Das analytische Drama. Theorie und Vergleich anhand Sophokles' „König Ödipus“ und Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

21 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das analytische Drama: Theorie und Vergleich anhand Sophokles" ,,Konig Odipus“ und Heinrich von Kleists ,,Der zerbrochene Krug“.
1. Begrifflichkeit: Problematik und Abgrenzung des analytischen Dramas
2. Zeitliche Strukturaspekte der Dramen Sophokles" und Kleists
a) Exposition
b) Verhaltnis von gegenwartigem Geschehen und Vorfabel
c) Anagnorisis und Peripetie
d) Ratsel und Verratselung
3. Finalitat: die Dilemmata Adams und Konig Odipus"
4. Typisierung: Aufklarungsstrategien und Marginaltypen

III. Ausblick

TV. Literatur

I. Einleitung

Denkt man an „Konig Odipus“, so assoziiert man meist direkt damit einhergehend den Begriff des analytischen Dramas[1] und haufig auch Kleists „zerbrochenen Krug“, der allgemein als modern-komischer Gegenpart zu Sophokles' antiker Tragodie gilt. Den Fokus dieser Arbeit sollen die zeitlichen Strukturen des AD am Beispiel der o. g. Stucke bilden, wobei sich dabei aber zunachst die grundlegende Frage stellt, wie genau sich ein solches definiert und wie es sich von anderen Dramen abgrenzt.

Als 'analytisches Drama' bezeichnet man ein Drama, dessen Struktur dadurch gekennzeichnet ist, dass das fur die Handlung zentrale Ereignis vor dem Einsetzen der Buhnenhandlung liegt.

Die Fabel entfaltet sich so als Entschlusselung einer die Gegenwart bestimmenden Vergangenheit.[2]

So oder ahnlich finden sich Definitionen zum analytischen Drama in zahlreichen Lexika und Handbuchern zu literarischen Gattungen, die die Obige aber meist nur unwesentlich tiefgreifender darstellen und demnach nur fur einen ersten informativen Uberblick genugen. Tatsachlich aber ist diese spezielle Dramenform sehr viel komplexer und v. a. in bislang nur einer Monographie ,[3] die dazu schon bereits gute 30 Jahre alt ist, erklarter Forschungsgegenstand. Dennoch soll sie als grundlegendes Basiswerk fur diese Arbeit dienen, da sie sehr spezifisch auf die verschiedenen Formen und Zeitstrukturaspekte analytischer Dramen eingeht und so eine fundierte Basis fur diesen Vergleich bietet.

Methodisch soll zunachst der Begriff des AD noch genauer abgesteckt und darauf aufbauend die markantesten Zeitaspekte wie z. B. die Exposition, Anagnorisis und Peripetie theoretisch erfasst und unmittelbar auf die Dramen angewandt werden. Des weiteren rucken dabei auch Punkte wie die Finalstruktur, die Zeitlichkeit der Aufklarungsstrategien und eine Typenzuordnung in den Mittelpunkt der Betrachtung.

II. Das analytische Drama: Theorie und Vergleich anhand Sophokles" ,,Konig Odipus“ und Heinrich von Kleists ,,Der zerbrochene Krug“.

1. Begrifflichkeit: Problematik und Abgrenzung des analytischen Dramas

Bereits Schiller schrieb zum AD in einem Brief an Goethe, der „Oedipus ist gleichsam nur eine tragische Analysis. Alles ist schon da, und es wird nur herausgewickelt“[4]. Dies ist der grundlegende Ansatz, dem die zahlreichen Definitionen folgen, doch ist er dennoch zu vage, da sich der Bezug zur Vorgeschichte auch auf andere Dramen mit analytischen Strukturen oder bspw. auch auf ein Zieldrama beziehen kann. Die Vorfabel spielt letztlich latent immer eine Rolle und ist somit fur sich allein genommen kein ausschlaggebendes Kriterium. Wolfgang Schadewaldt pragte in seiner Analyse den Begriff der

„Enthullungshandlung“[5], die fur das AD haufig als Synonym gebraucht wird und geht einen entscheidenden Schritt in der Definition weiter: Die Enthullung der Vorgeschichte und damit der Wahrheit erfolgt schrittweise im Lauf der Handlung des Dramas[6]. Enthullung deutet dabei ganz gezielt auf ein entweder bewusst geheim gehaltenes oder aber ungeklartes Geschehen der Vergangenheit hin. Doch sei ein solches Enthullungsdrama nicht auf die Katastrophe wie in einem Zieldrama ausgerichtet, sondern so angelegt, dass nur noch die letzten Auswirkungen eines Konflikts zu spuren seien; die Zuspitzung zur Katastrophe. Die dabei entscheidende Handlung liege vor dem Beginn des Dramas und werde durch Teilinformationen und Teilaspekte schrittweise aufgedeckt[7].

In diesen Punkten bilden die zahlreichen Begriffserlauterungen zum AD auch weitgehend einen Konsens; nicht aber was seine Gegensatze angeht. Auf der einen Seite stehen das AD, das Enthullungsdrama, das Entdeckungsdrama, das Drama mit Enthullungshandlung oder mit analytischer Handlung, doch was ist dem entgegenzusetzen? Einerseits besteht die Moglichkeit das synthetische Drama, das Konflikts- und Entscheidungsdrama oder das Zieldrama gegenuber zu stellen. Doch scheint diese Auswahl an Begriffen dennoch recht fragwurdig. Auch konne dem AD nicht das Progressive entgegengesetzt werden, da auch die analytische Dramenform stetig fortschreite, wenn auch auf Geschehnisse der Vergangenheit bezogen. Wenn das AD auch kein klassisches Zieldrama im herkommlichen Sinne sei, so konne ihm deshalb noch lange nicht Finalstruktur abgesprochen werden. Letztlich sei demnach bislang noch kein sinnvoller dramentheoretischer Gegenbegriff bezeichnet worden . Mit den bisher dargestellten Eckpunkten der Begriffsdefinition, sollen nun wichtige zeitliche Aspekte des AD in den Mittelpunkt der Untersuchung geruckt werden und in deren Verlauf weiter vertieft werden.[8]

2. Zeitliche Strukturaspekte der Dramen Sophokles" und Kleists a) Exposition

Eine Besonderheit der Exposition im AD ist die Tatsache, dass sie bereits Teil der Handlung ist.

Diesbezuglich seien hochst problematische Auslegungen erfolgt, wie bspw. die Annahme, dass die Exposition sich so uber das gesamte Drama erstrecke, da sie bereits Teil der Vorgeschichte sei und demnach den Schluss des Stuckes begrunde, der eben diese Vorfabel enthulle[9]. Diese Annahme aber widerspreche sich mit der grundlegenden Funktion der Exposition als einfuhrendem Aspekt, weshalb prinzipiell zwei Unterscheidungen notig seien. Zum einen sei es nicht notig die Vorgeschichte eines Stuckes explizit darzustellen; eine dramatische Exposition konne die unterschiedlichsten Informationen enthalten, wie beispielsweise Abhangigkeitsverhaltnisse, Charakterisierungen der Figuren, Verwandtschaften, soziale Stellung und mehr. Auch musse sie nicht zwingend eine Erklarung uber das dramatische Geschehen geben. Zum anderen konnten nur Teile der Vorgeschichte hinzugezogen werden, die die Funktion der aufbauenden Ruckwendung und nicht die der auflosenden Ruckwendung erfullen. Dabei schliefie dies aber nicht aus, dass ein Drama mit auflosender Ruckwendung im Schluss nicht auch aufbauende Ruckwendungen in der Exposition aufweisen kann. Dementsprechend sei weder die Annahme richtig, dass AD keine Exposition aufweisen, noch dass diese sich uber das gesamte Drama erstrecken[10].

Im „Konig Odipus“ erfullt diese die Funktion der Einfuhrung in die schlimme Lage der Stadt, die von der Pest heimgesucht wurde und in den bislang nicht aufgeklarten Mord an Laios aus der Vorfabel. Die Antwort des Orakels, zu dem Odipus Kreon geschickt hatte um Rat zu erhalten, verlangt von ihm, den Morder Laios" zu finden und zu bestrafen; erst dann werde die Pest aus der Stadt verschwinden[11]. Aufierdem entspricht dieser Ruckblick in die Vorfabel durch das Orakel einer eben solchen aufbauenden Ruckwendung, was weiterhin gegen Wilperts These spricht. Ahnlich verhalt es sich im „zerbrochenen Krug“: Richter Adam sitzt verletzt in seiner Stube und erzahlt seinem Schreiber Licht er sei gesturzt. Dieser kundigt die Ankunft des Gerichtsrats Walter an, wobei Aufregung um die Registratur und die fehlende Perucke Adams entsteht. Diese ersten beiden Szenen[12] fuhren in die Grundsituation ein und stellen Adams Verletzungen dar, die die Taten der vergangenen Nacht andeuten und sein angebliches Stolpern bereits von Beginn an zweifelhaft[13] erscheinen lassen, was schliefilich im Laufe der Gerichtsverhandlung aufgedeckt wird.

[...]


[1] Im Folgenden AD genannt.

[2] Lamping, Dieter (Hrsg.): Handbuch der literarischen Gattungen. Kroner, Stuttgart 2009. S. 9.

[3] Strainer, Matthias: Analytisches Drama. Fink, Munchen 1980.

[4] Brief an J. W. Goethe vom 02.10.1797. Zitiert nach: Burdorf, Dieter, Fasbender, Christoph u. Moenninghoff, Burkhard (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Metzler, Stuttgart u. Weimar 2007. S. 23.

[5] Schadewaldt, Wolfgang: Der „zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist und Sophokles' „Konig Odipus". In: Muller-Seidel, Walter (Hrsg.): Wege der Forschung. Heinrich von Kleists Aufsatze und Essays. WBG, Darmstadt 1987. S. 317-325, hier S. 319.

[6] Ebd. S. 319

[7] Sowinski, Bernhard: Heinrich von Kleist. Der zerbrochene Krug. Oldenbourg, Munchen 1994. S. 31­33.

[8] Strainer, Matthias: AD. S. 12-13.

[9] Z. B. Wilpert, Gero von: Sachworterbuch der Literatur. Kroner, Stuttgart 1969. S. 246. „im analytischen Drama erstreckt sich die Exposition uber das ganze Drama bis an den SchluB, da zu ihr alle Momente rechnen, die eine zeitlich zuruckliegende Ausgangssituation aufhellen."

[10] StraBner, Matthias: AD. S. 21-25.

[11] Sophokles: Konig Oidipus. Griechisch-deutsch. Artemis & Winkler, Dusseldorf u. Zurich 1999. Hier: 1-150

[12] Kleist, Heinrich von: Der zerbrochene Krug. Faksimile Ausgabe des Erstdrucks von 1811. Winkler, Munchen 1982. Hier: S. 5-26.

[13] Ebd.: LICHT: „Ein Schaf, das eingehetzt von Hunden, sich / Durch Dornen drangt, laRt nicht mehr Wolle sitzen, / Als ihr, Gott weiB wo? Fleisch habt sitzen lassen." S. 9.

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Details

Titel
Das analytische Drama. Theorie und Vergleich anhand Sophokles' „König Ödipus“ und Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V190843
ISBN (eBook)
9783656154792
ISBN (Buch)
9783656154617
Dateigröße
1691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analytisches Drama, König Ödipus, Sophokles, Kleist, Der zerbrochene Krug
Arbeit zitieren
Katharina Weiß (Autor), 2010, Das analytische Drama. Theorie und Vergleich anhand Sophokles' „König Ödipus“ und Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190843

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