Lessings zeitlose Botschaft

Wirkung und Bedeutung von Nathan der Weise im 18. Jahrhundert und in der Moderne


Hausarbeit, 2008
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Nathan der Weise – ein zeitloser Klassiker

2. Die frühe Wirkungsgeschichte und das Scheitern der Uraufführung
2.1. Der Erfolg des Lesedramas
2.2. Gründe für die Bühnenuntauglichkeit
2.3. Gründe für das Scheitern der Uraufführung

3. Wirkung und Inszenierung in der Moderne
3.1. Aktualität durch Diskurse und Ereignisse
3.2. Aktualität durch zeitlosen Inhalt
3.3 Konsequenzen für die Inszenierung

4. Ein interkultureller Dialog durch Lessings Nathan

5. Literaturverzeichnis

1. Nathan der Weise – Ein zeitloser Klassiker

Aus dem Gefühl heraus zählt man viele deutsche Autoren der vergangenen Jahrhunderte zu den Klassikern der Literatur. So ist es wohl auch bei Gotthold Ephraim Lessing. Doch er entspricht dieser Bezeichnung auch per Definition, denn er ist ein „Künstler [...], dessen Werke über seine Zeit hinaus als mustergültig und als von bleibenden Wert anerkannt worden sind.“[1] Das wohl treffendste Beispiel aus seinem Lebenswerk ist dabei das Stück Nathan der Weise, das auch nach über 200 Jahren immer noch als Muster für Toleranz und die Idee der Aufklärung gilt.

Das Drama gehört seit Generationen in den Kanon der wichtigsten Werke der deutschen Sprache; kaum ein Schüler hat noch nichts vom weisen Juden Nathan und seiner Geschichte gehört. Lessings Werk kann man nicht aus den Bücherregalen wegdenken, noch weniger kann man sich die Theaterbühnen ohne Nathan der Weise vorstellen. Es gehört mit zu den am häufigsten gespielten Stücken an den deutschen Schauspielhäusern und genießt auch auf internationalen Parkett ein hohes Ansehen. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts dominierte das „literarische Plädoyer für natürliche Religion, Toleranz und Humanität“[2] auf den Bühnen, im 21. Jahrhundert erlebte es erneut einen Aufschwung.

Seit dem 11. September 2001 wurde Nathan der Weise vielfach neu inszeniert, darunter am Broadway in New York. Auch in Deutschland nahm man den Klassiker wieder auf, um mit dem scheinbar zeitlosen Stoff die Tragödie der Twin Towers zu verarbeiten. Alleine in der Spielzeit 2007/2008 wurde an über einem Dutzend Häuser das Drama aufgeführt. Hinzu kommen Ausstellungen, Kunstprojekte und immer noch anhaltende wissenschaftliche Auseinandersetzungen.

So stellt sich an dieser Stelle die Frage, warum Lessings Lehrgedicht auch nach weit über zwei Jahrhunderten noch eine solche Wirksamkeit besitzt. Bereits zur Zeit seines Erscheinens hatte es eine enorme Wirkung auf seine Leser und es gehört zu den wichtigsten literarischen Werken der Aufklärung. Heute ist der Stoff vor allem für das Theater von großer Bedeutung.

Diese Arbeit soll zum einen analysieren, warum Nathan der Weise auch in der Moderne noch ohne Alternativen ist und was seine Zeitlosigkeit ausmacht. Zugleich sollen die historischen Umstände untersucht und als Hinführung zur Moderne genutzt werden. Denn der große Bühnenerfolg des Stücks bedurfte einer langen Entwicklung und der Überwindung einiger Hindernisse. Das Buch selbst konnte die Leser im Sturm erobern, das Theaterpublikum benötigte einige Jahrzehnte länger, um die Bedeutung von Lessings Drama zu erfassen.

2. Die frühe Wirkungsgeschichte und das Scheitern der Uraufführung

2.1. Der Erfolg des Lesedramas

Mit seinem dramatischen Gedicht sorgte Lessing bereits über ein Jahr vor der Veröffentlichung für die ersten Wellen der Aufregung. Im August 1778 kündigte er erstmals seine Arbeit am Stück in einem Brief an seinen Bruder Karl an.[3] Details ließ er zu diesem Zeitpunkt zwar noch nicht verlauten, verwies ihn aber auf Bocaccios Decamerone. In seiner Ankündigung vom 8. August 1778 benennt er das Werk bereits mit Nathan der Weise und betont, dass er vom Inhalt noch nicht berichten könne, der Stoff aber „einer dramatischen Bearbeitung höchst würdig ist.“[4] Der Reiz für die Leser lag somit auch in einer potentiellen religiösen Provokation, die dem Werk inne wohnen könnte. In seinem Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze kam seine Kritik an der Orthodoxie bereits zu tragen. Wie sich später auch in Nathan der Weise zeigte, hatte ihn diese Auseinandersetzung geprägt. So diente die Figur des Patriarchen als Möglichkeit, diese Kritikpunkte in das Stück mit einfließen zu lassen.

Das zum großen Teil aus Intellektuellen bestehende Publikum erwartete den Druck von Lessings neuestem Werk mit großer Spannung und rechnete auch mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung des Fragmentstreits.[5] Dabei lässt sich die briefliche Kommunikation im Vorfeld des Erscheinens in zwei Grundpositionen einteilen. Zum einen erwartete man das oben erwähnte polemisches Lesedrama, das sich gegen die Orthodoxie richtete, zum anderen hofften die Leser auf ein Bühnenstück, welches religionsphilosophische aber auch kritische Elemente ins sich tragen könnte.[6]

Ein weiterer Grund für die großen Erwartungen der Leser war die besondere Stellung Lessings in der Autorenlandschaft des 18. Jahrhunderts – in seiner Zeit zählte er mit zu den beliebtesten Schriftstellern. Neben Friedrich Gottlieb Klopstock war er der einzige Autor, der sich einer breiten Leserschaft bereits vor der Veröffentlichung sicher sein konnte.[7]

Dieser Erfolg trat auch bei der Publikation von Nathan der Weise ein. Zur Ostermesse 1779 erschien das Drama und wurde über Subskription vertrieben, um die Zensur seines Stückes weitestgehend zu vermeiden. Die erste Auflage war mit etwa 3000 Exemplaren bereits doppelt so hoch, als es zur damaligen Zeit üblich war. Wenig später folgten zwei weitere Drucke sowie zwei unrechtmäßige Nachdrucke.[8] Da ein Exemplar von bis zu zehn Personen gelesen wurde, lässt sich also auf ein großes Publikum zurückschließen, welches den Nathan als Lesedrama konsumierte.[9]

Nach dem Erscheinen wurde die bereits im Vorfeld geführte Kontroverse über Lessings neuestes Werk ausgeweitet. Dabei fand die Auseinandersetzung hauptsächlich über Briefe, Kritiken und Streitschriften unter den meist intellektuellen Lesern statt. Die bereits erwähnte Ansicht des polemischen Lesedramas gewann im Rahmen der Diskussion die Oberhand. So sprachen die Kritiker vielfach über eine Bühnenuntauglichkeit des Stückes, so auch das Kielische Litteratur Journal:

Nathan der Weise ist leider wohl nicht für die Bühne bestimmt, wird wenigstens wohl nie darauf gebracht werden dürfen. Es herrscht durch das ganze Stück ein Ton, der der Offenbarung eben nicht günstig ist und daher doch wohl das Gefühl der meisten, Wendens vorgestellt würde, empören möchte.“[10]

Ob Nathan der Weise im Theater wirken könnte, war sowohl für die Leser als auch den Autor selbst fraglich: „Es kann wohl sein, dass mein Nathan im Ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme, welches wohl nie geschehen wird.“[11] Begründet werden dürften diese Gedanken von Lessing auch durch die drohende Zensur einer dramaturgischen Umsetzung, da die Zensoren bei Bühnenstücken noch weit strenger vorgingen als im Bereich des Buchdrucks.[12] Trotzdem glaubte er, dass die Umsetzung auf der Bühne Erfolg haben könnte. So wollte er sich von seiner Rolle des Religionskritikers wieder distanzieren und die ihm wichtigen Problematiken und Fragestellungen wieder auf seiner „alten Kanzel, auf dem Theater“[13] thematisieren. Dass ihm dabei aber seine eigene Epoche mit ihren kulturpolitischen Umständen im Weg stand, war im durchaus bewusst und zwang ihn zum Aufschub einer Inszenierung. „Das hemmende Element resultiert für Lessing vor allem aus dem Abstand zwischen Gehalt und Intention des Werks und den dominierenden Wertvorstellungen seiner Zeit.“[14] Der Reiz der Provokation fungierte somit auch als Faktor, der die Verbreitung bremste. Trotzdem gab er die Hoffnung nicht auf, dass Nathan der Weise nicht nur in Schriftform den Lesern seine Botschaft mitteilen, sondern auch als Figur im Theater von der Toleranz sprechen konnte. Zwar kannte er „keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon jetzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird.“[15]

Zeit und Ort der Uraufführung sollte der 14. April 1783 in Berlin werden, zwei Jahre nach dem Tod von Lessing. Auch wenn seit dem Erscheinen nun schon einige Jahre verstrichen waren, verlief die erste Aufführung mit zahlreichen Probleme, der Bucherfolg konnte keinen nur annähernd ähnlich großen Bühnenerfolg nach sich ziehen. Welche Bedingungen die Bühnenuntauglichkeit begründeten und warum die erste Aufführung scheiterte, sollen die beiden folgenden Abschnitte zeigen.

[...]


[1] Wahrig S.910

[2] Meyer S.39

[3] Vgl. Von Düffel S.115. Brief an Karl Lessing, 11. August 1778

[4] Vgl. ebd. S.116

[5] Vgl. Meyer S.38

[6] Vgl. Albrecht S.88

[7] Vgl. Wessels S.14

[8] Vgl. ebd. S.28

[9] Vgl. Meier S.38

[10] Von Düffel S.133

[11] Ebd. S.128 Brief an Karl Lessing, 18. April 1779

[12] Vgl. Albrecht S.88

[13] Von Düffel S.117 Brief an Elise Reimarus, 6. September 1778

[14] Wessels S.247

[15] Von Düffel S.131

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Lessings zeitlose Botschaft
Untertitel
Wirkung und Bedeutung von Nathan der Weise im 18. Jahrhundert und in der Moderne
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V191055
ISBN (eBook)
9783656156604
ISBN (Buch)
9783656156383
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lessings, botschaft, wirkung, bedeutung, nathan, weise, jahrhundert, moderne, uraufführung, nathan der weise
Arbeit zitieren
Nadine Pensold (Autor), 2008, Lessings zeitlose Botschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191055

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Titel: Lessings zeitlose Botschaft


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