Die Situation nach dem Tod Karls des Großen - Bruderkämpfe und Reichszerfall


Seminararbeit, 2011

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Situation nach dem Tod Karls des Großen: Bruderkämpfe und Reichszerfall
1. Das Karlsbild aus zeitgenössischer Sicht bis zur Gegenwart
2. Die unmittelbare Situation nach dem Tod Karls bis 818
3. „Des großen Kaisers kleiner Sohn“ - Ludwig der Fromme als schwacher Kaiser in einem starken Reich?
4. Auf dem Weg zum Reichszerfall
a) Ursachen und Motive
b) Rolle Karls des Kahlen
5. Die Kaiserin Judith: Der ausschlaggebende Faktor für die Reichsteilungen?

III. Zusammenfassung

IV. Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

„Sehnsucht nach Karl dem Großen“1 - So betitelte Bernd Schneidmüller seinen Aufsatz aus dem Jahr 2000, der die Ausnahmestellung Karls insbesondere für die Geschichte Frankreichs und Deutschlands vom Mittelalter bis zur Gegenwart untersucht und das enorme nostalgische Geltungs- und Identifikationsbedürfnis mit dem frühmittelalterlichen Kaiser treffend beleuchtet. Beide Nationen beanspruchten in der Geschichte teils heftig die Zuordnung des pater europae als Ahnherren und Repräsentanten zu ihrer Nation, was bis heute in gemäßigterer Form noch vorkommt.

Doch wer war Karl der Große? Fest steht, dass er ein äußerst erfolgreicher Herrscher eines riesigen Reiches war, der sichtlich um die Expansion, Christianisierung, Kirchenpolitik, Bildung und Normierung in seinem Herrschaftsgebiet bemüht war2. Sicher ist auch, dass seine Idealisierung und außergewöhnliche Verehrung bereits zu Lebzeiten einsetzte und seine Nachfahren, was vor allem seinen Sohn und direkten Nachfolger Ludwig den Frommen betraf, nur als einen blassen Abglanz erscheinen ließ. Lange wurde dieser demnach in der Forschung als unfähiger und schwacher Kaiser; als Versager und „des großen Kaisers kleiner Sohn“3 angesehen und bezüglich seiner politischen Leistung regelrecht verteufelt, was einer Spirale gleich das Ansehen und Andenken an den großen Karl wiederum nur noch weiter übersteigerte. Immer wieder berief man sich im Laufe der Geschichte auf ihn, stilisierte ihn zum unantastbaren Vorbild für Rechtschaffenheit, Christlichkeit und Erfolg. Karl der Große - ein Mythos.

Im Rahmen dieser Arbeit soll die Zeit nach dem Tod Karls genauer beleuchtet werden, wobei das Hauptinteresse v. a. auf Kaiser Ludwig dem Frommen, seinem nachgeborenen Sohn Karl dem Kahlen und seiner zweiten Ehefrau Judith liegen wird. Leitend sollen hierbei u. a. die Aspekte des Bildes Karls des Großen aus zeitgenössischer ebenso wie aus gegenwärtiger Sicht, die unmittelbare Situation nach Karls Tod, die Frage nach der Beurteilung und Einordnung der Regierungszeit Ludwigs und der Ursachen und Motive des Reichszerfalls sein. War Ludwig der Fromme tatsächlich ein schwacher Herrscher? Hinterließ Karl seinem Sohn ein gestärktes Reich? Welchen Anteil haben die Bruderkämpfe am Reichszerfall? Welche Rolle spielte die Geburt des jüngsten Sohnes Karl und welche Stellung nahm Judith als Kaiserin und Mutter im politischen Machtspiel ein? Diese Punkte und Fragen stechen im Anbetracht des Themenkomplexes hervor und deuten den Blick auf ein revidiertes Gesamtbild Karls den Großen und seiner Nachfahren an.

II. Die Situation nach dem Tod Karls des Großen: Bruderkämpfe und Reichszerfall

1. Das Karlsbild aus zeitgenössischer Sicht bis zur Gegenwart

Betrachtet man die Situation nach Karls Tod und dabei insbesondere die Regierungszeit Ludwigs, so ist es unumgänglich, sich mit dem Bild und Mythos jenes übergroßen Vorbildes, auf das sich die Generationen immer wieder beriefen, eingehender aber gleichermaßen auch kritisch zu befassen.

Zunächst ist an dieser Stelle zu betonen, dass weder Karl selbst, noch seine Untertanen ihn zu Lebzeiten als Karl den Großen ansprachen oder bezeichneten, sondern lediglich als „großer König“4 oder „großer Kaiser“5. Doch allein diese Bezeichnungen legen bereits nahe, dass die Person Karl offenbar nicht nur ein König bzw. Kaiser wie andere gewesen sein muss, sondern schon von seinen Zeitgenossen als ein besonderer Herrscher und außergewöhnlicher Mann angesehen wurde. Seine Wirkung war noch während seiner Regierungszeit immens, nach seinem Tod aber erlangte er eine absolute Stilisierung zum Ideal. Anzumerken ist dabei Hartmanns interessante Äußerung, dass Karl auf Betreiben Friedrich Barbarossas 1165 schließlich heilig gesprochen wurde, allerdings nie Karl, sondern Barbarossa zum Nationalhelden avancierte6, der im Kyffhäuser auf die Wiederkehr des Reiches wartet7. Der Karlsruhm ist demnach offenbar von anderer Beschaffenheit und zeugt von einer deutlich subtileren Art und Weise der Erinnerungskultur. Laut Hartmann basiert dieser vornehmlich auf den durchschlagenden Siegen in der Expansion des Frankenreiches, d. h. auf den äußerlich sichtbaren Erfolgen8, doch gilt dies auch für Kaiser Friedrich I., der zwar letztlich jämmerlich ertrunken ist, aber ebenso militärisch erfolgreich und ein großer Herrscher war. Die weiteren Aspekte des Karlsruhms wie die Bemühungen Karls um die Bildung und Normierung im Reich, Städtegründungen wie z. B. von Paderborn, Florenz, Frankfurt a. M. und Zürich sowie Karl als Gesetzgeber für die Kirche9, erscheinen zwar durchaus von Wichtigkeit, stehen für Hartmann allerdings eindeutig nach den expansorischen Erfolgen, sind aber für den seit über tausend Jahren nahezu ungebrochenen Mythos um Karl den Großen wohl sichtlich wichtiger als angenommen. Vor allem der starke Kontrast zwischen ihm als Idealherrscher und der negativen Beurteilung seiner Nachfolger, was v. a. Ludwig angeht, ließ und lässt ihn noch größer und unerreichbarer scheinen. Doch Karl war nicht nur ein übergroßer und unerreichbarer Herrscher, sondern auch ein Mensch mit Schwächen. So liebte er die Frauen und liebte eine, die manchmal Fastrada genannt wird, davon so sehr, dass er sich nach ihrem Tod tagelang nicht von ihrem Leichnahm lösen wollte10. Diese Szene erinnert sehr stark an die Situation, in der Alexander der Große Erzählungen nach seinen Freund Hephaistion nach dessen Tod nicht verlassen wollte11, sich einschloss und nicht mehr von ihm ablassen wollte. Ebenso wie nach Alexanders Tod zerfiel auch Karls riesiges Reich und wie auch bei Alexander dem Großen beherrschte der Mythos den Menschen hinter dem großen Herrscher bereits zu Lebzeiten. Des weiteren hinterließen beide den Nachfahren etwas größeres als ein riesiges Reich, nämlich eine Weltanschauung, die die Jahrhunderte überdauerte12. Der Vergleich mag anfänglich ein wenig abwegig und pathetisch erscheinen, doch ist auch zu bedenken, dass in der Retrospektive solche Assoziationen mit bekannten Geschichten und Legenden, die immer wieder aufs Neue herangezogen wurden, mit großen mythischen Herrschern durchaus eine gewisse Rolle gespielt haben könnten und damit den Ruhm weiter vergrößerten. Hierbei ist auch anzumerken, dass Karl bspw. in den Vergleich zu Konstantin dem Großen gestellt wurde, der der Kirche nach jahrhundertelanger Christenverfolgung durch die verschiedensten Augusti schließlich Rechte und Freiheiten gewährte; das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Vor allem in der Kirchengesetzgebung wurde diese Parallele Karls als ein besserer Konstantin13 aufgeworfen und diskutiert. Nicht zuletzt Napoleons „Pour le Pape, je suis Charlemagne“14 überhöhte den Ruhm Kaiser Karls um ein Weiteres und unterstreicht dazu aufs Deutlichste die Beanspruchung Karls durch die Franzosen, als eine ungemein wichtige Persönlichkeit v. a. im Frankreich des 19. Jahrhunderts.

2. Die unmittelbare Situation nach dem Tod Karls bis 818

Um die schwierige Frage der Herrschaftsqualität Ludwigs des Frommen beurteilen zu können, ist es zunächst nötig sich mit der Situation nach dem Tod Karls des Großen 814 auseinanderzusetzen, d. h. die politische Lage und die Stimmung im Reich mit einzubeziehen. Festzustellen ist zunächst, dass Karl seinem Sohn nach langer und insgesamt sehr erfolgreicher Regierung ein riesiges Reich voller heterogener Ethnizitäten hinterließ. Die Zeit der großen Expansionen aber war vorbei; lohnende Ziele gab es nicht mehr zu erobern15. Demnach galt es, sich den nicht zu unterschätzenden inneren Problemen zu widmen, wie z. B. einen Treueeid der Stämme zur Sicherung des Friedens abzuverlangen. Die Kirche gewann in dieser Zeit immer mehr an Bedeutung, was geistliche aber auch weltliche Belange anging, d. h. war vor allem auf die Amtsträger bezogen. Ludwig unternahm auf diesem Gebiet energische Reformversuche; dennoch fanden sich wenige Unterstützer für seine Position. Auch erkannte er die geringe institutionelle Verfasstheit des Großreiches und wollte die Erneuerung dessen durchsetzten, da er sich darüber bewusst gewesen sein muss, dass das Reich lange schon über das einstige Volkskönigtum hinausgewachsen war16, weshalb er auch den vollen Kaisertitel führte: Im Gegensatz zu seinem Vater nannte er sich nicht mehr „Rex Francorum et Langobardorum“, sondern „imperator augustus“17.

Die Stimmung im Reich nach Karls Tod war deutlich gedrückt; die Trauer war groß und bereits die Zeitgenossen schienen das Ende einer großen Ära verspürt zu haben. Dennoch setzte Ludwig alles daran sein Erbe gut zu regieren und zu verwalten. Karls letzte Ziele waren der Kampf gegen die Mißstände im Reich und eine wohlbedachte Thronfolgepolitik, was Ludwig zu Beginn seiner Regierung zu seinen politischen Richtlinien erklärte. Zunächst wurde das westliche Kaisertum18 im sog. „Pactum Hludovicianum“ erneuert, was die Salbung Ludwigs und seiner Frau Irmingard durch Papst Stephan IV. zu Folge hatte und an ältere Schutz- und Freundschaftsbündnisse anknüpfte. Im Bezug auf die Thronfolgepolitik stellten sich Ludwig einige schwierige Fragen und ein zentrales Verfassungsproblem: der Widerstreit zwischen der universellen und unteilbaren Kaiserwürde und dem typisch karolingischen Teilungsbrauch19. Letztlich kam man auf der Aachener Reichsversammlung 817, die übrigens wiederum von der legislativen

Entschlusskraft Ludwigs zeugt, in der „ordinatio imperii“ zum Ergebnis, dem ältesten Sohn Lothar die Kaiserwürde zu übertragen, dem jüngeren Sohn Pippin Aquitanien und Ludwig Bayern und slawische Grenzgebiete als Herrschaftsgebiete zu überlassen. Des weiteren wurde beschlossen, dass die beiden Unterkönigreiche und das Kaisertum nur einem Erben zufallen sollten sowie eine weitere Zersplitterung unmöglich sein sollte20. Dies aber regte den Widerstand im Adel und auch der nicht berücksichtigte Neffe Bernhard von Italien, der durch Karl den Großen ein Sonderrecht an der Herrschaftsbeteiligung erhalten hatte, fühlte sich übergangen und übte Widerstand aus. Ludwig reagierte daraufhin mit Mobilisierung und ließ Bernhard festnehmen und blenden. Infolge dessen starb dieser, was die Herrschaft Ludwigs moralisch dauerhaft schwer belastete21 und möglicherweise eine der folgenschwersten Entscheidungen Ludwigs war.

[...]


1 Schneidmüller, Bernd: Sehnsucht nach Karl dem Großen. Vom Nutzen eines toten Kaisers für die Nachgeborenen. In: GWU (2000) Bd. 51, S. 284-301.

2 Siehe dazu: Fleckenstein, Josef: Karl (I.) der Große. In: Lexikon des Mittelalters, S. 956-961.

3 Titel des Aufsatzes von N. Staubach: „Des großen Kaisers kleiner Sohn“. Zum Bild Ludwigs des Frommen in der älteren Geschichtsforschung. In: Godman, Peter u. Collins, Roger (Hrsg.): Charlemagne´s Heir. New Perspectives on the Reign of Louis the Pious (814-840). Oxford 1990, S. 701-721.

4 Hartmann, Wilfried: Karl der Große. Stuttgart 2010, S. 253.

5 Ebd. S. 253.

6 Ebd., S. 254.

7 Eben jene Heroisierung Barbarossas wurde durch viele literarische Werke v. a. im 19. Jahrhundert im Zuge der Nationalismusbewegung immer wieder bearbeitet und aufgeworfen. Ein besonders prägnantes und auch literarisch-kritisches Beispiel: Heine, Heinrich: Deutschland. Ein Wintermärchen. In: Windfuhr, Manfred (Hrsg.): Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Band 4. Atta Troll. Ein Sommernachtstraum. Deutschland. Ein Wintermärchen. Hamburg 1985. Hier: Caput XV, S. 123-126.

8 Hartmann: Karl. S. 260.

9 Ebd. S. 257-258.

10 Hartmann: Karl. S. 256.

11 Hierzu siehe: Fox, Robin Lane: Alexander der Grosse. Eroberer der Welt. Stuttgart 2004. Hier S. 573.

12 Gemeint sind hierbei der Hellenismus und das Christentum. Selbstverständlich ist der Bezug zum Christentum so aufzufassen, dass Karl sein Leben lang darum bemüht war, eben jenes zu verbreiten, und zwar kriegerisch wie auch durch Bildung. Auch bleibt zu beachten, dass der Hellenismus nach einigen Jahrhunderten unterging, das Christentum aber bis heute fortbesteht, was immer wieder Karls Bemühungen zugeschrieben wird.

13 Hartmann: Karl. S. 258.

14 Zit. Nach: Ebd. S. 254.

15 Schieffer, Rudolf: Die Karolinger. Stuttgart 2006. S. 112-113.

16 Boshof, Egon: Ludwig der Fromme. Darmstadt 1996. S. 95-98.

17 Schieffer: Karolinger. S. 116.

18 Dies hatte Akzeptanzprobleme mit Byzanz zufolge, wobei später ein Ausgleich stattfand. Hierzu: Schneider, Reinhard: Die Erben Karls des Großen im 9. Jahrhundert. In: ZAGV (2002/03) Bd. 104/105, S. 51-67.

19 Dieses Problem stellte sich bereits Karl, der mehrere Söhne hatte und eine vernünftige Lösung für die Erbteilung finden musste, was sich durch den biologischen Zufall allerdings von selbst löste und Ludwig als einzigen (legitimen) Sohn und Erben zurückließ.

20 Jene Regelung wird durch die Geburt des Sohnes Karl aus zweiter Ehe erheblich beschnitten werden, was an anderer Stelle aber noch diskutiert wird.

21 Schieffer: Karolinger. S. 116-119.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Situation nach dem Tod Karls des Großen - Bruderkämpfe und Reichszerfall
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar - Karl der Große. Herrschaft und Reich, Hof und Kanzlei
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V190852
ISBN (eBook)
9783656162926
ISBN (Buch)
9783656163336
Dateigröße
747 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühes Mittelalter, Bruderkämpfe, Karl der Große, Ludwig der Fromme, Reichszerfall, Lothar I, Verdun 843, Kaiserin Judith
Arbeit zitieren
Katharina Weiß (Autor:in), 2011, Die Situation nach dem Tod Karls des Großen - Bruderkämpfe und Reichszerfall, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190852

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