Anbetung im Gottesdienst


Examensarbeit, 2010

63 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 ERLEBEN: ANBETUNGIN GOTTESDIENSTEN
1.1 E RLEBNISBERICHT:
1.2 F RAGESTELLUNG: LÄSSTSICHA NBETUNGINSZENIEREN ?
1.3 M ETHODISCHE HERANGEHENSWEISE

2 ERGLAUBEN: ANBETUNGALS ZIEL
2.1 DAS VATERUNSER
2.2 A NBETUNGALS PROSKYNESE VOR DEM KÖNIGSGOTT
2.2.1 DIE ALTORIENTALISCHE KÖNIGSTHEOLOGIE
2.2.2 SCHÖPFUNGSLOB AUS PS
2.2.3 „HEILIG, HEILIG, HEILIG“ AUS JES
2.3 DIE DOPPELBEWEGUNGVON E RNIEDRIGUNGUNDE RHÖHUNG
2.3.1 DER GANZHEITLICHE ANSATZ DER ANTHROPOLOGIE DES AT
2.3.2 PS 8: „WAS ISTDER MENSCH?“ - „MITEHRE HASTDU IHN GEKRÖNT!“
2.3.3 DIE BESTIMMUNGDES MENSCHEN - DAS LOB GOTTES
2.4 LOB GOTTES IN HEILSGESCHICHTLICHER HINSICHT
2.4.1 KLAGELIED, LOBLIEDUNDHYMNUS
2.4.2 DER UNTERSCHIEDLICHE HEILSGESCHICHTLICHE ORTLOBENDER AUSSAGEN
2.5 A NBETUNGALS FREUDIGES F EST
2.5.1 DER KULTIM ALTEN ISRAEL
2.5.2 GOTTESDIENSTIM URCHRISTENTUM
2.6 A NBETUNGALS HINEINNAHME IN DIE TRINITARISCHE A NBETUNG
2.6.1 GOTTALLEIN GEBÜHRTDIE ANBETUNG- DAS REICHDES VATERS
2.6.2 GOTTOFFENBARTSICHIN DER PERSON JESUS CHRISTUS
2.6.3 GOTTERMÖGLICHTANBETUNG- ANBETUNGDES GEISTES
2.6.4 TRINITARISCHE ANBETUNG

3 ERFAHREN: ANBETUNGIN VERSCHIEDENEN TRADITIONEN
3.1 A NBETUNGIN DER ORTHODOXEN KIRCHE
3.1.1 EINHEITVON HIMMLISCHEM UNDIRDISCHEM LOBPREIS IM GOTTESDIENST
3.1.2 LOBPREIS ENTSPRINGTEINER ORIENTIERUNGAN DEN TRINITARISCHEN PERSONEN
3.1.3 LOBPREIS ZWISCHEN KATAPHATIKUNDAPOPHATIK
3.1.4 LOBPREIS ALS TEILHABE AN DEN ENERGIEN GOTTES
3.1.5 LOBPREIS UNDETHIK
3.1.6 WÜRDIGUNG
3.2 A NBETUNGIN KATHOLISCHER TRADITION
3.2.1 DAS SÜHNEOPFER ALS TEILDER FEIER DER EUCHARISTIE
3.2.2 DOXOLOGIE ALS WORTUNDANTWORTGOTTES IM LOBOPFER DER STUNDENGEBETE
3.2.3 DIE ECCLESIA ORANS ALS FORTSETZUNGDES GEBETS CHRISTI DURCHDIE EKKLESIA
3.2.4 WÜRDIGUNG
3.3 A NBETUNGIN EVANGELISCHER TRADITION
3.3.1 DIE NEUE ROLLE DES WORTES GOTTES - DER LOBPREIS ALS ANTWORT
3.3.2 DER REFORMIERTE „LOBPREIS DES LEBENS“
3.3.3 WÜRDIGUNG
3.4 A NBETUNGIN CHARISMATISCHER TRADITION
3.4.1 FRÖMMIGKEITSGESCHICHTLICHE EINORDNUNG
3.4.2 DER LOBPREISGOTTESDIENST
3.4.3 DIE BEDEUTUNGVON LOBPREIS UNDANBETUNG
3.4.4 BIBLISCHE GRUNDLAGE VON ANBETUNG
3.4.5 WÜRDIGUNG
3.5 N EUERE F RAGE : GOTTESDIENSTALS I NSZENIERUNG
3.5.1 GOTTESDIENSTALS EREIGNIS: VON SCHLEIERMACHER ZUR NEUEREN FORSCHUNG
3.5.2 ANBETUNGALS „INSZENIERUNG“ RELIGIÖSER URSZENEN
3.5.3 PROBLEMATIK

4 ERNEUERN: ANBETUNGIM EVANGELISCHEN GOTTESDIENST
4.1 GOTTESDIENSTALS F EIER
4.2 A NBETENDE HALTUNGAUFGRUNDGOTTES A NWESENHEIT
4.3 W ORTUNDA NTWORT
4.4 DIE R OLLE DES A BENDMAHLS

LITERATURVERZEICHNIS

1 Erleben: Anbetung in Gottesdiensten

1.1 Erlebnisbericht:

Während meines Theologiestudiums hatte ich das Privileg verschiedenste Gottesdienste an verschiedensten Orten und Zeiten mitzufeiern. Aus evangelisch-landeskirchlichen Verhältnissen kommend mit guter Predigt und guter Lehre, wurde mir erst mit Verlassen des Elternhauses die Vielzahl liturgischer Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet. Ich kannte die große Betonung des Bittgebets, breit ausformulierter Fürbitten, das Leben aufnehmende Dankgebete. Ebenso vertraut waren mir die festen liturgischen Stücke der Agende, gemeinsames Psalmensprechen und von der Orgel angeleitetes Choräle singen. Als ansprechend empfand ich diese Liturgie nicht, eher als gewöhnlich und doch unverstanden. Die Predigt war der Grund meines Gottesdienstbesuchs. In der Predigt empfand ich ein Verständnis für die Glaubenstatsache: Gott ist für mich.

Im Studium besuchte ich verschiedene Gottesdienstformen. In manch’ landeskirchlichem Gottesdienst lernte ich mit der Gemeinde Psalmen zu singen. In katholischen Gottesdiensten empfand ich den Gottesdienst wegen all den ehrwürdig angehauchten Äußerlichkeiten, wie Bekreuzigen, Kniefall vor dem Tabernakel, Weihrauch und Messdienern, als ehrfurchtsvolle Handlung vor Gott. In freien charismatischen Gemeinden wurde mir während musikalischer Lobpreis- und Anbetungsteilen Gottes Größe und meine eigene Unzulänglichkeit spürbar bewusst. Ich konnte spüren: Gott, der Allmächtige, ist da.

Der Gottesdienst bekam durch diese Besuche eine neue Dimension. Nicht ein perfekt von mir verstandener Gottesdienst mit brillanter Predigt wurde mir wichtig, sondern ein Gottesdienst, den ich selbst nicht im Griff hatte, sondern mich ergriff und veränderte - ein Gottesdienst in dem ich erleben durfte: Gott ist da für mich!

Menschen erfahren an den unterschiedlichsten Orten Gottes Gegenwart. Damit einher geht eine Ehrfurcht über eine Macht, die größer ist als man selbst, die man nicht in der Hand hat. Sie erfahren eine Macht, die sich ihnen in seiner ganzen Größe letztendlich entzieht. Diese Begegnung zwischen Gott und Mensch ist stark persönlich bedingt. An unterschiedlichsten Orten ereignet sich jene Begegnung, immer eng mit der Lebenswelt und der Lebensgeschichte verknüpft. Bei einer persönlichen Umfrage in einem sozialen Internetnetzwerk unter Kommilitonen mit der Fragestellung „Wo erfährst du: Gott ist da?“ präsentiert sich dieses breit gefächerte Bild von Orten:

In der Arbeit; im Stellen von Fragen; im charismatischen Lobpreis; im anderen Christen; in Gesprächen mit Atheisten; als roten Faden im Leben - nicht immer voraus aber im nachhinein sichtbar - der durch alles durchträgt; in der Symmetrie und Perfektion; im Umgang mit anderen Menschen; in christlichen Zeugnissen; durch Freunde; in brenzligen Situationen; wenn die ganze Natur mich anlacht und die Sonne scheint; überall; in der Liebe zu Menschen, die man eigentlich nicht mag; in der Nächstenliebe (bei Altenheimbesuchen und Jugendarbeit); in der Bibel; im Gebet; im Nichtweiterwissen und Abgeben von Problem, im Loslassen von Hass, im Zugeben, dass man selbst nicht mehr vergeben kann und dann merken, dass die Arbeit von Gott weitergeführt wird.

Gott begegnet jeder Lebensgeschichte individuell. Gottes Wege sind nicht des Menschen Wege. Es gelingt nicht, Gottes Wege in ein Korsett zu knüpfen und danach zu wissen, wem Gott begegnen möchte. Trotzdem zeigen sich drei Hauptorte der Begegnung: die Natur, der Mitmensch und der Gottesdienst.

1.2 Fragestellung: Lässt sich Anbetung inszenieren?

Es gibt die unterschiedlichsten Orte, an denen Menschen sich im Angesicht Gottes wiederfinden. Der Gottesdienst ist einer dieser Orte. Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Name Gottes steht im Alten Testament für seine Anwesenheit. Der Gottesdienst ist mit dafür da, dass das scheinbare Unmögliche möglich wird, dass Gott anwesend ist, man „vor ihm steht“. Alle irdischen Unterschiede verblassen. Da kann es passieren, dass ein mächtiger Manager in Ehrfurcht vor dem Allmächtigen neben und mit Straßenkindern seine kostbare Zeit „verschwendet“ um „heilig, heilig, heilig“ zu rufen.

In der faktisch erlebten Realität des Gottesdienstes erlebe ich oft Missstände. Meiner Reaktion auf Gottes gnädiges Sorgen begegne ich ausführlich im Gebet und der Fürbitte. Die Rufe nach Hilfe und auch der Dank für Gottes Eingreifen und Handeln finden Raum. Aber die Dimension der Anbetung tritt zu kurz: Gott um Gotteswillen anzubeten. Zwar gäbe es Orte in der Liturgie, die dafür vorgesehen sind, wie die Abendmahlsfeier, das Gloria und das Gloria Patri. Doch so oft erlebe ich diese nicht als lebendige Beispiele von Anbetung sondern eher als verblassende Schatten ehemaliger Anbetungszeugnisse. Die Frage lautet also: Lässt sich in diese Gegenwart Gottes im Gottesdienst hineinführen? Lässt sich Gott als gegenwärtig darstellen? Lässt sich Anbetung im Gottesdienst inszenieren? Dass letztendlich Gott diese Anbetung bewirken muss ist eine genauso wahre wie triviale Aussage. Aber: an welchen Orten findet diese Anbetung statt, gibt es Grundvoraussetzungen für „gelungene Anbetung“?

1.3 Methodische Herangehensweise

Es stellt sich also die Frage nach der Inszenierbarkeit und Inszenierung von Anbetung im Gottesdienst. Dazu möchte ich in einem ersten Schritt vom Vaterunser ausgehend in der Schrift nach Grundkategorien von Anbetung im Gottesdienst suchen. Besonderer Schwerpunkt liegt dabei im ATauf den Psalmen als dem Buch der Gebete, Lieder und Theologie. Im NTliegt der Schwerpunkt auf den Evangelien. In einem zweiten Schritt untersuche ich unterschiedliche Konfessionen anhand der erarbeiteten Kriterien nach „Inszenierungsmodellen“ von Anbetung im Gottesdienst. Ich schließe mit der Frage nach praktischen Umsetzungsmöglichkeiten für den sonntäglichen evangelischen Gottesdienst.

2 Erglauben: Anbetung als Ziel

Um der Frage nach der Inszenierung von Anbetung gerecht werden zu können, ist es nötig „zurück zu Quelle von Schrift und Tradition [zu kehren], um heilsamen Abstand von der Verworrenheit des Lebens zu bekommen und den Horizont des Glaubens zu erkennen“1. Erster Ansatz ist das Vaterunser, denn dieses findet sich in praktisch jedem christlichen Gottesdienst jeglicher christlichen Konfession. So eint das geläufigste Gebet der Christenheit die christliche Kirche bzw. Kirchen über alle Differenzen.

2.1 Das Vaterunser

Das Vaterunser, wie es im evangelischen Gottesdienstbuch wiedergegeben wird, geht als fester Gebetstext auf Didache 8,1-3 zurück, der „in der Alten Kirche den Taufbewerbern zum Einprägen ins Gedächtnis mündlich mitgeteilt wurde.“2 Durch seine Elementarität und zugleich seine Umfassendheit half es den Glauben auszudrücken und wurde zum „Grundgebet der Getauften“3. In der mündlichen Form geht es zurück auf ein „ursprünglich beispielhaftes Vorbild für das Beten der Jünger Jesu“4, wie es in Matt 6,9-13 und Lk 11,2-4 als Gebetsauftrag an die Jünger überliefert wird.

Das Gebet leitet sich durch die schlichte Anrede „Vater“ ein. Anstelle der im jüdischen Kontext vorkommenden Verbindung „Unser Vater, unser König“, die „dem herrscherlichen Regiment Gottes respektvoll Achtung“5 erweisen möchte, drückt Jesus mit der Anrede sein „tief gegründetes Vertrauen aus, wie es ein kleines Kind seinem Vater gegenüber erweist“.6 Mit dieser Anrede ist der bestimmende Charakter des Gebets der Jünger enthüllt. Wie Paulus in Röm 8,15 und Gal 4,6 rufen sie in der Kraft „des sie erfüllenden göttlichen Geistes: abba o pathr.“7 Stuhlmacher beschreibt: „im Vaterunser werden die maqhtai an Jesu besonderem Gottesverhältnis beteiligt; sie dürfen zu Gott beten wie ihr Lehrer auch!“8

Darauf folgt das Gebet Jesu - ein Hymnus: drei „Du“ Bitten als Aufgesang werden durch ein dreifaches Schlusslob begründet. Dazwischen eingeschoben sind drei „Wir“ Bitten. Die „Du“ Bitten orientieren sich an der ehrfürchtigen Anrede an den Gott des Himmels und der Erde. Jesus nimmt in diesen Bitten die Gebetstradition Israels auf und verknüpft darin die Heiligkeit des Gottesnamens und seine Königsherrschaft.9 Die „Passivum divinum“ Formulierung der ersten Bitte trägt der „ehrfurchtsfürchtige[n] Redeweise Rechnung“10, indem sie Gott als eigentlich Handelnden andeutet. Lohse fasst die „Du“ Bitten zusammen: „In strenger Konzentration und prägnanter Kürze wird Gott, der Vater in den Himmeln, angerufen, dass er sein Werk, dessen Kommen Jesus ansagt, vollenden und seine Herrschaft über alle Welt sichtbar aufrichten möge.“11

Die „Wir“ Bitten der betenden Gemeinschaft nehmen die eschatologische Dimension der „Du“ Bitten mit in den Alltag der Gläubigen: Jesus lehrt die Jünger darum zu bitten, dass sich der Herr der Zeiten auch der Belange des morgigen Tages annehme.12 Dazu zählt die täglich notwendige Brotration und Gottes Vergebung gleichermaßen. Die letzte Bitte ersucht in eschatologischer Betrachtung Gottes Treue zu den Seinen angesichts erschreckender Gefährdungen.

Der Lobpreis schließt die Reihe der Bitten ab. Das „denn“ gibt der Doxologie „den Wert einer Begründung [...] Weil Gott Weltherrscher ist, kann sich ihm nichts entgegenstellen.“13 Zwar fehlt die Schlussdoxologie in den ältesten Textüberlieferungen, dies bedeutet nicht, dass Jesus dieses Gebet ohne abschließenden Lobpreis den Jüngern weitergegeben hat. Wie für das damalige Judentum üblich, wurde das Vaterunser mit einem Lobspruch als sog. „Siegel“ geschlossen, der vom Beter frei formuliert werden konnte.14 Der Verweis des „Siegels“ der Didache auf Reich, Kraft und Herrlichkeit verweisen wieder zum Anfang des Gebets: Gottes Name ist heilig - geheiligt werde dein heiliger Name!15

JEREMIAS fasst das Vaterunser zusammen in dem Ausdruck „sich realisierende Eschatologie. Diese Wendung bezeichnet die sich verwirklichende Heilszeit, die vorweggeschenkte Vollendung, den Einbruch der Gegenwart Gottes in unser Leben.

[Zusammenfassend lässt sich feststellen:] Wo Menschen es wagen im Namen Jesu ihren himmlischen Vater in kindlichem Vertrauen zu bitten, daß er seine Herzlichkeit offenbaren möge und daß er ihnen heute schon und hier schon das Lebensbrot und die Tilgung der Schulden schenken möge, da verwirklicht sich schon jetzt, inmitten der ständigen Bedrohung durch Versagen und Abfall, die königliche Herrschaft Gottes über das Leben seiner Kinder.“16 Wo sich Gottes Herrschaft verwirklicht, da ist Gott schon jetzt gegenwärtig. Wo Gott gegenwärtig ist, da wird Gottes Name geheiligt - da wird Gottes Name als heilig erkannt, da wird Gott angebetet.

Im folgenden sollen fünf Kriterien für Anbetung herausgearbeitet werden: Gottes Heiligkeit („geheiligt werde dein Name“) und die Rolle des Menschen (Vater unser) fragen nach dem Wesen der Anbetung. Die Kriterien des heilgeschichtlichen Ortes (eschatologische Dimension) und des Festes bzw. Alltags („unser tägliches Brot“) fragen nach dem Ort von Anbetung. Letztes Kriterium ist die Hineinnahme in Jesu Gottesverhältnis („Vater unser im Himmel“) als Frage nach einem „System“ von Anbetung. Die ersten vier Kriterien werden hauptsächlich aus den Psalmen als der theologisch alttestamentarischen Grundlage erarbeitet, die beiden abschließenden Kriterien stellen diese Kriterien in Zusammenhang mit Gottes Offenbarung in Jesus Christus.

2.2 Anbetung als Proskynese vor dem Königsgott

Einer der zentralen Begriffe des neuen Testaments für Anbetung ist der Begriff der Proskynese. Dieser leitet sich aus der Septuaginta vom Begriff hwj im Histaphel - „verehren“ her. Diese Wurzel bezeichnet ursprünglich eine Geste, bei welcher der Akteur sich sanft auf seine Knie niederlässt, seine Hände ein bisschen vor den Knien auf die Erde setzt und seine Nase und seine Stirn ebenfalls auf die Erde legt.17 Diese Geste soll den Abstand zum verehrten Objekt verdeutlichen, als absolute Unterwerfung im Sinne eines Totstellreflexes, bei dem „das sich anschließend erhoffte Aufgestellt werden ein Bestandteil des ganzen Vorgangs ist“18. Profaner und religiöser Gebrauch gehen in diesem Begriff ineinander über. Mit dem Begriff verbindet sich ein Absolutheitsanspruch des Angebeteten, so dass es bspw. bei der Anbetung des Königs „zum Hofstil [gehört], daß man einem neuen König zuspricht, es würden alle König ihm huldigen“19. Im Kult wird hwj im Histaphel als Huldigung Jahwes verwand. Nicht nur der König huldigt Jahwe, sondern das ganze Volk und selbst fremde Völker werden ihn nach Jes 45,14 Jahwe mit ihren Schätzen anbeten und als alleinigen Gott bekennen. Das ganze Himmelsheer betet Jahwe an (Neh 9,6) als den Heiligen, als den Herrn der Heerscharen.20

2.2.1 Die altorientalische Königstheologie

Die Anbetung Gottes ist im Alten Testament eng mit dem Königtum verknüpft. Der König galt im vorderen Orient als Repräsentant Gottes auf Erden. Er ist Mittler zwischen Gott und Mensch. Das bedeutet, dass er sowohl die Gottheit auf Erden vertritt als auch seine Untertanen vor den Mächten des Himmels.21 Somit steht er nach außen für die göttliche Herrschaft ein und bewahrt nach innen die göttliche Ordnung. Davon ausgehend entwickelte sich in Israel die Jahwe-König-Konzeption, die als König alleine Jahwe kennt, gemäß der zentralen Formel Klm hwhy. Auf horizontaler Ebene im Gegensatz zu allen Göttern bedeutet das: Jahwe allein ist König und Gott und jede Anbetung anderer sogenannter Götter ist Abgötterei.22 Andere Götter finden lediglich als Untergötter einen Platz in der Anbetung Jahwes. Auf vertikaler Ebene herrscht Jahwe über die ganze Erde, alle Völker, Zion und Juda, sowie die bedrückten Gerechten und Frommen. Daraus ergibt sich ein System der Gerechtigkeits- und Rechtsordnung, „welches die göttliche und die irdische Ebene umgreift.“23 Die Königsherrschaft Gottes geht einher mit der Gerechtigkeit des Armen:24 Jahwe ist König, er verschafft den personae miserae ihr Recht. Gese schließt aus dem Einstehen Gottes: „in der Errettung des Frommen aus dem Tod offenbart sich die eschatologische Königsherrschaft Gottes.“25, das bedeutet „die Bekehrung der Welt [...], die Auferstehung der Toten, wenn auch noch sehr zurückhaltend konzipiert als Erlösung zur kultischen Teilhabe an Jahwe, und die Verkündigung dieser Heilstat in alle Zukunft.“26

Letztendlich braucht Israel keinen König, denn Jahwe ist ihr König. Die Aufgaben, die typischerweise dem König des Alten Orients oblagen, werden statt vom irdischen König von Jahwe direkt bewirkt. Der irdische König wird ersetzt und seine Amtsfunktionen werden programmatisch in das Verständnis Jahwes und seines Königtums übersetzt. Denn er ist der universale „Königsgott, der als Retter der Armen das eschatologische Gericht durchführt (Ps149,5-9) und damit den neuen Himmel und die neue Erde bringt (Ps 150). Diesem Königsgott gilt der Lobpreis, zu dem Ps 150 den neuen Kosmos - »alles, was Atem hat« (V.6) auffordert und der [...] seinen Grund in der Güte und Barmherzigkeit dieses Königsgottes hat“27.

Wo findet die Begegnung mit dem Königsgott statt, dass er angebetet werden kann? Gott begegnet mit seiner dwbk in der Schöpfung, und in seiner Andersartigkeit, seiner Heiligkeit im Kult, in dem Gottes Ebene in die profane Ebene der Welt hinein bricht.

2.2.2 Schöpfungslob aus Ps 104

Das Alte Testament versteht unter Schöpfung sowohl creatio prima als auch creatio continua als ein untrennbares Wirken Gottes durch sein Wort. Das Wort Anfang (Gen 1,1) weißt nicht auf ein historisches Ursprungsdatum hin, sondern markiert ein grundlegendes Geschehen - arch, in welchem die täglich gültigen Gesetze von Gott gesetzt werden.28 Gott wird als der Schöpfer gelobt, der die ganze Geschichte dauerhaft zusammenhält, der seinen Segen gibt und Gerechtigkeit bewirkt. Natur und Geschichte sind in der Schöpfung Gottes integriert. So zeigt sich schon im Aufbau der christlichen Bibel beginnend mit Gen 1-3 schließend mit Apk 21 der konstitutive Zusammenhang von Schöpfung und Erlösung.

Parallel zu Gen 1,1-2,4a beschreibt der Beter im Schöpfungshymnus Ps 104 in mehreren Bereichen die gesamte Schöpfung als das große Haus des Lebens, das ganz „von Taten Gottes getragen und beherrscht [ist], auf die alle Elemente und Kreaturen hin ausgerichtet sind.“29 Die Richtung innerhalb der verschiedenen Bereiche des Kosmos weißt von oben, dem Himmel, nach unten, den Menschen und Tieren, bis zum Meer. Der Mensch erscheint nicht als Krone der Schöpfung. Mythologische Konzepte aus der Umwelt Israels und ganz alltägliche Erfahrungen werden zueinander in Bezug gesetzt. Sowohl Mythos als auch Geschichte werden von der Erfahrungswirklichkeit des himmlischen Königs betrachtet. Selbst über das Chaos herrscht Gott, das zwar in die Schöpfung integriert wird, aber dennoch böse bleibt und vom himmlischen König bekämpft wird. „Die gesamte Schöpfung [...] ist zu Jahwe hin offen, sie ist absolut von ihm abhängig, stirbt ohne ihn. [...] mit Jahwes dwbk liegt auf der Welt [...] der Glanz der Königsherrlichkeit Gottes, [...] in der Frevler keinen Raum mehr haben.“30 Wenn die dwbk Gottes anwesend ist, dann ist Gott anwesend.31 Gott residiert innerhalb dieses Kosmos im himmlischen Bereich. Durch Ausgriffe auf Bereiche des Kosmos, zu denen der Mensch keinen Zugriff hat, wird deutlich: Gott steht im Mittelpunkt dieser Welt - nicht der Mensch. „In dieser Welt kann der Mensch auf die Taten und Gaben Jahwes nur reagieren mit einem täglichen, abhängigkeitsbewußten Lob.“32 Gott ist mit seiner dwbk anwesend - was kann der Mensch anderes machen als anzubeten.

2.2.3 „Heilig, Heilig, Heilig“ aus Jes 6

Wahrscheinlich besuchte Jesaja lediglich einen gewöhnlichen Tempelgottesdienst. In diesem Gottesdienst, so wird in Jes 6,1-11 berichtet, geschieht die lebensverändernde Begegnung mit der Heiligkeit Gottes. Dieser Gottesdienst ereignet sich in zwei unterschiedlichen Dimensionen. In der einen Dimension findet ein gewöhnlicher, öffentlicher Tempelgottesdienst zur Zeit des Königs Usija statt, bei der ein Priester im Allerheiligsten das Opfer darbringt. In der anderen Dimension sitzt Gott auf dem Thron. Diese zweite Dimension bricht in die erste hinein, so dass „alles, was an Zubehör zur Tempelliturgie und zum Tempelraum gehört, völlig neu zum Glühen [gebracht wurde]. Nun sitzt nicht mehr bloß ein Hoherpriester auf dem Stuhl, sondern der Herr selbst, und sein Saum füllt den Tempel. Nun sind nicht mehr bloß Seraphen auf der Lade, die dort als hölzernes Gebilde symbolischer Zierat sind, sondern es sind himmlische Wesen mit sechs Flügeln, die so laut die Heiligkeit Gottes ausrufen, daß die Schwellen des Tempels erbeben und das Haus von Rauch erfüllt ist.“33 Die einzige Möglichkeit sich bei diesem Anblick zu verhalten wäre, mit einzustimmen in das „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind voll von seiner dwbk.“ Das ist ihm nicht möglich. In diesem gewöhnlichen Tempelgottesdienst erkennt Jesaja den Herrn und muss bekennen, dass er „unreiner Lippen ist und wohnt unter einem Volk von unreinen Lippen.“

Abschließend lässt sich sagen: Anbetung ist Proskynese vor dem Königsgott. Er wird nicht angebetet, weil es nicht möglich wäre andere Götter anzubeten, sondern weil er der einzige lebendige ist, der sich um die Ordnung - um die Belange der personae miserae kümmert. Dafür muss dieser Gott als anwesend erkannt sein. Das ist er durch seine dwbk in Schöpfung und Kult. Höherwertige Anwesenheit findet bei Gottes unerwartetem Einbruch in das Normale statt.34 Hier erfährt der Mensch, dass er im Angesicht Gottes anbeten muss, es aber nicht kann. So bleibt ihm ohne Gottes Erhebung nur das Vergehen.

2.3 Die Doppelbewegung von Erniedrigung und Erhöhung

Wenn sich ein Mensch bei der Proskynese vor dem König in den Staub geworfen hat, dann war damit die Erhebung des Königs verbunden. Anbetung bedeutet eine Doppelbewegung bzw. Doppelrelation zwischen zwei Parteien. Die anbetende Partei erniedrigt sich selbst, indem sie sich in den Staub wirft. Die angebetete Partei erhöht die Erniedrigte und spendet ihr so neu Größe. Schon in der Anthropologie zeigt sich der Mensch zwischen den Polen Bedürftigkeit und Fähigkeit, so dass er erst im Lob Gottes seine Bestimmung findet.

2.3.1 Der ganzheitliche Ansatz der Anthropologie des AT

In der Anthropologie des ATs ist der Mensch nicht einfach objektivierbar; „im Gespräch mit Gott sieht sich der Menschen [vielmehr] in Frage gestellt, erforscht und damit viel weniger festgestellt als zu Neuem berufen.“35 Daraus ergibt sich kein einheitliches Menschenbild, sondern ein dialogisches: Der Mensch vor Gott. Wichtigster Unterschied zu neuzeitlichen Menschenbildern ist die psychosomatische Einheit des Menschen: der Mensch ist immer als ganzer im Blick und wird mit unterscherschiedlichen Aspekten näher bestimmt. Er hat keine Seele, sondern er ist Seele und lebt als Seele.36 Diese Aspekte werden meist mit den unterschiedlichen Organen des Menschen beschrieben. Die Kehle des Menschen vpn zeichnet ihn als bedürftigen Menschen aus, der wie die Kehle eines Verdurstenden nach frischem Wasser lechzt.37 So ist er ein lebendiges Wesen, dem von Jahwe das Leben gespendet wurde. Er wird ermächtigt durch Jahwes jwr.38 Diese Lebenskraft bevollmächtigt den Menschen mit seinen Begabungen, seinem Geist als Organ des Erkennens, und seiner Willenskraft.

Ein anderer Aspekt des Menschen beinhaltet das Wort Fleisch rcb.39 Er ist Körper, lebt darin in Verwandtschaft mit anderen Körpern. Er ist ein hinfälliger Mensch und so offen für Sünde - Entfernung von Gott, das gebrochene Verhältnis zu Gott, das er aufgrund seiner einzigartigen Freiheit wählen kann. Dieser Willensentschluss ist im Herz bl des Menschen verankert.40 Sein Herz macht ihn zu einem vernünftigen Menschen, wobei Vernunft und Gefühl sich nicht widersprechen sondern zusammen agieren. Das Herz ist in sofern das Personzentrum des Menschen. Hier trifft er seine Entscheidungen.41

Somit steckt der Mensch in einer Spannung zwischen Bedürftigkeit und Ermächtigung, zwischen Hinfälligkeit und Vernunft. Im Verweis auf Gott - im Lob Gottes findet der Mensch die Lösung dieser Spannung.

2.3.2 Ps 8: „Was ist der Mensch?“ - „Mit Ehre hast du ihn gekrönt!“

In Ps 8 bewundert der Beter in einer nächtlichen Sternschau den Zusammenhang seiner Wenigkeit mit den ihn übersteigenden Mächten des Kosmos. Ausgangspunkt aller anthropologischen Aussagen ist der Lobpreis, wie er in Vers 2a.10 konkret wird. Inhaltlich wird in diesem der Mensch in einen größeren Zusammenhang verwiesen wird, den er selbst nicht geschaffen hat. Über all dem thront Gott, in diesem Rahmen betrachtet der Beter den Menschen. Der Lobpreis steht als grundlegende Basis vor und hinter aller Suche nach Identität des Menschen.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] als rhetorische Frage und die Frage nach dem Menschen in Vers 5 beziehen ihre Antwort aus der Größe Gottes, [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. „Menschsein ist nach Ps 8 nur in der Relation zum Gottsein Gottes zu bestimmen.“42 Das zeigt die staunende Frage in Vers 5, die wie in Vers 2 unbeantwortet bleibt. Schon die Formulierung der Frage macht wesentliche Aussagen über das Menschsein. Die Bezeichnung des Menschen als vwna, die den (vor Gott) kleinen Menschen, das „Menschlein“ betont, und der Gattungsbegriff Mda_Nb, der „die Vergänglichkeit oder das Menschsein als solches konnotiert“43 zeigen den großen Abstand zwischen Gott und Mensch. Trotz dieses Abstands von Seiten des Menschen präsentieren rkz und dqp Gottes Handeln als positiv, fürsorglich. Gott gedenkt des Menschen, er erhebt ihn „in seine lebensspendende fürsorgliche Gegenwart.“44 Vers 6a ist entscheidend: rsj bezeichnet nicht eine qualitative oder ontologische Einordnung des Menschen aufgrund des Schöpfungsvorgangs, sondern einen - meistens materiellen - Mangel,45 wie in Ps 23,1: Jahwe ist mein Hirte, mir wird nicht mangeln. Gott zeichnet den Menschen mit seiner materiellen Fürsorge aus. Wenn der Mensch versorgt ist wie einer dieser niedrigen Götter46, dann mangelt es ihm an nichts. Der Mensch ist von Gott mit dwbk und rdh ausgestattet. Das hebt ihn königlich, und neben Ps 93,1 und 145,5,11f sogar „gottköniglich“ heraus. Vers 6 weißt eine „Demokratisierung der Königsvorstellung“47 auf. dwbk bezeichnet eine Anteilhabe an Gottes dwbk. Es geht um das, was der Mensch von Gott her ist. Das macht seine bzw. eben Gottes dwbk aus.48 Daraus resultiert die von Gott aufgetragene, funktionale Herrschaft, die die gesamte Schöpfung bis zur chaotischen Außenwelt umfasst.49 Indem sich der Mensch auf die Herrlichkeit Gottes richtet, erkennt er diese als unlösbaren Wert von Gott in sich. Nicht vom Blick auf sich selbst, sondern vom Blick weg von sich auf Gott erfährt sich der Beter als Ordner der Ordnung Gottes. Da bleibt nur Lob. „Im Gotteslob [...] ist der Mensch außerhalb seiner selbst, d.h. ganz bei dem, der die „Quelle des Lebens“ ist (V.10). Das ist eine Form von Theologie, die die Geschöpflichkeit zum Maßstab für das Menschsein des Menschen macht und die die elementare Angewiesenheit des Lebens auf alles, was ihm von Gott gewährt wird, nicht aus dem Blick verliert. Nur so, lehrt Ps 36, lässt sich das Glück der Gottesnähe erlangen: aus der Hand des Schöpfers, der seine Geschöpfe - Mensch und Tier! - mit seiner Gegenwart beschenkt.“50 Indem der Mensch sich als Mensch erkennt, der als Mängelwesen ganz von Gott abhängig ist und indem er Gott als Erfüller des Mangels erkennt, kommt er zum Gotteslob.

2.3.3 Die Bestimmung des Menschen - Das Lob Gottes

Von der Schöpfung her ist der Mensch zum Lob Gottes bestimmt. Alle anderen Bestimmungen des Menschen wie zu leben, lieben und herrschen51 haben ihren letzten Sinn darin Gott zu loben.52 Dies geschieht in der Weise, dass der Mensch im Lob weder glorifiziert noch als nichtig verkannt wird, sondern sein Wert gerade zwischen absoluter Bedürftigkeit und eigener Fähigkeit bestimmt wird. „Wo das Lob Gottes ausfällt, hat der Mensch die Spannung zwischen seiner Bedürftigkeit und seinen Fähigkeiten verkannt. Da ist wieder der Unmensch nicht fern.“53 Im Lob Gottes relativiert sich die Selbstverabsolutierung oder Selbstverleugnung des Menschen. Wo der Mensch Gott lobt, da tritt er aus sich selbst heraus und tritt Gott gegenüber. Das Lob Gottes bedeutet für den Menschen eine Doppelbewegung: Erniedrigung und Erhöhung. An dieser Stelle ist allerdings nicht an einen Automatismus zu denken, so dass Erhöhung auf Erniedrigung gefordert werden könnte, sondern an eine dialektische Verknüpfung: die im Lob geschehene Erniedrigung erweißt sich als Erhöhung. Indem der Mensch sich selbst erniedrigt und Gott erhöht wird er selbst erhoben. Diese „Relativierung“ ermöglicht dem Menschen einen Blick auf die Voraussetzung des Lebens, über die der Mensch nicht verfügt.

Später wird zu zeigen sein, dass diese Doppelbewegung letztendlich eine trinitarische Bewegung zwischen Vater und Sohn bzw. Sohn und Vater ist, an der der Mensch durch den Heiligen Geist Anteil hat.

2.4 Lob Gottes in heilsgeschichtlicher Hinsicht

Wann immer der Mensch lobt, befindet er sich hier auf der Erde. Nicht immer muss dem Menschen zu Lob zumute sein. Im Leben Jesu Christi sehen wir: Sowohl der hohe Berg Tabor als auch der dunkle Garten Gethsemane sind doxologische Orte. Wie kann der Mensch loben, ohne dabei seine Lebensumstände schlichtweg zu vergessen?

2.4.1 Klagelied, Loblied und Hymnus

In den Psalmen, dem Gebetsbuch der Bibel, wird Gott auf unterschiedliche Art gelobt. Nicht immer muss dafür das Wort „loben“ vorkommen. In allen großen Gattungen der Psalmen, nach GUNKELden Hymnen, Klageliedern des Volkes, Klageliedern des Einzelnen, Dankliedern des Einzelnen und der „geistlichen Dichtung“, finden sich hymnische Elemente.54 Der Hymnus hat zwar in seiner lobenden Funktionen einen Vorrang vor den anderen Gattungen, er muss aber trotzdem im Kontext dieser anderen Gattungen betrachtet werden.

Für diese Gattungen gelten Grundrelationen des Menschen, da er „nicht als isoliertes Ich existiert, sondern in grundlegenden Konstellationen der Gesellschaft, in der er lebt und handelt eingebunden ist“55. Das „ich“ des Beters berücksichtigt die existenzielle Dimension des einzelnen Beters, der in biologischen oder sozialen Nöten gefangen ist und von Gott errettet wird. Der Mensch ist darin ein dependentes relationales Wesen, das in der Schöpfung ohne Bezug zur Schöpfung schon tot ist. Gott als „du“ soll den Menschen in die Schöpfung hineinsetzen und ihn dort erhalten. Das „du“ bezeugt die theologische Relation des Menschen. Indem sich der Mensch an Gott wendet, richtet er sein Vertrauen auf ihn. Die soziale Relation zeigt sich negativ durch den Feind als „er“ oder „sie“. Der Feind stößt ihn stufenlos aus dem Bereich des Lebens, der sozialen Gemeinschaft, in den Bereich des Todes. Zudem steht der einzelne Beter in der kultischen Dimension, dem „Wir“ der Gemeinde. Das Lob bleibt nie bei einem einzelnen Lobenden stehen sondern weitet sich auf die Gemeinde als Ganze aus. Im Folgenden sollen verschiedene Gattungen in ihrem Verhältnis zum Lob und den Lebensumständen des Menschen untersucht werden.

Es finden sich zwei strukturelle Lobweisen: das berichtende Lob steht für „ein einmaliges, eben geschehenes Tun Gottes“, das beschreibende Lob richtet sich auf Gott „im Ganzen seines Handelns und Seins“56. „Das Danken [als Möglichkeit des Lobs], wo es auf Gott geht, ist noch vom Loben umfangen, es ist eine Weise des Lobens“57. Loben bedeutet den Gelobten in Freude und Freiheit vor einem Forum zu erhöhen. Der Hymnus steht für die Gattung des beschreibenden Lobes. Das berichtende Lob wird mit dem Danklied des Einzelnen ausgedrückt.

Der eindrücklichste Beleg für berichtendes Lob ist die Rettung Israels aus der Knechtschaft in Ägypten, wie es das Miriamlied in Ex 15 besingt. Hier zeigt sich die enge Verbindung des Hymnus zum Klagelied und zum Danklied des Einzelnen bzw. des Volkes. Der zeitliche Ort des Klagelieds ist vor dem Eingreifen Gottes. Das berichtende Lob feiert im nachhinein den Verursacher des rettenden Eingreifens. Insofern ist es Rückschau und Entfaltung der Tatsache „Jahwe hat getan“. Zu diesem Eingreifen Gottes gehört untrennbar das Lob. Alle Aussagen über das Handeln Gottes weiten sich über die einzelne Rettungstat hinaus auf das Ganze des Handelns Gottes aus. Der Weg des Beters geht von der Klage zum Lob.

[...]


1 MÖLLER, Praktische Theologie 18.

2 Gottesdienstbuch 25.

3 Ebd..

4 Ebd..

5 LOHSE, Vaterunser 27.

6 Ebd. Ferdinand Hahn geht davon aus, dass es sich hierbei um ipsissima vox Jesu handelt: s. HAHN, Hoheitstitel 475.

7 LOHSE, Vaterunser 27.

8 STUHLMACHER, Biblische Theologie 87 (kursive Markierungen nachträglich eingefügt).

9 Vgl. LOHSE, Vaterunser 30f.

10 AaO. 31.

11 LOHSE, 33.

12 Vgl. PHILOMENKO, Vaterunser 78ff: das einzige Adjektiv des Vaterunsers epiousioß ist mit der Bedeutung „des morgigen Tages“ zu übersetzen.

13 DALMAN, Worte Jesu 363.

14 Vgl. JEREMIAS, Abba 170.

15 Das Vorbild kommt wahrscheinlich aus 1Chr 29,11-13.

16 JEREMIAS, Abba 171.

17 Vgl. PREUß, Art. hwj 787.

18 AaO. 787.

19 AaO. 787f.

20 Vgl. aaO. 790.

21 Vgl. SCHMIDT, Glaube 247.

22 So musste das Volk, das am Berg Sinai nicht auf Mose warten konnte und ein Stierbild anbetete, die Strafe Gottes auf sich nehmen.

23 LEUENBERG, Konzeptionen 47.

24 S. Ps 10,16-18; vgl. JANOWSKI, Konfliktgespräche 115f.

25 GESE, Psalm 22 192.

26 AaO. 22 192.

27 JANOWSKI, Konfliktgespräche 370.

28 Vgl. Ps 93,2-3: „von Anfang an bist du“.

29 KRAUS, Psalmen 887.

30 AaO. 887.

31 Vgl. RENDTORFF, Theologie 101. Vgl. a. Das Opfer in: 2.5.1.1 der vorliegenden Arbeit.

32 KRAUS, Psalmen 887.

33 MÖLLER, Einführung 102.

34 Vgl. Hiob: Alle Klage Hiobs, jeder Vorwurf gegen Gott veranlasst diesen nicht zum einschreiten. Dieses kommt unerwartet und heftig, in aller Macht der Schöpfung und des Chaos, so dass Hiob am Ende nur sagen kann: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen!“ Hi 42,5.

35 WOLFF, Anthropologie 17.

36 Vgl. aaO. 26.

37 Vgl. aaO. 26ff.

38 Vgl. aaO. 57ff.

39 Vgl. aaO. 49ff.

40 Vgl. aaO. 68ff.

41 Eindeutig wird der Aspekt des Herzens beim Blick auf Gottes Herz. Das ist der Ort der umwälzenden Lebensentscheidungen durch sein bedingungsloses Erbarmen. Das ist „sein freier Liebesentschluß“ (aaO. 9) auf das der Mensch gerettet wird.

42 FREVEL, Menschwürde 250.

43 Ebd..

44 Ebd..

45 Vgl. FABRY, Art. rsj 88f.

46 Traditionsgeschichtlich ist hier an die mesopotamische Vorstellung zu denken, dass der Mensch geschaffen ist, um die Götter von ihrer Arbeit zu entlasten, vgl. zum Überblick PETTINATO, Menschenbild.

47 FREVEL, Menschenwürde 254.

48 IRSIGLER, Frage 11.

49 Diese Herrschaft ist gemäß der altorientalischen Königsideologie zuerst als Ordnungsfunktion zu verstehen. Der Auftrag richtet sich damit nicht gegen die Lebenswelt, sondern für sie.

50 JANOWSKI, Konfliktgespräche 335.

51 Diese Bestimmungen arbeitet WOLFF neben dem Lob heraus: vgl. WOLFF, Anthropologie 321ff.

52 Jes 38,19 „was lebt, was lebt, das lobt dich!“ weißt die Bestimmung des Mensch nicht dem Tode zu verfallen als eng verflochten mit dem Lob auf. Der Herrschaftsauftrag möchte alle Werke der Schöpfung von König bis Kinder zur Gemeinschaft des Rühmens verbinden. Dieser Verbund ist nur möglich wenn der Mensch im Lob

Gottes seiner Bestimmung „zu lieben und allen Haß zu überwinden“ (WOLFF, Anthropologie 324) nachkommt.

53 WOLFF, Anthropologie 329.

54 Vgl. GUNKEL, Einleitung 27, 83.

55 JANOWSKI, Konfliktgespräche 43.

56 WESTERMANN, Lob und Klage 25. GUNKELunterscheidet zwischen Hymnus und Danklied mit dem Verweis auf unterschiedliche Objekte, s. GUNKEL, Einleitung 276.

57 WESTERMANN, Lob und Klage 21. WESTERMANN macht das daran fest, dass es im Hebräischen keine Vokabel für ‚danken’ gibt. Zwischen Menschen verwendet das ATKrb, was eher mit „segnen“ zu übersetzen wäre. Das Danken vor Gott findet sich nur im kultischen Gebrauch des Dankliedes bzw Dankopfers hdwt und wird nie für ein Danken zwischen Menschen verwendet, s. WESTERMANN, Lob und Klage 20ff.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Anbetung im Gottesdienst
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
63
Katalognummer
V191247
ISBN (eBook)
9783656159629
ISBN (Buch)
9783656160298
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anbetung, Gottesdienst, Worship, Lobpreis, landeskirchlich, charismatisch, katholisch, evangelisch
Arbeit zitieren
Matthias Weida (Autor), 2010, Anbetung im Gottesdienst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191247

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