Familie im Kaiserreich und der Weimarer Republik

Unter besonderer Berücksichtigung der Familie und der familienpolitischen Maßnahmen


Hausarbeit, 2012
32 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein Zugang zur Thematik der Familie und Familienpolitik
2.1. Der Familienbegriff.
2.2. Der Gegenstand der Familienpolitik
2.2.1. Familienpolitik als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe..
2.2.2. Historische Grundzüge der Familienpolitik

3. Die Familie im Kaiserreich
3.1. Die bürgerliche Familie im Kaiserreich
3.2 Die rechtliche Grundlage von Ehe und Familie
3.3. Familienpolitische Ansätze im Kaiserreich

4. Die Familie im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik
4.1. Familie und Erster Weltkrieg: Die erträumte Familie und ihre Wirklichkeit
4.2. Die Aufnahme der Familie in den Schutzbereich der Weimarer Verfassung
4.3. Familienpolitische Maßnahmen im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik

5. Familienpolitische Maßnahmen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik - Ein Fazit

6. Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Allgemeinen benötigt jede Gesellschaft Institutionen, welche ihre biologische und soziale Reproduktion miteinander verbinden. Die wichtigste Institution ist dabei die Familie. Durch sie werden die elementaren biologischen Tatschen und Prozesse des Lebens eingefügt in das System der wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und kulturellen Tätigkeiten einer Gesell- schaft. Kontinuität und Wandel sozialer Systeme vollziehen sich vor allem über die Familie.[1]

Aber auch die Familie erweist sich als ein sehr dynamisches soziales Gebilde.[2] Als Vorläufer- modell der modernen Familie hatte sich die bürgerliche Familie entwickelt. Sie zeichnete sich durch ein verheiratetes Paar, seinen Kindern und die Trennung von Familien- und Erwerbsleben aus. In diesem Zusammenhang wurde sie als einen privatisierten und vor allem auf emotionale Funktionen spezialisierten Bereich dargestellt.[3] Diese Familienform verfestigte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts und besaß gegen Ende des Jahrhunderts nach Schwab (1975) eine tendenzielle Allgemeingültigkeit.[4] Obwohl die Souveränität eines Staates durch die Analogie mit dem Status der Familie definiert wird, sind familienpolitische Aktivitäten auf diese Institution vergleichsweise spät entstanden.[5] Erstmals markierte der Erste Weltkrieg in familienpolitischer Hinsicht einen Wendepunkt, denn war vorher die Familie kaum Gegenstand fördernder Politik gewesen, so änderte sich dies unter dem Einfluss der enormen Menschen- verluste durch den Krieg und der damit gleichzeitig rasch sinkenden Geburtenrate.[6] Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, markiert durch das Kaiserreich, war eine Epoche, in der der Staat nur in den Privatraum Familie eingriff, wenn Verwahrlosung vorlag und die Eltern oder die alleinerziehenden Mütter ihren Aufgaben und Pflichten nicht gerecht wurden.[7] Familien- dienliche Maßnahmen waren im Kaiserreich politisch nicht vorgesehen. Erst die Weimarer Republik hat die Dringlichkeit erkannt, eine familienpolitische Konzeption für die Familie zu entwickeln. Im Rahmen dieser Arbeit soll sich daher näher mit der Familie und den familien- politischen Maßnahmen seitens des Staates beschäftigt werden. Schwerpunkt bilden dabei die Epochen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Es soll herausgestellt werden, warum sich der Staat im Kaiserreich jedes staatlichen und gesellschaftlichen Eingriffs in Bezug auf die Familie entzog und erst die Weimarer Republik die Wichtigkeit feststellte, nicht nur eine neue politische Ordnung zu schaffen, sondern auch eine zerrissene Gesellschaft wieder zu integriert.[8] Am Anfang dieser Arbeit steht zunächst ein Zugang zur Thematik der Familie und der Familien- politik. In diesem Zusammenhang soll der Begriff der Familie näher betrachtet werden. Dabei geht es um die historische Entwicklung des Begriffes und die Feststellung, dass die Institution Familie eine historisch bedingte Sozialform darstellt.[9] Auf dessen Grundlage erfolgt eine Be- trachtung des Gegenstandsbereichs der Familienpolitik. In diesem Zusammenhang soll das Handlungsfeld der Familienpolitik als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe verstanden werden. Die historische Entwicklung familienpolitischer Maßnahmen ist dabei auch Gegenstand der Betrachtung. Im darauf folgenden Abschnitt soll sich mit dem Kaiserreich unter besonderer Berücksichtigung der familialen Verhältnisse beschäftigt werden. An erster Stelle wird die bürgerliche Familie als Betrachtungsgegenstand gewählt. Dabei sollen die verschiedenen Rollen der Elternteile und in diesem Zusammenhang auch die Auswirkungen auf die Erziehung aufge- zeigt werden. Weiterhin wird die tägliche Lebenssituation der Familien zu dieser Zeit be- schrieben. Darauf folgt eine Darstellung der rechtlichen Veränderungen der Familie und Ehe, welche sich mit dem im Kraft treten des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) am 1. Januar 1900 auswirkte. Es soll herausgestellt werden, dass mit der Einführung des BGB der Staat kategorisch bestimmte, dass die Frau den Haushalt für den Mann zu führen habe.[10] Der anschließende Abschnitt beschäftigt sich mit dem Ersten Krieg und der Weimarer Republik. Erst der Krieg und die damit einhergehenden Kriegsverluste, die Erschütterung und Zerstörung gewohnter sozialer Bindungen bedeuteten harte Eingriffe in das Familienleben.[11] Zunächst wird sich der Thematik der Familie und dem Ersten Weltkrieg im Speziellen beschäftigt. Es soll darum gehen, die erträume Familie und ihre Wirklichkeit in der Weimarer Republik darzustellen. Die Familie und die Ehe wurden in den Schutzbereich der Weimarer Verfassung aufgenommen. Dies soll ein weiterer Betrachtungsgegenstand sein, um dann zu den familienpolitischen Maßnahmen in dieser Zeit Stellung zu nehmen. Im letzten thematischen Abschnitt soll ein Fazit der familienpolitischen Maßnahmen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gezogen werden und eine Bewertung erfolgen. Mit einer inhaltlichen Zusammenfassung sowie der persönlichen Meinung im Hinblick auf die Thematik soll diese Arbeit beendet werden.

2. Ein Zugang der Thematik der Familie und Familienpolitik

Familien liegt der biologische Sachverhalt zugrunde, dass alle Menschen einen Vater und eine Mutter haben. Wie diese biologischen Gegebenheiten jedoch in soziale Strukturen überführt werden ist ungewiss und einem stetigem Wandel unterworfen.[12] Wenngleich die Politik der Familie den jüngeren Bereichen sozialpolitischer Aktivitäten zugerechnet werden muss, welche erst nach dem Zweiten Weltkrieg als eigenständiger Bereich entwickelt wurde, so reichen die Wurzeln der Familienpolitik im Rahmen einzelner, aber unverkennbar auf die Beeinflussung der Lebenslagen und Lebenssituationen von Familien gerichteter Maßnahmen bis in die Anfänge der staatlichen Sozialpolitik zurück.[13]

Im folgenden Abschnitt soll sich näher mit dem Begriff der Familie auseinandergesetzt werden, um im Anschluss daran den Gegenstand der Familienpolitik im Allgemeinen darzustellen. Dabei soll der Bereich der Familienpolitik als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe beschrieben werden und ein kurzer historischer Verlauf der Familienpolitik im weiten Sinne erfolgen.

2.1. Der Familienbegriff

Der Begriff der Familie ist kein eindeutiger Terminus, da er zum einen Familie als Verwandt- schaft und zum anderen als kleinste Lebensgemeinschaft von Erwachsenen und Kindern meint.[14] In den deutschen Sprachgebrauch bürgerte sich das Wort erst spät ein. Seit dem aus- gehenden 17. Jahrhundert, verstärkt jedoch im 18. Jahrhundert, drang das Wort Familie als französisches Lehnwort ‚famille‘ in die deutsche Alltagssprache ein und löste den älteren Begriff des ‚Hauses‘ ab. Dieser Terminus hatte den Zusammenschluss der unter dem Regiment eines Hausvaters stehenden Personen umfasst, sofern sie zusammen arbeiteten, wohnten und aßen. Der Begriff des Hauses bezeichnete die Rechts-, Arbeits-, Konsum- und Wirtschafts- einheit, zu welcher nicht nur die Familie im heutigen Verständnis, sondern auch das Gesinde und der Besitz gehörten. Erwerbsleben und Arbeitsleben waren nicht voneinander getrennt.[15] Die Funktion der Familie zu damaliger Zeit wurde als Produktions- und Reproduktions- gemeinschaft verstanden. Seit dem Übergang zum 19. Jahrhundert brach jedoch die Einheit von Produktion und Reproduktion zunehmend auf und sie verlor ihren Charakter als Produktions- gemeinschaft. Somit entstand ein neues Konzept der Familie. Sie wurde zum Ort des Privat- lebens. Dienstboten und Gesinde, welche bisher fraglos dazu gehörten, wurden von der Familie im engeren Sinne räumlich getrennt. Sie verlor ihre Rolle als Produktionsgemeinschaft und wurde zum Schutzraum des Privaten.[16] Die Privatisierung und Emotionalisierung ging einher mit einer verschärften Betonung der verschiedenen Geschlechtermerkmale von Mann und Frau. Merkmale wie Passivität, Emotionalität und Mütterlichkeit galten für die Frau, während Männer durch Aktivität, Rationalität und Berufsorientierung charakterisiert wurden.[17] Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten sich somit bestimmte Formen von Familien heraus. Zum einen waren dies die Bauern- und Handwerkerfamilien. Sie waren die sich am stärksten und längsten ge- haltene traditionelle Form. Bäuerliche Familien blieben häufig Produktionsgemeinschaften, in denen alle Mitglieder einschließlich der Kinder bei der Arbeit halfen. Jedoch glichen auch sie sich im Laufe der Zeit immer mehr dem neuen Konzept der Familie an. Eine weitere Form war die bürgerliche Familie, welche die gewandelte Idee der Familie in Reinform verkörperte. Nach Nonn (2007) hatte sie Vorbildcharakter für Bauern, Handwerker, Adlige und schließlich für die gesamte Gesellschaft. Im Rahmen dieser Familienform ging der Mann außer Haus einer bezahlten Tätigkeit nach und die Frau blieb mit den Kindern zu Hause. Der dritte große Familientyp des 19. und 20. Jahrhunderts war die Arbeiterfamilie. Sie entsprach in Teilen dem bürgerlichen Vorbild. Auch hier ging der Mann einer bezahlten Arbeit außerhalb des Wohn- raumes nach. Die Rolle der Frau war dagegen nicht eindeutig definiert. Gleichermaßen war sie für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig, musste jedoch meist einen Zuverdienst leisten.[18] Dies zeigt, dass die Form und Funktion dessen, was als Familie bezeichnet wird, grundlegend geprägt durch den gesellschaftlichen Zusammenhang. Nicht eine vorgegebene Struktur, unabhängig von Raum und Zeit, wird in den verschiedenen Gesellschaften klassen- und schichtspezifisch modifiziert, sondern gesellschaftliche als auch historisch sich verändernde Faktoren bringen die Struktur der Familie in ihrer historischen Besonderheit hervor.[19] Nach Gestrich (1999) existiert die Familie selbst innerhalb relativ enger Untersuchungsräume nicht. Es macht für die deutsche Geschichte somit keinen Sinn, von der traditionalen vorindustriellen Familie zu sprechen oder den Idealtypus der modernen Familien zu demonstrieren. Es muss darum gehen, die Vielfalt der Formen im Kontext ihrer jeweiligen sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen zu rekonstruieren. Jedoch muss auch herausgestellt werden, dass die Betonung der Vielfalt keinesfalls bedeutet, dass nicht bestimmte Strukturmerkmale der Haushaltsbildung und des familialen Zusammenlebens schichtübergreifend für bestimmte Zeitabschnitte dominant sein können.[20] Es wird somit deutlich, dass Familie keineswegs eine anthropologisch bedingte feststehende, sondern vielmehr eine historisch bedingte Sozialform ist.[21] Diese Sozialform erweist sich nicht nur in Bezug auf ihre Zusammensetzung und interne Beziehungs- und Funktionsstruktur sondern auch in Hinblick auf ihr Verhältnis zu der sie umgebenen Gesellschaft im Zusammenhang des sozialen Wandeln als höchst variable gesellschaftliche Institution.[22]

2.2. Der Gegenstand der Familienpolitik

Der Gegenstand der Familienpolitik als ein umfassendes, geschlossenes und politisches Handlungsfeld hat sich erst schrittweise über Jahrzehnte der tatsächlichen Entwicklung familienbezogener politischer Maßnahmen herausgebildet. Zwar hat es in vielfältiger Form auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebenslagen von Familien ausgerichtete Maß- nahmen seit vielen Jahrhunderten gegeben, jedoch ohne dass sie als Elemente einer Familien- politik in einem expliziten Sinne galten.[23]

2.2.1. Familienpolitik als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe

Als Teil der Sozialpolitik unterliegen familienpolitische Leistungen den grundsätzlichen Ge- staltungsprinzipien und Finanzierungsformen des Systems der sozialen Sicherung.[24] Familien- politik wird definiert als das bewusste, planvolle, zielgerichtete und machtgestützte Lenken öffentlicher und freier Träger auf die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lage von Familien, auf ihre Mitglieder und ihre Umwelt.[25] Nach Dienel (2002) definiert sich Familienpolitik als eine Querschnittsaufgabe, welche in alle sozialpolitischen Handlungsfelder und zahlreiche weitere Bereiche der Politik hineinragt. Wird Familienpolitik als Querschnittsaufgabe verstanden, so dient sie als Blickwinkel, durch das das gesamte System der sozialen Sicherung erfasst und nach familienpolitischen Leistungen betrachtet werden kann. Sie ist somit in zahlreichen Bereichen der Politik verankert, wie beispielsweise der Sozialhilfe, Beschäftigungs-, Wohnungs-, Bildungs-, Kommunal- und Jugendpolitik. Weiterhin können familienpolitische Aspekte in entfernter wirkenden Feldern der Politik erkannt werden, wenn zum Beispiel besondere Regelungen für mithelfende Familienangehörige in der Landwirtschaft vollzogen werden (Agrarpolitik) oder Kinder- und Mutterschutz durch medizinische Vorsorge umgesetzt wird.[26] Familienpolitische Maßnahmen können sich nach sehr unterschiedlichen Kriterien untergliedern. Dabei wirken sie sowohl direkt, als auch indirekt. Weiterhin kann eine Ab- grenzung in Bezug auf Leistungsformen erfolgen. Es existieren solche Leistungen, welche bezahlt werden und diejenigen, die Belastungen einschränken. Darüber hinaus können unter familienpolitischen Maßnahmen sowohl Geldleistungen als auch Sachleistungen verstanden werden.[27] Familienpolitik kann in die ökonomischen Bedingungen, unter denen Leistungen von Familien erbracht werden, eingreifen. Weiterhin haben familienpolitische Maßnahmen Einfluss in die rechtlich-institutionelle Gestaltung von Familienverhältnissen und greifen in die Ge- staltung von Familienumwelten ein. Ebenso ist es möglich, eine Intervention in Form der Gestaltung von Leitbildern familienbezogenen Verhaltens zu vollziehen.[28] Im Rahmen einer Sozial- und Familienpolitik moderner Staaten wird ein wichtiges Scharnier zwischen individueller Lebensgestaltung und gesellschaftlichen Normalitätsentwürfen fassbar. Zum einen kann Familienpolitik bevölkerungspolitisch orientiert sein und vorrangig die Interessen des Staates verfolgen. Zum anderen kann Familienpolitik an den Bedürfnissen der Familien und der in ihr lebenden Individuen orientiert sein. Über die Familienpolitik werden bestimmte bürger- liche Normen als fest und verbindlich definiert.[29] Instrumentelle Ziele eines Staates und auf sie gerichtete Maßnahmen im sozialpolitischen Bereich verändern sich auch im Zeitablauf. Sie sind abhängig von den Herausforderungen, welche durch demographische, sozialstrukturelle und ökonomische Entwicklungen hervorgerufen werden.[30] Dies soll in den folgenden Ausführungen dargestellt werden.

2.2.2. Historische Grundzüge der Familienpolitik

Systematische staatlich-gesellschaftliche Versuche der Steuerung von Familienverhalten, welche jedoch nach Gerlach (2010) nicht als Familienpolitik im engeren Sinne verstanden werden können, lassen sich bis zum römischen Recht zurückverfolgen.[31] Das Familienrecht enthielt Anweisungen zur Regelung menschlichen Zusammenlebens, definierte den gesell- schaftlichen Standort, die Bedeutung der Familie und deren interne Struktur sowie Machtver- teilung.[32] Im Rahmen der Durchsetzung des Christentums trug dies zur weiteren Entwicklung von verbindlichen Vorstellungen und Vorschriften über Ehe und Familie bei.[33] Die Überlegen- heit religiös geleiteter Reflexionen und Anweisungen im Bereich von Ehe und Familie wurde erst im Hinblick der Reformation verändert, als Ehe- und Familienbelange außer durch die

Kirche auch durch den Staat geregelt wurden, was in der parallelen staatlichen und kirchlichen Eheschließung den Höhepunkt erreicht hat.[34] Durch die Einführung der obligatorischen Zivilehe hat sich die Familie und Ehe in den Rang von gesellschaftlich gesicherten, aber auch kontrollierten Institutionen erhoben.[35] Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts ging es in den familienbezogenen Maßnahmen im Wesentlichen um die Regelung der wechselseitigen Rechte und Pflichten von Ehepartner und Kindern. Die Zielsetzung dabei war die gesellschaftliche Bestandssicherung sowie die Sicherung der Herrschaftsstrukturen. Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts erfolgte nach Herlth/Kaufmann (1982) eine Beobachtung familienpolitischer Maßnahmen im Sinne einer gezielten Intervention mit den Mitteln staatlicher Politik im Interesse staatlicher Zwecke.[36] Als ein Beispiel für die Systematisierung der politischen Steuerung im Rahmen des familienbezogenen Verhaltens auf dem Weg zur Entwicklung des modernen Staates ist das Allgemeine Preußische Landrecht (APL) zu nennen. Dabei ist vor allem der Aspekt von Bedeutung, dass das APL in weiten Teilen dazu diente, einerseits die sich entwickelnde Zweiteilung von öffentlicher Herrschaft und Verwaltung und andererseits die familiale Privatsphäre durch die bindende Formulierung von materiellen Erziehungszielen gegenüber den Kindern und Leistungsinhalten zwischen den Ehepartnern zu durchbrechen. In der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Familie und Staat ergab sich mit den öko- nomischen Dynamiken des 19. Jahrhunderts und deren Konsequenzen die Entfaltung der Moderne, die Neubestimmung des Verhältnisses von Gesellschaft und Individuum sowie schließlich die Entwicklung der frühen Sozialstaatlichkeit. Diese Dynamiken bewirkten für das Individuum die Herauslösung aus traditionellen Strukturen von Sicherheit, die die klassischen Verbände wie Großfamilie, Guts- oder Dorfgemeinschaft und Zunft gewährt hatten und zwar auf der Grundlage von kollektiv gültigen Verpflichtungen zur Fürsorge. Dieser Aspekt änderte sich, als im 19. Jahrhundert der frühe Sozialstaat als Institution der Kompensation für diese traditionellen Sicherungsnetzwerke entstand. Dabei ist der deutsche Sozialstaat nach Bismarck’scher Prägung zu nennen.

[...]


[1] vgl. Gestrich 1999, S. 1

[2] vgl. Wingen 1997, S. 3

[3] vgl. Heinemann 2004, S. 14

[4] vgl. Schwab 1975, S. 299

[5] vgl. Nitschke 2001, S. 30

[6] vgl. Dienel 2002, S. 25

[7] vgl. Nipperdey 1994, S. 44

[8] vgl. Büttner 2010, S. 255

[9] vgl. Weber-Kellermann 1977, S. 11

[10] vgl. Gestrich 1999, S. 29

[11] vgl. Heinemann 2004, S. 15

[12] vgl. Gestrich 1999, S. 1

[13] vgl. Lampert 1996, S. 143

[14] vgl. Bethusy-Huc 1987, S. 1

[15] vgl. Gestrich 1999, S. 4

[16] vgl. Nonn 2007, S. 88/92

[17] vgl. Gestrich 1999, S. 5-6

[18] vgl. Nonn 2007, S. 94-95

[19] vgl. Rosenbaum 1987, S. 9; vgl. Lampert/Althammer 2001, S. 335-336

[20] vgl. Gestrich 1999, S. 2

[21] vgl. Weber-Kellermann 1977, S. 11

[22] vgl. Gerlach 2010, S. 41

[23] vgl. Wingen 1997, S. 20

[24] vgl. Dienel 2002, S. 35

[25] vgl. Textor 1991, S. 33

[26] vgl. Dienel 2002, S. 38-39

[27] vgl. Bethusy-Huc 1987, S. 13-14

[28] vgl. Gerlach 1996, S. 158

[29] vgl. Gestrich 1999, S. 88-89

[30] vgl. Mätzke 2008, S. 255-256

[31] vgl. Gerlach 2010, S. 21

[32] vgl. Hausmaninger/Selb 1985, S. 45; vgl. Wiefels/Rosen-von Hoewel 1979, S. 114

[33] vgl. Gerlach 2010, S. 21

[34] vgl. Borscheid/Teuteberg 1983, S. 22-23

[35] vgl. Gerlach 2010, S. 26

[36] vgl. Herlth/Kaufmann 1982, S. 13

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Familie im Kaiserreich und der Weimarer Republik
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung der Familie und der familienpolitischen Maßnahmen
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
32
Katalognummer
V190603
ISBN (eBook)
9783656150244
ISBN (Buch)
9783656150169
Dateigröße
731 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie, Weimarer Republik, Kaiserreich, familienpolitische Maßnahmen, Familienpolitik, bürgerliche Familie, rechtliche Grundlage, Erster Weltkrieg, Schutzbereich der Weimarer Verfassung, Gesellschaft, Institution, Wandel, Ehe, Eltern, Familienform, Geburtenrate, Bürgerliches Gesetzbuch, BGB, Krieg, Vater, Mutter, Politik, Sozialpolitik, 19. Jahrhundert, Erwerbsleben, Familienleben, Reproduktionsgemeinschaft, Mann, Frau, Kind, Kinder, Entwicklung, Familienrecht, APL, allgemeine preußische Landrecht, Weimarer Verfassung, Nipperdey, Sozialversicherungsgesetzgebung, Bismarck, Sozialversicherungen, Haushalt, Kinderprivileg, Lebensgemeinschaft, wirtschaftskrise, Eingriff, Mutterschutz, Kriegswochenhilfe, Kinderzulage
Arbeit zitieren
Carolin Bengelsdorf (Autor), 2012, Familie im Kaiserreich und der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190603

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