Um die Diskussion dieser Punkte verstehen zu können, wird darüber hinaus untersucht werden, ob die Vorwürfe Tertullians tatsächlich der Realität entsprachen, d.h. was die heidnisch-römische Historiographie im Hinblick auf die consecratio, die „rechts- und ritualmäßige Einreihung einer profanen Person … in die Kategorie des Heiligen“5 zu berichten wissen. Auf welche Art und Weise wurden die Kaiser verehrt? Ließen sich alle Kaiser zu Lebzeiten als Gottheiten verehren oder unterlag die Apotheose bzw. Konsekration dieser gewissen Einschränkungen? Zur Diskussion der in dieser Arbeit zu behandelnden Aspekte, namentlich des Kaiseropfers und –schwurs (Kapitel 2), der Hierarchie zwischen Kaiser und Gott (Kapitel 3), des Gebets Vgl. für den Kaiser (Kapitel 4) sowie der Kaisertitulatur (Kapitel 5) werden weitere zeitgenössische Apologien herangezogen. Hierzu dienen die Werke des Theophilus von Antiochia, des Athenagoras, des Origenes, des Minucius Felix sowie des Justin, die
überwiegend im stürmischen Übergang zwischen dem 2. und 3. Jahrhundert publiziert haben. Widerspricht Tertullian den Ansichten dieser Autoren oder stützen sich die mannigfaltigen Argumentationen gegenseitig? Auch die Quellen der Grundsätze in den Apologien sind eingehend zu beleuchten. Welche Gebote und Verbote finden sich in der Heiligen Schrift, welche werden durch frühe Schriften wie die Briefe des Clemens oder des Polykarp verbreitet? Letztlich ist allerdings kaum flächendeckend zu beweisen, ob die frühen Christen tatsächlich allesamt Kenntnis von den Argumentationen in den Apologien sowie den Anweisungen in den anderen christlichen Quellen hatten und letztere auch befolgten. Ein Blick in die Akten des Heiligen Polykarp, des Heiligen Apollonius und anderer zeitgenössischer Märtyrer erlaubt lediglich die Betrachtung eines (historischen) Ausschnittes der Konfrontation zwischen Christen und Heiden. Auf die quellennahe Analyse der unterschiedlichen Apologien, allen voran des Apologeticums, und deren Prüfung mit Hilfe der heidnischen Geschichtsschreibung ebenso wie der Märtyrerakten erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse, welche diese Arbeit gemeinsam mit Bildern von römischen Münzen im Anhang beschließt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Kaiseropfer und der Kaiserschwur
3. Der Kaiser und seine Konkurrenz zu anderen Gottheiten und dem christlichen Gott
4. Die religiöse und weltliche Ebene der Kaiserverehrung
5. Tertullians Haltung zur Kaisertitulatur
6. Fazit
7. Anhang
8. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Argumentationsstruktur in Tertullians Hauptwerk „Apologeticum“, um aufzuzeigen, wie der Autor die christliche Haltung gegenüber dem römischen Kaiserkult und der Verehrung des Herrschers als göttliches Wesen theologisch begründet und verteidigt.
- Die Analyse der Konfrontation zwischen christlichem Glauben und römischer Kaiserverehrung.
- Die Untersuchung der Rolle von Kaiseropfern und Kaiserschwüren als politische und religiöse Prüfsteine.
- Die Erforschung der Hierarchie zwischen dem Kaiser und dem christlichen Gott in den Apologien.
- Die kritische Betrachtung der kaiserlichen Titulatur aus der Perspektive früher Christen.
- Der Vergleich von Tertullians Argumenten mit weiteren zeitgenössischen Apologien und Märtyrerakten.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Der Druck auf die Christen in der zweiten Hälfte des zweiten ebenso wie im beginnenden dritten Jahrhundert muss spürbar groß gewesen sein: Der Briefwechsel zwischen Plinius Minor und dem damaligen Cäsaren Traian hatte bereits in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts mehr oder weniger festgelegt, dass das öffentliche Bekenntnis zum Christentum unter Strafe stand und kapitale Urteile nach sich ziehen würde. Dies trug dazu bei, dass die vormals chronische Rechtsunsicherheit, die für die Angeklagten unter Umständen von Vorteil sein konnte, bekämpft wurde. Außerdem sah sich Kaiser Septimius Severus, der um die Jahrhundertwende an der Spitze des römischen Weltreiches stand, mit innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten konfrontiert. Das Volk musste beispielsweise im Angesicht verschiedener Konkurrenten um die Führung des Reiches (z. B. Clodius Albinus in Britannien) gewonnen werden und es bedurfte auf Grund der Bedrohung der Parther im Osten dringend der Einigkeit. Eine Möglichkeit hierzu wäre unter Umständen das entschlossene Vorgehen gegen die von der römischen Gesellschaft mitunter misstrauisch beäugten Christen gewesen. Zahlreiche Quellen berichten darüber hinaus von ad hoc auftretenden, zwar lokal begrenzten, aber trotz allem bedrohlichen Fahndungen, wie jener 155 n. Chr. in Smyrna oder der in Lugdunum um 177 n. Chr., die sich gegen die unbeliebten Christen richteten.
In diese recht turbulente Zeit sind die zahlreichen Schriften des Tertullian, des Apologeten aus Nordafrika, des ersten ‚namhaften’ christlichen Autors, der in der lateinischen Sprache schrieb, zu datieren. Der rhetorisch versierte Karthager, der ca. 160 n. Chr. als Sohn eines römischen Offiziers geboren und eine juristische Ausbildung genossen hatte, machte es sich in diesen für das junge Christentum unruhigen Zeiten zur Aufgabe, um Verständnis für seinen Glauben zu werben, seine theologischen Standpunkte zu verteidigen, zu informieren oder – simpler – den brodelnden Christenhass durch Argumentation zu bekämpfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Situation der Christen im Römischen Reich um 200 n. Chr. ein und stellt Tertullian sowie sein Werk „Apologeticum“ als zentrale Quellen vor.
2. Das Kaiseropfer und der Kaiserschwur: Der Fokus liegt auf der Kritik am Zwang zu Kulthandlungen, wobei Tertullian das Opfer als glaubensloses, sinnloses Ritual ablehnt und den Kaiserschwur als unvereinbar mit dem christlichen Glauben identifiziert.
3. Der Kaiser und seine Konkurrenz zu anderen Gottheiten und dem christlichen Gott: Dieses Kapitel beleuchtet den Vergottungsprozess römischer Kaiser und die daraus resultierende Konkurrenz zwischen dem Kaiserkult und dem christlichen Glauben an den einen, wahren Gott.
4. Die religiöse und weltliche Ebene der Kaiserverehrung: Es wird untersucht, wie Christen zwar die religiöse Verehrung des Kaisers ablehnten, aber dennoch bereit waren, im Sinne der Schrift für ihn zu beten und ihren bürgerlichen Pflichten nachzukommen.
5. Tertullians Haltung zur Kaisertitulatur: Tertullian klassifiziert verschiedene kaiserliche Titel und lehnt solche mit religiöser Konnotation ab, da diese den Kaiser unzulässigerweise in die Nähe Gottes rücken.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die konsequente Ablehnung der Kaiserverehrung durch die Apologeten bei gleichzeitigem Respekt vor der weltlichen Autorität.
Schlüsselwörter
Tertullian, Apologeticum, Kaiserkult, Kaiseropfer, Kaiserschwur, Apotheose, Christentum, Römisches Reich, Religionsgeschichte, Märtyrerakten, Götter, Verehrung, Apologetik, Kaiser, Titulatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Einstellung der frühen Christen, insbesondere repräsentiert durch Tertullian, gegenüber der römischen Kaiserverehrung und den daraus resultierenden Konflikten im 2. und 3. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen den Kaiserkult (Opfer und Schwüre), die christliche Auffassung von politischer Autorität vs. religiöser Verehrung, die Hierarchie zwischen Gott und Kaiser sowie die Titulatur der Herrscher.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Argumentationsstruktur in Tertullians „Apologeticum“ aufzuzeigen und zu verstehen, wie Christen ihre Weigerung zur Kaiserverehrung theologisch begründeten, ohne ihre bürgerliche Loyalität aufzugeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quellenkritische Analyse, die Tertullians Schriften sowie weitere zeitgenössische Apologien und Märtyrerakten heranzieht und diese durch heidnische Geschichtsschreibung sowie biblische Quellen kontextualisiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Problematik des Kaiseropfers und -schwurs, die Konkurrenz zwischen göttlichem Anspruch des Kaisers und dem christlichen Gott, die Bedeutung des Gebets für den Herrscher sowie die Bewertung kaiserlicher Titel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Tertullian, Apologeticum, Kaiserkult, Apotheose, Märtyrerakten, christliches Selbstverständnis und die Konfrontation mit heidnischen Ritualen.
Wie begründeten die Christen ihre Ablehnung des Opfertests?
Sie beriefen sich primär auf die Heilige Schrift, die den Götzendienst und die Anbetung von Gottmenschen strikt untersagt, wobei Tertullian zudem argumentierte, dass ein erzwungenes Opfer ohne Glauben ohnehin wertlos sei.
Welche Unterscheidung traf Tertullian bei der Anrede des Kaisers?
Er unterschied zwischen einer akzeptablen weltlichen Anrede (wie „Imperator“) und der blasphemischen, religiösen Titulatur (wie „Deus“ oder „Dominus“ in sakralem Sinne), die seiner Meinung nach ausschließlich Gott gebührt.
- Citar trabajo
- Patrick Schmitz (Autor), 2010, Die Apotheose der Cäsaren als Konfrontationspunkt zwischen Christen und Heiden – Tertullian über den römischen Kaiserkult, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190618