In der vorliegenden kulturwissenschaftlichen Arbeit wird ein umfassender Vergleich zwischen den Erinnerungskulturen Spaniens in Bezug auf die Franco-Diktatur (1939 – 1975) und Deutschlands in Bezug auf die DDR (1949 – 1990) gezogen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Erinnerung an die 1990 zu Ende gegangene DDR sich schon an der Schwelle zur Vergangenheitsbewahrung befindet, d.h. die aktive Auseinandersetzung mit dem SED-Staat scheint in Deutschland weitgehend abgeschlossen zu sein, während in Spanien um die franquistische Vergangenheit – obwohl Diktator Francisco Franco bereits Ende 1975 starb – noch heftige Kämpfe ausgefochten werden, sich das Land also mitten in der Vergangenheitsbewältigung befindet. Allerdings soll es vordergründig nicht darum gehen, den ´Fortschritt´ des jeweiligen Umgangs mit der vergangenen Diktatur zu beurteilen, sondern anhand verschiedener Parameter einen differenzierten Einblick in das jeweilige kollektive Gedächtnis zu gewinnen und einen thematisch-inhaltlichen Vergleich zu ermöglichen. Durch die Kontrastierung soll ein tieferes Verständnis für die Eigenart der jeweiligen Erinnerung gewonnenen und Parallelen und Unterschiede herausgearbeitet werden. Abschließend ist auch zu bewerten, wie es um das Potential der derzeitigen kollektiven Erinnerung für ein nachhaltiges Fortwirken im kulturellen Gedächtnis der jeweiligen Gesellschaft bestellt ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Die Bedeutung der kollektiven Erinnerung
2 Erinnerungstheorien und –methodik
2.1 Jan und Aleida Assmann: Das kulturelle Gedächtnis
2.2 Harald Welzer: Das soziale Gedächtnis
2.3 Pierre Nora: Erinnerungsorte
2.4 Astrid Erll: Die Rhetorik der Erinnerung
3 Erinnerungskultur
4 Die Forschung zur Erinnerung an DDR und Franco-Regime
4.1 Deutschland
4.2 Spanien
4.3 Kritik und Vergleich
5 Der Übergang in die Demokratie
5.1 Die Wende
5.2 Die transición
6 Die Erinnerungskulturen im Vergleich
6.1 Dynamik der Entwicklung und besondere Phänomene
6.1.1 Vom eifrigen Blick in die Stasi-Akten zu Ostalgie und Verblassen
6.1.2 Vom pacto de olvido zur recuperación de la memoria und ola de recuerdo
6.1.3 Kritik und Vergleich
6.2 Politische und strafrechtliche Aufarbeitung
6.2.1 In Deutschland
6.2.2 In Spanien
6.2.3 Kritik und Vergleich
6.3 Wissenschaft
6.3.1 DDR
6.3.1.1 Stand der Forschung
6.3.1.2 Institutionen
6.3.2 Spanien
6.3.2.1 Stand der Forschung
6.3.2.2 Institutionen
6.3.3 Kritik und Vergleich
6.4 Die Bedeutung der privaten Initiativen
6.4.1 In Deutschland
6.4.2 In Spanien
6.4.3 Kritik und Vergleich
6.5 Die Rolle im Geschichtsunterricht
6.5.1 In Deutschland
6.5.2 In Spanien
6.5.3 Kritik und Vergleich
6.6 (Dis)kontinuität der Diktatur-Symbolik im öffentlichen Raum
6.6.1 In Deutschland
6.6.2 In Spanien
6.6.3 Kritik und Vergleich
6.7 Gedenkstätten, Ausstellungen und Museen
6.7.1 In Deutschland
6.7.2 In Spanien
6.7.3 Kritik und Vergleich
6.8 Konzentrierte Erinnerung: Gedächtnisorte
6.8.1 In Deutschland
6.8.1.1 Die Stasi
6.8.1.2 Die Mauer
6.8.1.3 Der Trabbi
6.8.1.4 Wolf Biermann
6.8.2 In Spanien
6.8.2.1 Guernica
6.8.2.2 El Valle de los Caídos
6.8.2.3 Seat 600
6.8.2.4 Manuel Vázquez Montalbán
6.8.3 Kritik und Vergleich
6.9 Der Blick zurück im Kino
6.9.1 In Deutschland
6.9.2 Beispiel Das Leben der Anderen
6.9.2.1 Die Form der Erinnerung im Film (nach Erll)
6.9.2.2 Rezeption im Kontext der zeitgenössischen Erinnerungskultur
6.9.3 In Spanien
6.9.4 Beispiel Salvador Puig Antich
6.9.4.1 Die Form der Erinnerung im Film (nach Erll)
6.9.4.2 Rezeption im Kontext der zeitgenössischen Erinnerungskultur
6.9.5 Kritik und Vergleich
7 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Magisterarbeit verfolgt das Ziel, einen umfassenden Vergleich der Erinnerungskulturen in Deutschland (bezogen auf die DDR) und Spanien (bezogen auf das Franco-Regime) zu ziehen. Die Arbeit untersucht, wie diese beiden Nationen mit ihrer jeweiligen diktatorischen Vergangenheit umgehen, wobei nicht die Bewertung des "Fortschritts" der Aufarbeitung im Vordergrund steht, sondern die Kontrastierung anhand verschiedener Parameter, um ein tieferes Verständnis für die Eigenarten des kollektiven Gedächtnisses zu gewinnen.
- Theoretische Grundlagen des kollektiven, kulturellen und sozialen Gedächtnisses
- Vergleich der staatlichen politischen und strafrechtlichen Aufarbeitung
- Rolle von Wissenschaft und Geschichtsunterricht im Erinnerungsprozess
- Analyse der Erinnerung durch Medien wie Kino und Literatur
- Die Bedeutung privater Initiativen und die Symbolik im öffentlichen Raum
Auszug aus dem Buch
6.7.1 In Deutschland
Rund 17 Jahre nach dem Zerfall der DDR wird die Erinnerung an die sogenannte zweite deutsche Diktatur mit vielfältigen Themen in zahlreichen Gedenkstätten, Museen und Archiven systematisch bewahrt und den Bürgern als Bildungsangebot zur Verfügung gestellt. Rainer Eckert stellt im Bereich der Grenzmuseen sogar Anzeichen einer Übermusealisierung fest. Trotzdem fehle noch immer eine zentrale Gedenkstätte in Berlin, außerdem sei in der Perspektive des Rückblicks ein Wechsel von den Opfern zum Widerstand angebracht. Auch weitere Autoren, wie Behrens/Wagner merken kritisch an, dass es noch kein ´Haus der Geschichte der DDR´ gibt, das den gesamten Lebenszusammenhang zum Thema macht.
In der bestehenden Gedenklandschaft sind beispielsweise die ehemaligen Gefängnisse Bautzen und Hohenschönhausen in Berlin von überregionaler Bedeutung. Dort führen die Besucher ehemalige Häftlinge als Zeitzeugen durch die Gedenkstätten. Bekannt sind beispielsweise auch das Berliner Mauermuseum und die Dauerausstellung zur Geschichte von ´Diktatur und Widerstand in der SBZ/DDR vor dem Hintergrund der deutschen Teilung´ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Die umfassende Einrichtung dieser Orte wird den politischen Debatten über die DDR und der starken Resonanz in den Medien dazu zugeschrieben. Sicherlich spielt dabei aber auch der eingespielte Umgang mit der NS-Vergangenheit als Vorbild von Erinnerungspraxis eine Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Bedeutung der kollektiven Erinnerung: Dieses Kapitel führt in die wissenschaftliche Relevanz des Themas ein und beleuchtet die gesellschaftliche Bedeutung von Erinnerungskultur als Spiegel der Gegenwart.
2 Erinnerungstheorien und –methodik: Hier werden zentrale Konzepte der Gedächtnisforschung, darunter von Assmann, Welzer, Nora und Erll, vorgestellt, die als methodisches Fundament dienen.
3 Erinnerungskultur: Es wird definiert, wie Erinnerungskultur in dieser Arbeit als öffentliche und analysierbare Akte kollektiver Erinnerung verstanden wird.
4 Die Forschung zur Erinnerung an DDR und Franco-Regime: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den Forschungsstand zur Erinnerung an beide Diktaturen in der jeweiligen nationalen Wissenschaft.
5 Der Übergang in die Demokratie: Der Abschnitt skizziert kurz die historischen Transformationsprozesse in der DDR (Wende) und Spanien (transición), um die Grundlage für den Vergleich zu schaffen.
6 Die Erinnerungskulturen im Vergleich: Das umfangreichste Kapitel vergleicht systematisch die Entwicklungen der Erinnerung, die Rolle von Politik, Wissenschaft, Medien und Symbolik in beiden Ländern.
7 Fazit und Ausblick: Diese Zusammenfassung bewertet die unterschiedlichen Entwicklungen und zieht ein Resümee über den Stand der Aufarbeitung und die Zukunft des kulturellen Gedächtnisses.
Schlüsselwörter
Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, DDR, Franco-Regime, Aufarbeitung, Vergangenheitsbewältigung, Diktatur, Spanien, Deutschland, Gedenkstätten, Medien, Film, Stasi, transición, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die Art und Weise, wie Deutschland die DDR-Diktatur und Spanien die Franco-Diktatur in ihrem jeweiligen kollektiven Gedächtnis verarbeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung umfasst die politische Aufarbeitung, die Rolle der Wissenschaft, den Geschichtsunterricht, die Bedeutung privater Initiativen und die Darstellung in Filmen und Museen.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es, durch eine Kontrastierung der Erinnerungskulturen die spezifische Eigenart der Erinnerung in beiden Ländern herauszuarbeiten und Parallelen sowie Unterschiede aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es wird eine kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung betrieben, die auf Theorien wie denen von Jan und Aleida Assmann, Harald Welzer, Pierre Nora und Astrid Erll basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden systematisch einzelne Aspekte der Erinnerung, wie etwa der Umgang mit Symbolik im öffentlichen Raum oder die filmische Auseinandersetzung, jeweils für Deutschland und Spanien kontrastiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Vergangenheitsbewältigung, Diktaturaufarbeitung, Stasi und transición.
Worin unterscheiden sich die Aufarbeitungsprozesse in Deutschland und Spanien hauptsächlich?
Deutschland hat die Aufarbeitung der DDR-Diktatur staatlich gelenkt und mit hoher Intensität kurz nach der Wende begonnen, während Spanien einen deutlich langsameren, zögerlichen Weg beschritt, der lange vom Schweigen (pacto de olvido) geprägt war.
Welche Rolle spielen die Medien, insbesondere Filme, in dieser Analyse?
Filme werden als wichtige Medienträger analysiert, die Diskurse der Erinnerung widerspiegeln oder verstärken können, wobei Filme wie "Das Leben der Anderen" oder "Salvador" als Fallbeispiele dienen.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Politik bei der Erinnerungsbildung?
Die Politik wird als entscheidender Akteur gesehen, da sie durch institutionelle Förderung oder Unterlassung den Rahmen für die öffentliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vorgibt.
- Quote paper
- M.A., B.A. Silke Droll (Author), 2007, Der Blick zurück auf DDR und Franco-Regime, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190742