Migrationsbewegungen in Deutschland

Eine Analyse mithilfe des Gravitationsmodells


Seminararbeit, 2011

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Migrationsbegriff und Migrationsforschung
2.1 Migrationstheoretischer Forschungsansatz: Gravitationsmodell
2.2 Eigenschaften des Gravitationsmodells
2.3 Beschreibung des zugrunde liegenden Datensatzes

3 Spezifikation der ökonometrischen Modelle
3.1 Zu erwartende Vorzeichen

4 Ergebnisse der Schätzung
4.1 Das Modell der Zuwanderung
4.1.1 Überprüfung der Annahmen des klassischen Regressionsmodells
4.1.2 Auswertung der Schätzergebnisse
4.2 Das Modell der Abwanderung
4.2.1 Überprüfung der Annahmen des klassischen Regressionsmodells
4.2.2 Auswertung der Schätzergebnisse

5 Schlussbetrachtung

6 Anhang

7 Quellenverzeichnis

8 Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

Migrations- und Wanderungsprozesse haben seit jeher entscheidenden Einfluss auf die Geschichte der Menschheit. Der Mensch ist stets auf der Suche nach optimalen Lebensbedingungen. Erst diese Suche und die damit einhergehenden Migrationsbewegungen führen zu einer weltweiten Verbreitung der Spezies Mensch. Diese Meinung vertritt der Geschichtshistoriker und Migrationsforscher Klaus J. Bade. Seiner Ansicht nach hat sich „der Homo sapiens […] als Homo migrans über die Welt ausgebreitet“ (Bade et al. 2007: 19).

Migrationsentscheidungen werden entweder vom Individuum allein oder in der Gruppe getroffen. Sie basieren auf vielfältigen Beweggründen. Für die Entscheidungsfindung sind geographische, wirtschaftliche, politische und soziale Faktoren von zentraler Bedeutung. Ziel dieser Arbeit ist es anhand ausgewählter Faktoren die Migrationsbewegungen für Deutschland mithilfe eines Gravitationsmodells für das Jahr 2007 zu analysieren. Dabei basiert die vorliegende Arbeit auf dem im Forschungsseminar Au ß enwirtschaftstheorie und -politik gehaltenen Referat.

Zu Beginn der Arbeit wird der Begriff Migration und damit zusammenhängend die Entwicklung der Migrationsforschung näher erläutert. Im Anschluss daran erfolgt die Vorstellung des Gravitationsmodells als Forschungsansatz. Dieser als Einführung konzeptionierte Abschnitt endet mit der Beschreibung des zugrunde liegenden Datensatzes.

In Bezugnahme auf das vorgestellte Gravitationsmodells wird die Spezifikation des ökonometrischen Modells durchgeführt. Dabei werden den grundlegenden Faktoren des Gravitationsmodells weitere Regressoren hinzugefügt. Dadurch, dass Migrationsbewegungen sowohl Zuwanderung als auch Abwanderung beinhalten, wird das Modell in zwei separate Modelle unterteilt. Die Erarbeitung der ökonometrischen Modelle sowie die Vorstellung, Auswertung und Interpretation der Schätzergebnisse stellen den Hauptteil dieser Arbeit dar. In der abschließenden Schlussbetrachtung werden neben der Zusammenfassung der Ergebnisse einzelne Kritikpunkte näher erläutert.

2 Migrationsbegriff und Migrationsforschung

Für die deutsche Migrationsforscherin Ingrid Oswald verweist der Begriff Migration auf eine ungeahnte Komplexität. Um alle maßgeblichen Komponenten umfassen zu können, bedarf es ihrer Meinung nach einer allgemeinen Begriffsdefinition. Oswald definiert daher den Begriff der Migration wie folgt:

Migration wird […] im Weiteren verstanden als ein Prozess der räumlichen Versetzung des Lebensmittelpunktes, also einiger bis aller relevanten Lebensbereiche, an einen anderen Ort, der mit der Erfahrung sozialer, politischer und/oder kultureller Grenzziehung einhergeht (Oswald 2007: 13).

Diese räumliche Versetzung des Lebensmittelpunktes sieht die Wissenschaft lange Zeit als gegeben an. Erst als sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts die empirischen Sozialwissenschaften entwickeln und parallel dazu die massenhafte Auswanderung aus Europa in Richtung Amerika einsetzt, erregen Migrationsprozesse wissenschaftliches Interesse (Vgl. Han 2005: 42).

Allgemein gilt der Deutsch-Brite Ernest George Ravenstein als Begründer der Migrationsforschung. Wie sich aus dem Titel seiner 1885 erschienenen wissenschaftlichen Arbeit The Laws of Migration ableiten lässt, sucht Ravenstein in Anlehnung an die Naturwissenschaften nach den Gesetzen der Migration (Vgl. Ebd.: 43).

In der Folgezeit entwickeln sich eine Vielzahl von theoretischen Modellen, die versuchen Migrationsprozesse in ihrer Komplexität zu erklären. Jedoch ist es bis zum heutigen Tag noch keinem Modell gelungen, alle relevanten Faktoren und Prozesse zu berücksichtigen.

2.1 Migrationstheoretischer Forschungsansatz: Gravitationsmodell

Das Gravitationsmodell als migrationstheoretischer Forschungsansatz stellt ein solch theoretisches Modell dar, mit dessen Hilfe versucht wird, Migrationsprozesse zu analysieren. Dabei basiert das Gravitationsmodell auf dem physikalischen Gravitationsgesetz von Isaac Newton. Newton formuliert das Gravitationsgesetz bereits 1686. Es besagt, dass jeder Massepunkt jeden anderen Massepunkt mit der so genannten Gravitationskraft anzieht. Entscheidend für die Stärke der Gravitationskraft sind die Distanz zwischen den Massepunkten und die Größe der Massepunkte (Vgl. Orlova/Jost 2006: 4).

Als Ravenstein Ende des 19. Jahrhunderts nach den Gesetzen der Migration forscht, bezieht er sich zwar nicht direkt auf das newtonsche Gravitationsgesetz aber auf den geographischen Faktor der Distanz. In den 1940er Jahren sind es Geographen, die erstmals durch den Bezug auf das Gravitationsgesetz zeigen können, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen Migrationsvolumen und Entfernung besteht. Damit findet das Gravitationsmodell, als ein Modell mit makroanalytischem Aufbau, Eingang in die empirische Migrationsforschung. Neben der Physik und der Migrationsforschung findet das Gravitationsmodell Anwendung bei der Erklärung von internationalen Handelsströmen innerhalb der Außenwirtschaftslehre.

2.2 Eigenschaften des Gravitationsmodells

Die zwei grundlegenden Einflussgrößen eines migrationstheoretischen Gravitationsmodells sind Bevölkerungsgröße und Distanz. Es wird angenommen, dass die Entfernung bei der Migration zwischen Herkunftsort und Zielort maßgeblichen Einfluss auf das Migrationsvolumen ausübt. Je weiter die Orte bzw. Länder von einander entfernt sind, desto geringer ist das Migrationsvolumen (Vgl. Ebd.). Zudem wird angenommen, dass die jeweilige Bevölkerungsgröße eines Landes ebenfalls Einfluss auf das Migrationsvolumen hat.

Die Ausgangsgleichung lautet daher:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei stellt die Variable das[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Migrationsvolumen zwischen Land i und Land j dar. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] symbolisieren die Bevölkerungsgrößen des jeweiligen Landes und die bestehende Distanz zwischen Land i und Land j.1 Das Migrationsvolumen von zwei Ländern ergibt sich somit aus dem Produkt der Bevölkerungszahlen, dividiert mit der Distanz, die zwischen den beiden Ländern besteht. Es lässt sich anhand dieser grundlegenden Gleichung erkennen, dass das Migrationsvolumen steigt, wenn die Bevölkerungszahlen zunehmen bzw. wenn die Entfernung abnimmt. Parallel dazu sinkt das Migrationsvolumen, wenn die Bevölkerungsgrößen abnehmen und die Distanz zunimmt.

2.3 Beschreibung des zugrunde liegenden Datensatzes

Bei dem der Arbeit zugrunde liegenden Datensatz handelt es sich ausschließlich auf Deutschland bezogene Querschnittsdaten für 2007. Die Entscheidung fiel auf das Jahr 2007, weil es zeitlich vorm Ausbruch der Weltwirtschaftskrise liegt und die Daten noch relativ aktuell sind. Die Entscheidung für Querschnittsdaten erleichtert die Operationalisierung des ökonometrischen Modells. Da sich das Modell auf Deutschland bezieht, stellt Deutschland als Land sowohl den Zielpunkt für Zuwanderung als auch den Ausgangspunkt für Abwanderung dar.

Aufgrund der mangelhaften Datenverfügbarkeit können nur 42 Länder2 in die Untersuchung aufgenommen werden, was für ein ökonometrisches Modell einen recht kleinen Datensatz darstellt. Bezogen auf diese 42 Länder ermittelt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für Deutsch- land im Jahr 2007 ein Migrations- volumen von 1.058.505 Personen. Wie in Tabelle 1 zu erkennen ist, setzt sich diese Zahl aus Zu- und Abwanderung zusammen. Das Wanderungssaldo liegt bei +45.985 Personen. Von allen unter- suchten Ländern weist Deutschland mit Polen das größte Migrationsvolumen auf. Das geringste Migrationsvolumen besteht zwischen Deutschland und Estland (Vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2008: 36 ff.).

Tabelle 1: Migrationsbewegungen in Deutschland 2007

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2008: 36 ff.

Im sich anschließenden Abschnitt wird neben der Spezifikation des ökonometrischen Modells die Auswahl der zusätzlichen Regressoren erläutert.

3 Spezifikation der ökonometrischen Modelle

Wie bereits erwähnt, setzt sich das Migrationsvolumen aus Zu- und Abwanderung zusammen. Aufgrund dessen werden zwei ökonometrische Modelle spezifiziert. Das hilft dabei, die unterschiedlichen Prozesse, die bei Zu- und Auswanderungsbewegungen wirken, differenziert zu betrachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Zuwanderung wird mit der Variablen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und die Abwanderung mit der Variablen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] symbolisiert. Beide Variablen bilden die jeweilige exogene Variable eines Modells. Die Indizes i und j zeigen an, dass die Zu- bzw. die Abwanderung zwischen Deutschland als Land i und einem der 42 Untersuchungsländer als Land j erfolgt.

Der Ausgangsgleichung entsprechend sind die Komponenten Bevölkerungsgröße [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Distanz in beiden Modellen enthalten. Die Distanz wird jeweils anhand der Entfernung zwischen Berlin als deutscher Hauptstadt und der Hauptstadt des zu untersuchenden Landes ermittelt. Die Berechnung erfolgt mithilfe eines Luftlinienkilometerzählers im Internet (Vgl. Luftlinie berechnen 2011).

Durch die Bezugnahme auf das Bruttoinlandsprodukt, dargestellt in der Variable [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], wird die Wirkung des ökonomischen Faktors untersucht (Vgl. Orlova/Jost 2006: 7). Um Einheitlichkeit zu gewährleisten sind die Daten zum BIP der Homepage der World Bank entnommen (Vgl. World Bank 2011).

Da Arbeitslosigkeit als ein entscheidender Faktor zur Beeinflussung von Migrationsverhalten gilt, wird dieser Faktor als vierte exogene Variable in beide Modelle mit aufgenommen. Die Variable der Arbeitslosigkeit wird mit der Abkürzung [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] dargestellt.

Beiden Modellen werden zudem zwei Dummy-Variablen hinzugefügt. Die erste Dummy- Variable[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] gibt an, ob es sich bei dem zu untersuchenden Land um einen Mitgliedstaat der EU-15 handelt, also der Staaten, die vor der EU-Osterweiterung 2004 bereits Mitglied der EU sind.3 Die Dummy-Variable[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] nimmt den Wert 1 an, wenn ein Land Mitglied der EU-15 ist. Die Einführung dieser Dummy-Variablen ist darin begründet, dass zwischen Deutschland und den anderen Mitgliedstaaten der EU-15 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit sowie Niederlassungsfreiheit gewährt wird. Dagegen bestehen zwischen Deutschland und 10 der 12 neuen EU-Mitgliedstaaten Beschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit, so dass im Prinzip weiterhin der Status Quo aus der Vorzeit der EU-Osterweiterung gilt (Vgl. Untiedt et al. 2007: 73 ff.).4 Dieser Status Quo wird noch bis zum 1. Mai 2011 aufrecht erhalten. Zwischen Deutschland und den anderen Nicht-EU-Ländern, die innerhalb dieser Arbeit untersucht werden, bestehen ebenfalls Restriktionen bei der Zu- bzw. Abwanderung. Da diese Restriktionen nicht einheitlich sind und ihre eingehende Darstellung den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde, soll an dieser Stelle auf eine nähere Erläuterung der Regelungen im Einzelnen verzichtet werden.

Mit Hinzunahme der zweiten Dummy-Variablen ( wird versucht die Bedeutung von Migrantennetzwerken zu berücksichtigen. Es wird angenommen, dass Migrantennetzwerke einen maßgeblichen Einfluss auf die Zuwanderung nach Deutschland haben. Die Bedeutung von Migrantennetzwerken im Bezug auf die Abwanderung aus Deutschland ist dagegen nicht so eindeutig. Dennoch wird die Dummy-Variable ( auch dem Modell der Abwanderung hinzugefügt. In beiden Modellen nimmt die Dummy-Variable den Wert 1 an, wenn die Zahl der in Deutschland lebenden ausländischen Staatsangehörigen eines Landes die Marke von 100.000 Personen übersteigt. Diese Zahl ist eine von mir willkürlich festgelegte Größe. Es gilt die Annahme, dass Migrantennetzwerke einen Einfluss ausüben, wenn sie eine gewisse Größe aufweisen. In diesem Fall liegt die Größe bei 100.000. Das trifft für 12 der 42 Untersuchungsländer zu.5

[...]


1 Eine tabellarische Auflistung aller verwendeten Variablen ist dem Anhang mit Tabelle A. 1 beigefügt.

2 Eine Auflistung aller 42 Untersuchungsländer befindet sich mit Tabelle A. 2 im Anhang.

3 Mitgliedstaaten der EU-15 sind: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, das Vereinigte Königreich, Italien, Irland, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden und Spanien (Vgl. Gruner/Woyke 2007: 532).

4 Zu diesen 10 neuen Mitgliedstaaten der EU gehören: Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, die Tschechische Republik und Ungarn. Bulgarien und Rumänien sind anders als die anderen 8 Staaten nicht zum 1. Mai 2004 sondern erst zum 1. Januar 2007 der EU beigetreten. Aber auch für diese beiden Staaten besitzen die Restriktionen der Arbeitnehmerfreizügigkeit Gültigkeit (Vgl. Ebd.: 534). Für Malta und Zypern gelten aufgrund ihrer geringen Größe und ihrer fortgeschrittenen wirtschaftlichen Entwicklungen keine Beschränkungen (Vgl. Untiedt et al. 2007: 74). Da für beide Staaten vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge keine Zuwanderungs- bzw. Abwanderungsdaten veröffentlicht wurden, zählen sie nicht zu den Untersuchungsländern dieser Arbeit.

5 Zu diesen 12 Ländern mit in Deutschland bestehenden Migrantennetzwerken von über 100.000 Personen zählen: Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Russland, Spanien, die Türkei und die Ukraine.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Migrationsbewegungen in Deutschland
Untertitel
Eine Analyse mithilfe des Gravitationsmodells
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Volkswirtschaftslehre)
Veranstaltung
Außenwirtschaftstheorie und –politik
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V190875
ISBN (eBook)
9783656154723
ISBN (Buch)
9783656154907
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Migrationsbewegungen, Migrationsforschung, Gravitationsmodell, Netzwerke, BIP, Distanz, Bevölkerungsgröße, Arbeitslosigkeit, EU-15, Ökonometrie, Ökonometrische Schätzungen, Regressionen
Arbeit zitieren
Tobias Klein (Autor), 2011, Migrationsbewegungen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190875

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Titel: Migrationsbewegungen in Deutschland



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