Städtekooperationen

Wirkungsweise eines informellen Instruments der Raumordnung in schrumpfenden Regionen Ostdeutschlands


Diplomarbeit, 2010

118 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Zielsetzung
1.2 Methodische Vorgehensweise
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Städtekooperationen im theoretischen und konzeptionellen Kontext .
2.1 Aktualität des Themas und Stand der Forschung
2.2 Grundlagen und Theorien
2.3 Kooperations- und Transaktionskostentheorie als Forschungsansatz
2.3.1 Definition von Kooperation und Beschreibung der Kooperationstheorie
2.3.2 Transaktionskosten in Netzwerken
2.3.3 Transaktionskostentheorie
2.3.3.1 Verhaltensannahmen der Transaktionspartner
2.3.3.2 Merkmale von Transaktionen
2.3.4 Bildung regionaler Netzwerke aufgrund sinkender Transaktionskosten
2.3.5 Übertragung der Kooperations- und Transaktionskostentheorie auf den Forschungsgegenstand
2.4 Beschreibung von Städtenetzen/ Städtekooperationen
2.4.1 Historie
2.4.2 Definition, Funktion und Aufbau von Städtenetzen
2.4.3 Klassifizierung von Städtenetzen
2.4.4 Leitbilder und gesetzlicher Rahmen von Städtenetzen als Planungsinstrument
2.4.5 Probleme und Kritik des Städtenetzansatzes

3 Untersuchungsmethoden und Datenerhebung
3.1 Wissenschaftstheoretischer Hintergrund
3.1.1 Triangulation
3.1.2 Der qualitativen Forschungsansatzes
3.2 Datenerhebung
3.2.1 Literaturauswertung
3.2.2 Schriftliche Befragung
3.2.2.1 Auswahl der Städtekooperationen
3.2.2.2 Verlauf der schriftlichen Befragung
3.2.3 Problemzentriertes Experteninterview
3.2.3.1 Erstellung des Interviewleitfadens
3.2.3.2 Auswahl der Interviewpartner
3.2.3.3 Verlauf der geführten Experteninterviews
3.3. Lage der Städtekooperation und Ausgangssituation

4 Wirkungsweise von Städtekooperationen
4.1 Ergebnisse der schriftlichen Befragung
4.2 Aspekte und Verlauf der Städtekooperationsgründung
4.3 Organisationsform und Finanzierung der Städtekooperationen
4.4 Zusammenarbeit in Städtekooperationen
4.5 Aufgaben und Ergebnisse der Kooperationsarbeit
4.6 Daseinsvorsorge und demographischer Wandel
4.7 Entwicklung endogener Potentiale
4.8 Konkurrenz und Konflikte
4.9 Beurteilung und Zukunft

5 Zusammenfassung, Diskussion und Empfehlungen
5.1 Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse
5.2 Diskussion
5.3 Deutung der Forschungsergebnisse aufgrund der Kooperations- und Transaktionskostentheorie
5.4 Handlungsempfehlungen

6 Fazit und Ausblick
Quellenverzeichnis
Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Methodische Vorgehensweise und Gliederungsschema der Arbeit

Abb. 2: System der zentralen Orte

Abb. 3: Regionale Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland zwischen 2000-2006

Abb. 4: Organisations- und Koordinationsformen in Abhängigkeit der Transaktionskosten

Abb. 5: Abnahme der Formalisierung & Hierarchie (Pfeile oben) und Zunahme der Vernetzung (Pfeile unten) vom ZOK zum Städtenetz

Abb. 6: Organisationsstruktur von Städtekooperationen am Beispiel des Städtenetzes Lahn-Sieg-Dill

Abb. 7: Städtenetzwerktypen und ihre Funktion

Abb. 8: Ablauf der Untersuchungsschritte mittels Datentriangulation

Abb. 9: Städtenetze in Deutschland und seinen Nachbarländern 1999

Abb. 10: Lage der untersuchten Kooperationen (schriftliche Befragung) in den neuen Bundesländern

Abb. 11: Räumliche Lage der für die Interviews gewählten Städtekooperationen

Abb. 12: Überblick der Infrastrukturbereiche der Daseinsvorsorge

Abb. 13: Ausstattung der Gemeinden Ostdeutschlands mit mittelzentralen Einrichtungen der Daseinsvorsorge (Größe der Quadrate)

Abb. 14: Kriterien für Dauerhaftigkeit und Erfolg eine Städtekooperation

Abb. 15: Beurteilung der untersuchten Kooperationen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Instrumentelle Bedeutung des ZOK zur räumlichen Steuerung für in den wesentlichen Handlungsfeldern

Tab. 2: Merkmale bedeutender Kooperationstypen

Tab. 3: Mögliche Punkteverteilung bei einem Spielzug

Tab 4: Verhaltensannahmen hinsichtlich der Akteure in der Transaktionskostentheorie

Tab 5: Hauptmerkmale von Transaktionen in der Transaktionskostentheorie

Tab. 6: Merkmale von Städtenetzen

Tab. 7: Arten von Städtenetzen nach Aufbau und Funktion

Tab 8.: Kriterien und Indikatoren zur Entwicklung der Schlüsselfragen der Interviews

Tab. 9: Untersuchte Städtekooperationen und Interviewpartner

Tab. 10: Ausgewählte Strukturindikatoren der Städtekooperationen (Experteninterview)..57

Tab. 11: Themenbereiche und Maßnahmen zum demographischen Wandel

Tab. 12: Handlungsempfehlungen im Überblick

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„ Wechselseitige Kooperation kann stabil sein relativ zur Gegenwart, wenn die Zukunft hinreichend wichtig ist “ (A XELROD 2000: 113).

In Zeiten wirtschaftlicher und politischer Umbrüche, der Globalisierung und des demographi- schen Wandels wird es wichtiger, dass Raumplanung nicht mehr nur in althergebrachten Mustern und starren administrativen Grenzen wirkt. Auf neue Herausforderungen und verän- dert raumbedeutsame Rahmenbedingungen müssen die Akteure der räumlichen Planung flexibel reagieren und dabei Möglichkeiten finden Vorteile für ihre Region zu etablieren. Städ- te und Stadtregionen spielen dabei als Motoren der regionalen Entwicklung eine zunehmend bedeutendere Rolle und sollen die ökologischen, ökonomischen und sozialen Systeme nach- haltig entwickeln.

Vernetzung (Networking), (inter-)kommunale Kooperation oder regional Governance sind planerische und politische Ansätze mit denen in diesem Kontext gearbeitet wird. Insbesondere in den vom wirtschaftlichen und industriellen Zusammenbruch und der damit verbundenen Abwanderung betroffenen Regionen Ostdeutschlands werden Wege gesucht Strukturen zu schaffen und nachhaltig zu verbessern. Trotz zahlreicher Programme und Maßnahmen auf EU-, Bundes- und Länderebene, die eingeführt wurden um auf die Heraus- forderungen des strukturellen- und demographischen Wandels in den neuen Bundesländern zu reagieren, führen von oben oktroyierte Strategien häufig nicht zum geplanten Erfolg. Dies beruht auf der räumliche Undifferenziertheit bei der Anwendung der eingesetzten Mittel so- wie auf der zum Teil fehlende Beachtung endogener Raumpotentiale durch zentrale Steue- rung. Allerdings findet seit einigen Jahren diesbezüglich ein Umdenken in der Raumplanung statt. Der Staat zieht sich mehr und mehr als handelnder Akteur zurück und übernimmt die strategische Steuerung, in dem er andern gesellschaftlichen Akteuren Arenen schafft um Probleme untereinander zu verhandeln (Knieling, 2000: 17). Eine zunehmend wichtige Rolle spielen regional angepasste und informelle Instrumente der Planung, wie z.B. Modellvorha- ben des Bundes, Regionale Entwicklungskonzepte, integrierte Stadtentwicklungskonzepte sowie regionale und interkommunale Kooperationen (BBR, 2007: 4, PAWLETA, 2008: 2ff). In den neunziger Jahren erstmals erprobt, stellen Städtenetze in Deutschland aktuell eine verbreitete Form interkommunaler Kooperation dar. Neben theoretischen Beschreibungen und organisatorischen Grundmustern fehlen allerdings maßgeblich Erkenntnisse über Funk- tions- und Wirkungsweise von Städtekooperationen. Ferner fehlen konkrete Ergebnisse, in- wieweit dieses raumplanerische Instrument hinsichtlich der demographischen Veränderun- gen eingesetzt wird und was dadurch erreicht werden kann.

Hohe Arbeitslosigkeit, stetig abwandernde Fachkräfte und sinkende kommunale Einnahmen stellen Probleme dar, von denen insbesondere die mittleren und kleineren Kommunen in den neuen Bundesländern betroffen sind. Zurückzuführen ist dies unter anderem auf den Wegfall von Kreissitzfunktionen und landwirtschaftlichen Arbeitsplätzen nach 1990 (Hannemann, 2003 in: Burdack: 2007: 34)

Während sich die Lage vieler ostdeutscher Großstädte, aufgrund vergleichsweise hoher fi- nanzieller Zuweisungen aus Bundes- und Landesmitteln, öffentlicher Arbeitgeber (Verwal- tungen, Universitäten, Krankenhäuser) und der zum Teil gesteuerten Ansiedlung großer Un- ternehmen (z.B. Automobilindustrie) in den letzten Jahren auf dem Weg der Stabilisierung befindet, gerieten kleinere und peripher gelegene Städte zunehmend ins Hintertreffen (vgl. HERFERT, 2009).

Vor diesem Hintergrund zeigt die vorliegende Arbeit auf, wie Städte mittlerer und kleinerer Größe in schrumpfenden Regionen Ostdeutschlands (vgl. auch Abb. 3) im Rahmen freiwilliger Städtekooperationen auf die genannten Problemfelder reagieren.

Anhand von Literaturrecherche, einer standardisierten schriftlichen Befragung und darauf aufbauenden problemzentrierten Experteninterviews wurden einzelne Kooperationen in den neuen Bundesländern untersucht, um unterschiedliche Herangehensweisen sowie Stärken und Schwächen bei Planung und Umsetzung der Kooperationsziele zu verdeutlichen. Unter- suchte Städtekooperationen stellen im Sinne der Forschungsfragen (vgl. Kap. 1.2) keine Fallbeispiele dar, welche einzeln betrachtet werden. Vielmehr soll die Gesamtheit der Unter- suchungsergebnisse dazu dienen den Städtekooperationsansatz in der Praxis zu bewerten. Im folgenden Abschnitt wird die Zielsetzung der Untersuchung näher formuliert.

1.1 Fragestellung und Zielsetzung

Eine gute Problemdefinition und die Herausarbeitung der richtigen Fragestellungen sind häufig schon die halbe Miete einer wissenschaftlichen Arbeit (FÜRST & SCHOLLES, 2001: 102). „Grundzug der Wissenschaft ist, alles in Frage zu stellen, denn nur dadurch entsteht die Herausforderung, Neues zu entwickeln“ (ebd.).

BRÖSSE (1982 in: GLEISENSTEIN, 1997: 46) stellt fest, dass die Bedeutung der Ziele der Raumordnungspolitik für eine Städtevernetzung schwierig einzuordnen - da nicht operational formuliert - sind. Somit handelt es „sich nur um Leerformeln, die dadurch gekennzeichnet sind, dass die Zieldefinitionen eine empirische Überprüfung der Zielerreichung nicht zulassen“ (ebd.: 46). Diese These verdeutlicht die Schwierigkeiten der Messbarkeit und Überprüfbarkeit der tatsächlich durch die Kooperation erreichten Ergebnisse und begründet die Wahl qualitativer Methoden für das Forschungsfeld.

Im Rahmen dieser Arbeit wird untersucht, wie die raumordnerische Konzeption bzw. das informelle Instrument „Städtenetz/Städtekooperation“1 in schrumpfenden Regionen Ostdeutschlands eingesetzt wird. Dabei sollen insbesondere die Arbeit und Wirkungsweise von Städtekooperationen dargelegt werden. Ferner geht es darum aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sich durch die kooperative Vernetzung von Städten auf regionaler Ebene ergeben. Folgenden Fragen sollen zur Konkretisierung des Forschungsthemas dienen:

- Warum gründen sich Städtekooperationen?
- Wie arbeiten die Städte und deren Akteure in den Städtekooperationen?
- Werden im Rahmen der Kooperationsarbeit Maßnahmen bezüglich der Folgen des demographischen Wandels getroffen?
- Was wurde erreicht und wo sind die Grenzen der Kooperation?
- Welche Möglichkeit bieten endogenen Potentiale und wie sollen diese entwickelt werden?

Bevor die genannten Fragen beantwortet werden können gilt, es herauszufinden wie bestehende Städtekooperationen aufgebaut und organisiert sind und welche Akteure auf den einzelnen Arbeitsebenen wirken.

Am Beginn der Literaturanalyse und der fortschreitenden Auseinandersetzung mit dem The- ma stehen Vermutungen, Vorüberlegung und Vorurteile. Daraus entwickeln sich Annahmen, die im weiteren Forschungsverlauf bestätigt oder widerlegt werden können. Wichtig für die Forschung ist, dass die generierten Annahmen nicht den Blick des Forschers auf das For- schungsfeld einengen und dadurch mögliche Antworten auf die Forschungsfragen aus- schließen (LAMNEK, 2005: 74ff). Der Standpunkt, dass die Überprüfung von Forschungshypo- thesen vornehmlich quantitativen Forschungsverfahren vorbehalten ist, während qualitative Forschung ausschließlich dazu dient neue Hypothesen zu generieren, wird heute kaum noch vertreten. Qualitative Verfahren gelten heutzutage ebenfalls als eigenständige, leistungsfähi- ge Verfahren zur Hypothesenüberprüfung (DIEKMANN, 2009: 531f). Vor diesem Hintergrund sollen neben der Beantwortung der oben gestellten Fragen, die folgenden (kritischen) An- nahmen überprüft werden:

- Städtekooperationen in den neuen Bundesländern entstehen aufgrund struktureller Problemlagen und (befürchtetem) Imageverlust.
- Der Mangel an demokratischer Legitimation einer Städtekooperation sowie die Frei- willigkeit der Beteiligung lassen lediglich die Bearbeitung konfliktarmer Themenbereiche (z.B. Tourismus, Verwaltungszusammenarbeit, Kultur) zu.
- Eine Abgabe von städtischer Autonomie und Selbstbestimmung zugunsten der Ko- operation findet nicht statt.

Eine theoretische Heranführung zu Begriff und Funktion der Kooperation wird im Rahmen der Kooperationstheorie (vgl. Kap. 2.2) nach Axelrod dargestellt, die beschreibt unter welchen Voraussetzungen sie entstehen und warum sie häufig scheitern. Im speziellen soll jedoch der Transaktionskostenansatz nach E. WILLIAMSON (1996) als Grundlage der Untersuchung der Städtenetzwerke dienen. Hierbei werden auf Grundlage vorhandener Transaktionskosten die Funktionsweise und Vor- und Nachteile von Netzwerken näher beleuchtet. Weitere Konzepte und Theorieansätze, die zur Klärung der o.g. Fragen und zur Überprüfung der Hypothesen beitragen, stellen Regional-Governance, interkommunaler Kooperation 2 sowie die endogene Regionalentwicklung dar (vgl. auch Kap. 2.1).

1.2 Methodische Vorgehensweise

Für die Datengewinnung des gewählten Forschungsfeld „Städtekooperationen“ erfolgten drei aufeinander aufbauende Arbeitsschritte:

- Literaturrecherche und Literaturanalyse
- Schriftliche Befragung mittels Fragebogen
- Problemzentrierte Experteninterviews mit ausgewählten Akteuren

Für den Forschungsansatz der Arbeit wurden qualitative Erhebungsverfahren gewählt, da der Forschungsgegenstand „Städtekooperationen“ objektiv analysiert und werden soll und vorgefertigte (subjektive), quantifizierbare Methoden der Datenerhebung den Erkenntnisge- winn deutlich verringern würden. „Qualitative Sozialforschung ist immer dann zu empfehlen, wenn der Gegenstand … zwar einfach erscheint, aber vermutlich komplexer ist …“ (Heinze, 2001: 27).

Auf die Wahl der Methodik und der Erhebungsverfahren mittels derer die Untersuchung erfolgt wird in Kapitel drei näher eingegangen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit gliedert sich thematisch in sechs Kapitel, welche denn drei Arbeitschritten untergeordnet sind (vgl. Abb. 1).

Im ersten Kapitel erfolgt eine Einführung in die Thematik und das Forschungsfeld mit dem sich die Arbeit befasst. Neben der Einleitung geht es in diesem Kapitel vor allem um die Formulierung der Forschungsfragen und Zielsetzungen(1.1). In Folge dessen wird dargelegt anhand welcher wissenschaftlichen Methoden die Untersuchung erfolgt (1.2). Innerhalb des ersten Abschnitts des zweiten Kapitels wird die Aktualität von Städtekooperationen im politischen und wissenschaftlichen Diskurs erläutert (2.1).

Im darauf folgenden Abschnitt werden Konzepte der Regional Governance, interkommunaler Kooperation, endogener Entwicklung und der Zentralen Orte umfassend definiert, die im en- gen Zusammenhang mit dem Untersuchungsfeld stehen. Parallel dazu werden die Begriffe demographischer Wandel und Nachhaltigkeit und ihrer Verwendung innerhalb der Arbeit er- läutert (2.2).

Einen wissenschafts-theoretischen Hintergrund für das Zustandekommen kooperativer Netzwerke stellen die Kooperationstheorie nach AXELROD (2000) und die Transaktionskos- tentheorie nach WILLIAMSON (1996) dar, die im dritten Abschnitt des Kapitels vorgestellt wer- den (2.3). Anschließend wird Begriff der Städtekooperation erläutert. In diesem Kontext wird zunächst der historische Hintergrund betrachtet. Weiterhin wird die Funktion von Städtenet- zen, verschieden Städtenetztypen sowie der rechtliche, raumordnungspolitische Rahmen, in welchem sie agieren, dargelegt. Ferner erfolgt eine Übersicht häufiger Kritiken des Konzep- tes (2.4).

In Kapitel drei wird der methodischen Herangehensweise an das Forschungsfeld in Theorie und Praxis aufgezeigt. Zunächst wird der verwendete Ansatz der Datentriangulation erläutert (3.1). Daraufhin werden die Merkmale qualitativer Forschungsmethoden, die für vorliegende Untersuchung gewählt wurden, dargelegt Hinsichtlich dessen wird auf die in der Untersu- chung angewandten Methoden - Literaturrecherche, schriftliche Befragung und Expertenin- terview - im Einzelnen eingegangen. Hierbei wird die Auswahl der Städtekooperationen, die im Rahmen der schriftlichen Befragung und den Experteninterviews untersucht wurden, be- leuchtet. Ferner wird die Erstellung des Fragebogens und Interviewleitfadens eingehend erklärt. Weiterhin wird dargelegt wie die schriftliche Befragung und die Experteninterview durchgeführt wurden, wie sie verliefen und wo Probleme auftraten (3.2).

Der darauf folgende Abschnitt zeigt die Ausgangssituation innerhalb der untersuchten Kooperationen anhand bedeutender Strukturdaten auf (3.3)

Innerhalb des ersten Abschnitts des vierten Kapitels werden die Ergebnisse der schriftlichen Befragung dargelegt. In den folgenden Abschnitten werden die Auswertungsergebnisse der problemzentrierten Experteninterviews thematisch erläutert (4.2- 4.8). Abschließend erfolgt eine Bestimmung der wichtigsten Kriterien für Erfolg, Funktion und Dauerhaftigkeit von Städtekooperationen (4.9).

Die Untersuchungsergebnisse werden anschließend in Kapitel fünf noch einmal kurz zu- sammengefasst (5.1) und anhand der formulierten Forschungsleitfragen und Hypothesen diskutiert (5.2). Ferner wird der Versuch unternommen die empirischen Ergebnisse der Un- tersuchung in den gewählten theoretischen Rahmen der Arbeit einzufügen (5.3). Darüber hinaus sollen an dieser Stelle Empfehlungen für die weitere Verwendung des In- struments „Städtekooperationen“ in den neuen Bundesländern gegebene werden (5.4). Ab- schließend erfolgen im sechsten Kapitel das Fazit der Arbeit sowie ein kurzer Ausblick hin- sichtlich der zukünftigen Entwicklung.

Im folgenden Diagramm (Abb. 1) sind der Aufbau und die Herangehensweise der Arbeit schematisch dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

Abb. 1: Methodische Vorgehensweise und Gliederungsschema der Arbeit

2 Städtekooperationen im theoretischen und konzeptionellen Kontext

Der folgende Abschnitt zeigt den bisherigen Stand der Forschung zum Thema Städtekooperationen kurz auf (2.1). Andere Begriffe (durch Fettdruck hervorgehoben) und theoretische Grundlagen, die für die vorliegende Arbeit maßgeblich sind, werden im zweiten Abschnitt erläutert (2.2). Sie stellen Rahmenbedingungen und Problemlagen dar, die zur Entstehung von Städtekooperationen in Ostdeutschland beitragen. Außerdem wird auf die Kooperations- und die Transaktionskostentheorie, die für die Untersuchung der Städtekooperationen als theoretischer Überbau gewählt wurden, näher eingegangen (2.3).

Im letzten Abschnitt dieses Kapitels wird der Städtekooperationsbegriff in seiner wissenschaftlichen, politischen und planerischen Verwendung dargelegt. Des Weiteren werden Problem und Kritiken, die mit dem Ansatz und seiner Umsetzung verbunden werden aufgezeigt (2.4).

2.1 Aktualität des Themas und Stand der Forschung

Die Region gewinnt seit den späten achtziger Jahren zunehmend an Bedeutung für räumli- che und politische Planungsprozesse. Häufig wird sie nicht mehr aufgrund von physischen Binnenverflechtungen, als fester territorialer Handlungsraum abgegrenzt. Vielmehr werden Regionen heutzutage hauptsächlich als „flexibler Interaktionszusammenhang interpretiert, den die unterschiedlichen ökonomischen, sozialen und politischen Akteure innerhalb eines Raumes bilden“ (DILLER, 2002: 44). Im Kontext regionaler Kooperationen bedeutet dies, dass sich die Region aus der Problemstellung der Kooperation konzipiert und nicht anhand admi- nistrativer Abgrenzungen (BENZ ET AL., 1999: 48). BLOTEVOGEL (2000: 491ff) verweist auf die verschiedenen Dimensionen - Politik, Ökonomie, Sozialstruktur, Ökologie und Planung - in denen der Regionsbegriff eine Aufwertung erfahren hat. In Zeiten der Globalisierung stellen Regionen politische Handlungs- und Gestaltungsräume mit begrenzter Autonomie, innerhalb überregionaler, globaler Verflechtungen dar (ebd.: 493). Neben ihrem flexiblen räumlichen Zuschnitt können sie zeitliche Instabilität und innere Konzentrations- und Interaktions- schwankungen aufweisen (WEICHHARDT, 1996: 41 in ebd.: 45).

Bei der Suche nach Wegen zur nachhaltigen Entwicklung wird die Region häufig als wichti- ges Handlungsfeld oder Ebene der Problemlösung genannt. PORTER (1999: 63 in: LÄPPLE, 2001: 13) schreibt der geographischen, kulturellen und institutionellen Zusammengehörigkeit eine herausragende Bedeutung für die Entwicklung von Produktivitäts- und Innovationsvor- teilen zu, die zu spezifischen Wettbewerbsvorteilen innerhalb einer Region führen. Kooperative Vernetzung zwischen Städten oder Regionen gewann in den letzten Jahren im wissenschaftlichen und politischen Diskurs zunehmend an Bedeutung. Auch und insbeson- dere innerhalb der neuen Bundesländer. Allerdings lag der Fokus von Kooperations- Diskussionen dabei maßgeblich auf Metropolregionen (Berlin-Brandenburg, Sachsendreieck- Mitteldeutschland usw.) und deren Möglichkeiten und Funktionen. Wissenschaftliche Beiträ- ge zu Vernetzungen und Kooperationen von (kleineren) Ober- und Mittelzentren wurden hin- gegen seltener publiziert. Wenn es doch geschah, dann meist im Kontext der Metropolregio- nen bzw. der Angliederung an diese (vgl. BBR, 2007: 51ff). Den eher peripher gelegenen Zentren in strukturschwachen Regionen wurde hingegen wenig Beachtung geschenkt. Die starke Fokussierung auf Wirtschaftswachstum, im Rahmen des europäischen und internatio- nalen Wettbewerbs der Metropolregionen, spiegelt sich auch in den neuen Leitbildern der Raumordnung wieder (vgl. Kap. 2.3.4). Eine Ausnahme bildet die Diskussion bezüglich der Neuanordnung und Zusammenlegung von Zentralen Orten in den neuen Bundesländern aufgrund des Bevölkerungsrückgangs. Der mit der Schrumpfung verbundene Funktionsver- lust der Zentren und der Versuch die Daseinsvorsorge dennoch zu sichern stehen hierbei im Vordergrund (vgl. GAWRON, 2008 & BBR, 2008).

Mit einer ähnliche Thematik wie in der vorliegenden Arbeit beschäftigen sich die Dissertationen von BARTSCH (2006), DILLER (2003) und KLEMME (2002). Speziell geht es dabei um die Umsetzung interkommunaler Zusammenarbeit in funktionsteiligen zentralen Orten Deutschlands (BARTSCH, 2006), die Stellung nachhaltiger Entwicklung in interkommunalen Kooperationen (KLEMME, 2002) sowie eine Bilanz regionaler Kooperationen und Netwerke hinsichtlich deren Innovation, Leistungen und Grenzen (DILLER, 2003).

Ein thematisch ähnlicher Gegenstand liegt auch der der Arbeit von HOLLBACH-GRÖMING ET AL. (2005) zugrunde. Hierbei werden im Rahmen einer Fallstudienanalyse verschiedene Formen interkommunaler Zusammenarbeit und deren Wirkung auf die Handlungsfelder - Daseinsvor- sorge, kommunales Wirtschaften und Regionalmarketing - untersucht. Im Zusammenhang mit dem Modellvorhaben „Städtenetze“ (1994-1998) aus dem For- schungsprogramm des Experimentellen Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) des damaligen Bundesministeriums für Bauwesen, Raumordnung und Städtebau (BMBau) und des Bun- desamts für Bauwesen und Raumordnung (BBR) erschienen in den späten neunziger Jahren einige Artikel und Fachliteratur. Diese beschäftigte sich hauptsächlich mit dem raumord- nungspolitischen Anspruch an Städtenetze und ihrer Eingliederung in das System, der bis zu diesem Zeitpunkt existierenden raumordnerische Konzepte und Instrumente (vgl. PRIEBS, 1996, KNIELING, 1997).

Innerhalb der Arbeit soll unter anderem aufgezeigt werden inwieweit Städtekooperationen dem Konzept der „regional governance“ entsprechen. Der Begriff der regional governance (für den es keine adäquate deutsche Übersetzung gibt) hat gegenwärtig „Hochkonjunktur“ in Veröffentlichungen zur Raumplanung und Regionalentwicklung (vgl. Kap. 2.1). Dabei handelt es sich vorrangig, um die Einbeziehung nicht-staatlicher und nicht-kommunaler Akteure in die gesellschaftliche Problembearbeitung (FÜRST, 2006: 38).

Vor dem Hintergrund der Globalisierung, verengter finanzieller Handlungsspielräume und dem Verlust regionaler und kommunaler Selbststeuerung wird versucht neue Wege zu be- schreiten. Allerdings lässt sich feststellen, dass sich trotz einer Vielzahl von Veröffentlichun- gen zur Funktion und Theorie von regional governance (vgl. FÜRST, 2006 & BENZ, 2001) Darstellungen und Untersuchungen von Governance- Prozessen in der Praxis häufig auf Großstadt- und Metropolregionen beschränken und selten auf Städte mittlerer und kleinerer Größe peripherer Regionen (vgl. GRIMME, 2006, BECKER, 2006, PRIGGE 2006, MANDEL, 2006).

Im Laufe dieser Arbeit erfolgt eine Evaluation des Städtekooperationsansatzes hinsichtlich der Gründungsaspekte, Erwartungen, Möglichkeiten und Ergebnisse, die sich durch die in- formelle Zusammenarbeit einzelner Städte in strukturschwachen Regionen bieten. Außer- dem soll die Frage beantwortet werden, inwieweit Städtekooperationen dazu in der Lage sind, auf Problemfelder im Zuge des demographischen Wandels zu reagieren und wie dies- bezüglich einzelne Projekte umgesetzt werden. Eine wissenschaftliche Arbeit, die sich in dieser Form mit dem Thema befasst liegt nach Erkenntnis des Autors derzeit nicht vor.

2.2 Grundlagen und Theorien

Im folgenden Abschnitt werden Konzepte und Theorien beleuchtet die für die Untersuchung von Städtekooperationen von maßgeblicher Bedeutung sind. Die Begriffe werden in den Kapiteln drei bis sechs immer wieder aufgegriffen. Um ein besseres Verständnis zu erreichen, sollen hier kurz erläutert werden.

Aktuell existierende Städtenetze in Deutschland sind in besonderem Maße vom Zentrale- Orte-Konzept (ZOK) beeinflusst. Das mittlerweile innerhalb der deutschen Raumplanung etablierte ZOK wurde aus der neoklassischen Theorie der zentralen Orte, die W. CHRISTALLER begründete, entwickelt. In seinem Werk „Die zentralen Orte in Süddeutschland“, aus dem Jahr 1933, erklärt er die hierarchische Siedlungsstruktur und die räumliche Anord- nung der Wirtschaft aus dem Zusammenwirken ökonomischer Bestimmungsfaktoren. Der Theorie seines deduktiven Systems liegen eine Menge vereinfachter Annahmen bezüglich der Ausstattung des Raumes, der Verhaltensweisen der Anbieter und Nachfrager sowie der

Marktformen zugrunde. Nach CHRISTALLER (vgl. SCHÄTZL, 2000: 76ff) hat jedes Gut (Waren, Dienstleistungen) eine bestimmte Reichweite, die besagt wie groß die Anzahl der Nachfrager mindestens sein muss, um ein Gut rentabel zu produzieren - die sog. untere Reichweite. Von gleicher Bedeutung für die Theorie ist die Entfernung, die ein Nachfrager maximal zurücklegt, um sich mit einem Gut zu versorgen - die sog. obere Reichweite. Ein Produzent, der aus- schließlich das Marktgebiet innerhalb der unteren Reichweitengrenze seines Gutes versorgt, deckt durch den erzielten Erlös nur seine Kosten. Verkauft er seine Güter auch außerhalb der unteren Reichweite kann er durch die erhöhte Nachfragermenge „Extra-Gewinne“ erzie- len. Die Größe der unteren Grenze der Reichweite eines Gutes gibt dessen Zentralität an. Je größer diese Grenze, d.h. das in ihr befindliche Marktgebiet, desto höher ist die Zentralität des Gutes. Je höher die Anzahl der an einem Standort angebotenen zentralen Güter, desto höher ist die Zentralität des Ortes. Der idealtypischen Fall sieht eine räumliche Verteilung der zentralen Orte verschiedener Ordnungsgrößen vor, die sicherstellt, dass alle Konsumenten gleichsam mit Gütern und Dienstleistungen versorgt werden und alle Produzenten wenigs- tens die Menge an Gütern und Dienstleistungen verkaufen, die abgesetzt werden muss um kostendeckend zu arbeiten. Damit diese Anforderungen erfüllt werden und die Anzahl und Fläche der unter- oder überversorgten Gebiete möglichst gering bleibt müssen die Marktge- biete hexagonale Formen annehmen (vgl. Abb. 1) (SCHÄTZL, 2000: 72f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schätzl ( 2000: 77)

Abb. 2: System der zentralen Orte

Das aus der Zentralen-Orte Theorie abgeleitete Prinzip, welches besagt, dass durch die Ge- samtheit der individuellen Standortentscheidungen zu einer optimalen Versorgung der Be- völkerung führt, nennt Christaller das „Versorgungs- oder Marktprinzip“ (SCHÄTZL, 2000: 79). Eine flächendeckende Implementierung des ZOK auf raumordnungspolitischer und landes- planerischer Ebene erfolgte in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Semantik des Begriffs des Zentralen-Orts veränderte sich mit seiner zunehmenden Ver- wendung im Diskurs der Raumplanung und wird heutzutage anders verwendet als in der Theorie CHRISTALLER’S. Nach ihm beruht die Zentralität eines Ortes maßgeblich auf dessen ökonomischem Bedeutungsüberschuss für das Umland, d.h. der Agglomeration von Hand- lungs- und Dienstleistungsfunktionen, so genannter Cluster (BLOTEVOGEL, 2002: 10ff). Unter dem Begriff der Versorgungsfunktion wurde diesem Ansatz im ZOK traditionell große Bedeutung beigemessen. Mit der raumplanerischen Weiterentwicklung des ZOK und dessen normativer Festschreibung im Raumordnungsgesetz (ROG) und den Landes- und Regional- entwicklungsplänen (LEP und REP) wurden daraufhin die Handlungsfelder Siedlungsstruk- tur, Verkehr und Gewerbliche Wirtschaft entwickelt (vgl. Tab. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach B LOTEVOGEL 2002, S.27.

Tab. 1: Instrumentelle Bedeutung des ZOK zur räumlichen Steuerung für in den wesentli- chen Handlungsfeldern

Der demographische Wandel ist innerhalb der letzten Jahre einer der häufigsten verwende- ten Begriffe im (populär-)wissenschaftlichen und politischen Diskurs und steht im Mittelpunkt vieler Diskussionen, die sich mit der Zukunft Deutschlands (oder der EU) beschäftigen. Das BBR (2005) nennt drei Faktoren, die den demographischen Wandel in Deutschland determi- nieren: die veränderte Dynamik des Bevölkerungswachstums, die Veränderung der Alters- struktur der Bevölkerung und die wachsende Internationalisierung der Bevölkerung durch Zuwanderung aus dem Ausland.

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt kontinuierlich an und betrug im Jahre 2008 ca. 77,2 Jahre bei den Männern und 82,4 Jahre bei den Frauen. Allerdings werden seit 1972 in jedem Jahr weniger Kinder geboren als Personen sterben. Der Saldo aus Geburten und Sterbefällen ist somit negativ (Sterbeüberschuss) und lag im Jahr 2008 bei -161.925 Perso- nen. Aufgrund der immer kleiner werdenden Anzahl potentieller Mütter steigt der jährliche Sterbeüberschuss tendenziell weiter an. Der positive3 Wanderungssaldo, d.h. die im Ver- gleich zu den Fortzügen höheren Zuzüge nach Deutschland reichen seit dem Jahr 2003 nicht mehr aus den jährlichen Sterbeüberschuss auszugleichen - Deutschlands Bevölkerung nimmt seit dieser Zeit stetig ab4. Eine steigende Lebenserwartung und die geringe Gebur- tenrate führen gleichzeitig zu einer Erhöhung des Durchschnittsalters der Bevölkerung - in diesem Zusammenhang wird auch von der „Überalterung“ der Gesellschaft gesprochen (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT DEUTSCHLAND).

Prognosen des BBR gehen bei einer gleich bleibenden Entwicklung von einer Abnahme der Bevölkerung von aktuell 82 Millionen auf unter 70 Millionen im Jahre 2050 aus. In Deutschland erfolgt die Abnahme der Bevölkerung allerdings regional differenziert, so dass sowohl gegenwärtig als auch in Zukunft Regionen mit Bevölkerungszuwächsen solchen mit starkem Rückgang gegenüberstehen (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT DEUTSCHLAND, Inkar 2007, BERLIN-INSTITUT FÜR BEVÖLKERUNG UND ENTWICKLUNG).

KRÖHNERT ET AL. (2008: 157) verweist auf die „Vorreiterrolle“ Deutschlands hinsichtlich die- ser Disparitäten innerhalb Europas: „Kein Land in Europa weist großflächig so starke regio- nale demographische und wirtschaftliche Verwerfungen auf wie Deutschland“ (ebd.). Innerhalb der letzten zwanzig Jahre haben hauptsächlich Regionen in Ostdeutschland, auf- grund des starken Geburtenrückgangs und hoher Binnenwanderungsverluste in die alten Bundesländer, Bevölkerungsverluste von mehr als zehn Prozent zu verzeichnen. Ausge- nommen davon blieben nur die suburbanen Wachstumsgürtel der Großstädte - insbesonde- re das Umland Berlins. Seit dem Jahr 2000 ist ein Trend der Polarisierung der Wanderungs- bewegung zugunsten der großstädtischen „Wachstumsinseln“ zu beobachten. Gleichzeitig verzeichnen Klein- und Mittelstädte in peripherer Lage weiterhin starke Wanderungs- und Bevölkerungsverluste (vgl. Abb. 3, MÜLLER & SIEDENTROP, 2004: 16ff). In diesen Regionen führt der demographische Wandel schon heute zu negativen Konsequenzen für die sozialen Sicherungssysteme, die Wirtschaft, den Arbeits- und Wohnungsmarkt und die öffentlichen bzw. kommunalen Finanzen. Überregionale Abwanderungsprozesse verlaufen zudem selek- tiv, d.h. das insbesondere die Ost-West-Migration seit 1990 durch die Abwanderung junger überdurchschnittlich qualifizierter Personen geprägt ist (MÜLLER, 2004: 5, FRANZ, 2004: 34, FRIEDRICH & SCHULTZ, 2007: 28).

Die Wirtschaftskraft einer Region und die Stärke der demographischen Veränderung hängen voneinander ab, da sich Wanderungsprozesse stark an der Attraktivität von Lebens- und Arbeitsbedingungen ausrichten. Dies kann zu einer Abwärtsspirale führen, da fehlende Wirtschaft die kommunalen Haushaltsspielräume, die für den Umbau zu einer altersgerechten Infrastruktur benötigt werden, stark einschränken (BEETZ, 2008: 44).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Herffert (2008)

Abb. 3: Regionale Bev ö lkerungsentwicklung in Ostdeutschland zwischen 2000-2006

Regionale und interkommunale Kooperationen gelten derzeit als wichtiger Handlungsan- satz um auf Herausforderungen, die sich durch den demographischen Wandel, kommunaler Finanzprobleme und einer Verschärfung des regionalen Standortwettbewerbs in Europa er- geben, zu reagieren. Interkommunale Kooperation beschreibt die Zusammenarbeit zweier oder mehrerer Gemeinden zur Erledigung bestimmter Aufgaben, Bewältigung gemeinsamer Probleme und der damit verbundenen Erhöhung der Funktionsfähigkeit des Raumes der kooperierenden Gebietskörperschaften. KLEMME (2002: 25ff) unterscheidet zwischen formel- len (harten) und informellen (weichen) Formen interkommunaler Zusammenarbeit. Wobei die formellen Ansätze, wie z.B. (Mehr-) Zweckverbände, Zweckvereinbarungen, kommunale Arbeitsgemeinschaften, Vereine, GmbHs oder AGs in der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre überwiegend als Reaktion auf Suburbanisierung und steigende Motorisie- rung eingesetzt wurden. Im Kontext der sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedin- gungen und dem sich wandelnden Verständnis von Steuerung und Regulation in den achtzi- ger und neunziger Jahren implementierten Kommunalpolitik und -planung zunehmend infor- melle flexible Kooperationsformen, wie z.B. Public Private Partnership (PPP), Regionalkonfe- renzen (REK) oder Städtenetze.

Der demographische Wandel stellt speziell für Kommunen der neuen Bundesländer einen wesentlichen Faktor für die Entwicklung neuer Kooperationen dar, da er sich unmittelbar auf die Gemeindegröße auswirkt, was wiederum eine sinkende Nachfrage hinsichtlich öffentlicher Dienstleistungen und verminderte Haushaltseinahmen zur Folge hat. Im Verlauf dieses Prozesses kann die Kommune in eine Abwärtsspirale geraten, die das Personal im Verwaltungs- und Dienstleistungsbereich, die Steuereinahmen der Kommune und die damit finanzielle Handlungsfähigkeit zunehmend einschränkt. Infolge dessen kann es passieren, dass sich das Image der Kommune nach außen verschlechtert und der Standort insgesamt an Attraktivität verliert (KLEMME, 2002: 33 in: PAWLETA, 2008: 3).

Interkommunale Kooperationen müssen nicht ausschließlich durch Gebietskörperschaften und Planungsbehörden repräsentiert werden, sondern können ebenso private oder öffentli- che Akteure einbeziehen. Vorteile, die sich durch Kooperationen ergeben beziehen sich auf die Vergrößerung des Handlungsspielraums, welcher durch das Zusammenlegen der Res- sourcen (Geld, Arbeitszeit, Planungskapazität usw.) der beteiligten Kommunen entsteht. Pa- rallel dazu können sich durch gemeinsame Vernetzung und Vermarktung (z.B. im Touris- musbereich) Synergien ergeben. Durch eine erhöhte Handlungsfähigkeit, aufgrund der Bün- delung von Kräften und Kompetenzen, ergibt sich die Chance, die Wettbewerbsfähigkeit der teilnehmenden Kooperationspartner gegenüber möglichen Mitbewerbern zu erhöhen. Schlussendlich kann durch das Tätigwerden eines starken Akteurs auf einem Handlungsfeld, wo zuvor viele einzelne Akteure arbeiteten, eine bessere Außenwahrnehmung erreicht wer- den. (BOSE & WIRTH, 2006: 21 & Holbach-Gromig et al. , 2006: S.13). Die ausschließliche Lösung kommunaler oder regionaler Probleme ist für die betreffenden Kommunen häufig als Anreiz zur Kooperation nicht ausreichend. Vielmehr müssen messbare Vorteile, die für die einzelnen Kommunen aufgrund der Kooperation entstehen für alle Kooperationspartner sichtbar werden. Es muss eine sog. win-win-Situation geschaffen werden (Klemme, 2002: 38).

In der Praxis gibt es zahlreiche Typen interkommunaler- und regionaler Kooperation (Tab. 2), die sich hinsichtlich ihrer Steuerung, ihrer Ziele, der teilnehmenden Akteure, des Grades ihrer Institutionalisierung und der vorliegenden Rechtsform unterscheiden (Diller, 2002: 61f). Interkommunale Kooperationen können (wenn sie nicht von oben angewiesen wurden) dem Regional Governance -Konzept zugeordnet werden, wenngleich eine Einbindung wirtschaftli- cher und privater Akteure hierbei nicht entscheidend ist (vgl. BENZ, 2001: 55ff, FÜRST, 2001: 84ff, FÜRST, 2003: 443).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: verändert nach D ILLER (2002: 84)

Tab. 2: Merkmale bedeutender Kooperationstypen

Der Begriff beziehungsweise das Konzept der Regional Governance wird in verschiedenen Themenfeldern (Politik, Ökonomie etc.) unterschiedlich verwendet und definiert. Im Wesent- lichen beschreibt es eine „Steuer- und Regelungsstruktur, die staatliche wie gesellschaftliche

Akteure zusammenführt, formelle wie informelle Elemente beinhaltet und durch hierarchische (Hierarchie), kompetitive (Markt) und kooperative (Netzwerk) Akteursbeziehungen geprägt wird“ (BENZ, 2001: 56). Teilweise wird in diesem Zusammenhang auch von Good Regional Governance gesprochen was allerdings nichts anderes meint (vgl. PÜTZ, 2006: 40f). Innerhalb der deutschen raumwissenschaftlichen Diskussion werden unter Regional Gover- nance häufig netzwerkartige regionale Prozesse der „weichen“ Selbststeuerung unter Einbe- zug von Akteuren der Politik, Verwaltung, Wirtschaft und/oder Zivilgesellschaft verstanden, deren Anliegen darin besteht, die regionale Wirtschaftsentwicklung voranzutreiben (FÜRST, 2008: 42).

Im Unterschied zur traditionellen Form der Entwicklungssteuerung öffentlicher Leistungen liegt das Monopol der letztendlichen Entscheidung nicht allein bei einzelnen Gebietskörper- schaften oder Verwaltungsbehörden, sondern schließt (je nach Projekt) Unternehmen und gesellschaftliche Interessengruppen ein. Region wird dabei nicht als abgegrenztes Gebiet betrachtet, das Kompetenzgrenzen festlegt. Vielmehr umfasst sie einen Funktions- bzw. Handlungsraum, der in den Prozessen der Kooperation konstituiert wird (BENZ, 2001: 57f, DILLER, 2003: 79). Gleichzeitig kommt der Region die Rolle des Hoffnungsträgers zu, da „nachhaltige Wettbewerbsvorteile in einer globalisierten Wirtschaft zunehmend im regionalen Bereich liegen“ (PORTER, 1999: 13 in: Läpple, 2001: 13). Regionale Entwicklung soll also nicht mehr, wie dies innerhalb der vergangenen Jahrzehnten häufig geschah, dirigistisch von oben („top-down“), sondern in von den betroffenen Akteuren der Basis ausgehenden („ bot- tom-up- “ ) Prozessen erfolgen, um endogene Entwicklungspotentiale nutzen zu können und die für die Region maßgeblichen Ziele zu verfolgen (DILLER, 2003: 79).

Die konzeptuelle Strategie endogener (eigenständiger) Regionalentwicklung erweitert den klassischen Begriff der Entwicklung auf regionale Ebene und berücksichtigt neben öko- nomischen auch ökologische, soziokulturelle und politische Aspekte. Ausschlaggebend für das Entstehen des Konzepts war die politische und planerische Einsicht, dass in peripheren Regionen die traditionellen Instrumente der Regionalpolitik, wie Ansiedlung staatlicher Ein- richtungen, Verbesserung der Infrastruktur und Anreize für Investitionen durch Steuererleich- terungen und Vergabe von Fördermitteln, allein nicht länger ausreichten um räumliche Ent- wicklung zu ermöglichen. Endogene Regionalentwicklung soll dazu dienen unzureichend genutzte individuelle Potentiale und Ressourcen (Arbeitskräfte, Kapital, Flächen, Landschaft, Kultur usw.) einer Region zu erkennen und nachhaltig zu aktivieren (HAHNE, 1985: 106ff in: FOIßNER, 2000: 301).

Gehörte der Begriff der Nachhaltigkeit auf der Rio-Konferenz 1992 noch zu denn wissen- schaftlichen Fachbegriffen ist er aktuell ein geläufiger Alltagsausdruck in Diskussionen und

Presseartikeln. Die Entwicklung der drei Eckpfeiler der Nachhaltigkeit - Wirtschaft, Gesell- schaft und Umwelt - sollen nach der Definition des Brundtland Report von 1987 so aufein- ander abgestimmt sein, dass sie die gegenwärtigen Bedürfnisse befriedigen ohne zu riskie- ren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedarf nicht befriedigen können5 (WORLD COMMISSION ON ENVIRONMENT & DEVELOPMENT). Wirtschaftliche Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang Wettbewerbsfähigkeit. Ökologische Nachhaltigkeit beschreibt den Umwelt-, Landschafts- und Naturschutz sowie den schonenden Umgang mit Ressourcen, während soziale Nachhaltigkeit durch gesellschaftliche Kohäsion und den verbundenen Ab- bau von personellen, regionalen und sektoralen Disparitäten geschaffen werden soll. In ide- altypischen Regional-Governance-Kooperationen wird jedes dieser Anliegen durch seine „Stakeholder“ (z.B. Unternehmen, Umweltverbände, Gewerkschaften usw.) vertreten (FREY, 2003: 454).

2.3 Kooperations- und Transaktionskostentheorie als Forschungsansatz

Die Kooperations- und Transaktionskostentheorie wurden für die Untersuchung der Städte- kooperationen als Forschungshintergrund gewählt und werden im folgenden Abschnitt dar- gelegt (2.3.1 - 2.3.4). Neben der ausführlichen Beschreibung der beiden theoretischen An- sätze soll auch ihre Übertragbarkeit auf den Forschungsgegenstand aufgezeigt werden (2.3.5).

In Kapitel 5.3 werden sie noch einmal aufgegriffen auf die empirischen Ergebnisse der Untersuchung angewandt.

2.3.1 Definition von Kooperation und Beschreibung der Kooperationstheorie

Kooperationen gibt es in den unterschiedlichsten Bereichen. Der Begriff bezieht sich auf das lateinische Wort cooperatio = Mitwirkung. In den Gesellschaftswissenschaften beschreibt Kooperation „das geordnete und möglichst produktive Zusammenwirken mehrerer Individuen sowie sozialer Gebilde als existentiell notwendiges Grundverhältnis der […] Lebensbewälti- gung“ (HILLMANN, 2007: 458). Zu den Voraussetzungen, die zu ihrem Zustandekommen füh- ren gehören gemeinsame Kommunikationssysteme und Ziele, soziale Normen, Institutionen sowie eine wechselseitige Erwartungssicherheit (ebd.). Teilweise wird die Kooperation auch als Gegenbegriff zu Konfrontation, Wettbewerb, Konflikt oder einseitiger Interessensmaximierung verwendet (NOHLEN, 1998: 332). Die Bedeutung der „Kooperation“ wird seit einiger Zeit häufig mit Gemeinschaft, Solidarität, Teamarbeit und Aufbruchstimmung in Verbindung gebracht, wodurch der Begriff eine Aufwertung erfährt und nach KNIELING ET AL. (2001: 184f) zu den „Zauberworten“ unserer Zeit zählt.

Der Philosoph THOMAS HOBBES formulierte vor über dreihundert Jahren die Grundvorausset- zung für die Kooperation zwischen (egoistischen) Individuen. Laut Hobbes sei dafür ein zent- raler Herrschaftsstab (Staat) notwendig, an den der Einzelne Souveränität abgibt um dafür den Schutz seiner Person und seines Eigentums sicherzustellen (HOBBES, 1984: 96 in: AXELROD, 2000: 3).

AXELROD, amerikanischer Politikwissenschaftler und Vertreter der rational choice theory, beschäftigt sich seit den frühen achtziger Jahren hingegen mit der Frage unter welchen Be- dingungen Kooperation zwischen Individuen und Systemen ohne Zwang und zentrale Kon- trollinstanz entstehen. Für seine Untersuchung lud er Experten verschiedener Fachbereiche ein, ihm Computerprogramme zuzusenden, die sich an der Spieltheorie des Gefangenendilemmas6 orientierten. Jedes Programm enthielt eine Regel für die Wahl von Kooperation und Nichtkooperation (Defektion). Die Programme sollten so aufgebaut sein, dass sie in einem virtuellen Turnier - ähnlich einem Computer-Schachturnier - gegeneinander antreten konnten. Jedes Spiel zwischen zwei Programmen bestand aus zweihundert Zügen (siehe Tab. 2). Im Verlauf des Turniers spielten alle Programme gegeneinander und gegen sich selbst. An der ersten Untersuchung von Axelrod bzw. dem ersten Turnier, beteiligten sich vierzehn Programme. Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse in verschiedenen Fachzeitschriften und einer neuerlich Ausschreibung wurde das Turnier mit zweiundsechzig verschiedenen Programmen wiederholt. Bei beiden Turnieren siegte das gleiche Programm - „Tit for Tat“ („Wie du mir, so ich dir“) - das gleichzeitig das einfachste aller eingereichten Programme war. Es verfolgt die Strategie mit Kooperation zu beginnen und danach jeweils das zu tun, was der andere Spieler beim vorherigen Zug getan hat. Verfolgt der Gegenspieler also eine Strategie der Defektion, wird auch „Tit for Tat“ nicht kooperieren, solange bis der Gegenspieler seine Strategie ändert. Die Strategie ist somit auf lange Sicht in fast allen Fällen7 erfolgreicher als andere Strategien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: verändert nach A XELROD (2000: 8)

Tab. 3: Mögliche Punkteverteilung bei einem Spielzug

Die Simulation AXELRODTS belegt zwar den Nutzen von wechselseitigem Kooperationsver- halten für den einzelnen Akteur, zeigt allerdings nicht wann und wodurch solche Kooperatio- nen in der Praxis zustande kommen. GEHRING (2002: 71) schlussfolgert aus dem Ansatz der Kooperationstheorie, dass Kooperationen unter rationalen Nutzenmaximierern nur dann möglich sind, „wenn eine Situation Verhaltensänderungen zulässt, von denen alle Beteiligten profitieren und wenn die beteiligten Akteure sich durch ihr Handeln gegenseitig so beeinflus- sen, dass sich das in der Situation bestmögliche Ergebnis nicht von selbst einstellt. Sonst ist eine Kooperation entweder nicht möglich oder nicht notwendig“ (ebd.). Bestimmend für die Ausweitung des gesellschaftlichen Nutzens durch Kooperation ist das Pareto-Optimum, das erreicht wird, wenn kein Akteur mehr besser gestellt werden kann, ohne einen anderen schlechter zu stellen. Das bedeutet gleichzeitig, dass nutzenmaximierende Akteure nicht bereit sind erkennbare Nachteile in Kauf zu nehmen, um damit Kooperationen, die lediglich im Interesse anderer oder abstrakter Gemeinschaften liegen zu ermöglichen (KEOHANE, 1984: 67 in: ebd. 71).

Der rationalen-Nutzenmaximierer-Kooperation steht der Typus der komplementären Koope- ration gegenüber. Hier Handeln die Akteure nach der Maxime, den gemeinsamen Nutzen auszuweiten und gleichzeitig einseitige Vorteilnahme zu minimieren. In diesem Zusammen- hang wird von Akteursseite versucht auf Nutzengewinne durch Free-Rider-Mentalität zu ver- zichten. In beiden Fällen stellt sich die Frage wodurch Kooperationen empirisch entstehen. Dies kann lediglich dann der Fall sein, wenn allen Beteiligten klar ist, „dass sie mittelfristig aufeinander angewiesen sind und dass ungelöste Konflikte die schlechtere Lösung gegen- über Kompromissen auf Basis von Leistung und Gegenleistung sind“ (FÜRST, 1997: 119 in: DILLER, 2002: 38).

2.3.2 Transaktionskosten in Netzwerken

Axelrod hat mittels seiner Computersimulation spieltheoretisch belegt, dass die Strategie wechselseitiger Kooperation äußerst erfolgreich ist und dadurch große individuelle und gemeinschaftliche Gewinne realisiert werden können. Anhand der Ergebnisse seiner Simulation lässt sich erklären warum Kooperationen auch ohne Zwänge oder Druck von außen entstehen können. Eine Transformation seiner Kooperationstheorie aus der Spieltheorie in die raumplanerische Praxis von Städtekooperationen ist unter Umständen möglich. Allerdings wäre der dadurch erzielte Erkenntnisgewinn marginal, da sich die Komplexität des Handelns von Akteuren in Städtekooperationen damit nicht abbilden lässt.

Um die Entstehung und Dauerhaftigkeit sowie das Handeln von Akteuren in regionalen Netzwerken, zu denen auch Städtenetze gezählt werden (vgl. SPANGENBERG, 1996: 381), zu erklären dient die Transaktionskostentheorie nach E. WIILIAMSON. Der Vorteil seines Ansatzes liegt in der gemeinsamen Betrachtung quantitativ messbarer (z.B. materieller und finanzieller) Kosten und Investitionen und qualitativer Faktoren (z.B. Vertrauen, Sicherheit, Reputation), die gleichsam die Höhe der Transaktionskosten determinieren.

2.3.3 Transaktionskostentheorie

In der ökonomischen Organisationstheorie wird im Allgemeinen zwischen drei Formen insti- tutioneller Steuerung und Regelung unterschieden - Märkte, Netzwerke (Hybridformen) und Hierarchien (Williamson, 1996: 167f). Wesentliche Unterschiede dieser drei Organisations- formen ergeben sich vor allem durch den Grad der Kontrollmöglichkeit, der Flexibilität der Beziehung der handelnden Akteure und den auftretenden Transaktionskosten (vgl. Abb. 4). Transaktionskostentheorie (oder Transaktionskostenansatz) gehört zu den Ansätzen der „Neuen Institutionenökonomik“ und wurde von OLIVER E. WILLIAMSON in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Die Theorie beschäftigt sich mit der Frage, in welchen institutionellen Arrangements Transaktionen, die als Austausch von Gütern und Leistungen beschrieben werden, am effizientesten durchgeführt werden können. Effizienz bestimmt sich durch die Höhe der Gesamtkosten, d.h. die Summe aus Produktions- und Transaktionskosten. Zur Vereinfachung der Analyse wird jedoch im Rahmen des Trans- aktionskostenansatzes von konstanten Produktionskosten innerhalb der institutionellen Ar- rangements ausgegangen (Nienhülser & Jans, 2004, 3).

Transaktionskosten sind demnach Kosten, die mit der Durchführung einer Transaktion ent- stehen, aber nicht die unmittelbaren Produktions- bzw. Erstellungskosten beinhalten. WILLIAMSON (1996: 12) vergleicht Transaktionskosten mit dem Energieverlust, der durch

Reibung in mechanischen Systemen entsteht, wenn Zahnräder nicht richtig ineinander greifen oder einzelne Teile nicht genügend geschmiert sind.

Zu den Transaktionskosten des Güter- und Leistungsaustauschs zählen z.B. Informations-, Verhandlung-, Entscheidungskosten, die im Vorfeld einer Transaktion entstehen und deshalb auch als ex-ante- oder Koordinationskosten bezeichnet werden. Daneben zählen aber auch Kontroll-, Konflikt- oder Änderungskosten zu den Transaktionskosten, die im Verlauf oder nach einer Transaktion entstehen und deshalb auch ex-post- oder Motivationskosten genannt werden (ERLEI & JOST, 2001: 38f.).

2.3.3.1 Verhaltensannahmen der Transaktionspartner

Bezüglich der handelnden Akteure (Wirtschaftssubjekte) werden im Rahmen der Transaktionskostentheorie drei Annahmen getroffen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten8

Quelle: Eigene Darstellung nach (Powell, 1996: 215, Nienhülser & Jans, 2004, 3).

Tab 4: Verhaltensannahmen hinsichtlich der Akteure in der Transaktionskostentheorie

Diese Verhaltensannahmen führen zu der Schlussfolgerung, dass bei Transaktionen Unsi- cherheiten, die aus begrenzter Rationalität entstehen, minimiert werden müssen und oppor- tunistisches Verhalten der/des Transaktionspartner/s durch Schutzmaßnahmen unterbunden werden muss. „Organize transactions so as to economize on bounded rationality while simul- taneously safeguarding them against the hazards of opportunism“ (WILLIAMSON, 1985: 32 in: NIENHÜLSER & JANS, 2004, 3).

2.3.3.2 Merkmale von Transaktionen

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Verhaltensannahmen hängt die Höhe der Transaktionskosten von drei Merkmalen der Transaktion ab:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach (Williamson,1996: 13f):

Tab 5: Hauptmerkmale von Transaktionen in der Transaktionskostentheorie

Netzwerke werden, wie bereits erwähnt als hybride Organisations- und Koordinationsformen - zwischen dem freien Markt und der Hierarchie - betrachtet. Die Effizienz von Netzwerken ist da am höchsten, wo die alleinige Regulation des freien Marktes nicht mehr genügt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Spezifikation der gehandelten Güter und Dienstleis- tungen zunehmen, weil sich dadurch die Möglichkeit des Transaktionspartnerwechsels (we- nige Anbieter) und infolgedessen der (anonyme) Konkurrenzdruck verringert. Koordination durch Hierarchie beinhaltet restriktive, formalisierte Kontrollmechanismen, welche die Prob- leme, die sich durch die begrenzte Rationalität und möglichen Opportunismus der Akteure ergeben, einschränken (NIENHÜLSER & JANS, 2004: 6). Allerdings erhöhen sich durch derarti- ge formelle Regelungen die Transaktionskosten und die Freiwilligkeit der Transaktion wird durch Verbindlichkeit ersetzt (vgl. Abb. 4).

Hinsichtlich der Akteure wird bei der Transaktionsform Markt von einem „atomisierten“ (ausschließlich rational entscheidenden) Akteur ausgegangen, wohingegen die Akteure innerhalb hierarchischer Transaktionsformen in reglementierten, vertikal koordinierten, engen Bindungen zueinander stehen (DILLER, 2002: 61).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: verändert nach E RLEI , M. & P.-J. J OST (2001:24):

Abb. 4: Organisations- und Koordinationsformen in Abhängigkeit der Transaktionskosten

Zu den Basismerkmalen von Städtenetzen zählt die Freiwilligkeit der Teilnahme der Städte (vgl. Kap. 2.3.2). Dies bedeutet, dass eine hierarchische Koordination a priori ausgeschlos- sen werden kann, da sie dem informellen Charakter des Städtekooperationsansatzes wider- spricht.

2.3.4 Bildung regionaler Netzwerke aufgrund sinkender Transaktionskosten

Der Netzwerkbegriff wird in der heutigen Zeit in unterschiedlichem Kontext verwendet und läuft deshalb Gefahr zur Beliebigkeit zu verkommen. Netzwerke bestehen in der Graphen- theorie aus Knoten und Kanten. In Verbindung miteinander bilden diese wiederum Graphen, die keine Schleifen enthalten (CARRE, 1979: 198f in: GENOSKO, 2000: 2). In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften bestehen die Knoten meist aus Akteuren oder Institutionen, wäh- rend die Kanten Interaktionen - wie z.B. soziale Beziehungen oder Güterströme - zwischen den Knoten darstellen (ebd.).

Zu den wesentlichen Eigenschaften von Netzwerken gehört ihr vorwiegend informeller und dezentraler Aufbau sowie die meist horizontale Ebene der gegenseitigen Beziehungen in ihnen (MARIN & MAYNTZ, 1991: 15 in: ebd.).

Aufgrund der Beziehungen innerhalb eines Netzwerks lässt sich weiterhin zwischen starken „ Strong-ties “ -Netzwerken und schwachen „ Weak-ties “ -Netzwerken unterscheiden. „ Strong- ties “ -Netzwerke verbinden Akteure, die sich z.B. hinsichtlich ihrer Werte, Einstellung, Bildung oder dem sozialen Status sehr ähnlich sind. In „ Weak-ties “-Netzwerken haben die verbunde- nen Akteure hingegen eher heterogene Hintergründe (RAICH, 2006: 110). Starke Bindungen vereinfachen den Informationsaustausch im Netzwerk, verhindern aber gleichzeitig häufig Innovation oder Modernisierung, da kaum neue Ideen in das Netzwerk eindringen. Schwa- che Bindungen erzeugen kommunikative Schwierigkeiten zwischen den Akteuren sind je- doch offener für Innovationen und neue Ideen. „Kommunikationsbarrieren“ innerhalb von „ Weak-ties “-Netzwerken können jedoch durch Experten, sog. „gatekeepers“ umgangen wer- den, da diese „in der Lage sind unterschiedliche Kodierungsschemata zu verstehen und zu übersetzen“ (TUSHMAN & KATZ, 1980 in: GENOSKO, 1999: 2).

Regionale Netzwerke sind als Netzwerke zu verstehen, deren Knoten und Kanten sich in räumlicher Nähe zueinander befinden. Durch die räumliche Nähe wird die Kommunikation erleichtert und ein regionaler Bezug hergestellt (GENOSKO, 2000: 3, SPANGENBERG, 1996: 314).

Es gibt vielerlei Gründe für die Entstehung regionaler Netzwerke. Funktionierende Netzwerke haben jedoch eines gemeinsam: sie senken per Saldo die Transaktionskosten. Das bedeutet, dass die durch Netzwerke verursachten Transaktionskosten, geringer sind, als diejenigen Kosten, welche im Vergleich zu alternativen Konfigurationen (Markt, Hierarchie) eingespart werden können. Eine Minderung der Transaktionskosten kann z.B. durch Synergieeffekte, Informationsaustausch oder Risikoteilung generiert werden. Dies insbesondere dann der Fall, wenn Netzwerke stabile und intensive Interaktionen aufweisen, die eine erhöhte Kenntnis der agierenden Partner ermöglicht und so die Such-, Verhandlungs- und die laufenden Betriebs- kosten des Systems reduziert (GENOSKO, 2000: 3 & GENOSKO, 1999: 4).

Die Dauerhaftigkeit des Bestehens von kooperativen Netzwerken wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Während die spieltheoretische Herangehensweise (vgl. Kap. 2.2.3) einen nahezu unendlichen Zeithorizont für die Existenz von Netzwerken als essentiell be- trachtet, ist dieser in der Realität in aller Regel begrenzt - dennoch sind funktionierende Netzwerke zu beobachten. Das kann an unter anderem an positiven externen Effekten, wie z.B. Reputationsvorteilen liegen, die kooperative Akteure im Netzwerk erfahren. Ein guter Rufs (Reputation) entwickelt sich über die Qualität und Quantität der Investitionen (z.B. Zeit, Geld, Arbeitskraft), welche die einzelnen Mitglieder ins Netzwerk einbringen. Je höher dieser Investitionen bei allen Beteiligten Akteuren sind, desto höher ist auch das Interesse am Er- folg der Zusammenarbeit. In diesem Zusammenhang wird auch von Reputationsinvestitionen gesprochen (Genosko, 1999: 7).

[...]


1 Beide Begriffe werden in der Arbeit synonym verwendet (vgl. Kap. 2.4.2).

2 Dabei dienen die Werke von KLEINFELD ET AL., 2008 (Regional Governance) und DILLER, 2002 (Interkommunale Kooperation) als maßgebliche Grundlage.

3 Im Jahr 2008 war dieser erstmalig seit 1984 wieder negativ und betrug - 56.000 Personen.

4 Eine Abnahme der Gesamtbevölkerung wurde noch im Jahr 2003, im Rahmen der „10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung“ des statistischen Bundesamtes, erst ab 2013 (mittlere Variante) prognostiziert -in der Realität hat die Bevölkerung der Bundesrepublik zwischen 2002 und 2008 schon um über 530,000 Personen abgenommen (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT DEUTSCHALND) .

5 Die Nachhaltigkeitsdefinition lautet im Brundtland-Report: “Sustainable development seeks to meet the needs and aspirations of the present without compromising the ability to meet those of the future.”

6 Zwei Gefangene eines gemeinsamen Verbrechens werden getrennt voneinander verhört. Wenn nur einer von beiden gesteht erhält er die Freiheit (Kronzeugenregelung), der Komplize dagegen die Höchststrafe (z.B. 5 Jahre Gefängnis). Gestehen beide erhalten sie eine verringerte Strafe (z.B. 3 Jahre Gefängnis), gestehen beide nicht erhalten sie eine noch geringere Strafe (z.B. 1 Jahr Gefängnis). Das Dilemma der Gefangen besteht darin, dass ihr individuell rationales Verhalten zu einem Spielausgang führt, der kollektiv nicht rational ist (Nohlen & Schultze [Hrsg.], 2002: 254).

7 Der Ausnahmefall ist ein Spiel gegen ein Programm, welches über den gesamten Spielverlauf die Strategie der Nicht-Kooperation verfolgt, da in diesem Fall der Punktverlust des ersten Zugs nicht mehr ausgeglichen werden kann.

8 Vergleichbar mit der „Defektion“ bei Axelrod (Kap. 2.2.1). Dies lohnt sich insbesondere dann, wenn ein Akteur opportunistisch handelt ohne, dass die Partner-Akteure dies bemerken (Genosko, 1999: 6).

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Städtekooperationen
Untertitel
Wirkungsweise eines informellen Instruments der Raumordnung in schrumpfenden Regionen Ostdeutschlands
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
118
Katalognummer
V191099
ISBN (eBook)
9783656157212
ISBN (Buch)
9783656157755
Dateigröße
1965 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
demographischer Wandel, Daseinsvorsorge, Ostdeutschland, endogene Potentiale, regional governance
Arbeit zitieren
Karl Krauss (Autor), 2010, Städtekooperationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191099

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Titel: Städtekooperationen



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