assoziiert man meist direkt damit einhergehend den Begriff des analytischen Dramas1der allgemein als modern-komischer Gegenpart zu Sophokles´ antiker Tragödie gilt. Den Fokus dieser Arbeit sollen die zeitlichen Strukturen des AD am Beispiel der o. g. Stücke bilden, wobei sich dabei aber zunächst die grundlegende Frage stellt, wie genau sich ein solches definiert und wie es sich von anderen Dramen abgrenzt.Als `analytisches Drama´ bezeichnet man ein Drama, dessen Struktur dadurch gekennzeichnet ist, dass das für die Handlung zentrale Ereignis vor dem Einsetzen der Bühnenhandlung liegt. Die Fabel entfaltet sich so als Entschlüsselung einer die Gegenwart bestimmenden Vergangenheit.2So oder ähnlich finden sich Definitionen zum analytischen Drama in zahlreichen Lexika und Handbüchern zu literarischen Gattungen, die die Obige aber meist nur unwesentlich tiefgreifender darstellen und demnach nur für einen ersten informativen Überblick genügen. Tatsächlich aber ist diese spezielle Dramenform sehr viel komplexer und v. a. in bislang nur einer Monographie3, die dazu schon bereits gute 30 Jahre alt ist, erklärter Forschungsgegenstand. Dennoch soll sie als grundlegendes Basiswerk für diese Arbeit dienen, da sie sehr spezifisch auf die verschiedenen Formen und Zeitstrukturaspekte analytischer Dramen eingeht und so eine fundierte Basis für diesen Vergleich bietet. Methodisch soll zunächst der Begriff des AD noch genauer abgesteckt und darauf aufbauend die markantesten Zeitaspekte wie z. B. die Exposition, Anagnorisis und Peripetie theoretisch erfasst und unmittelbar auf die Dramen angewandt werden. Des weiteren rücken dabei auch Punkte wie die Finalstruktur, die Zeitlichkeit der Aufklärungsstrategien und eine Typenzuordnung in den Mittelpunkt der Betrachtung. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das analytische Drama: Theorie und Vergleich anhand Sophokles´ „König Ödipus“ und Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“.
1. Begrifflichkeit: Problematik und Abgrenzung des analytischen Dramas
2. Zeitliche Strukturaspekte der Dramen Sophokles´ und Kleists
a) Exposition
b) Verhältnis von gegenwärtigem Geschehen und Vorfabel
c) Anagnorisis und Peripetie
d) Rätsel und Verrätselung
3. Finalität: die Dilemmata Adams und König Ödipus´
4. Typisierung: Aufklärungsstrategien und Marginaltypen
III. Ausblick
IV. Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zeitlichen Strukturen des analytischen Dramas (AD) anhand der Werke „König Ödipus“ von Sophokles und „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist, um eine fundierte Definition und Abgrenzung dieser Dramenform zu erarbeiten.
- Grundlagendefinition und theoretische Einordnung des analytischen Dramas
- Analyse der zeitlichen Strukturen wie Exposition, Anagnorisis und Peripetie
- Untersuchung der Finalität und der moralischen Dilemmata der Protagonisten
- Typisierung von Aufklärungsstrategien innerhalb der untersuchten Stücke
- Vergleich der antiken Tragödie mit dem komischen Gegenpart der Neuzeit
Auszug aus dem Buch
b) Verhältnis von gegenwärtigem Geschehen und Vorfabel
Ganz klar wird die eigentliche Handlung in AD durch die Ereignisse der Vergangenheit determiniert, was aber allein dennoch keinen spezifizierenden Unterschied zu anderen Dramenformen darstellt. Erst die chronologisch rückläufige Aufdeckung des Tatbestandes der Vorfabel macht ein solches Stück auch analytisch. Um die Beziehungen zwischen dramatischer Gegenwart und Vorgeschichte anschaulicher darzustellen, lohnt es sich die einzelnen Zeitstränge der beiden Stücke genauer zu betrachten.
G steht hier für die Gegenwart des Textes; V für den jeweiligen Vergangenheitskomplex, der sukzessiv-rückläufig im Drama enthüllt wird. V1 bezeichnet nacheinander die Geburt Ödipus´ (a), den Orakelspruch an Laois und Iokaste (b), die Aussetzung des Kindes daraufhin (c) und die Adoption durch Polybos und Merope nach der Übergabe durch den Hirten (d). Der zweite Vergangenheitsstrang V2 zeichnet das Orakel an Ödipus, er werde seinen Vater töten und die Mutter heiraten (a), den Auszug aus Korinth (b) und schließlich die Erschlagung des Laios nach (c). V3 bildet die unmittelbare Vergangenheit vor Handlungsbeginn; die Überwindung der Sphinx (a), der darauffolgenden Krönung zum König von Theben (b) und die Heirat mit Iokaste (c). Des weiteren ist dieses Schema auch als Pfistersche Kategorie der tertiär gespielten Zeit (V1 u. V2), sekundär gespielten Zeit (V3) und primär gespielten Zeit (G) darstellbar.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema des analytischen Dramas ein, identifiziert die Relevanz der zeitlichen Struktur und definiert das methodische Vorgehen für den Vergleich.
II. Das analytische Drama: Theorie und Vergleich anhand Sophokles´ „König Ödipus“ und Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“.: Das Hauptkapitel analysiert die theoretischen Begrifflichkeiten, die zeitlichen Aspekte wie Exposition und Anagnorisis, die Finalstrukturen sowie die Typisierung der Aufklärungsstrategien in den beiden Dramen.
III. Ausblick: Der Ausblick zeigt, dass analytische Strukturen auch in modernen Medien wie dem Film weiterhin präsent und relevant sind, wobei sie auf dem Grundprinzip der Enthüllungshandlung basieren.
IV. Literatur: Das Verzeichnis listet die verwendeten Primärtexte, die wissenschaftliche Sekundärliteratur sowie die herangezogenen Filme auf.
Schlüsselwörter
Analytisches Drama, Sophokles, Heinrich von Kleist, König Ödipus, Der zerbrochene Krug, Enthüllungshandlung, Vorfabel, Exposition, Anagnorisis, Peripetie, Finalität, Dramentheorie, Aufklärungsstrategien, Literaturwissenschaft, Zeitstruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Definition und der strukturellen Untersuchung des analytischen Dramas, wobei sie zwei bekannte Stücke vergleichend analysiert.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Untersuchung konzentriert sich primär auf die zeitliche Organisation der Handlung, die Aufdeckung von Vergangenheitsereignissen und die spezifische Finalstruktur dieser Dramenform.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, zu definieren, was ein analytisches Drama ausmacht, wie es sich von anderen Dramen abgrenzt und wie sich die zeitlichen Aspekte in den Beispielwerken manifestieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Begriffe der Dramentheorie (insbesondere nach Sträßner und Pfister) definiert und diese unmittelbar auf die Texte von Sophokles und Kleist anwendet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsklärung, eine Untersuchung zeitlicher Strukturaspekte, eine Analyse der Finalität und Dilemmata der Figuren sowie eine Typisierung der Aufklärungsstrategien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das analytische Drama, die Enthüllungshandlung, Anagnorisis, Vorfabel und die spezifische Gegenüberstellung von Antike und Moderne.
Wie unterscheidet sich das analytische Drama vom Zieldrama?
Während im Zieldrama das Handlungsziel in der Zukunft liegt, entfaltet sich das analytische Drama durch die schrittweise Aufdeckung eines zentralen Ereignisses, das bereits vor dem Bühnenbeginn stattgefunden hat.
Warum wird „König Ödipus“ oft als Idealtypus genannt?
„König Ödipus“ gilt als klassisches Beispiel, da hier die Suche nach der Wahrheit über die Vergangenheit zwingend zur Entschlüsselung des gesamten Schicksals und zum Zusammenfallen von Anagnorisis und Peripetie führt.
Welche Rolle spielt die Figur des Richters Adam in der Analyse?
Adam dient als Beispiel für eine Figur, die sich in einem moralischen und ideologischen Dilemma befindet; er versucht seine eigene Schuld zu verschleiern, während die Aufklärungshandlung ihn unweigerlich zur Wahrheit führt.
Wie überträgt die Autorin das analytische Drama auf moderne Formate?
Im Ausblick wird argumentiert, dass das Prinzip der Enthüllungshandlung auch in modernen Krimis und Thriller-Filmen (wie „8 Blickwinkel“) durch komplexe Zeitstrukturen und Multiperspektivität weiterlebt.
- Citation du texte
- Katharina Weiß (Auteur), 2010, Das analytische Drama. Theorie und Vergleich anhand Sophokles' „König Ödipus“ und Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190843