„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ heißt es im deutschen Grundgesetz Artikel 20, Absatz 2. Dieser Grundsatz kann in einer modernen, liberalen westlichen Demokratie nur durch Wahlen umgesetzt werden, bei denen das Volk seine Repräsentanten selbst wählt. Ziel einer Demokratie muss also sein, die wahren Präferenzen der Bürger möglichst genau zu erfassen und diese in Politik im Interesse der Bürger umzusetzen. Dementsprechend sollte es auch die Bundesrepublik Deutschland (BRD) anstreben, bei Wahlen, insbesondere bei solchen auf Bundesebene zum deutschen Bundestag, den Wählerwillen im Parlament widerzuspiegeln.
Während sich viele wissenschaftliche Abhandlungen mit der konkreten Umsetzung von Wählerstimmen in Parlamentsmandate befassen, wird zumeist die Transformation von politischen Präferenzen in Wählerstimmen auf individueller Bürgerebene vernachlässigt. Ist ein Wähler zum Beispiel Anhänger der SPD und befürwortet ein rot-grünes Regierungsbündnis auf Bundesebene, so kann er entsprechend seiner Präferenz bei den Bundestagswahlen für die SPD votieren. Geht die SPD jedoch nach der Wahl eine Koalition mit der CDU/CSU ein, da es im Parlament nicht für eine rot-grüne Mehrheit gereicht hat, so hat der Wähler letztendlich durch seine Stimme eine Regierungskoalition unterstützt, die er unter Umständen als nicht wünschenswert erachtet hätte. Jedoch blieb ihm keine andere Möglichkeit, seine politischen Präferenzen mittels Zweitstimmenabgabe „genauer“ zum Ausdruck zu bringen. Dies ist jedoch nur ein Beispiel von vielen denkbaren, warum das deutsche Bundestagswahlrecht mittels einer Wahlrechtsreform „demokratischer“ gemacht werden sollte. Offensichtlich spielen bei bundesdeutschen Wahlen zunehmend strategische Überlegungen seitens der Wähler eine Rolle, so dass in der vorliegenden Arbeit ein Vorschlag erarbeitet wurde, wie das deutsche Bundestagswahlrecht reformiert werden kann, um es (noch) demokratischer zu machen. Ausgangspunkt sind hierbei normative Überlegungen, wonach es für eine Demokratie bedeutsam ist, wie die Bürger ihre politischen Interessen und Einstellungen in Wahlstimmen ausdrücken können, sowie wie diese Wahlstimmen verrechnet und in entsprechende Parlamentsmandate übersetzt werden. Damit das Volk regieren kann und politische Herrschaft so weit wie möglich legitim ist, sollte die Herrschaft alle politischen Interessen und Präferenzen entsprechend ihres gesellschaftlichen Einflusses bündeln und zum Wohle des Volkes verwirklichen. (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Problematisierung
2. Von der Herrschaft des Volkes zur Volksrepräsentation: Zur Bedeutung von Wahlen in der repräsentativen Demokratie
2.a. Wahlen als Grundpfeiler der modernen Demokratie
2.b. Übertragung von Präferenzen in politische Macht: Wahlsysteme und Wahlsystemeffekte
3. Zwischen Bewährtem und Reformiertem: Die Verwirklichung politischer Präferenzen des deutschen Wahlbürgers auf Bundesebene mittels Wahlen und Wahlsystem
4. Bewährtes ohne Mängel? Das Bundestagswahlsystem auf dem Prüfstand
4.a. Der Wähler als homo oeconomicus: Ein theoretischer Erklärungsansatz des rationalen Wählens nach Anthony Downs
4.b. Wählen entgegen dem Sinn der Demokratie? Verfälschte Präferenzartikulation durch strategisches Wahlverhalten
4.c. Von der „Enge der Zweitstimme“ zu Reformvorschlägen auf dem Abstellgleis: Defizite des bundesdeutschen Wahlsystems und bisherige Versuche diese zu beseitigen
5. Genauere Wählerpräferenztransmission zur Korrektur eines defizitären Wahlsystems? Ein Vorschlag zur Modifikation des Wahlrechts auf Bundesebene
5.a. Die Idee: Verbesserte Erfassung von parteipolitischen Präferenzen mit Hilfe eines Systems des Kumulierens und Panaschierens von Zweitstimmen
5.b. Die Effekte: Theoretische Auswirkungen und „Mehr Demokratie“ durch eine Wahlrechtsreform?
5.c. Die Umsetzung: Von der Wählerpräferenz zum Parlamentsmandat
6. Zwischen Kongruenzen und Divergenzen: Empirische Analysen zu Einstellungen von Wählern und Parteien bezüglich des Vorschlags zur Bundestagswahlsystemreform
6.a. Der Wähler, Wahlen und Wahlrechtsreform: Von Defiziten des Wahlsystems auf Bundesebene zur Modifikation
6.b. Von Diskrepanzen und Übereinstimmung: Theorie und Empirie im Vergleich
6.c. Zwischen Machtpolitik und Demokratienorm: Die deutschen Parteien und ihre Einstellungen zu Wahlen, Wahlsystem und Wahlrechtsreform
7. Reform ohne Makel? Mögliche Probleme, Schwächen und Herausforderungen der vorgeschlagenen Wahlsystemmodifikation
8. Defizite oder ein „Mehr an Demokratie“? Zusammenfassung und Fazit
8.a. Von der Wählerpräferenz zu Herausforderungen einer möglichen Reform: Eine abschließende Zusammenfassung der Erkenntnisse
8.b. „Mehr Demokratie“ trotz Bedenken: Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das deutsche Bundestagswahlrecht modifiziert werden sollte, um politische Präferenzen der Bürger präziser zu erfassen und das Wahlsystem demokratischer zu gestalten, indem Möglichkeiten zur differenzierteren Stimmabgabe (Kumulieren und Panaschieren von Zweitstimmen) eingeführt werden.
- Analyse der Bedeutung von Wahlen in der repräsentativen Demokratie
- Kritische Überprüfung des aktuellen Bundestagswahlrechts und dessen Defizite
- Entwicklung und theoretische Begründung eines Reformmodells zur Stimmabgabe
- Empirische Untersuchung der Einstellungen von Wählern und Parteien zum Vorschlag
- Diskussion möglicher Herausforderungen und Schwächen der vorgeschlagenen Reform
Auszug aus dem Buch
b. Übertragung von Präferenzen in politische Macht: Wahlsysteme und Wahlsystemeffekte
Wahlsysteme können einem engen Konzept zufolge folgendermaßen bezeichnet werden: Sie beinhalten „den Modus, nach welchem die Wähler ihre Partei- und/oder Kandidatenpräferenz in Stimmen ausdrücken und diese in Mandate übertragen werden“. Also einerseits das Verfahren, mit welchem die Wähler ihre politischen Präferenzen in einem ersten Schritt in Wahlstimmen übersetzen können, und andererseits Regeln, nach welchen die Wählerstimmen über die Vergabe von Parlamentsmandaten und politischen Ämtern entscheiden. Beim Wahlrecht handelt es sich also immer auch um technisches Recht, wobei naturgemäß Zielkonflikte auftreten zwischen der Sicherung stabiler Mehrheiten im Parlament auf der einen Seite (Mehrheitswahlsysteme) und dem Wunsch nach einer getreuen Abbildung der Interessen Wählerschaft (Verhältniswahlsysteme) auf der anderen.
Darüber hinaus kann es vorkommen, dass Wahlsysteme gewisse Verzerrungseffekte bei der Stimmenverrechnung mit sich bringen. So ist es möglich, dass unter bestimmten Umständen Minderheiten in der Wählerschaft mit Mehrheiten im Parlament und somit auch gesetzgeberische Kompetenzen belohnt werden, so dass diese Minderheiten der Wahlbürgerschaft erheblichen Einfluss auf Funktionslogik und Legitimität des politischen Systems haben. Über Eigenschaften des Wahlsystems wird also auch die Qualität der Demokratie determiniert. Denn es ist sicherlich dem Grundgedanken der Demokratie entgegengesetzt, dass Mängel beim Wahlsystem Präferenzen der Gesamtgesellschaft verwässert und verzerrt in das politische System transformieren. Das Wahlsystem kann somit den Ausschlag dafür geben, welche Partei an die Regierungsmacht kommt und welche die Rolle der Opposition einnehmen muss, wobei schon äußerst geringfügige Variationen der Verfahren, welche individuelle Präferenzen in Kollektiventscheidungsregeln übersetzen sollen, höchst unterschiedliche Ergebnisse mit sich bringen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problematisierung: Die Einleitung beleuchtet die normative Zielsetzung, den Wählerwillen präziser abzubilden, und identifiziert Mängel im deutschen Wahlsystem sowie strategische Überlegungen als Grund für Reformbedarf.
2. Von der Herrschaft des Volkes zur Volksrepräsentation: Zur Bedeutung von Wahlen in der repräsentativen Demokratie: Dieses Kapitel ordnet Wahlen systemtheoretisch in die repräsentative Demokratie ein und erläutert die grundsätzlichen Funktionen und Unterschiede von Wahlsystemen.
3. Zwischen Bewährtem und Reformiertem: Die Verwirklichung politischer Präferenzen des deutschen Wahlbürgers auf Bundesebene mittels Wahlen und Wahlsystem: Übertragung der allgemeinen Erkenntnisse auf die deutsche Verfassungsstruktur und Skizzierung der historischen Entwicklung sowie Grundzüge des heutigen Wahlsystems.
4. Bewährtes ohne Mängel? Das Bundestagswahlrecht auf dem Prüfstand: Kritische Analyse des bestehenden Systems, wobei insbesondere rationale Wahlkalküle und strategische Effekte anhand der Theorie von Anthony Downs untersucht werden.
5. Genauere Wählerpräferenztransmission zur Korrektur eines defizitären Wahlsystems? Ein Vorschlag zur Modifikation des Wahlrechts auf Bundesebene: Vorstellung eines konkreten Reformmodells, das Kumulieren und Panaschieren auf Ebene der Parteilisten ermöglicht, um die Präferenztransmission zu verbessern.
6. Zwischen Kongruenzen und Divergenzen: Empirische Analysen zu Einstellungen von Wählern und Parteien bezüglich des Vorschlags zur Bundestagswahlsystemreform: Empirische Überprüfung der theoretischen Annahmen mittels einer Stichprobenbefragung von Studierenden sowie Erfassung der Positionen einzelner Abgeordneter.
7. Reform ohne Makel? Mögliche Probleme, Schwächen und Herausforderungen der vorgeschlagenen Wahlsystemmodifikation: Diskussion potenzieller Hindernisse, wie Komplexitätserhöhung, Risiko einer Parteienzersplitterung und die geringen Realisierungsaussichten aufgrund machtpolitischer Interessen.
8. Defizite oder ein „Mehr an Demokratie“? Zusammenfassung und Fazit: Abschließende Synthese der theoretischen und empirischen Erkenntnisse mit dem Fazit, dass das vorgeschlagene Modell Mängel verringern und zu mehr Demokratie führen könnte.
Schlüsselwörter
Wahlrechtsreform, Wahlsystem, repräsentative Demokratie, Wählerpräferenzen, Strategisches Wählen, Zweitstimme, Kumulieren, Panaschieren, Bundestagswahl, Politische Legitimität, Stimmensplitting, Verhältniswahl, Mehrheitsprinzip, Parteiensystem, Demokratiedefizit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das aktuelle deutsche Bundestagswahlrecht und analysiert, inwieweit dieses durch eine Reform „demokratischer“ gestaltet werden kann, um Wählerpräferenzen präziser abzubilden.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Verfasser?
Zentrale Themenfelder sind die Funktionsweise von Wahlsystemen, die Rolle des Wählers als „homo oeconomicus“ in der Theorie von Anthony Downs, das Phänomen des strategischen Wählens sowie die empirische Analyse von Wählereinstellungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob durch eine modifizierte Ausgestaltung des Wahlsystems auf Bundesebene – speziell durch Möglichkeiten des Kumulierens und Panaschierens – ein „Mehr an Demokratie“ in Deutschland erreicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es werden sowohl politikwissenschaftliche Theorien (u.a. Rational-Choice-Ansatz) analysiert als auch eine empirische Stichprobenuntersuchung (Fragebogenerhebung unter Studierenden) durchgeführt, um Einstellungen zu belegen oder zu verwerfen.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich mit den Mängeln des aktuellen Wahlsystems (z.B. „Enge der Zweitstimme“, Überhangmandate), entwickelt einen Reformvorschlag zur verbesserten Präferenztransmission und diskutiert dessen Umsetzbarkeit.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Schlagworte sind: Wahlrechtsreform, repräsentative Demokratie, strategisches Wählen, Wählerpräferenzen, Kumulieren und Panaschieren.
Wie bewerten die untersuchten Politiker den Vorschlag?
Die befragten Abgeordneten zeigen unterschiedliche Haltungen: Vertreter kleinerer Parteien sind dem Reformvorschlag gegenüber tendenziell aufgeschlossener als der befragte Abgeordnete der SPD, der das aktuelle System für ausreichend hält.
Welches Fazit zieht der Autor bezüglich der praktischen Umsetzbarkeit?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Aussichten auf eine gesetzliche Implementierung eher als unrealistisch einzustufen sind, da die großen Parteien bei einer solchen Reform tendenziell eher machtpolitische Nachteile befürchten.
- Quote paper
- Christopher Schappert (Author), 2011, Mehr Demokratie mittels einer Wahlrechtsreform auf Bundesebene in der Bundesrepublik Deutschland?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190666