Reinterpretation einer Biographie „Lebenslauf“

Alice Schwarzer und die neue Frauenbewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

20 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

INHALTSVEREZICHNIS

1. EINLEITUNG

2. ALICE SCHWARZER: EINE KURZE DARSTELLUNG IHRES LEBENS
2.1 KINDHEIT UND JUGEND IN WUPPERTAL
2.2 AUSBILDUNG
2.3 AU-PAIR IN PARIS
2.4 VOLONTARIAT BEI DEN DÜSSELDORFER NACHRICHTEN
2.5 DIE 68ER
2.6 ENGAGEMENT IN DER FRAUENBEWEGUNG
2.7 DER ABTREIBUNGSPARAGRAPH
2.8 DER KLEINE UNTERSCHIED UND SEINE GROßEN FOLGEN - AUCH FÜR ALICE SCHWARZER

3. THEORETISCHE KONZEPTE DER BIOGRAPHIEFORSCHUNG
3.1 WOLFGANG FISCHER / MARTIN KOHLI: NORMALBIOGRAPHIE ALS ORIENTIERUNGSMUSTER
3.2 MARIE JAHODA: EMOTIONALE UND INTELLEKTUELLE INVESTITIONEN
3.3 PETER SLOTERDIJK: STÖR-ERFAHRUNGEN
3.4 HERMANN LÜBBE: WAS HEIßT„DAS KANN MAN NUR HISTORISCH ERKLÄREN“?
3.5 HEINZ BUDE: DER FALL UND DIE THEORIE
3.6 ANSELM STRAUSS: DIE BEDINGUNGSMATRIX

4. DIE FRAUENBEWEGUNG IN FRANKREICH UND IN DEUTSCHLAND
4.1 VORAUSSETZUNGEN FÜR DIE FRAUENBEWEGUNG

5. THEORETISCHE SCHLÜSSE
5.1 ANWENDUNG DER BEDINGUNGSMATRIX AUF SCHWARZER UND IHR ENGAGEMENT IN DER FRAUENBEWEGUNG
5.2 ALICE SCHWARZER UND NONKONFORMITÄT
5.3 THEORETISCHE SCHLÜSSE AUS DEM EINZELFALL ALICE SCHWARZER
5.4 ALICE SCHWARZER UND DIE NORMALBIOGRAPHIE
5.5 STÖRERFAHRUNGEN IN ALICE SCHWARZERS LEBEN
5.6 HISTORISCHE ERKLÄRUNG FÜR DEN BEGINN DER FRAUENBEWEGUNG

6. ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNG
6.1 WAS HAT ALICE SCHWARZER GEFORMT?
6.2 MIT WELCHEN ERFAHRUNGEN BZW. LEBENSERSCHÜTTERUNGEN WAR SIE KONFRONTIERT?
6.3 WIE IST ES IHR GELUNGEN, GEGENÜBER DOMINANTEN ZEITSTRÖMUNGEN IHRE UNABHÄNGIGKEIT ZU BEWAHREN?

8. LITERATURVERZEICHNIS

9. WEITERFÜHRENDE LITERATUR

1. EINLEITUNG

Die Frauenfrage ist heute so aktuell wie vor etwa 40 Jahren, als sich in den westeuropäischen Ländern die sogenannte „neue Frauenbewegung“ formierte. Heute sind die Forderungen und Thematiken teilweise die gleichen, manche gerieten in Vergessenheit, andere wurden neu hinzugefügt - die Anliegen der Frauen verändern sich mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext und den vorherrschenden Lebensentwürfen. Alice Schwarzer ist eine Persönlichkeit, die aus der neuen Frauenbewegung nicht wegzudenken ist, sie hat mit ihrem gesellschaftlichen und politischen Engagement in den vergangenen 40 Jahren immer wieder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen. Mit ihren Äußerungen und Stellungnahmen bezieht sie oft extreme Positionen und bewegt damit die öffentlichen Debatten zu Themen wie Abtreibung oder Kopftuchverbot.

Der erste Teil dieser Arbeit umreißt kurz das Leben von Alice Schwarzer, anschließend werden theoretische Konzepte zur Bearbeitung von Biographien vorgestellt und dann wird auf die spezifische Situation von Frauen und die Frauenbewegungen in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland eingegangen. Schließlich sollen die Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln zusammengeführt werden, um folgende Fragestellungen zu beantworten: Was hat Alice Schwarzer geformt? Mit welchen Erfahrungen und Lebenserschütterungen war sie konfrontiert? Wie ist es ihr gelungen, gegenüber den dominanten Zeitströmungen eine relative Unabhängigkeit zu bewahren? Diese Fragestellungen zielen auf die zentrale Problematik in der Soziologie, wie individuelles Handeln und gesellschaftliche Strukturen bzw. Zwänge zusammenwirken. Ich möchte versuchen, das Leben von Alice Schwarzer vor allem im Kontext des Spagats zwischen politischem Engagement und wissenschaftlichem Arbeiten thematisieren, weil sie ein hervorragendes Beispiel für dieses Phänomen darstellt. In der Soziologie ist es auch von Interesse, wie sich das Wechselverhältnis zwischen Theorie und Praxis darstellt. Am Beispiel von Alice Schwarzer ist dies gut festzumachen.

2.ALICE SCHWARZER:EINE KURZE DARSTELLUNG IHRES LEBENS

Die Autobiographie „Lebenslauf“ behandelt die erste 14 Kapiteln des Lebens von Alice Schwarzer, von ihrer Geburt bis ins Jahre 1977. Aus diesem Grund werde ich mich auch in vorliegender Arbeit auf diesen zeitlichen Abschnitt konzentrieren, und nur wenn wirklich nötig, auf spätere Ereignisse verweisen.

2.1 KINDHEIT UND JUGEND IN WUPPERTAL

Alice Schwarzer wurde 1943 in Wuppertal geboren und wuchs bei ihren Großeltern auf. Sie schreibt, dass ihr Großvater weitgehend die Funktion der Mutter übernommen hat. Er war ein sehr „mütterlicher Großvater“ (Schwarzer 2011: 56). Ihre Mutter war in ihrer Kindheit weitgehend abwesend und ist nur zu besonderen Anlässen oder für Unternehmungen aufgetaucht. Die Großmutter entsprach im alltäglichen Leben und im Haushalt nicht der Rolle, die einer Frau in dieser Zeit zugedacht war. Sie war eher die politisch Interessierte und dominierte die Gesprächsthemen bei den gemeinsamen Essen. Schwarzer war schon sehr bald selbstständig. In der Abwesenheit ihres Großvaters schmiss sie schon im Alter von 5 Jahren den Haushalt, ging einkaufen und kümmerte sich um die Großmutter, die sie „Mama“ nannte (vgl. ebd.: 34f). Schwarzer stellt in ihrem Buch die These auf, dass ihre frühe Kindheit eine prägende Wirkung auf ihre VermittlerInnen-Rolle zwischen dem Rand und der Mitte der Gesellschaft hatte (vgl. ebd.: 36).

2.2 AUSBILDUNG

Nach ihrer Schulzeit wollte Schwarzer Architektin werden, doch dieser Weg blieb ihr verwehrt. Weil sie für die Ausbildung eine Schreinerlehre hätte absolvieren müssen, und in dem Schreinerbetrieb, bei dem sie sich bewarb, keine Damentoilette vorhanden war, musste sie einen anderen Weg einschlagen. Aus diesem Grund und der damit einhergehenden Orientierungslosigkeit absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete einige Jahre in diesem Bereich. Zu dieser Zeit war vor allem die Mädchenclique von großer Bedeutung für sie, mit der sie Unternehmungen machte, die Abende verbrachte und das erste Mal auf Urlaub fuhr. Im Alter von 19 Jahren hatte sie ihre erste Beziehung, welche eher schlecht endete: Sie floh zweimal vor ihrem Partner, schließlich ins Ausland. Dies entschied sie, nachdem sie von ihm misshandelt worden war. Erst Jahre später erinnerte sie sich wieder an jene Vorfälle, die sie verdrängt hatte. Eigentlich wollte sie auf die Journalistenschule gehen, doch dafür hätte sie das Abi nachholen müssen. Da sie sich das nicht hätte finanzieren können, beschloss sie, für zwei Jahre nach Paris zu gehen und sich von dort aus zu bewerben (vgl. Schwarzer 2011: 101).

2.3 AU-PAIR IN PARIS

Schwarzer kam im Alter von 21 Jahren nach Paris, um als Au-pair Mädchen zu arbeiten und eine Sprachschule zu besuchen. Mit den ersten Familien hatte sie nicht viel Glück und musste oft ihren Arbeitsplatz wechseln. Doch schließlich fand sie ein junges Künstlerpaar, bei dem sie sich wohl fühlte. Sie begleitete sie auch auf Reisen und Unternehmungen und achtete auf deren Kinder. Schon in dieser Zeit begann Schwarzer zu schreiben, sie bereitete sich auf die Bewerbung zu einem Volontariat bei einer deutschen Zeitung vor. Von Paris aus bewarb sie sich bei der „Frankfurter Rundschau“ und bekam nach einem Bewerbungsgespräch den Job. Schon nach einer kurzen Zeit in der Lokal-Abteilung konnte sie in andere Ressorts wechseln und täglich Artikel zu verschiedenen Themen veröffentlichen (vgl. ebd.: 107ff).

2.4 VOLONTARIAT BEI DEN DÜSSELDORFER NACHRICHTEN

Im Februar 1966 begann Schwarzer ihr Volontariat in der Lokalredaktion der Düsseldorfer Nachrichten. In den zwei Jahren bei dieser Zeitung wohnte Schwarzer wieder bei ihrer Mutter, da sie dort noch ein Zimmer hatte. An den Wochenenden kümmerte sich Schwarzer um die alternden Großeltern, welchen das Leben immer beschwerlicher wurde. Von Beginn an schrieb Schwarzer jeden Tag einen Artikel, manchmal mehrere. Schon nach wenigen Monaten begann sie in der Redaktion in Mönchgladbach zu arbeiten, so wie sie es angestrebt hatte. Dort beginnt sie sich mit Frauenthemen zu befassen. Einen für ihre weitere Laufbahn wichtigen Artikel verfasste die junge Schwarzer über Prostituierte, die von da an Steuern zahlen sollten. Schwarzer fand diese neue Regelung zweifelhaft, da diese Frauen auch nicht die vollen BürgerInnenrechte genossen. Am darauffolgenden Tag wollte die Bordellbesitzerin gemeinsam mit Schwarzer eine Zeitschrift für prostituierte herausgeben, Schwarzer war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht so weit. Wie sie aber im Nachhinein feststellte, lag bereits damals Emanzipation in der Luft. Mit ihrem Freund Bruno, der in Frankreich geblieben war, schrieb sie täglich Briefe; in den Ferien trafen sie sich in Deutschland und Frankreich. Ihre Familie begrüßte die Beziehung der beiden, doch seine Familie protestierte heftig gegen diese Verbindung, da sie der Meinung waren, dass Schwarzer keine passende Frau für den werdenden Rechtsanwalt darstellte (vgl. ebd.: 127ff).

Die Politik war schon immer ein leidenschaftliches Thema zwischen Alice und Bruno gewesen. Sie interessierten sich für Mao in China, die Kulturrevolution, Literatur und Medienrecht sowie Theater. Die „Publikumsbeschimpfung“ von Handke erregte zu dieser Zeit große Aufmerksamkeit. Schwarzer entwickelte den Wunsch zu studieren. Deshalb wollte sie das Abi nachholen. Weiters setzte sie alles daran, in den Volontärkurs von Professor Emil Dovifat zu kommen, obwohl dies bei den Düsseldorfer Nachrichten schon seit Jahren nicht mehr üblich gewesen war. Schließlich kam Schwarzer in die Zentralredaktion, wo sie wieder im Lokalteil zu schreiben begann. Doch schon bald wechselte sie in die Ressorts Politik, Feuilleton und schließlich in die Frauenredaktion, was ihr wenig Freude bereitete. Ihr wurde die Arbeit bei den Düsseldorfer Nachrichten zu langweilig und sie begann, sich bei anderen Zeitungen zu bewerben. Anfangs bekam sie aber nur Absagen (vgl. ebd.: 134ff).

2.5 DIE 68ER

Schwarzer war bei diversen Protesten zu Beginn der Bewegung dabei. Sie fuhr mit KollegInnen nach Prag, um den „Prager Frühling“ aus der Nähe anzusehen. In Deutschland und Frankreich erlebten die ersten Proteste große mediale Aufmerksamkeit und Schwarzer beschloss ihren Arbeitsplatz zu wechseln. „ Der Motor meines Handelns ist die Gerechtigkeit “ (ebd.: 157) schrieb Schwarzer in einem Brief an ihren Bruno. Zu dieser Zeit entdeckte Schwarzer die Schriften Simone de Beauvoirs, begeistert war sie vor allem von „Das andere Geschlecht“. Die dargelegten Einstellungen entsprachen genau ihren eigenen. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch nicht ahnen, dass sie diejenige sein würde, die biographische Interviews mit der bekannten Feministin durchführen würde.

2.6 ENGAGEMENT IN DER FRAUENBEWEGUNG

Zurück in Paris beteiligte sich Schwarzer an den Protesten der wütenden Frauen. Sie war direkt in der Keimzelle der Feministinnen unterwegs und an der Entstehung der neuen Frauenbewegung maßgeblich beteiligt. Schwarzer wurde Teil der „Neuen Frauenbewegung“, dessen Zentrum gewissermaßen die Wohnung von Schwarzer und ihrem Lebensgefährten Bruno wurde. Sie beherbergten unzählige Aktivistinnen, veranstalteten Diskussionsrunden und Aktivitäten, nahmen an Protestmärschen teil und mischten die öffentliche Debatte der Frauenthematik auf (vgl. ebd.: 157ff).

Auf Anregung eines französischen Arztes beschlossen Schwarzer und ihre Kolleginnen, eine öffentliche Darstellung von Frauen vorzunehmen, die illegal abgetrieben hatten. Zu dieser Zeit war Abtreibung sowohl für die betroffene Frau als auch den ausführenden Arzt ein Verbrechen. Schließlich wurde eine Presseaktion realisiert, die eine Unterschriftenliste von berühmten Französinnen, die sich zu einer Abtreibung bekannten, veröffentlichte. Dies verursachte großen medialen und politischen Aufruhr in Frankreich. Inspiriert von der Aktion in Frankreich wurde nun die Idee von Schwarzer nach Deutschland transportiert. Dort erfuhr die Aktion sogar noch mehr öffentliche Aufregung und Aufmerksamkeit. In Deutschland stellt diese Aktion den Beginn der deutschen Frauenbewegung dar, was als sehr besonderes Phänomen zu betrachten ist, weil soziale Bewegungen im Normalfall kein eindeutiges Anfangsdatum verzeichnen können (vgl. ebd.: 235ff).

2.7 DER ABTREIBUNGSPARAGRAPH

Die wohl erste große öffentliche Investition Schwarzers in ein gesellschaftliches Anliegen war die Organisation der Aktion gegen den Abtreibungsparagraphen in Deutschland. Sie investierte nicht nur viel Zeit, Geld und Energie, sondern riskierte gewissermaßen auch ihre Zukunft als Journalistin. Wie sie später erfahren wird, stand ihr öffentliches Engagement für den Feminismus in ihrem Weg, als Journalistin für den „Stern“ zu arbeiten. Wegen ihrer politischen Ansichten und Aktivitäten lehnten einige Mitarbeiter vom „Stern“ eine Zusammenarbeit mit ihr ab. Aus diesem Grund musste sie auf die ihr angebotene Stelle verzichten.

2.8 DER KLEINE UNTERSCHIED UND SEINE GROßEN FOLGEN - AUCH FÜR ALICESCHWARZER

Im Jahre 1974 veröffentlichte Alice Schwarzer das Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“, in welchen sie einen radikalen Gleichheitsfeminismus vertrat. Das Buch schlug ein wie eine Bombe. Es wurden Millionen Exemplare verkauft und bis heute in über 15 Sprachen übersetzt. Mit dem Verkaufserlös ihres Buches hatte Schwarzer genug Kapital zur Verfügung, um eine eigene Zeitschrift zu gründen. Es sollte nicht die erste feministische und gesellschaftskritische Frauenzeitschrift in Deutschland werden, wohl aber die konsequenteste und beständigste. Bis heute erscheint „Emma“ und wird von Alice Schwarzer herausgegeben. Die Rolle dieser Zeitschrift in der deutschen Medienlandschaft wie auch in der politischen Öffentlichkeit ist nicht zu unterschätzen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Reinterpretation einer Biographie „Lebenslauf“
Untertitel
Alice Schwarzer und die neue Frauenbewegung
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz  (Institut für theoretische Soziologie und Sozialanalysen )
Veranstaltung
SE Theoriewerkstatt: Theorierezeption und Theorieproduktion Theoretisierung von Biographie und Erzählung
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V190646
ISBN (eBook)
9783656150848
ISBN (Buch)
9783656151661
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reinterpretation, biographie, lebenslauf, alice, schwarzer, frauenbewegung
Arbeit zitieren
Felicitas Egger (Autor), 2012, Reinterpretation einer Biographie „Lebenslauf“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190646

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