern auch an die unverheirateten Frauen, für welche solch eine Ausbildung besonders wichtig war: Nur wenn sich unverheiratete Frauen berufliche Qualifikationen aneigneten, konnten sie überhaupt selbstständig leben ohne ihrer Familie zur Last zu fallen oder sich entgegen ihrer Gefühle an einen Mann verkaufen. Daher schlug Louise Otto Peters vor, die Frauen „verstärkt zum kaufmännischen und Lehrberuf zuzulassen“. Damit versprach sie sich zusätzlich, dass die Ehe aus der Rolle einer bloßen Versorgungsanstalt wieder ausbrechen und die weibliche Endwürdigung ein Ende nehmen würde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der weiblichen Erwerbstätigkeit als roter Faden der Emanzipationsgeschichte ein und definiert den zentralen Untersuchungsgegenstand.
2. Die erste Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit: Das Kapitel erläutert die Anfänge der organisierten Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und beleuchtet die bildungspolitischen sowie beruflichen Forderungen der verschiedenen bürgerlichen und proletarischen Gruppierungen.
3. Die zweite Frauenbewegung und ihre Stellung zur Erwerbstätigkeit: Dieses Kapitel betrachtet die Entstehung der neuen Frauenbewegung ab den 1960er Jahren, die radikale Kritik an bestehenden Familienstrukturen und die neue Debatte um Hausarbeit und Doppelbelastung.
4. Vergleich der Positionen der beiden Frauenbewegungen: Hier werden die Gemeinsamkeiten und fundamentalen Unterschiede beider Bewegungen in Bezug auf ihre Motivationen, Zielsetzungen und gesellschaftliche Strategien gegenübergestellt.
5. Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert, dass trotz formalrechtlicher Erfolge die ökonomische Ungleichheit und der Konflikt zwischen Familie und Beruf bis in die 1980er Jahre bestehen blieben.
Schlüsselwörter
Frauenbewegung, Erwerbstätigkeit, Emanzipation, Geschlechterrolle, Hausarbeit, Bildungspolitik, Doppelbelastung, bürgerliche Frauenbewegung, proletarische Frauenbewegung, Frauenstudium, Familienarbeit, Sozialgeschichte, Gleichberechtigung, Frauensituation, Arbeitsmarkt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die unterschiedlichen Positionen der ersten und zweiten deutschen Frauenbewegung im Hinblick auf die weibliche Erwerbstätigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Bildungsbeteiligung von Frauen, der Zugang zum Arbeitsmarkt, die politische Wertung von Hausarbeit sowie das Spannungsfeld zwischen traditionellem Rollenverständnis und dem Wunsch nach Unabhängigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist ein vergleichender Überblick, um zu analysieren, wie die Bewegungen das Rollenverständnis der Frau in der Gesellschaft geprägt und ob sie die gesellschaftliche Akzeptanz für eine Frauenerwerbstätigkeit verbessert haben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Literaturanalyse, in der zeitgenössische Quellen sowie forschungskritische Beiträge zur Frauengeschichte ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der ersten Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, der zweiten Frauenbewegung ab 1968 sowie einen ausführlichen Vergleich der beiden Epochen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Emanzipation, Erwerbsquote, Doppelbelastung, Frauenbildungsvereine und gesellschaftlicher Wandel charakterisiert.
Welche Rolle spielte die "Lohn für Hausarbeit"-Kampagne in der zweiten Frauenbewegung?
Sie diente als provokanter Ansatz, um die informelle, unbezahlte Arbeit von Frauen sichtbar zu machen und ökonomisch aufzuwerten, wurde jedoch von der Frauenbewegung insgesamt nur kurzzeitig mitgetragen.
Wie unterschied sich die Einstellung zur "Ehe" in den beiden Bewegungen?
Während die erste Frauenbewegung die Ehe als höchstes Gut betrachtete und die Geschlechterpolarität weitgehend akzeptierte, radikalisierte sich die zweite Frauenbewegung in ihrer Ablehnung patriarchaler Strukturen innerhalb der Ehe.
- Arbeit zitieren
- Elisa Jendrusch (Autor:in), 2009, Die Bedeutung der Erwerbstätigkeit in den Frauenbewegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190543