Abstract
Die vorliegende Diplomarbeit setzt sich mit dem mehrsprachigen Medienangebot der Büchereien Wien auseinander. Die Untersuchung fand in der Zweigstelle Hernals statt. Befragt wurden vor allem LeserInnen welche das spezialisierte Lektüreangebot für Türkisch, Bosnisch, Serbisch und Kroatisch nutzten. Die Büchereien und Bibliotheken sind für die Sprachvermittlung wichtig, sie nehmen als öffentliche Institutionen eine besondere Rolle als Bildungs- und Freizeiteinrichtung ein. Sie bilden einen Raum, in dem Öffentliches und Privates zusammen treffen, eine Schnittstelle zwischen Unterhaltung und Lehre. Untersuchungsanliegen der Arbeit waren demnach Fragen nach dem Angebot für LeserInnen mit anderen Erstsprachen als Deutsch in den Städtischen Büchereien und der Motivation bzw. dem Konzept, das dahinter steht. Darüber hinaus wurde auf Basis der Ergebnisse der Spracherwerbsforschung hinterfragt, ob das Angebot in der L1 auch den Erwerb der L2 (Deutsch) fördert und sich eine solche eventuelle Förderung im Leseverhalten widerspiegelt. Die Arbeit beginnt mit einer Zusammenfassung der Erkenntnisse der Spracherwerbsforschung zur Mehrsprachigkeit, zeigt des Weiteren die Konstruktion der mehrsprachigen Identität in einer monolingualen Gesellschaft und anschließend die konkreten Sprachsituationen der Einzelsprachen Türkisch und Kroatisch/Serbisch/Bosnisch in Österreich. Die Dokumentation der aktuellen Situation soll aufzeigen, welche Umstände und Maßnahmen der Mehrsprachigkeit förderlich sind. Die Recherche zeigt, dass ein standort- und publikumspezifisches mehrsprachiges Angebot für LeserInnen besteht. Das Angebot fördert absichtsvoll das Erlernen der deutschen Sprache, ebenso wie das muttersprachliche Angebot, welches eine vermittelnde Funktion einnimmt. Die Arbeit schließt mit einem Ausblick auf den weiteren Aufbau eines mehrsprachigen Angebots und einem Plädoyer für eine humanere Sprachenpolitik.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung/Forschungsfrage/Forschungsziel
II. Zur Bedeutung der Erstsprache (Muttersprache) für den Erwerb der Zweitsprache
II.I Muttersprache, Erstsprache
II.II Interdependenz und Halbsprachigkeit
II.III Zweisprachigkeit
II.III.I Varianten des Bilingualismus
III. Zur Konstruktion einer mehrsprachigen Identität
III.I Zum Identitätsbegriff
III.I.I Gruppenidentität, Sprache und Nationalität
III.I.II Nationalsprache oder sprachlicher Nationalismus
III.II Zum Mehrsprachigkeitsbegriff
III.II.I. Dokumentation von Mehrsprachigkeit
III.III Mehrsprachigkeit und Identität
IV Zur Sprachsituation und Sprachenpolitik
IV.I Muttersprachlicher Unterricht
IV.II Zur Situation der Sprachen Türkisch & Kroatisch, Serbisch, Bosnisch in Österreich
IV.II.I Kroatisch, Serbisch, Bosnisch
IV.II.I.I Autochthone Minderheiten
IV.II.I.II Sprachen der neuen Minderheiten
IV.II.I.III Eine Sprache, viele Sprachen. Erklärung zur Dreiheit von Kroatisch, Serbisch und Bosnisch
IV.II.II Türkisch
IV.II.II.I Anerkennung der Mehrfachzugehörigkeit
IV.III Büchereien und ihre sprachenpolitische Bedeutung
V. Beobachtungen und Interviews
V.I. Methodik
V.II Dokumentation der Umfrage
V.II.I Wahl der Zielgruppe
V.II.II Gestaltung der Datenerhebung durch Fragebögen
V.II.II.I Beschreibung des Fragebogens
V.II.II.II Verlauf und Praxis der Umfrage
V.II.III Wahl der Zweigstelle
V.II.III.I Zweigstelle Hormayrgasse, Hernals
V.III Auswertung
V.III.I Entlehnungen und Leseverhalten
V.III.II Programm der Bücherei für mehrsprachige LeserInnen
V.III.II.I Initiation zur Lektüre bei jungen LeserInnen
V.III.II.II Interkulturelles Lesen für Erwachsene
V.III.III Dokumentation der Fragebögen
V.III.III.I Muttersprachen, Fremdsprachen, Lesesprachen
V.III.III.II Mediennutzung in und außerhalb der Bücherei
V.III.III.III LeserInnenkontakt mit der Bücherei
V.III.III.IV Kommentare der LeserInnen zum mehrsprachigen Angebot
VI. Ergebnisse und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht das Medienangebot für mehrsprachige Leserinnen und Leser in Wiener Büchereien, mit besonderem Fokus auf die Sprachen Türkisch und Bosnisch/Kroatisch/Serbisch. Ziel ist es zu ergründen, ob ein solches Angebot die Lesekompetenz in der Erstsprache fördert und einen positiven Einfluss auf den Zweitspracherwerb (Deutsch) sowie die kulturelle Identitätsbildung ausübt.
- Analyse des Zusammenhangs zwischen Erstsprachenerhalt und Zweitspracherwerb.
- Untersuchung der Identitätskonstruktion in einer monolingual geprägten Gesellschaft.
- Dokumentation der Sprachsituation für türkische und B/K/S-sprachige Gruppen in Österreich.
- Empirische Erhebung in der Zweigstelle Hernals zur Nutzung mehrsprachiger Bibliotheksangebote.
- Evaluation des Büchereibesuchs als freiwilliger und motivierender Faktor für Sprachkontakte.
Auszug aus dem Buch
III.I Zum Identitätsbegriff
Identität ist ein viel verwendetes Schlagwort im Bereich der Psychologie und Soziologie sowie in Kultur und Sprache. Es wird sowohl zur Kennzeichnung von Individuen als auch von Gruppen eingesetzt. Identität kann zudem als Merkmalskomplex angenommen werden, denn…
„Typischerweise ist [mit Identität] eine Art Selbstähnlichkeit gemeint, die zeitliche ‚Abschnitte’ einer Person miteinander verknüpft, zeitliche Abschnitte, in denen sich die Person in irgendeiner Weise zeigt […] Identität in diesem Sinn ist daher dasjenige, was einen Menschen zu dem macht, als der er sich zeigt.“
Einhergehend mit dem Identitätsbegriff ist die Prozesshaftigkeit. Identität kann sich über bestimmte Zeiträume definieren: Bestimmte Lebensabschnitte bringen unterschiedliche Eigenschaften hervor und gerade weil jeder Mensch sich durch Erfahrung ändert, ist auch die Identität veränderlich, so können sich nebeneinander bestehende Mehrfachidentitäten und Zugehörigkeiten bilden. Wenn Identität das ist, als was der Mensch sich zeigt, kann man von einer äußeren (wahrnehmbaren) und einer inneren (empfundenen) Identität ausgehen, welche gemeinsam die Gesamtidentität stellen. Die Beschreibung der Identitätsentwicklung ist sowohl unter einem soziologischen als auch unter einem psychologischen Aspekt möglich. Das folgende Modell nimmt Anleihe an dem Konzept der Persönlichkeitsentwicklung im Wechselspiel zwischen Anlage und Umwelt:
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung/Forschungsfrage/Forschungsziel: Einleitung in die Relevanz der Untersuchung von Sprecherinnen und Sprechern mit anderen Erstsprachen als Deutsch in Österreich und Präzisierung der Forschungsfragen.
II. Zur Bedeutung der Erstsprache (Muttersprache) für den Erwerb der Zweitsprache: Theoretische Auseinandersetzung mit der Relevanz der Erstsprache als Fundament für kognitive Entwicklung und den Erwerb weiterer Sprachen.
III. Zur Konstruktion einer mehrsprachigen Identität: Analyse soziopsychologischer Faktoren bei der Bildung von Identität und der Rolle der Sprache innerhalb von Gruppen- und Einzelidentitäten.
IV Zur Sprachsituation und Sprachenpolitik: Darstellung der rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für verschiedene Minderheitensprachen in Österreich, mit speziellem Fokus auf Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Türkisch.
V. Beobachtungen und Interviews: Beschreibung der methodischen Vorgehensweise bei der Umfrage in der Zweigstelle Hernals sowie Dokumentation und Interpretation der Datenerhebung.
VI. Ergebnisse und Ausblick: Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse bezüglich der Rolle der Bibliothek bei der Sprachförderung und Identitätsbildung sowie Empfehlungen für die Zukunft.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Deutsch als Zweitsprache, Identität, Erstsprache, Büchereiwesen, Sprachpolitik, Türkisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Lesesozialisation, Interkulturelles Lernen, Migrationshintergrund, Sprachbiographie, Leseverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Diplomarbeit befasst sich mit dem Medienangebot für mehrsprachige Leserinnen und Leser in der Wiener Zweigstelle Hernals und der Frage, wie dieses Angebot zur Sprachförderung und Integration beiträgt.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind Sprachwissenschaft, Mehrsprachigkeitsforschung, Identitätskonstruktion von Migranten sowie die Rolle öffentlicher Bibliotheken in der Sprachpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, welches Medienangebot für Menschen mit anderen Erstsprachen als Deutsch existiert, welche Konzepte dahinterstehen und ob dieses Angebot aktiv den Erwerb der Zweitsprache (Deutsch) unterstützt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verbindet theoretische Grundlagenforschung zur Sprachwissenschaft mit einer empirischen qualitativen Studie mittels Fragebögen in einer spezifischen Zweigstelle der Wiener Büchereien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Zweitspracherwerbs, die Konstruktion von Identität, die rechtliche Situation von Minderheitensprachen in Österreich sowie die detaillierte Auswertung der erhobenen Umfragedaten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird besonders durch Begriffe wie Mehrsprachigkeit, Identität, Büchereiwesen, Sprachpolitik, Türkisch und B/K/S geprägt.
Warum wurde die Zweigstelle Hernals für die Untersuchung gewählt?
Die Zweigstelle wurde gewählt, da sie ein spezialisiertes mehrsprachiges Angebot aufweist und in einem Gebiet mit hohem Anteil an Sprecherinnen und Sprechern dieser Zielsprachen liegt.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zum Interkulturellen Angebot?
Die Autorin schließt, dass die Bücherei eine Pionierrolle einnimmt, indem sie mehrsprachige Identitäten als Lebensrealität anerkennt, jedoch bei Erwachsenen oft ein Spannungsfeld zwischen Mehrsprachigkeit und dem Ziel der Deutschförderung als Lingua franca besteht.
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- Sara Claire Kerschbaumer (Autor), 2012, Büchereien als Ort des interkulturellen Lernens, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190757