Wandel und Veränderung gehen oftmals von wenigen Menschen und kleinen Gruppen aus. Als Idealisten, Pioniere und Querdenker mit starkem Willen, hoher Energie und Leidenschaft, beschreiten sie neue Wege, häufig auch gegen den Widerstand in ihrer Umgebung. Viele dieser ehemals kleinen und unbekannten Gruppen entwickeln sich später zu Massenbewegungen. In diesem Sinne beschäftigt sich auch diese Arbeit mit einem scheinbaren Randphänomen, nämlich mit neueren Gemeinschaftsbewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hierin wird dafür plädiert, ihnen trotz ihrer mengenmäßigen Vernachlässigbarkeit entsprechende Relevanz zuzusprechen. Wachsende ökonomische, ökologische und soziale Unsicherheiten und dazu die Ablehnung und Missbilligung des Umgangs mit Mensch und Natur lassen die Menschen nach Alternativen in jenen Bereichen suchen und mit neuen Lebensweisen experimentieren. Auch das Erreichen eines bestimmten Lebensstandards und damit die weitgehende Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse – Deutschland zählt zu den größten Volkswirtschaften dieser Welt und verfügt über ausgeprägte soziale
Sicherungssysteme – veranlasst Menschen, sich verstärkt die Frage nach Lebenssinn, Transformation und transzendentalen Themen zu stellen und in Folge dessen nach alternativen Lebensmodellen zu suchen. Gemeinschaften bieten daher auf verschiedenen Ebenen Anknüpfungspunkte. Einerseits stellen sie Möglichkeiten dar, die Grundbedürfnisse, die in der Gesellschaft nicht mehr ausreichend gesichert werden, in einem anderen sozialen Kontext zur
Verfügung zu stellen. Sie propagieren eine weitgehend ökologische Lebensweise, experimentieren mit alternativen ökonomischen Modellen und legen Wert auf soziales Miteinander und wertschätzende Kommunikation. Andererseits bieten sie denjenigen, die auf der Suche nach
Möglichkeiten der persönlichen und spirituellen Weiterentwicklung sind, eine Lebensform, in der dafür bewusst Freiräume geschaffen werden.
Alternative Lebensweisen, subsumiert unter dem Überbegriff der intentionalen Gemeinschaften, sind sozialpsychologische Experimentierfelder mit Modellcharakter. Der Ansatz, sowohl auf der ökologischen als aber auch gerade auf der sozialpsychologischen Ebene grundlegend neue und visionäre Wege zu gehen, die Ausstrah-
lungseffekte in die Gesellschaft haben können, machen solche Gemeinschaften in ihrem Mikrokosmos zu interessanten Forschungsprojekten unserer Zeit.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 PROBLEMSTELLUNG UND ZIEL DER ARBEIT
1.2 ERKENNTNISINTERESSE UND FORSCHUNGSLEITENDE FRAGEN
1.3 AUFBAU DER ARBEIT
2 INTENTIONALE GEMEINSCHAFTEN
2.1 HISTORISCHER ÜBERBLICK
2.2 BEGRIFFSKLÄRUNG 'INTENTIONALE GEMEINSCHAFT'
2.3 VORSTELLUNG DER UNTERSUCHTEN GEMEINSCHAFTEN
2.3.1 Lebensgarten Steyerberg
2.3.2 ZEGG
2.3.3 Stamm der Likatier
3 ERKENNTNISTHEORETISCHER HINTERGRUND
3.1 WESHALB THEORIE?
3.2 (POST-)STRUKTURALISTISCHES GRUNDVERSTÄNDNIS
3.2.1 Strukturalismus
3.2.2 Poststrukturalismus
3.3 THEORETISCHER AUFBAU DIESER ARBEIT
3.3.1 Performativität als diskursive Praxis
3.3.1.1 Grundgedanken einer performativen Perspektive
3.3.1.2 Die poststrukturalistische Sicht der Performativität auf das Subjekt
3.3.2 Konzept der Heterotopien
3.3.2.1 Heterotopien nach Foucault
3.3.2.2 Intentionale Gemeinschaft als Heterotopie
3.3.3 Konzept der Liminalität
3.3.3.1 Liminalität und Communitas
3.3.3.2 Intentionale Gemeinschaften als Ort kollektiver Liminalität
3.4 BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN DEN THEORIEN
4 UNTERSUCHUNGSDESIGN UND ARBEITSMETHODIK
4.1 METHODOLOGISCHE VORÜBERLEGUNGEN
4.1.1 Postmodernes Wissenschaftsverständnis
4.1.2 Wahl eines qualitativen Methodensets
4.1.3 Positionalität des Forschers
4.2 FORSCHUNGSABLAUF
4.3 QUALITATIVER FORSCHUNGSANSATZ
4.3.1 Erhebungstechnik: Problemzentriertes und narratives Interview
4.3.2 Transkription
4.3.3 Kodierung
4.3.4 Textinterpretation
5 EMPIRISCHE ERGEBNISSE
5.1 SPRACHLICHE RAHMUNGEN VON GEMEINSCHAFT UND GESELLSCHAFT
5.1.1 Sicht der Gemeinschaften
5.1.2 Sicht der Interviewpartner
5.1.2.1 Einsamkeit vs. Verbundenheit
5.1.2.2 Oberflächlichkeit und Konsumdenken vs. persönliche Weiterentwicklung und Tiefe
5.1.2.3 Umgang mit Mensch und Natur: Gesellschaft vs. Gemeinschaft
5.1.3 Gesellschaftliche Anrufung von Gemeinschaften
5.2 WELCHE RITUALE KONSTITUIEREN DEN GEGENRAUM?
5.2.1 Enges räumliches Zusammenleben
5.2.2 Gemeinsame Aktivitäten
5.2.3 Feste und rituelle Feierlichkeiten
5.2.4 Gruppen und Kreise
5.2.5 Rituale der Unterstützung
5.2.6 ‚Anderssein’
5.3 WELCHES WERTEVERHALTEN KANN IN DIESEM GEGENRAUM ENTSTEHEN?
5.3.1 Soziale Kompetenz
5.3.2 Ganzheitliche Denkweise
6 FAZIT: KRITISCHE REFLEXION UND AUSBLICK
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, ob intentionale Gemeinschaften als "Räume der Transformation" fungieren können, indem sie gesellschaftliche Problemfelder aufgreifen und im alltäglichen Zusammenleben alternative Verhaltensmodelle etablieren. Dabei wird analysiert, wie diese Räume diskursiv konstruiert und durch Rituale materiell gefestigt werden, um alternative Lebens- und Werteformen zu ermöglichen.
- Konstruktion von Gemeinschaften als Gegenräume zur modernen Gesellschaft
- Anwendung poststrukturalistischer Theorien (Performativität, Heterotopien, Liminalität) auf das Gemeinschaftsleben
- Rolle von Ritualen und sozialen Praktiken bei der Identitätsbildung
- Empirische Analyse des Werteverhaltens (Soziale Kompetenz und Ganzheitlichkeit) in intentionalen Gemeinschaften
- Kritische Reflexion der transformativen Kraft von Gemeinschaftsprojekten
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Performativität als diskursive Praxis
Performative Ansätze sind in der englischsprachigen Geographie seit Ende der 1990er Jahre und in Deutschland ungefähr seit der Jahrtausendwende in der Diskussion (vgl. Strüver u. Wucherpfennig 2009: 107). Der ‚performative turn’ als Weiterentwicklung der ‚linguistic’ und ‚cultural turns’ möchte neben der sprachlich-diskursiven Konstruktion von Wirklichkeit auch deren soziale und materielle Beschaffenheit untersuchen und also die konkrete Ausführung des gesprochenen Wortes beleuchten.
Die Grundlage für die Entwicklung der Performativitätsansätze ist in John L. Austins Sprechakttheorie zu sehen, die er in seiner Vorlesungsreihe 'How to do Things with Words' im Jahr 1955 entwarf (vgl. Austin (1976 [1962]). Als Fortführung eines Modells von Sprache als alleinig beschreibend und feststellend, geht es hierin um die Annahme, dass durch den Gebrauch von Sprache direkt Handlungen vollzogen würden. Austin unterscheidet zwischen konstativen und performativen Äußerungen (vgl. Austin (1976 [1962]: 3 ff.). Erstere sind ‚nur’ Feststellungen, Bemerkungen und Beschreibungen, letztere aber sprachliche Äußerungen, mit denen eine Handlung ausgeführt und unmittelbar soziale Tatsachen geschaffen werden, denn eine performative Äußerung „konstituiert, was sie konstatiert” (Krämer u. Stahlhut 2001: 37).
Wenn z.B. jemand erzählt „Die Lebensgemeinschaft wurde 1980 gegründet“, ist das eine konstative Äußerung, die wahr oder falsch sein kann. Wenn jedoch im Jahre 1980 in einer Versammlung von Gemeinschaftsinteressierten jemand statuiert „Hiermit gründen wir gemeinsam eine/diese Lebensgemeinschaft“, dann ist dies eine performative Äußerung, die zum einen weder wahr noch falsch ist und zum anderen das vollzieht, was gerade ausgesprochen wurde. Hierbei wird jedoch noch nichts über das Gelingen der Handlung ausgesagt, wofür Austin im Folgenden noch weitere Bedingungen aufführt (Strüver u. Wucherpfennig 2009: 109 f.). Einerseits muss die Äußerung ernst und ehrlich gemeint sein. Zum anderen muss das Verfahren, wenn ein solches denn beinhaltet ist, korrekt und vollständig ausgeführt werden und des Weiteren die beteiligten Personen Teilnahme- und Entscheidungsbefugnis haben. Hierin wird deutlich, dass nicht nur der Satzinhalt, sondern der gesamte Kontext bedeutsam ist, um festzustellen, auf welche Weise und ob mit oder ohne Erfolg durch die sprachlichen Äußerungen Handlungen vollzogen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der intentionalen Gemeinschaften, Darlegung der Forschungsfrage und des methodischen Vorgehens sowie Begründung der Relevanz des Themas.
2 INTENTIONALE GEMEINSCHAFTEN: Historischer Überblick über Gemeinschaftsbewegungen und detaillierte Vorstellung der drei untersuchten Fallbeispiele: Lebensgarten Steyerberg, ZEGG und Stamm der Likatier.
3 ERKENNTNISTHEORETISCHER HINTERGRUND: Erläuterung der theoretischen Basis, bestehend aus der Performativitätstheorie, dem Konzept der Heterotopien nach Foucault und der Theorie der Liminalität nach Turner.
4 UNTERSUCHUNGSDESIGN UND ARBEITSMETHODIK: Beschreibung der qualitativen Vorgehensweise, der Auswahl der Gemeinschaften und Interviewpartner sowie der Methoden der Kodierung und Interpretation.
5 EMPIRISCHE ERGEBNISSE: Analyse der empirischen Daten hinsichtlich sprachlicher Konstruktion, ritueller Praxis und gelebtem Werteverhalten in den Gemeinschaften.
6 FAZIT: KRITISCHE REFLEXION UND AUSBLICK: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und kritische Würdigung der gewonnenen Erkenntnisse sowie Vorschläge für weitere Forschung.
Schlüsselwörter
Intentionale Gemeinschaften, Transformationsräume, Performativität, Heterotopien, Liminalität, Soziale Konstruktion, Gemeinschaftsbildung, Qualitativer Forschungsansatz, Sozialgeographie, Werteverhalten, Soziale Kompetenz, Spiritualität, Gegenräume, Alltagsritual, Transformationskraft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht intentionale Gemeinschaften in Deutschland und analysiert, inwieweit diese als "Räume der Transformation" dienen können, die alternative Lebensweisen jenseits der gesellschaftlichen Norm erproben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die sprachliche Konstruktion von Gemeinschaft, die Rolle ritueller Praktiken bei der Schaffung eines "Gegenraums" sowie das entstehende Werteverhalten (insbesondere soziale Kompetenz und ganzheitliche Denkweise) bei Mitgliedern dieser Gemeinschaften.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie intentionale Gemeinschaften durch ihre soziale und materielle Gestaltung einen Raum für transformative Entwicklungen bieten, anstatt nur eine rein beschreibende Kategorisierung der Gemeinschaften vorzunehmen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Autorin nutzt einen qualitativen Forschungsansatz, der problemzentrierte und narrative Interviews mit Bewohnern von drei ausgewählten Gemeinschaften (Lebensgarten Steyerberg, ZEGG, Stamm der Likatier) umfasst.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Rahmung (Performativität, Heterotopien, Liminalität) und die Analyse der empirischen Ergebnisse, wobei untersucht wird, wie Gemeinschaften sprachlich konstruiert werden, welche Rituale sie stabilisieren und welches transformative Potential in ihrem spezifischen Werteverhalten liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Intentionale Gemeinschaften, Transformationsräume, Performativität, Heterotopien, Liminalität sowie die Begriffe Soziale Kompetenz und ganzheitliche Lebensweise.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "Gesellschaft" und "Gemeinschaft"?
Die Gemeinschaften werden als Gegenräume definiert, die sich bewusst durch Abgrenzung vom "Mainstream" und dessen Konsum- und Erfolgsdenken abheben. Gemeinschaft wird dabei als ein prozesshafter, durch soziale Interaktion und gemeinsame Werte konstituierter Raum verstanden, während die Gesellschaft als die "Außenwelt" begriffen wird.
Welche Rolle spielt Spiritualität in den untersuchten Gemeinschaften?
Spiritualität wird nicht als feste religiöse Praxis verstanden, sondern als subjektiv erlebter Sinnhorizont und Verbundenheit zu Mensch und Natur, die als Basis für einen respektvollen Umgang miteinander und eine ganzheitliche Lebensweise dient.
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- Lydia Wilmsen (Author), 2011, Intentionale Gemeinschaften als Räume der Transformation?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191025