Der Hofmeister im Wandel der Zeit

"Der Hofmeister": Zu Lenz' Zeiten, in Brechts Bearbeitung und heute


Facharbeit (Schule), 2011

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Parallelen zwischen dem „Hofmeister“ und Lenz‘ Leben

2. „Der Hofmeister“: Zu Lenz‘ Zeiten, in der Zeit Brechts und heute
2.1 Das Stück zur Zeit seiner Entstehung
2.1.1 Jakob Michael Reinhold Lenz – der vergessene Stürmer und Dränger
2.1.2 Entstehungsgeschichte und Hintergrund
2.1.3 Inhalt des „Hofmeister“
2.1.4 Aufbau des Dramas
2.2 Bertolt Brechts Bearbeitung
2.2.1 Bertolt Brecht
2.2.2 Brechts Bearbeitung sowie deren Analyse und Deutung
2.3 „Der Hofmeister“ heute: Die Inszenierung am Stadttheater Fürth
2.3.1 Analyse der Strichfassung
2.3.2 Das Regiekonzept – Gratwanderung zwischen Regietheater und Texttreue
2.3.3 Bühnenbild und Kostüme als Ergänzung und Erweiterung der Interpretation
2.3.4 Besonderheiten der Inszenierung
2.3.5 Rezensionen der Theaterkritiker sowie eigene Meinung

3. Entwicklung, Veränderung und Aktualität des „Hofmeister“.21

4. Quellenverzeichnis

1. Parallelen zwischen dem „Hofmeister“ und Lenz‘ Leben

„Der Hofmeister“ als erstes Drama von Jakob Michael Reinhold Lenz hat durchaus autobiografische Züge. Während seiner Studienzeit in Königsberg war er selbst als Hofmeister tätig, zog sich aber schon ein halbes Jahr später „in meine arme Freyheit zurück […]“[1]. Und auch die Studentenszenen in Halle und Leipzig geben das Leben der Studenten wieder, wie er es in Königsberg kennenlernte. Er weiß also aus eigener Erfahrung von den Schwierigkeiten, die das Dasein als Hofmeister mit sich bringt und verarbeitet in seinem Drama diese Erlebnisse.

2. „Der Hofmeister“: Zu Lenz‘ Zeiten, in Brechts Bearbeitung und heute

2.1 Das Stück zur Zeit der Entstehung

2.1.1 Jakob Michael Reinhold Lenz – der vergessene Stürmer und Dränger

Wer heute an den Sturm und Drang denkt, dem fallen meist zuerst Goethes „Werther“ (1774) oder Schillers „Räuber“ (1781) ein. Kaum jemand denkt an Lenz, sagt doch sogar der große Goethe über ihn, er sei „ein gefährlicher Feind für ihn [=Wieland], er hat mehr Genie als Wieland, […]“[2].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Jakob Michael Reinhold Lenz

Lenz, der am 23. Januar 1751 im livländischen Seßwegen (heute Cesvaine, Lettland) geboren wurde und seine Jugend in Dorpat (heute Tartu, Estland) verbrachte, ging 1768 nach Königsberg, um dort auf Verlangen des Vaters Theologie zu studieren. Er interessierte sich nur wenig fürs Studium und ging selten „in die Vorlesungen einiger Professoren; bald fast ausschließlich […] in die Vorlesungen unseres verehrungswürdigen Lehrers Kant“[3]. Ein Jahr später brach er sein Studium ab und reiste entgegen den Anweisungen des Vaters nach Straßburg, einem Zentrum des Sturm und Drang. Dort lernte er Salzmann und dessen Kreis kennen, später auch Goethe. 1774 erschienen sein erstes Drama „Der Hofmeister“ sowie seine „Anmerkungen übers Theater“, die zu den wichtigsten theoretischen Schriften dieser Literaturepoche gehören. Lenz arbeitete nun als freiberuflicher Schriftsteller, hatte aber immer wieder mit finanzieller Not zu kämpfen. Es entstand eine innige Freundschaft zwischen ihm und Goethe, Lenz nannte ihn seinen „Bruder“, sein „zweytes Du“[4]. Am 2. April 1776 reiste er nach Weimar, traf Wieland, Herzog Karl August, Charlotte von Stein, Klinger. Lenz erhoffte sich vom Musenhof dieselben Vorteile wie Goethe, hatte politische Reformpläne. Er verließ aber schon etwa ein Jahr später wieder die Stadt, um aufs Land zu ziehen, „weil ich [=Lenz] bei Euch nichts tun kann“[5]. Seine Erneuerungsvorschläge scheiterten, wurden als „lächerlich“ (Goethe), als „Marotte“ (Wieland)[6] beurteilt. Zwei Tage nachdem Goethe Staatsämter übernommen hatte, nämlich am 27. Juni 1776, verließ Lenz die Stadt und ging ins zehn Kilometer südlich gelegene Berka. Fünf Monate später reiste er zurück nach Weimar, wo es am 26. November zum Streit mit Goethe kam. Die genauen Gründe und Umstände sind nicht bekannt, Goethe schrieb in sein Tagebuch lediglich „Lenzens Eseley.“[7] Lenz gab zu, ihn beleidigt zu haben, musste am 1. Dezember die Stadt verlassen und wurde vom Herzog auf Goethes Wunsch ausgewiesen. Lenz wird dies nie wirklich verstehen, es wird ihn ewig zeichnen. In diesem Bruch mit Goethe ist auch das Vergessen Lenzens begründet. Er reiste in die Schweiz, kam bei Lavater unter. Im Januar 1778 ging er zu Pfarrer Oberlin, erste Wahnsinnsanfälle und Selbstmordversuche sind protokolliert. Es entstanden mehr und mehr Gerüchte und Halbwahrheiten über ihn. So sagte Georg Wilhelm Peterson bereits im Januar 1777 in einem Brief an Nicolai, „[…] Lenzens Verrückung ist kanonisch“[8]. Seine Werke galten von nun an als Werke eines Geisteskranken, was ihnen jede Qualität absprach. Unterdessen wanderte Lenz umher, kam bei Freunden und Bekannten unter, wurde ob seiner Verrücktheit weitergeschickt, niemand wollte ihn bei sich haben. Im nächsten Jahr reiste er mit seinem Bruder Karl zurück nach Livland. Der Vater, mittlerweile Generalsuperintendent von ganz Livland, unterstützte Lenz nicht bei seiner Stellensuche; er war nicht bereit, ein Empfehlungsschreiben zu verfassen. Er hielt seinen Sohn für verrückt und verzieh ihm nie, dass er sich seinen Empfehlungen widersetzt hatte. Lenz schrieb selbst an ihn: „Vater! Ich habe gesündigt im Himmel u. vor Dir u. bin fort nicht wert, daß ich Dein Kind heiße.“[9] Er reiste nach Russland, nach St. Petersburg, suchte dort verzweifelt nach einer Anstellung bei der Zarin Katharina. Doch ohne Kontakte, Empfehlungen, Geld und Einfluss konnte er nichts erreichen im von Korruption geprägten Zarenreich.[10] Er arbeitete zwei Monate als Hauslehrer auf einem Gut bei Dorpat, floh dann aber nach Moskau, wo er wieder verschiedene Hofmeisterstellen innehatte. Er knüpfte Kontakte zu Moskauer Aufklärern wie Nowikow und Karamsin und hielt sich mit Übersetzungen und Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Seine Krankheit wurde immer schlimmer, er wurde zunehmend verwirrter, schriebt konfuse Reformvorschläge für Bereiche von Wirtschaft und Kultur. Er wohnte bei verschiedenen Freunden, Bekannten, hatte keinen festen eigenen Wohnsitz. Nach der Franz. Revolution begann die Verfolgung und strenge Beobachtung der Aufklärer und Freimaurer, zu denen Lenz durch Nowikow Kontakt hatte. Freunde wie Radistschew oder Karamsin wurden verhaftet oder standen unter strenger Zensur, andere flohen. Am 23./24. Mai 1792 schließlich starb Jakob Lenz auf einer Moskauer Straße. Wann und wo er beerdigt wurde, ist unbekannt.

2.1.2 Entstehungsgeschichte und Hintergrund

Noch im 18. Jh. liegt die Aufgabe der schulischen Bildung bei der Familie. Wer es sich leisten kann, überträgt diese Verantwortung Hofmeistern, also privaten Lehrern, die meist mit bei der Familie leben. Diese Hofmeister waren fast immer junge Theologen, die noch zu jung für eine eigene Pfarre waren, da für Pfarrstellen ein Mindestalter von 25 vorgeschrieben war.[11] Das Studium endete meist mit 21-23, es gab also einige Zeit zu überbrücken. Auch viele Schriftsteller machten ihren Anfang als Hofmeister, so beispielsweise Kant, Wieland, Herder und Hölderlin.[12] Der Beruf des Hofmeisters unterlag einigen Schwierigkeiten, so z. B. des hohen Konkurrenzdrucks, der vergleichsweise schlechten Bezahlung, der Abhängigkeit von der Obrigkeit, der erzwungenen Enthaltsamkeit und der mangelnden Qualifikation. Hofmeister sollten oft Latein, Griechisch, Hebräisch und Französisch können, dazu theologisches, historisches und mathematisches Wissen besitzen. Hinzu kam die pädagogische Eignung.[13] Diese Anforderungen waren weit höher als der tatsächliche Wissensstand eines jungen Theologen, der gerade die Universität verließ. Es sind diese Probleme, die Lenz in seinem „Hofmeister“ realitätsnah, kritisch und teils aus eigener Erfahrung verarbeitet. Jakob Lenz beginnt sein erstes Drama wohl Ende 1771, Anfang 1772 – zu der Zeit befindet er sich in Straßburg, arbeitet noch immer für die Offiziere Kleist, mit denen er von Livland als Reisebegleiter nach Frankreich kam. Im Jahr 1772 entsteht die erste handschriftliche Fassung des Stückes. Lenz‘ Anregungen sind seine Zeit in Livland und Königsberg. So befinden sich im Stück noch die Namen von Bekannten aus der Jugend- und Studentenzeit. Der Lautenist Rehaar heißt noch Reichardt, benannt nach Johann Reichardt, dem Vater eines Kommilitonen, zugleich Stadtmusikus in Königsberg. Die Studenten Pätus und Bollwerk sind nach den zwei Studienfreunden Pegau und Baumann benannt.[14] Auch Gustchens Verführung folgt einer wahren Begebenheit. Lenz hat „zum Inhalte seines Hofmeisters einen traurigen Fall in einer der angesehendsten Familien Lieflands erwählt, und einen vornehmen Gönner so lächerlich darin vorgestellt […].“[15] Gemeint ist wohl die mit der Familie Lenz bekannte Familie Berg, deren Name im Drama unverändert blieb. Unsicher ist, ob die erwähnte Handschrift eine Reinschrift der ersten Fassung oder eine Bearbeitung einer früheren Version ist. Dafür spricht ein Brief vom 28. Juni 1772 an Salzmann, in dem Lenz schreibt: „Mein Trauerspiel […] neigt sich mit jedem Tage der Zeitigung.“ Gleichzeitig spricht er ein „unreifes Manuscript“ an, das er vom Verleger „zurück verlangte“.[16] Im Oktober erstellt Lenz eine Abschrift, die er Salzmann schickt. Im folgenden Jahr erreicht ein Manuskript (evtl. über Salzmann) Goethe, der seinem Freund Lenz „zu dieser wie zu seinen übrigen Schriften bald Verleger“[17] verschaffen wird. Für die endgültige Druckfassung wurde diese Handschrift nur unwesentlich geändert; zwei Szenen (II,2 und IV,5) wurden hinzugefügt, einige Dialoge gerafft und die Namen geändert. So erschien der „Hofmeister“ im Frühjahr 1774 beim Leipziger Verlagsbuchhändler Christian Friedrich Weygand.[18]

2.1.3 Inhalt des „Hofmeister“

Nun soll der Inhalt dieses 1774 erschienen Stückes kurz und überschaubar dargestellt werden.

Erster Aufzug

Der erste Aufzug spielt komplett „zu Insterburg in Preußen“, das heute in Kaliningrad liegt.

Der für eine Pfarrstelle zu junge Läuffer erhält eine Anstellung als Hofmeister beim Major von Berg, um dessen Sohn Leopold zu unterrichten. Des Majors Bruder, der Geheime Rat, hat Läuffer zuvor als Lehrer an der Stadtschule abgelehnt. Sein Sohn Fritz besucht diese Schule und wird nicht wie sein Cousin privat erzogen. Als Läuffer bei der Familie von Berg ankommt, muss er seine vielfältigen Kenntnisse (vgl. 2.1.2) nachweisen. Trotz nochmaliger Kürzung seines Gehalts soll Läuffer nun auch die Tochter des Hauses, Gustchen, unterrichten. Der Major schärft dem Hofmeister ein, auf keinen Fall zu streng mit ihr umzugehen. Unterdessen reden Fritz von Berg und Gustchen über ihre bevorstehende Trennung und schwören in Anspielung auf Shakespeares „Romeo und Julia“ einen Eid; sie versprechen einander, nach Fritz‘ Studium in Halle zu heiraten. Bei diesem Schwur erwischt der Geheime Rat seinen Sohn – als Strafe dürfen sich die beiden nicht mehr ohne Zeugen sehen und nur offene Briefe schreiben.

Zweiter Aufzug

Zu Beginn des zweiten Aufzugs diskutiert der Geheime Rat mit Läuffers Vater, dem Pastor des Ortes, über den Sinn von Hofmeistern. Dabei kommt zur Sprache, dass dessen Sohn das eigentlich versprochene Pferd zur Reise nicht erhält und Insterburg nicht verlassen darf. Die Handlung springt dann nach Halle, wo Fritz mittlerweile mit Pätus und Bollwerk seit einem Jahr studiert. Der Erstere berichtet von Gustchen, die er sehr vermisst. Pätus versucht ihn vergebens auf andere Gedanken zu bringen. In Heidelbrunn bahnt sich mittlerweile ein intimes Verhältnis zwischen Läuffer und Gustchen an, die von ihrem „Romeo“ vergessen scheint und dies beklagt. Der Major sorgt sich um den zunehmend schlechteren Gesundheitszustand seiner Tochter, ohne etwas von der Schwangerschaft zu ahnen. Zurück in Halle, sitzt Fritz im Gefängnis, weil er für den verschuldeten Pätus gebürgt hat. Seine Kommilitonen tadeln seine Naivität und fordern mehr Verstand.

[...]


[1] Frankfurter gelehrte Anzeigen. Nr. 48/49. 1775. S. 416f.

[2] Jakob Michael Reinhold Lenz im Urteil dreier Jahrhunderte. Texte der Rezeption von Werk und Persönlichkeit 18.-20. Jahrhundert. 3 Bde. Gesammelt u. hg. v. Peter Müller unter Mitarbeit v. Jürgen Stötzer. Bern 1995. Zitat nach Band I, S. 73

[3] Johann Friedrich Reichardt: Etwas über den deutschen Dichter J.M.R. Lenz. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmakkes. Jg. 1796. S. 113f.

[4] Jakob Michael Reinhold Lenz: Werke und Briefe in drei Bänden. Hg. von Sigrid Damm. Insel Taschenbuch: Frankfurt 1992. Zitat nach Band 3, Seite 303

[5] Ebd., Band 3, S. 472

[6] Vgl. Sigrid Damm: Vögel, die verkünden Land. Das Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz. Insel Verlag, Frankfurt/Main 1989, S. 222 bzw. 220

[7] Müller, a. a. O., Bd. I, S. 254

[8] Zitiert nach: Martin Sommerfeld: Friedrich Nicolai und der Sturm und Drang. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Aufklärung. Mit einem Anhang: Briefe aus Nicolais Nachlass. Halle a. d. S. 1921, S. 278, Anm. I.

[9] Damm, WuBr, a. a. O., Bd. 3, S. 568

[10] Vgl. Damm, Vögel, die verkünden Land, a. a. O., Seite 343

[11] Vgl. Friedrich Voit: Erläuterungen und Dokumente: J. M. R. Lenz, Der Hofmeister. Reclam. Stuttgart 2002, S. 9

[12] Ebd., S. 66

[13] Vgl. Anton Friedrich Büsching: Unterricht für Informatoren und Hofmeister. 2., verb. Ausg. Leipzig: Wienbrack, 1802. S. 34-39

[14] Vgl. Voit, Erläuterungen und Dokumente, a. a. O., S. 81

[15] Stammler, Wolfgang: „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Diss. Halle 1908, S. 35.

[16] Damm, WuBr, a. a. O., Bd. 3, S. 259

[17] Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Hamburger Ausg. In 14 Bänden. Bd. 10. 7., neubearb. Aufl. München: Beck, 1981. S. 10f.

[18] Vgl. Voit, Erläuterungen und Dokumente, a. a. O., S. 94

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Hofmeister im Wandel der Zeit
Untertitel
"Der Hofmeister": Zu Lenz' Zeiten, in Brechts Bearbeitung und heute
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V190750
ISBN (eBook)
9783656153979
ISBN (Buch)
9783656154426
Dateigröße
1165 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hofmeister, Lenz, Brecht, Stadttheater Fürth, Regie
Arbeit zitieren
Fabian Schäfer (Autor), 2011, Der Hofmeister im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190750

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