Großmacht Russland?

Vier Essays zu den Problemen bei der Transformation und den neuerlichen Anspruch Russlands, eine Großmacht zu sein.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Entwicklungsland Russland? Die Probleme beim sozioökonomischen Wandel

2. Amerikanisierung der russischen Politik? Der Einfluss der informationellen Politik auf den Transitionsprozess

3. Misslungene Modernisierung des Gesellschaftssystems? Die Rolle von Nationalismus und Imperialismus bei der affektiven Bindung

4. Hegemon Russland? Zwischen Anspruch und Wirklichkeit der russischen Großmachtpolitik

1. Entwicklungsland Russland? Die Probleme beim sozioökonomischen Wandel.

Können Entwicklungsländer als eine Großmacht gelten? Angesichts einiger aufstrebender Staaten des globalen Südens, allen voran China und Indien, ist man geneigt, diese Frage zu bejahen. Unterentwicklung scheint aus heutiger Sicht kein Hindernis mehr zu sein, um als eine Großmacht zu gelten. Die russische Geschichte scheint diese Überlegung zu bestätigen. Das zaristische Russland galt gegenüber den anderen europäischen Mächten in zahlreichen Punkten als unterentwickelt, dennoch konnte es im imperialen Wettlauf mithalten. Ob das heutige Russland auch als eine Großmacht gelten kann, soll in dieser Überlegung geklärt werden. Es gilt dabei die Behauptung zu verteidigen, dass die Probleme beim sozioökonomischen Wandel in Russland einen neuerlichen Großmachtanspruch nicht rechtfertigen.

Die Probleme beim sozioökonomischen Wandel in Russland sind vielfältig. Viele dieser Probleme gelten als spezielle russische Transformationsphänomene. Für eine Großmacht sind aber seine sozioökonomischen Strukturen von herausragender Bedeutung. Denn die vorherrschende Ökonomie bestimmt nicht nur das Gesellschaftssystem, sondern bildet auch die Grundlage für das politische und militärische System. Ob Russland eine Großmacht ist, entscheidet sich also nicht allein an seiner militärischen Stärke bzw. Macht, sondern auch an seinen wirtschaftlichen Fähigkeiten. Nicht zuletzt deshalb, weil dadurch die Besoldung, der Unterhalt und die Modernisierung des Militärs gewährleistet werden. Zwar ist man geneigt, aufgrund der Größe und Schlagkraft des militärischen Systems, Russland einen Großmachtstatus einzuräumen, aber man übersieht, dass es sich dabei um die Konkursmasse der Sowjetunion handelt. Das Know-how sei es Raumfahrt oder Waffentechnologie, entstammt aus dem Erbe der Sowjetunion.

Lediglich die Finanzierungsgrundlage des militärischen Systems hat sich mit dem Ende der Sowjetunion schlagartig verändert. Während das sozialistische Weltwirtschaftssystem durch geschützte Märkte die Defizite des ökonomischen Systems mehr oder weniger kaschieren konnte, offenbarte sein Zusammenbruch die gravierenden ökonomischen Probleme Russlands. Das sowjetische Entwicklungsmodell hinterließ ein ökonomisches System, das durch zahlreiche systemimmanente Fehlentwicklungen geprägt war. Dieses Erbe der Sowjetunion führte zu den strukturell bedingten Problemen bei der Transformation. Hinzu kommen noch die räumlich bedingten Probleme des sowjetischen Entwicklungsmodells. Zeugnis dafür sind die riesigen und veralteten Industrieenklaven im nordöstlichen Teil des Landes. Diese sind weder an den europäischen noch an den asiatischen Wirtschaftsraum angebunden oder gar orientiert. Die Effekte dieser strukturellen und räumlichen Probleme führten bei der Transformation in den 1990er Jahren zu einer regelrechten Rückentwicklung von Russland. Aus einem überindustrialisierten Teil einer Weltmacht wurde ein weiteres Entwicklungsland. All die typischen Merkmale lateinamerikanischer Entwicklungsländer trafen nun auch auf Russland zu. Manche Autoren sprechen gar von einer Afrikanisierung weiter Teile des Landes.

Zwar könnte man Russland trotz dieser Probleme als ein Industrieland bezeichnen, aber die geringe Konkurrenzfähigkeit seiner Wirtschaft auf globaler und selbst auf nationaler Ebene belegen das Gegenteil. Die einzig wirklich erfolgreichen Außenhandelsgüter sind Energieträger und Rohstoffe. Sie wurden im Laufe der Transformation zunehmend zur Finanzierungsgrundlage des Staates. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Putin alles unternahm, um den Energiesektor wieder unter staatlicher Kontrolle zu bringen. Lässt sich doch mit den Einkünften der staatliche Einfluss direkt oder indirekt in weiten Teilen der Wirtschaft und damit der Gesellschaft aufrechterhalten. So leistet sich der Staat einen öffentlichen Sektor, der im Normalfall kaum finanzierbar wäre. Mit den staatlichen Einkünften aus Öl und Gas werden auch die Wirtschaftszentren in der Peripherie künstlich am Leben erhalten. Dies offenbart nicht nur eine gravierende außenwirtschaftliche Abhängigkeit von wenigen Gütern, sondern auch geringe Fortschritte beim sozioökonomischen Wandel. Denn die strukturellen und räumlichen Probleme bleiben bestehen, lediglich die Finanzierungsgrundlage hat sich verändert.

Die Energie- und Rohstofflastigkeit der russischen Wirtschaft ist der vielleicht wichtigste Beleg, der gegen einen Großmachtanspruch spricht. Denn alles hängt direkt und indirekt von den Einkünften aus Europa ab. Dieser Abhängigkeit kann sich Russland nicht einmal entziehen. Die Infrastruktur zum Export von Öl und Gas ist auf Europa ausgerichtet. Eine Neuausrichtung z. B. nach China würde Investitionen und Technologien voraussetzen, die Russland und China nicht bereitstellen können. Schon als die Pipelines gebaut wurden, musste auf westeuropäisches Know-how zurückgriffen werden. Aber auch eine Neuausrichtung nach China würde Russland lediglich in ein neues Abhängigkeitsverhältnis manövrieren. Eine konsequente Transformationspolitik, mit einer über den Markt vergesellschafteten Ökonomie als Ziel, hätte Russland vor einer solchen Abhängigkeit bewahrt. Denn dann hätte sich die russische Gesellschaft zum sozioökonomischen Träger des Staates entwickeln können. Die Abhängigkeit von den Einkünften aus Europa macht aber de facto den europäischen Verbraucher zum Finanzierer des russischen Staates und damit Russland zum Rohstoffanhängsel Europas. Einen Großmachtanspruch, der derart auf Energieträgern und Rohstoffen beruht, kann daher nicht gerechtfertigt sein.

Es lässt sich festhalten, dass Russland ohne das technologische und militärische Erbe der Sowjetunion und ohne seine Energie- und Rohstoffe nur ein Entwicklungsland unter vielen wäre. Es ist bei der Transformation nicht gelungen, sozioökonomische Strukturen zu etablieren, welche die russische Gesellschaft befähigt hätte, ihren Staat zu finanzieren. Die Abhängigkeit von Einkünften aus Europa zur Finanzierung des Staates, der Wirtschaft und der Gesellschaft kann daher den neuerlichen Großmachtanspruch Russlands nicht rechtfertigen. Die Behauptung, dass die Probleme beim sozioökonomischen Wandel in Russland einen neuerlichen Großmachtanspruch nicht rechtfertigen, ist daher begründet.

2. Amerikanisierung der russischen Politik? Der Einfluss der informationeilen Politik auf den Transitionsprozess.

Mit der massenhaften Verbreitung von elektronischen Medien und neuen Informationstechnologien hat sich die politische Auseinandersetzung verändert. Denn es eröffnet politischen Akteuren neue Möglichkeiten in der politischen Auseinandersetzung. Die meisten politischen Systeme sind aber auf diese informationelle Politik nicht vorbereitet. Gerade für junge Demokratien ohne etablierte Traditionen einer demokratisch geprägten politischen Kultur, die mögliche populistische und manipulative Tendenzen filtert oder abschwächt, kann es zu unerwünschten Effekten im Transitionsprozess führen. Welchen Einfluss informationelle Politik auf den Transitionsprozess in Russland hatte, soll in diesem Essay geklärt werden. Es gilt dabei die Behauptung zu verteidigen, dass die informationelle Politik nach amerikanischem Vorbild die Regime-Hybridität im heutigen Russland begünstigte. Unter informationelle Politik versteht diese Arbeit im Wesentlichen die herausgehobene Stellung und Verwendung von Medien in der politischen Auseinandersetzung.

Ausgerechnet dieser informationellen Politik ist es zu verdanken, dass es in Russland in den 1990er Jahren keine Abkehr von der Demokratie gab. Denn ohne den Wahlkampf Jelzins nach amerikanischem Vorbild hätten 1996 ganz andere politische Kräfte die Wahl gewonnen. Das Land lag wirtschaftlich am Boden und Jelzin hätte die Wahl haushoch verloren, wenn er nicht dem amerikanischen Modell der informationellen Politik gefolgt wäre. Seine Konkurrenten lagen in den Umfragewerten weit vor ihm, aber im Gegensatz zu Jelzin stützten sie ihren Wahlkampf auf das veraltete Medium der Massenorganisationen. Jelzin hingegen hatte eine mächtige Allianz aus unterschiedlichsten Medien zur Seite. Bedeutete doch für sie eine Niederlage Jelzins die Rückkehr des alten politischen Systems und damit ihr Ende. Jelzin erhielt daher einen privilegierten Zugang zur Masse und konnte die neusten Wahlkampfstrategien aus den USA anwenden. Ausführungen über die mannigfaltigen Strategien des Medieneinsatzes würden jedoch zu weit gehen, aber der Medieneinsatz nach amerikanischem Vorbild war ein wesentlicher Grund für den Wahlerfolg Jelzins.

Jelzins Nachfolger Putin verstand es und versteht es wie kein anderer die Medien für sich zu nutzen. Natürlich mit dem Unterschied, dass Putin sich die Medien gefügig machte. Unter Putin wurden und werden Medien für seine Zwecke verwendet.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Großmacht Russland?
Untertitel
Vier Essays zu den Problemen bei der Transformation und den neuerlichen Anspruch Russlands, eine Großmacht zu sein.
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Russland im Wandel – Von der Weltmacht Sowjetunion zur Großmacht Russland?
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V191020
ISBN (eBook)
9783656155485
ISBN (Buch)
9783656156543
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transition, Russland, Transformation, Modernisierung, informationelle Politik, gelenkte Demokratie, russische Idee, affektive Bindung, Großmachtpolitik
Arbeit zitieren
Magister Artium Matthias Ludewig (Autor), 2008, Großmacht Russland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191020

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