Vertrauen in die Führungskraft

Entwurf eines Fragebogens


Hausarbeit, 2012

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Forschungsproblem und Ziel der Untersuchung
1.2 Begriffserklärung und Abgrenzung

2 Forschungsstand über verfügbare Erhebungsinstrumente
2.1 Fragebogen
2.2 Experimentelles Spiel
2.3 Quasi-Experiment und Feldstudie
2.4 Interview
2.5 Begründung des Erhebungsinstruments für das Konstrukt „Vertrauen in die Führungskraft“

3 Konstruktion des Fragebogens
3.1 Konzeptspezifikation und Operationalisierung
3.2 Fragebogenkonstruktion

4 Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Vertrauensmodell

Abbildung 2: Faktoren zur Bildung der Vertrauenswürdigkeit

Tabelle 1: Original-Skala zur Erhebung der Wahrnehmung der Vertrauenswürdigkeit

Tabelle 2: Items zur Messung von Mitarbeiter-Vertrauen in die Führungskraft

1 Einleitung

1.1 Forschungsproblem und Ziel der Untersuchung

Vertrauen ist eine zentrale Voraussetzung in der Beziehungsgestaltung zwischen Menschen. Denn in allen Bereichen, in denen Menschen miteinander kommunizieren würde ohne Vertrauen kaum etwas funktionieren. Gerade weil Vertrauen ein sehr wichtiger Bestandteil im Leben der Menschen ist, versucht die Wissenschaft dieses Phänomen näher zu beleuchten. Der Erfolg jeder neuen Initiative, egal, wie gut sie ist, wird von der Beziehung zwischen Mitarbeiter und direkter Führungskraft entschieden. Dabei ist Vertrauen zwischen Mitarbeitern und ihrer Führungskraft essentiell. Vertrauen entfaltet positive Auswirkungen auf das Interagieren zwischen den Individuen und kann dazu beitragen, den Erfolg von Transaktionen erheblich zu verbessern (Kets de Vries 2003: S. 111). Wenn Vertrauen der Mitarbeiter in die Führungskraft ein entscheidendes Kriterium für Unternehmenserfolg ist, müssen seine Entstehungsweise und Funktion einer genaueren Analyse unterzogen werden.

Zur Beschreibung, Darstellung und Erklärung des Konstrukts „Vertrauen“, werden vor allem soziologische und psychologische Theorien herangezogen. Die zentrale Bedeutung von Vertrauen für zwischenmenschliche Beziehungen liegt auf der Hand. Es ist allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, Vertrauen zu definieren, geschweige denn einen Überblick über die existierenden Ansätze der Vertrauensforschung zu gewinnen, weil sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen damit beschäftigen. Aus diesem Grund existiert keine einheitliche Definition von Vertrauen.

Betrachtet man verschiedene Definitionen von Vertrauen, so zeigt sich, dass das Objekt des Vertrauens, von einigen Ausnahmen abgesehen, eine andere Person oder Personengruppe ist. Damit beziehen sich die meisten dieser Begriffsbestimmungen ausschließlich auf interpersonelles Vertrauen, während andere auch das Vertrauen in unbelebte materielle, ideelle oder spirituelle Objekte einschließen. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung soll schwerpunktmäßig das interpersonelle Vertrauen, bzw. das Mitarbeiter-Vertrauen in die Führungskraft Beachtung finden. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist demzufolge Vertrauen in die Führungskraft. Dabei ist der interpersonelle Vertrauensprozess von großer Bedeutung. Ziel dieser Untersuchung ist es, eine Übersicht über das Konstrukt „Vertrauen in die Führungskraft“ zu gewinnen.

Dem einleitenden ersten Kapitel, in welchem Forschungsproblem, Zielsetzung, Begriffserklärung und Abgrenzung erläutert werden, folgt ein Kapitel über den Forschungsstand, in dem die Basiskonzepte und verfügbare Erhebungsinstrumente dargestellt und erläutert werden. Mittels der Differenzierung des Vertrauensbegriffs werden die unterschiedlichen Teilbereiche der Vertrauensforschung herausgearbeitet und einer Analyse zugänglich gemacht. Außerdem wird in Kapitel zwei die Auswahl des Erhebungsinstruments für die vorliegende Untersuchung begründet. Im dritten Kapitel wird die Konstruktion des Fragebogens darstellt. Abschließend folgt in Kapitel vier eine Zusammenfassung der Erkenntnisse zum vorgeschlagenen Konstrukt.

1.2 Begriffserklärung und Abgrenzung

Verschiedene Definitionen von Vertrauen werden in den unterschiedlichen Disziplinen wie der Psychologie, Soziologie oder Ökonomie verwendet (Neubauer/Rosemann 2006). Die wissenschaftliche Literatur bietet jedoch keine allgemein gültige Definition für Vertrauen (Kramer 1999: S. 571). Die Schwierigkeit, die beim Definieren des Begriffes „Vertrauen“ besteht, ist, dass sich Vertrauen auf alle möglichen Bereiche beziehen kann. Man vertraut nicht nur sich selbst und Mitmenschen, sonder auch Sachen (z.B. einer Uhr), Tieren oder auch abstrakten Objekten wie dem Schicksal, dem Recht oder der Vernunft. Das semantische Feld um das Wort Vertrauen ist groß und daher ist es schwer, eine allgemein gültige Definition zu finden. In dieser Untersuchung wird eine organisations-soziologische Perspektive eingenommen, die sich für zwischenmenschliches Vertrauen, bzw. Mitarbeiter-Vertrauen in die Führungskraft interessiert. Im Hinblick auf die Konzeption eines Konstrukts, das Vertrauen in die Führungskraft beschreibt, sind die Überlegungen von interpersonellem Vertrauen interessant.

Rotter (1967) definiert interpersonelles Vertrauen als die Erwartung einer Person, sich auf die Äußerungen der anderen Person verlassen zu können (S. 651). Rousseau, Sitkin, Burt und Camerer (1998) analysieren die unterschiedlichen, vorhandenen Vertrauensdefinitionen und formulieren in Übereinstimmung mit den meisten Definitionen Vertrauen als einen psychologischen Zustand, der die Absicht beinhaltet, verwundbar aufgrund von positiven Erwartungen bezüglich Absichten oder Verhalten eines Anderen zu sein (S. 395). Interpersonelless Vertrauen kann innerhalb einer Organisation, beispielsweise zwischen Arbeitnehmern, Arbeitskollegen und Vorgesetzten erfolgen. Graeff (1998) beschreibt, dass sich interpersonelles Vertrauen über einen längeren Zeitraum bildet, in welchem es von dem Vertrauenden kontrolliert wird (S. 56). Eine Definition, die alle identifizierten Charakteristika des Vertrauens beinhaltet, sich gut auf die Problemstellung dieser Arbeit anwenden lässt, und daher für die weiteren Überlegungen gelten soll, findet sich bei Mayer/Davis/Schoorman (1995): „Trust is the willingness of a party to be vulnerable to the actions of another party based on the expectation that the other will perform a particular action important to the trustor, irrespective of the abilty to monitor or control that other party” (S. 712). Dieses Verständnis des Vertrauens lässt sich auf jede Beziehung mit einer anderen willentlich agierenden Person anwenden (Späth 2008: S. 40).

Die begriffliche Abgrenzung von “Führung” ist in der Literatur ebenso wie der Begriff des Vertrauens uneinheitlich. Für die vorliegende Untersuchung ist die Definition von Rosenstiel (2003) festgelegt. Er versteht unter Führung „[…] zielbezogene Einflussnahme. Die Geführten sollen dazu bewegt werden, bestimmte Ziele, die sich meist aus den Zielen des Unternehmens ableiten, zu erreichen“ (Rosenstiel 2003: S. 4).

2 Forschungsstand über verfügbare Erhebungsinstrumente

Trotz der bereits in der Einleitung demonstrierten Bedeutung interpersonellen Vertrauens in der Forschung, bleibt eine Vielzahl von Fragen offen, die nicht nur die Konzeptualisierung des Konstrukts „Vertrauen“, sondern vor allem seine Messung betreffen. Es existieren unterschiedliche Vorgehensweisen, um Vertrauensprozesse zu erforschen. Das Verständnis des Begriffs „Vertrauen“ hängt dabei eng mit seiner Operationalisierung und empirischen Erfassung zusammen. Im Folgenden soll anhand einer kleinen Auswahl von Verfahren zur Erfassung interpersonellen Vertrauens ein Überblick über die Erhebungsinstrumente des Konstrukts „Vertrauen“ dargestellt werden. Die vorgestellten Verfahren lassen sich auf das Konstrukt „Vertrauen in die Führungskraft“ übertragen. Es wird auf folgende Erhebungsinstrumente eingegangen: Fragebogen, experimentelles Spiel, Quasie-Experiment, Feldstudie und Interview, wobei das Fragebogenverfahren die am meisten angewandte Methode zur Erfassung des untersuchten Konstrukts darstellt.

2.1 Fragebogen

Interpersonal Trust Scale (ITS) von Rotter

Eine der bekanntesten Theorien über Vertrauen stammt von Rotter (1971). Er untersucht in seinen Arbeiten vor allem zwei für die Persönlichkeitspsychologie wichtigen Sichtweisen auf das Konstrukt des Vertrauens. Die erste – Vertrauensbereitschaft – zielt auf die Fragestellung ab, ob und inwieweit Personen bereit sind, anderen zu vertrauen. Die zweite Sichtweise richtet sich auf die Vertrauenswürdigkeit einer Person. Rotter (1971) definiert dabei interpersonelles Vertrauen als „an expectancy held by an individual or a group that the word, promise, verbal, or written statement of another individual or group can be relied on” (S. 444).

Rotter (1980) weitet das Vertrauenskonstrukt auf Gruppen aus und behauptet außerdem, dass Kommunikation für die Entstehung von Vertrauen verantwortlich gemacht werden kann (S. 1). Die von Rotter beschriebene Erwartung kann sich auf konkrete Sachverhalte oder Situationen (spezifische Erwartung) oder auf ähnliche Sachverhalte oder Situationen (generalisierte Erwartung) beziehen. Er ist der Ansicht, dass die generalisierten Erwartungen ein stabiles, messbares Persönlichkeitsmerkmal bilden (Rotter 1980: S. 2). Da laut Rotter Vertrauen die Erwartung, sich auf die Äußerungen einer anderen Person verlassen zu können, bezeichnet, stellt es ein stabiles, messbares Persönlichkeitsmerkmal dar, das mit Hilfe von Fragebogen „Interpersonal Trust Scale“ (ITS) erfasst werden kann. Dieser Fragebogen dient der Erfassung von generalisiertem Vertrauen. Die ITS bildet das Ausmaß ab, in dem es einem Individuum gelingt, verbalen Äußerungen Glauben zu schenken. Laut Rotter werden die generalisierten Erwartungen nicht alleine durch eigene Erfahrungen ausgebildet, sondern auch durch Urteile oder Bewertungen Anderer, die vom Individuum übernommen werden. Daher konzipierte er seinen Fragebogen im Hinblick auf diese Bewertungen und Urteile (Rotter 1967: S. 653). Rotter (1971) geht dabei von einem Kontinuum mit den beiden gegensätzlichen Polen „vertrauensvolles Individuum“ und „misstrauisches Individuum“ aus (S. 445ff.). Der ITS-Fragebogen beinhaltet 25 Items zur Erfassung des Vertrauens einer Person in mehrdeutigen, neuartigen oder unstrukturierten Situationen (Rotter 1967: S. 654). In solchen Situationen stellt die generalisierte Erwartung das Einzige, worauf sich eine Person verlassen kann. Grundlage für die Generalisierbarkeit ist die Ähnlichkeit zwischen erlebter und aktueller Situation. Je schwieriger ist dabei die Einordung einer Situation, desto wichtiger werden generalisierte Erwartungen.

Petermann (1996) gliedert die Items der ITS in vier Gruppen: (1) Aussagen über die Gesellschaft und Zukunft im Allgemeinen; (2) Aussagen über politische und soziale Institutionen; (3) Aussagen über die Glaubwürdigkeit der Medien und (4) Aussagen über die Glaubwürdigkeit einer Vielzahl von Gruppen. In faktorenanalytischen Analysen, die sich kritisch mit der Aussagekraft der ITS auseinandersetzen und u.a. anzweifeln, dass die Skala Vertrauen gemäß der Definition von Rotter erfasst (Roberts 1971; Kaplan 1973; Chun/Campbell 1974; Wright/Tedeschi 1975; Corazzini 1977), fanden sich sehr unterschiedliche Ergebnisse hinsichtlich der Dimensionalität der Skala. Petermann kommt demzufolge zu dem Schluss, dass der Rotter-Fragebogen keine eindimensionale Skala bildet und dass die häufig demonstrierten Dimensionen „persönliches Vertrauen“ und „institutionelles Vertrauen“ weiter untergliedert werden können.

Pereira und Austrin (1980) überprüften das Instrument und fanden als Kennwerte für die Zuverlässigkeit eine interne Konsistenz von α = .79, eine Testhalbierungsreliabilität von .76 und Testwiederholungsreliabilitäten zwischen .58 und .68. Die ITS korreliert in zahlreichen Untesuchungen deutlich mit Skalen zur sozialen Erwünschtheit (Amelang/Gold/Külbel 1984). Es liegen viele Untersuchungen zur differentiellen und konkurrenten Validierung des Instruments mittels Skalen ähnlichen Gültigkeitsanspruches, Fremdeinschätzungen, experimental psychologisch gewonnenen und anderen empirischen Daten vor (Rotter 1967; Stack 1978; Amelang/Bartussek 1990). Für den deutschen Sprachraum gibt es für die ITS Adaptionen von Amelang et al. 1984 und Krampen/Viebig/Walter 1982. Diese Instrumente unterscheiden sich allerdings nicht nur in der Übersetzung und Auswahl der ursprünglichen Items, sondern auch hinsichtlich der Faktorenstruktur.

Amelang et al. (1984) entwickelten zusätzlich zu den aus dem Originalfragebogen übersetzten Items noch weitere 17 Items. Von den insgesamt 42 Items wurden nach der Itemanalyse fünf Items des übersetzten Originalfragebogens von Rotter und zehn Items der zusätzlich entwickelten Aussagen wieder eliminiert. Es resultierte eine Skala mit 27 Items mit einer Konsistenz von α =.85. Auch einzelne Analysen für die Übersetzung der Original-Skala von Rotter und die Skala der zusätzlich entwickelten Items erbrachten keine besseren Skalenwerte, so dass von den Autoren der zusammengesetzte Fragebogen beibehalten wurde. Eine Wiederholungserhebung an 27 Personen ergab eine Retest-Reliabilität von r tt=.74. Eine Faktorenanalyse des Fragebogens von Amelang et al. (1984) ergab vier Faktoren: (1) Öffentliche Institutionen und deren Transparenz; (2) Mitmenschen und die von ihnen ausgehende Bedrohung; (3) Experten, wie Verkäufer, Politiker, Handwerker und ihr Verhalten und (4) Differenz zwischen Verbal- und Realverhalten.

Krampen et al. (1982) übersetzten und bearbeiteten im Rahmen ihrer Untersuchung zu differentialpsychologischen Korrelaten des Fernsehverhaltens den Originalfragebogen von Rotter. Die Autoren ergänzten dabei die übersetzten Originalitems um fünf Items, die Vorsichtshaltungen bzw. Misstrauen gegenüber anderen Individuen, verbunden mit sozialen Angstgefühlten, behandeln. Dies geschah mit der Begründung, dass sich die meisten der Originalitems eher auf die Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit anderer Menschen beziehen. Eine faktorenanalytische Untersuchung der Skala zur Erfassung von sozialem Vertrauen von Krampen et al. ergab insgesamt drei Aspekte generalisierten Vertrauens: (1) Misstrauen und soziale Angst (sieben Items), (2) Vertrauen und Unterstellung von Zuverlässigkeit (sechs Items) und (3) skeptische Einstellung gegenüber Informationen der Medien (fünf Items). Der erste Faktor hat die stärkste Varianz (44 Prozent) und besteht zum größten Teil aus den von den Autoren neu konstruierten Items. Der zweite Faktor enthält eher solche Items, die der Definition von Vertrauen nach Rotter am besten entsprechen. Dieser Faktor kann somit nach Krampen et al. als Vertrauen in die Zuverlässigkeit anderer Menschen, in ihre Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit interpretiert werden. Der dritte Faktor erfasst nur etwa 16 Prozent der relevanten Varianz. Die teststatistischen Parameter können mit Testhalbierungsreliabilitäten und inneren Konsistenzen von 74/.94 für „Misstrauen und soziale Angst“, 77/.93 für „Vertrauen und Unterstellung von Zuverlässigkeit“ sowie .68/.91 für „skeptische Einstellung gegenüber Informationen der Medien“ unter Berücksichtigung der Skalenkürze als absolut befriedigend bezeichnet werden. Sie werden von den Autoren in Zusammenhang mit relativ niedrigen Skaleninterkorrelationen als hinreichende Begründung für die Subskalierenbildung und die Annahme der Mehrdimensionalität des Konstrukts angeführt.

Insgesamt lässt sich eine Reihe von Einwänden für die Verwendung der ITS und ihrer deutschen Adaptionen vorbringen. So ist einerseits problematisch, dass in Validitätsstudien signifikante Zusammenhänge mit Skalen zur sozialen Erwünschtheit auftraten (Rotter 1967) oder zahlreiche Items für Experten keinerlei Augenscheinvalidität aufwiesen (Chun/Campbell 1974). Andererseits werden durch die Zugangsweise zum Konstrukt dynamische Prozesse ebenso vernachlässigt (Festinger 1980; Buck/Bierhoff 1986), wie die Tatsache, dass sich das Ausmaß des Vertrauens in Abhängigkeit von der Qualität der interpersonellen Beziehung unterscheidet (Chun/Campbell 1974; Couch/Adams/Jones 1996). Letztlich spricht allein die Tatsache, dass zum gleichen Zeitpunkt zwei verschiedene deutschsprachige Versionen des ITS-Fragebogens von Rotter erscheinen, dafür, dass diese Skala auf unterschiedliche Art und Weise verstanden werden kann. Die Konstruktion einer gänzlich neuen Skala zur Erfassung interpersonellen Vertrauens, welche die unterschiedlichen Überlegungen einbezieht, könnte hier Ambiguität beseitigen und Eindeutigkeit in die theoretische Diskussion bringen.

2.2 Experimentelles Spiel

Eine besondere Rolle bei der Untersuchung von Vertrauen kommt experimentellen Spielen, wie z.B. dem Prisoner-Dilemma-Game, (PDG; dt. Gefangenen-Dilemma-Spiel), zu. So entwickelte Deutsch (1958) eine Definition und Operationalisierung von Vertrauen, welche die Wahl für eine risikoreiche Verhaltensweise ins Zentrum der Betrachtung stellen. Deutsch (1958) versteht unter Vertrauen nicht, so wie Rotter, die Einstellung, sondern das Handeln im Sinne einer sozialen Austauschbeziehung. Er definiert Vertrauen wie folgt: „An individual may be said to have trust in the occurance of an event if he expects its occurance and his expectation leads to behavior which he perceives to have greater negative motivational consequences if the expectations is not confirmed than positive motivational consequences if it is confirmed” (Deutsch 1958: S. 266).

Dabei unterscheidet Rotter zwischen riskanten Handlungen und vertrauensvollen Handlungen. Ein Individuum handelt riskant, wenn es die potenziellen Gewinne durch das Eingehen des Risikos höher einschätzt als die potenziellen Verluste. Von vertrauensvollen Handlungen spricht man, wenn durch sie die eigene Verletzbarkeit steigt und sie gegenüber Personen richten, die nicht kontrollierbar sind. Riskante und vertrauensvolle Handlungen sind Gegenstand der Hypothesen, die Deutsch (1958) mittels experimenteller Spiele überprüft (S. 268). Dazu verwendet er eine Variante des „Gefangenendilemmas“. Dabei stellen die Gewinne bzw. Verluste des Spielers eine Folge seiner eigenen Wahlentscheidung sowie der des Mitspielers dar. Die Wahl eines kooperativen Spielzugs in Gefangenendilemma-Situationen wird dabei mit dem vertrauensvollen Verhalten gleichgesetzt, da Kooperation mit dem Risiko einhergeht, ausgenutzt zu werden. Die Wahl einer vertrauensvollen Entscheidung hängt davon ab, welche Konsequenzen als Ergebnis der Entscheidung erwartet werden. Eine wichtige Funktion bei der Wahl der Entscheidung kommt den Erfahrungen eines Individuums zu (Gahagan/Tedeschi 1968). Eine genaue Beschreibung des Einsatzes von PDG zur Erfassung von interpersonellem Vertrauen findet sich bei Graeff (1998).

Auch wenn wichtige Merkmale der Definition von Vertrauen in den Spielsituationen enthalten sind, bleibt zu bedenken, dass sich für die Spieler nur solche Konsequenzen ergeben, die innerhalb der Spielsituation von Bedeutung sind. Somit bezweifelt eine Reihe von Autoren, wie Manz (1980), Buck/Bierhoff (1986) und Petermann (1997) die Übertragbarkeit auf alltägliche Situationen und kritisieren die künstliche experimentelle Situation. Kee und Knox (1970) weisen darauf hin, dass eine Reihe von Motiven vorstellbar ist, die keinerlei Zusammenhang zu vertrauensvollem Verhalten aufweist.

Die Operationalisierungsmethode des PDG wird kritisiert, dass Kooperation nicht notwendigerweise durch vertrauensvolle Erwartungen verursacht ist. Eine Reihe alternativer Motive können wirksam werden, wie beispielsweise die Maximierung des gemeinsamen Gewinns (Koller 1997: S .15). Pruitt und Kimmel (1977) nennen als alternative Motive nicht nur die Maximierung des gemeinsamen Gewinns, sondern auch die Maximierung der Differenz zwischen eigenem Gewinn und Gewinn des Partners in Spielsituationen.

Einige Autoren, wie Riker (1980) und Orbell/Dawes/Schwartz-Shea (1994) halten das klassische PDG sogar als völlig ungeeignet zur Untersuchung von Vertrauen. Dennoch finden sich zahlreiche Untersuchungen zu interpersonellem Vertrauen, die sich diesem Forschungsansatz verpflichtet fühlen (Rapoport/Chammah 1965).

Da aus der experimentellen Spielsituation nicht ersichtlich ist, ob ein kooperativer Spielzug durch eine vertrauensvolle Erwartung bedingt wird, ist eine eindeutige Interpretation der Ergebnisse derartiger Experimente unmöglich. Eine Anwendung dieses Verfahrens erscheint daher unangebracht, solange kein Weg gefunden wurde, die Determination einer Entscheidung durch interpersonelles Vertrauen eindeutig zu belegen. Im jedem Fall ist es mit Hilfe experimenteller Spiele schwierig, mehrere Dimensionen interpersonellen Vertrauens simultan zu untersuchen.

2.3 Quasi-Experiment und Feldstudie

Die in der Einleitung demonstrierte Vertrauensdefinition von Mayer et al. (1995) berücksichtigt Punkte, die in anderen Definitionen nicht explizit vorhanden sind. Zum einen ist Vertrauen hier nicht mehr die Erwartung einer Aktion, sondern die Bereitschaft, sich aufgrund einer solchen Erwartung in eine Abhängigkeitsposition zu begeben. Es ist also ein Unterschied, ob man einer Partei vertraut oder ob man aufgrund dieses Vertrauens bereit ist, ein Risiko einzugehen (S. 712). Zum anderen differenzieren Mayer et al. (1995) zwischen Vertrauen und kooperativem Verhalten, da man sich bei Kooperationen nicht zwangsweise einem Risiko aussetzt. Auch muss die Ursache für Kooperation nicht zwangsläufig Vertrauen sein, sondern kann durch eine weitere Partei erzwungen werden (S. 712).

Im Modell von Mayer et al. (1995) wird zwischen den für den Vertrauensprozess notwendigen Eigenschaften des Vertrauenden und desjenigen, auf den sich das Vertrauen richtet, unterschieden. Von Seiten des Vertrauenden ist die die Bereitschaft, Verwundbarkeit zu zeigen, von Bedeutung, während bei der Person, auf die sich das Vertrauen richtet, die wahrgenommenen Merkmale der Vertrauenswürdigkeit, die durch Abiliy, Benevolence und Integrity signalisiert werden. Die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit des Vertrauensnehmenden ist also von diesen drei Faktoren abhängig. Jede einzelne Eigenschaft kann dabei unabhängig von den anderen variieren. Sie korrelieren zwar, können aber einzeln betrachtet werden (Mayer et al. 1995: S. 717). Abbildung 1 zeigt das Vertrauensmodell von Mayer et al., welches die beschriebenen Zusammenhänge darstellt und eine Feedbackschleife zeigt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Vertrauen in die Führungskraft
Untertitel
Entwurf eines Fragebogens
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V190554
ISBN (eBook)
9783656153177
ISBN (Buch)
9783656153535
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vertrauen, führungskraft, entwurf, fragebogens
Arbeit zitieren
Irina Petrova (Autor), 2012, Vertrauen in die Führungskraft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190554

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