Die Bedeutung und Funktion des Lexems "erga nomou" in Gal 2,11-21 und Röm 3,21-31


Diplomarbeit, 2011

57 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung - Die neue Paulusperspektive und die ἔργα νόμου

B. Bedeutung und Funktion der ἔργα νόμου in Gal und Röm
I. Voraussetzungen: δικαιοσύνη (θεοῦ) und δικαιοῦσθαι in der LXX
II. Rechtfertigung und ἔργα νόμου im Galaterbrief
1. Verfasser, Adressaten und Anlass des Galaterbriefes
2. Der „Rechenschaftsbericht“ des Paulus bis Galater 2,10
3. Der „antiochenische Zwischenfall“
4. Rechtfertigung ἐκ πίστεως Χριστοῦ οὐκ ἐξ ἔργων νόμου in Gal 2,15-21
5. Streiflichter der Argumentation ab Gal 3
6. Zusammenfassung: ἔργα νόμου im Galaterbrief
III. Rechtfertigung und ἔργα νόμου im Römerbrief
1. Verfasser, Adressaten und Anlass des Römerbriefes
2. Der Nachweis der Sündhaftigkeit aller Menschen bis Röm 3,20
Exkurs: 4QMMT und ἔργα νόμου bei Paulus - Rechtsforderungen oder Taten?
3. Die Offenbarung der δικαιοσύνη θεοῦ χωρὶς ἔργων νόμου in Röm 3,21-31
4. Äquivalente der ἔργα νόμου ab Röm 4
5. Streiflichter zum Gesetz und zur Rechtfertigung im Römerbrief
IV. Zusammenfassung: ἔργα νόμου im Römerbrief und Galaterbrief

C. Die ἔργα νόμου und Rechtfertigung aus Glauben bei Paulus
1. Gesetzeserfüllung als Sünde? - ἔργα νόμου bei Rudolf Bultmann
2. Soziologie und Soteriologie - ἔργα νόμου bei James D.G. Dunn
3. Rechtfertigung aus Glauben - Hilfsmittel paulinischer Missionstheorie?
4. Rechtfertigung aus Glauben bei Paulus - eine Skizze

D. Schlussbetrachtung

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

A. Einleitung - Die neue Paulusperspektive und die ἔργα νόμου

1972 veröffentlichte Joseph B. Tyson im Journal of Biblical Literature einen Aufsatz unter dem Titel „‚Works of Law‘ in Galatians“, an dessen Beginn er beklagt: „Paul's […] concept of ‚works of law‘ in Galatians has received less attention.“1 Selten hinterfragt, dominiere die gängige Deutung, dass Paulus eine Haltung verdienstlicher Werkgerechtigkeit kritisiere.2 Nach der Untersuchung der ἔργα νόμου im Galaterbrief erhält er ein anderes Ergebnis: Die „Werke des Gesetzes“ meinten speziell „a life dedicated to nomistic service“,3 was nicht mit verdienstlichen Werken zu verwechseln sei. Die wichtigsten zwei Charakteristika dieses Gesetzesdienstes seien Beschneidung und Speisegebote, woran sichtbar werde, dass es um eine bestimmte Existenz gehe, nämlich die als Jude.4 Beide Hauptmerkmale seien „as signs of exclusivism and separation […] as objective markings for God's chosen people and signs of election“5 verstanden worden. Dagegen wende sich nun Paulus, da seit Jesu Tod für ihn Glaube und Geist die konstitutiven Kennzeichen des erwählten Gottesvolkes seien. Tyson nahm damit in groben Zügen die Position vorweg, mit der rund 10 Jahre später James D.G. Dunn unter dem Schlagwort „The New Perspective on Paul“6 Aufmerksamkeit erregte.7 Vor allem durch seine Anstöße wurde das Syntagma ἔργα νόμου Gegenstand intensiver Forschungstätigkeit, verstärkt durch die Publikation von Schriften aus Qumran, vor allem 4QMMT, in dem erstmals das hebräische Äquivalent vorlag.

Heute - 28 Jahre später - kann man kaum mehr klagen, dass den ἔργα νόμου weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde als anderen Details der Paulusbriefe.8 Dies liegt nicht zuletzt daran, dass mit der Bedeutung der „Werke des Gesetzes“ untrennbar die Bedeutung der Rechtfertigung allein aus Glauben zusammenhängt. Diese Rechtfertigungslehre ist immerhin „für das reformatorische Bekenntnis der Inbegriff des Evangeliums, mit dem […] ‚die Kirche steht und fällt‘“.9

Muss also dieses Herzstück reformatorischer Theologie als „lutherische“ Fehlinterpretation paulinischer Theologie revidiert werden? Was für Konsequenzen hätte eine solche Revision für den interkonfessionellen Dialog mit dem Katholizismus bzw. den interreligiösen Dialog mit dem Judentum? Welche Folgen ergäben sich für das Verhältnis von Werken und Rechtfertigung sowie Glauben und Handeln? Und historisch gefragt: Kann man bei Paulus von einer „Rechtfertigungslehre“ sprechen? Welche Funktion hat bei ihm die Antithese von ἔργα νόμου und πίστις? Wie steht er zum νόμος allgemein?

All dies zeigt, dass die Frage nach der Bedeutung des Lexems ἔργα νόμου zentrale Themen paulinischer und christlicher Theologie berühren. Damit ist zugleich klar, dass in dieser Arbeit keinesfalls alle diese Fragen beantwortet oder auch nur berührt werden können.10 Vielmehr soll die eigene exegetische Arbeit im Vordergrund stehen. Zunächst erfolgt ein Kurzüberblick zu den Voraussetzungen der paulinischen Rede von Gerechtigkeit und „Rechtfertigung“. Den Schwerpunkt wird die Exegese der zwei zentralen Texte Gal 2,11-21 und Röm 3,21-31 unter jeweiliger Berücksichtigung ihres Kontextes bilden. Ausgehend von dieser Erarbeitung sollen die Bedeutung und Funktion der ἔργα νόμου in beiden Briefen erhoben und verglichen werden. Im Anschluss folgt eine kurze Erörterung jeweils eines Aspekts der Interpretation des Syntagmas bei Rudolf Bultmann und James D.G. Dunn. Auch sollen einige Thesen von Ed Parish Sanders zur Rolle der Rechtfertigung bei Paulus kritisch gesichtet werden. Am Ende soll der Versuch einer eigenen Skizze dessen stehen, was „Rechtfertigung“11 bei Paulus meint.

B. Bedeutung und Funktion der ἔργα νόμου in Gal und Röm

I. Voraussetzungen: δικαιοσύνη (θεοῦ) und δικαιοῦσθαι in der LXX

Im Zusammenhang mit den paulinischen Aussagen zur Rechtfertigung in Gal 2,11-21 und Röm 3,21-31 sowie deren Kontext begegnen gehäuft Begriffe wie „δικαιοσύνη θεοῦ“ (Gal 2,21; Röm 3,21f.25f.), „δικαιοῦσθαι“ (Gal 2,16f. [4x]; Röm 3,20.24.26.28.30) oder „δίκαιος“ (Röm 3,26, vgl. auch 1,17; 3,11; Gal 3,11). Um für deren Bedeutung erste Ansätze zu erhalten, die anhand der Exegese verifiziert werden können, folgt nun ein kurzer Überblick zur Verwendung von δικαιοσύνη, δίκαιος und δικαιοῦσθαι in der Septuaginta (LXX).12

In der LXX ist δικαιοσύνη am häufigsten Übersetzung für / (215x),13 deren Verwendung weit gefächert ist. Daher soll im Rahmen dieser Arbeit nur der theologische Gebrauch in Bezug auf Gott selbst und sein Verhältnis zum Mensch betrachtet werden. Gerechtigkeit und Recht haben im AT vor allem in Gott selber ihren Grund: Jahwe ist gerecht (Dtn 32,4; Esr 9,15). Er sichert Recht und Gerechtigkeit (Hi 37,23) und gründet seine Herrschaft als Schöpfer und Herr der Welt darauf (Ps 88,15LXX; 97,2 LXX u.ö.). Er ist die Quelle allen Rechts (Ps 99,4LXX), auch „für alle Gesetzeskorpora, die das AT enthält“.14 / bzw. δικαιοσύνη hat im AT aber nicht nur juristische Bedeutung. „Vor allem ist festzustellen, daß ein Verhältnisbegriff ist. […] Gottes Gerechtigkeit bestätigt sich in erster Linie als bundesgemäßes Walten in Gemeinschaft mit seinem Volk“.15 Daher ist „Gerechtigkeit“ auch Hilfe oder Heilstat, wenn Gott seinem Volk oder dem Hilfesuchenden Recht schafft, vor allem in Jes und den Pss (Jes 41,10; 42,6; 51,5; Ps 102,6LXX). In der LXX stehen synonym neben δικαιοσύνη auch σωτηρία (Ps 70,15LXX; Jes 46,13) oder σωτήριον (Jes 59,17; 61,1016 ) und umgekehrt kann δικαιοσύνη sogar für oder stehen (Gen 19,19; 24,27.49; Ex 34,7; Jes 28,19). Gleichzeitig bleibt aber die forensische Bedeutung. So ist δικαιοσύνη καὶ κρίμα festes Begriffspaar für und17 (Spr 21,3; Jes 9,6 u.ö.). Gott ist natürlich auch der Richter ( /κριτής) und δικαιοσύνη in diesem Fall seine richterliche Gerechtigkeit (Ps 9,5; Ps 47,11f.LXX; 95,13LXX). Dabei ist bereits im AT der Gedanke eines endzeitlichen Gerichts oder einer eschatologisch einbrechenden Gerechtigkeit zu finden (Dan 9,24; Jes 26,21; Jes 59,14ff.; Ps 9,9; 95,13LXX; 97,9LXX; Ps 109,6LXX). Aus diesem Kontext ergibt sich auch die Bedeutung des passiven δικαιοῦσθαι, das in der LXX „ein forensischer Begriff“ ist, „jedoch […] stets positiv gewandt: gerecht sprechen, rechtfertigen, recht geben.“18

Im AT findet sich aber auch die Verknüpfung von δίκαιος/δικαιοσύνη und dem Tun der Gebote (v.a. Ez 18,5-9.17-27). Solche „Gerechtigkeit“ bringt Leben, während die „Übertretung“, „Sünde“ oder „Ungerechtigkeit“ den Tod zur Folge hat (Ez 3,20; 33,12-19). Anhand dieses fragmentarischen Überblickes wird bereits klar, dass bei Paulus, wenn er von δικαιοσύνη oder δικαιοῦσθαι spricht, nicht mit einer rein moralischen Bedeutung zu rechnen ist. Vielmehr ist für ihn auf Grundlage der alttestamentlichen Überlieferung „gerecht sein“ bzw. „Gerechtigkeit“ gleichbedeutend mit Leben, Heil und einem intakten Gottesverhältnis. Wer ἐδικαιώθη ist, hat Frieden mit Gott (Röm 5,1), die Erlösung (1Kor 1,30) und Errettung (Röm 1,16; 10,10). Wie diese Gerechtigkeit aussieht bzw. wie man nach Paulus „gerecht gemacht wird“, soll im Zuge der Exegese weiter präzisiert werden. Die grundsätzliche Bedeutung als Heil und Erlösung ist von jetzt an jeweils vorausgesetzt.

II. Rechtfertigung und ἔργα νόμου im Galaterbrief

1. Verfasser, Adressaten und Anlass des Galaterbriefes

Dass der Brief „ΠΡΟΣ ΓΑΛΑΤΑΣ“ tatsächlich vom Apostel Paulus (1,1) stammt, ist aufgrund der paulinischen Sprache und Thematik unstrittig.19 Diskussionen gibt es hinsichtlich der Adressaten, die in Gal 1,2 als „ἐκκλησίαι τῆς Γαλατίας“ (3,1 „Γαλάται“) angeredet werden, da Galatien sowohl die Landschaft in der kleinasiatischen Zentralhochebene als auch die römische Provinz weiter südlich bezeichnen kann.20 Hier „bleiben Rätsel, die wir nicht lösen können.“21 Die Argumente für die Provinzhypothese sind m.E. jedoch gewichtiger, ohne zwangsläufig eine Frühdatierung anzunehmen - es scheint mir ausreichend, die Abfassungszeit zwischen 52 und 56 n.Chr. und vor dem Römerbrief anzusetzen.22 Die angeredeten Gemeinden bestanden aus Heidenchristen, wie sich aus 4,8, 5,2f. und 6,12f. ergibt, und wurden von Paulus selbst gegründet (4,13f.). In diesen kam es vermutlich zu starken Verunsicherungen, verursacht durch das Auftreten judenchristlicher Missionare23 sowie deren Forderungen, zu denen vor allem die Beschneidung (6,12f. und 5,12, vgl. auch 5,2f.5.11), die Einhaltung bestimmter Festzeiten (4,10) und wohl auch der jüdischen Speise- und Reinheitsgebote (2,12) gehörte. Da Paulus sich mit dem Gesetz auseinandersetzt und bei den Galatern das Bestreben sieht, „ὑπὸ νόμον“ (4,21) sein zu wollen, lässt sich vermuten, dass von den Gegnern - „wenigstens in gewissem Grad“24 - die Befolgung der Thora als Ergänzung des Glaubens an Christus propagiert wurde. Dies steht dem von Paulus verkündigten Evangelium (1,11) so diametral entgegen, dass er es mit auffälliger Heftigkeit bekämpft. So folgt nach dem Präskript statt dem üblichen Dank sofort ein Tadel der Galater (1,6) mit impliziter Verfluchung der Gegner (1,8). Die Anrede ist z.T. „bissig und aggressiv“25 (3,1) und auch vor sarkastischer Polemik schreckt Paulus nicht zurück (5,12;26 6,12f.). Daran wird deutlich: Für ihn geht es in dem Konflikt um nichts weniger als die „Wahrheit des Evangeliums“ (1,7f.; 2,5).

2. Der „Rechenschaftsbericht“ des Paulus bis Galater 2,10

Nach dem Präskript und dem schon erwähnten Tadel der Galater für ihre schnelle Abkehr vom Evangelium, verursacht durch die „verwirrenden“ Gegner (1,7), legt Paulus ab 1,11 eine Art Rechenschaftsbericht ab, der verschiedene Stationen umfasst: seine frühere Lebensweise, sein Eifer „ἐν τῷ Ἰουδαϊσμῷ“, gepaart mit der Verfolgung der „ἐκκλησία τοῦ θεοῦ“ (1,13f.) und seine Berufung durch Gott (1,15). Es folgt eine erste Jerusalemreise einschließlich der Begegnung mit Petrus (1,18: 15 Tage) und Jakobus. Obwohl Paulus äußerst wenig über seine Verkündigungstätigkeit berichtet - einzig 1,23 benennt diese eindeutig - wird spätestens in Gal 2,2 klar, dass sie einen wesentlichen Teil der Zeit bis zum nächsten Jerusalembesuch ausgefüllt hat. In Gal 2,1-10 stellt Paulus seine zweite Reise nach Jerusalem dar, deren wesentlicher Zweck für ihn darin bestand, das von ihm verkündigte Evangelium den dortigen Autoritäten „vorzulegen“ (ἀνατίθημι), um es als gültig bestätigen zu lassen.27 Dies gelingt trotz der Anwesenheit „falscher Brüder“ (2,4) und deren Beschneidungsforderung, denen Paulus widersteht, um die „Freiheit in Christus“ und die „Wahrheit des Evangeliums“ (2,4f.) zu erhalten. Das Ergebnis ist die Aufteilung der Missionsbereiche und die auflagenlose Anerkennung der paulinischen Mission (2,9).28

Wichtig ist, dass bis zu diesem Punkt (und darüber hinaus bis 2,16) keine Begriffe fallen, die mit Rechtfertigung in Verbindung stehen: Weder werden ἔργα νόμου oder νόμος erwähnt noch die Begriffe δικαιοσύνη/δικαιόω, πίστις29 oder ἐπαγγελία.30 Betont wird von Paulus die göttliche Abkunft seines Apostolats (1,1; 1,15f.) und seines Evangeliums (1,11f.; 2,7-9) sowie seine Unabhängigkeit von menschlichen Autoritäten, insbesondere den anderen Aposteln in Jerusalem.31

3. Der „antiochenische Zwischenfall“

Ab Gal 2,11 berichtet Paulus von einer weiteren Auseinandersetzung, diesmal zwischen ihm und Kephas. Dieser „antiochenische Zwischenfall“ dient ihm als paradigmatischer Anknüpfungspunkt für die grundsätzliche Klärung der Rechtfertigung und ihrer Relation zu den ἔργα νόμου bzw. der πίστις. Denn obwohl der Abschnitt bis 2,21 formal noch zur Rede an Kephas gehört, tritt das Geschehen in Antiochia zunehmend in den Hintergrund. Dies sollte nicht überinterpretiert werden. Hätte - wie Dunn mit anderen vermutet32 - die Auseinandersetzung in Antiochia tatsächlich mit einer Niederlage für Paulus geendet, wäre unklar, warum Paulus gerade diesen Vorfall als argumentativen Ausgangspunkt wählt.33 Auch wenn Kephas formal als Adressat fungiert, sind in erster Linie die Galater Zielpunkt der paulinischen Entfaltung.34 Allerdings ging es in Antiochia nicht um die Beschneidung, sondern die Absonderung der Judenchristen und ihre Aufgabe der Tischgemeinschaft mit Heidenchristen. Für gesetzestreue Juden war die Tischgemeinschaft mit Nichtjuden problematisch.35 Die Handhabung jüdischer Speisevorschriften in gemischten Gemeinden war beim Apostelkonzil wohl nicht hinreichend geklärt worden, was den Wechsel im Verhalten der Judenchristen um Kephas zur Folge hatte, nachdem „einige von Jakobus“ kamen.36 Für Paulus gehörte dies offensichtlich jedoch in dieselbe grundsätzliche Kategorie wie die Beschneidungsforderung, sodass er sich gezwungen sah, Kephas „öffentlich zu widerstehen“ (2,11). Nicht die Inkonsequenz bzw. „Scheinheiligkeit“ seines Verhaltens war das eigentliche Problem, sondern die darin implizierte Verleugnung grundsätzlicher Wahrheiten, die sich aus dem Christusgeschehen ergaben.37 In diese Richtung weisen neben der betonten Öffentlichkeit der Auseinandersetzung der Vorwurf der ὑπόκρισις38 sowie die Feststellung, dass sein Verhalten nicht „der Wahrheit des Evangeliums gemäß“39 (2,14) ist. Die Vermutung Dunns, Paulus bediene sich in 2,14 der Sprache seiner Gegner, bei denen „‚living like a gentile‘ was wholly of a piece with the language of intra-Jewish sectarian polemic“,40 ist dagegen recht spekulativ.

4. Rechtfertigung ἐκ πίστεως Χριστοῦ οὐκ ἐξ ἔργων νόμου in Gal 2,15-21

Anhand des ab 2,11 berichteten Konflikts mit Petrus entfaltet Paulus nun ab 2,15 grundlegend sein Verständnis der Rechtfertigung ἐκ πίστεως. Dabei beginnt er seine Argumentation mit einem Satz, der als ein typisches Selbstverständnis damaliger Juden gelten kann: „Wir - von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden - […]“.41 Da Paulus im Folgenden in äußerst geraffter Form den Prozess der Hinwendung von Juden zum Glauben an Jesus Christus beschreibt, wählt er diesen Ausgangspunkt in bewusster Anknüpfung an eben deren (vorchristliches) Selbstverständnis.42 2,16 beschreibt nun jedoch entscheidende Veränderungen dieses Verständnisses und der Rechtfertigung aus Werken des Gesetzes im Übergang zum Christusglauben:

Weil wir - von Natur aus Juden und nicht Sünder aus den Heiden - erkannt haben,43 dass ein Mensch nicht gerecht gemacht wird aus Werken des Gesetzes, außer44 durch Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Jesus Christus gekommen,45 damit wir gerecht gemacht werden aus Glauben an Christus und nicht aus Werken des Gesetzes. Denn aus Werken des Gesetzes wird kein Mensch gerecht gemacht werden.

Anders Betz, Galaterbrief, 206f., der den Begriff stärker vom klassisch griechischen Gebrauch („Schauspielerei“) her versteht (vgl. aber dort 208 mit Anm. 466).

Paulus präsentiert dies eindeutig als eine allen Judenchristen gemeinsame Überzeugung.46 Ob dies tatsächlich den historischen Gegebenheiten entspricht, ist dabei zweitrangig, denn auf jeden Fall „ sollte nach Paulus in dieser Frage zwischen allen Judenchristen Übereinstimmung herrschen“.47 Entscheidend für den gesamten Brief ist, dass Paulus hier die Antithese formuliert, um die sich die Auseinandersetzung seiner Ansicht nach dreht und mit der die „Wahrheit des Evangeliums“ (2,5.14) steht und fällt. Dem δικαιοῦσθαι ἐκ πίστεως Χριστοῦ steht das δικαιοῦσθαι ἐξ ἔργων νόμου gegenüber. Von letzterem sagt Paulus klar aus, dass es unmöglich ist,48 während der Glaube an Christus49 tatsächlich bewirkt, dass ein Mensch gerecht gemacht wird. Mit δικαιοῦσθαι „Paul used language familiar to anyone who was a Jew by nature“50 - der Horizont des endzeitlichen Gerichts Gottes ist von der LXX her ebenso vorausgesetzt wie die Bedeutung „für gerecht erklären“.

Mehr wird jedoch aus Gal 2,16 allein nicht klar: Was die „Werke des Gesetzes“ genau sind, wofür sie möglicherweise stehen und warum eine Rechtfertigung aus ihnen unmöglich ist, wird hier ebenso wenig gesagt wie umgekehrt, warum und wie der Glaube an Jesus Christus zu Rechtfertigung und Heil führt. Da Paulus Gal 2,16 jedoch als gemeinsame Überzeugung gegen den Zwang zum „ἰουδαΐζειν“ (2,14) stellt, wie er durch das Verhalten des Petrus und der im Hintergrund mitgedachten Gegner in Galatien ausgeübt wurde,51 hängen die ἔργα νόμου damit zusammen.52 Sie umfassen daher sowohl die Beschneidung als auch die Einhaltung der jüdischen Speisegebote. Damit aber ist klar, dass mit νόμος an dieser Stelle nicht irgendein „Gesetz“, sondern eindeutig die Thora bezeichnet ist.

Dass das Syntagma ἔργα νόμου hier jedoch grundsätzlich mehr meint, als „nur […] die konkreten Einzeltaten der Gebotserfüllung“53 lässt sich in Verbindung mit anderen Stellen in Gal erheben. So werden die ἔργα νόμου bzw. der νόμος in Gal 3,10-13 erneut thematisiert.

Zunächst bestätigen die Zitate aus Dtn 27,26 und Lev 18,5, dass mit νόμος die Thora gemeint ist, da sie sich eindeutig auf die Befolgung des mosaischen Gesetzes beziehen. Außerdem wird deutlich, dass Paulus das Sein ἐν νόμῳ in 3,11 synonym zu dem Sein ἐξ ἔργων νόμου (3,10; 2,16) versteht, da er hier den Grundsatz von 2,16 auf das Sein ἐν νόμῳ überträgt und es gegen den Schriftbeweis aus Hab 2,4b in dieselbe Antithese zum Sein „ἐκ πίστεως“ stellt. Durch die klare Parallelisierung von ὁ δὲ νόμος (in 2,12 verkürzt und synonym zu ἐν νόμῳ in 2,11) und ὁ ποιήσας αὐτὰ wird das „Tun“ dem „Glauben“ gegenübergestellt. Damit ist ebenso offensichtlich, dass Paulus die ἔργα νόμου als Ergebnis von Taten im Sinne von „Werk“ versteht und nicht als Vorschriften an sich.54 Auch in Gal 5,4 wird „ἐν νόμῳ δικαιοῦσθε“ offensichtlich synonym zur Rechtfertigung aus „Werken des Gesetzes“ in 2,16 verwendet. Schließlich wird von Paulus in Gal 5,3 eingeschärft, dass die Beschneidung dazu verpflichtet, die ganze Thora zu halten.55 Es lässt sich daher festhalten:

„’works of the law’ refer to what the law requires, […] whatever the law requires to be done can be described as ‘doing’ the law, as a work of the law. [… T]he phrase ‘works of the law’ is a way of describing the law observance required of all covenant members”.56

Am wahrscheinlichsten ist m.E., dass Paulus die ἔργα νόμου im Sinne umfassender Thoraobservanz und -einhaltung versteht.57 Für Dunn liegt das eigentliche Problem der ἔργα νόμου allerdings darin, dass sie seiner Ansicht nach Synonym einer „sectarian interpretation“ bestimmter Thorapraktiken waren, die vor allem dazu dienten, „to exclude others“, vor allem „that Jew remain distinct from Gentile“.58 Diese Auffassung begründet er mit seiner Rekonstruktion eines zersplitterten Judentums zur Zeit des zweiten Tempels, in dem die gruppenspezifische Abgrenzung mithilfe bestimmter, im Sinne der eigenen Gruppe interpretierter Thoragebote sehr wichtig gewesen sei.59 Da die Beschneidung und Speisegebote - als wichtigste Testfälle jüdischer Bundesidentität60 - im unmittelbaren Kontext eine Rolle spielten, wäre den damaligen Lesern klar gewesen, dass es in all dem um „Bundesnomismus“, speziell jüdischer Abgrenzung gegenüber Heiden gegangen sei.61 Problematisch ist hierbei, dass Dunn das Problem vor allem auf die Abgrenzung hin fokussiert und die ἔργα νόμου als Schlagwort derartiger Bestrebungen versteht. Dabei wird verdeckt, dass auch nach seiner (und Sanders) Sicht des damaligen Judentums der Thoragehorsam insgesamt notwendig für die Beibehaltung des Status innerhalb des Bundes und Gottesvolkes war62 und somit soteriologische Relevanz besaß. Da für Paulus aber - wie Dunn selbst schreibt - „faith is the only and only continuing basis for relationship with God“,63 wäre schon damit eine unüberbrückbare Differenz gegeben, ohne dass ein spezifisch verengtes Verständnis der ἔργα νόμου postuliert werden muss.64

Festzuhalten ist, dass die ἔργα νόμου und die damit bezeichnete Thoraobservanz an sich in Gal 2,16 keineswegs „in abfälligem Sinn verstanden“65 werden, sondern Paulus lediglich konstatiert, dass das δικαιοῦσθαι, d.h. die Heilsaneignung „aus Werken des Gesetzes“ unmöglich ist. Nur mit dieser Zielrichtung lehnt Paulus das Halten der Thora (= ἔργα νόμου) als dem Glauben diametral entgegen gesetzt und unmöglich ab.

Die hinter Gal 2,16 stehenden Überzeugungen wurden von Paulus bislang nicht erläutert,66 spielen aber für die Verse 2,17-21 eine wichtige Rolle. Da deren Auslegung durchaus umstritten ist,67 können nicht alle Einzelheiten ausführlich diskutiert werden. Für die Deutung von 2,17 sind m.E. zwei Beobachtungen hilfreich: Erstens ist εὑρέθημεν kein Konjunktiv, sondern ein Aorist Indikativ.68 Zweitens bezieht sich die 1. Pers. Pl. - nimmt man keinen Subjektswechsel an - unmittelbar auf „καὶ ἡμεῖς“ von V. 15f., sodass an dieser Stelle nach wie vor Paulus, Petrus und die Judenchristen gemeint sind. Zusammen mit „καὶ αὐτοί“ ergibt sich daraus, dass Paulus die Erkenntnis aus 2,16 (ἐξ ἔργων νόμου οὐ δικαιωθήσεται πᾶσα σάρξ) nur mit anderen Worten und nach wie vor betont im Hinblick auf die Judenchristen wieder aufnimmt: „Wenn demnach auch wir selbst […] als Sünder vorgefunden wurden …“. Nur der mit ἆρα eingeleitete Teil „… ist dann etwa Christus ein Diener der Sünde?“ wird als falsche Folgerung von Paulus mit „μὴ γένοιτο“ klar zurückgewiesen.69 Die „äußerst polemische Formulierung“70 der Folgerung wird dabei häufig als Aufnahme eines Vorwurfs der paulinischen Gegner gesehen.71 Plausibel ist m.E. jedoch auch, dass Paulus einen zu erwartenden Einwand vorweg nimmt. Inwiefern Christus nun jedoch „Diener der Sünde“ wäre, ist aus dem Kontext nicht ganz eindeutig zu klären.72 Am wahrscheinlichsten ist, dass sowohl der Aspekt, dass durch Christus Sünder gerechtfertigt werden73 als auch die Befürchtung, dass als Folge einer Relativierung der Thoraobservanz der „Sünde Tür und Tor geöffnet“74 wäre, in dem Vorwurf enthalten sind. Die Realität des „als Sünder erfunden wurden“ gilt dabei aber faktisch nur von dem Menschen ‚an sich’, „unter dem Gesetz und gerade nicht […] im Glauben an Christus“.75 Dies ergibt sich aber erst aus den folgenden Versen.

Zunächst legt Paulus in 2,18 dar, unter welcher Bedingung der Mensch als „Sünder“ erscheint: „Wenn ich76 wirklich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, erweise ich mich selbst als Übertreter.“ Der Bezugspunkt des Relativpronomens ἃ bzw. demonstrativen ταῦτα wird von vielen Auslegern als das erfolgte „Abbrechen, ungültig machen“ (καταλύω im Aorist) des Gesetzes gesehen. Dies scheint nahe liegend, da Gal 3,19 als einzige Stelle, an der die Verbindung von Übertretung und Gesetz erneut erscheint, davon redet, dass „das Gesetz der Übertretungen wegen hinzugefügt wurde“.

Dies ist m.E. so zu verstehen, dass das Gesetz alle „unter dem Gesetz“ (3,23; 4,5.21 u.ö.) als Sünder bzw. Übertreter entlarvt, weil sie eben nicht alles, was das Gesetz fordert, tun. Dass Paulus nämlich den „Fluch“ über allen, die „aus Werken des Gesetzes sind“, in Gal 3,10 einfach konstatieren kann, setzt voraus, dass sie die Bedingung, an die der Fluch gebunden ist, erfüllen, nämlich „Verflucht sei jeder, der nicht bleibt in allen geschriebenen [Satzungen] in dem Buch des Gesetzes, um sie zu tun “.77 Der Grund, dass die Sinaithora zwar einerseits dem, „der alle diese getan hat“ das Leben verheißt (3,12), zugleich aber nicht „fähig ist, lebendig zu machen“ (3,21 Irrealis!),78 liegt in den „παραβάσεων“ der Menschen, die durch die Sinaithora.

[...]


1 Tyson, Works, 423. In Absprache mit Prof. Herzer und zur Vermeidung allzu langer Fußnoten finden sich die vollständigen bibliographischen Angaben unter Hervorhebung des Kurztitels im Literaturverzeichnis.

2 Ebd.

3 AaO., 431. Zu den allgemeinen Abkürzungen siehe die Hinweise im Abkürzungsverzeichnis.

4 AaO., 430.

5 AaO., 431.

6 Dunn prägte diese Wendung erstmals als Titel eines Vortrags am 4. November 1982, vgl. Dunn, Perspective, 183, der 1983 erstmals veröffentlich wurde (BJRL 65, 1983, 95-122).

7 Dunn griff in seiner Gesamtkonzeption wiederum wesentlich auf Einsichten von Ed Parish Sanders sowie Krister Stendahls zurück, vgl. den Überblick bei Frey, Judentum, 37f.

8 Eine eindrückliche Vorstellung davon vermittelt Bachmann, Keil, 70f., Anm. 5!

9 Härle, Dogmatik, 161.

10 Allein die Auflistung der Literatur zu einzelnen dieser Komplexe (z.B. Gesetz bei Paulus, ‚Rechtfertigung‘) würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen.

11 Im Folgenden werden die Begriffe „Rechtfertigung“ bzw. „gerechtfertigt“, „gerecht gemacht werden“ usw. zur jeweiligen Übersetzung von δικαιοῦσθαι, δικαίωσις u.ä. gebraucht, ohne dass damit schon bestimmte inhaltliche Vorentscheidungen getroffen werden.

12 Dabei ist vorausgesetzt, dass sie für Paulus als Ausdruck göttlicher Wahrheit verbindliche Autorität besaß.

13 G. Schrenk, Art. δίκη, 180-229, hier 176.

14 AaO., 178.

15 AaO., 197.

16 Dort anstelle von δικαιοσύνη als Übersetzung für

17 Selbst kann mit δικαιοσύνη übersetzt werden (Jes 61,8; Mal 2,17!).

18 AaO., 216 (Hervorhebung im Original). Im Passiv kann es von Jahwe ausgesagt werden (Ps 50,6LXX; [PsSal 8,27; Sir 18,2]), aber auch von seinem Volk (Jes 43,26; Jes 45,25). Negativ und gegenüber dem hebräischen Text verschärft ist Ps 142,2LXX, aaO., 217. In Sir steht es häufig mit einem negativen Gerichtsausgang aufgrund menschlicher Verfehlungen (Sir 1,22; 9,12; 23,11; 34,5).

19 Vgl. Dunn, Galatians, 1; Betz, Galaterbrief, 33.

20 Die komplizierte Diskussion kann hier nicht ausführlich berücksichtigt werden. Obwohl vor allem die deutsche Forschung eher die „nordgalatische Hypothese“ präferiert (oft mit Skepsis gegenüber der Chronologie der Apg verbunden), findet auch die „Provinzhypothese“ wieder Anhänger. Vgl. Überblick und Diskussion bei Ebner/Schreiber, Einleitung, 351-355.

21 Ebd.

22 Vgl. Frey, Galaterbrief, 201-207, ähnlich Dunn, Galatians, 7-8.17-18, aber mit etwas früherer Datierung.

23 AaO., 9-11; Frey, Galaterbrief, 208; Betz, Galaterbrief, 43.

24 Frey, Galaterbrief, 208, mit dem Hinweis, dass die Einhaltung des ganzen Gesetzes paulinische Forderung ist (5,3) und kaum explizite Forderung der Gegner war, vgl. dazu aber auch unten Anm. 55.

25 Betz, Galaterbrief, 240.

26 Der Wunsch nach Selbstkastrierung der Gegner (ἀποκόπτω) in Gal 5,12 ist überaus deutlich.

27 Betz, aaO., 167 nennt es "eine Art verspäteter Genehmigung". Die Sorge des Paulus, „vergeblich gelaufen“ zu sein, ist wohl keine echte, sondern nimmt die der Galater und möglicherweise Angriffe der Gegner auf, um sie durch den Bericht vom Ergebnis zu entkräften, vgl. aaO., 169f.

28 Außer der Armenpflege (2,10). Petrus, Jakobus und Johannes als maßgebliche Repräsentanten („Säulen“) der Jerusalemer Gemeinde richten sich mit ihrem εὐαγγέλιον τῆς περιτομῆς (2,7) an Juden (εἰς τὴν περιτομήν), während Paulus und Barnabas sich mit dem εὐαγγέλιον τῆς ἀκροβυστίας an die Heiden (εἰς τὰ ἔθνη) richten. Durch die Gegenüberstellung ist klar, dass τὴν περιτομήν Juden meint. Daher lässt sich m.E. auch Gal 1,6f. deuten: Die judenchristlichen Gegner in Galatien beriefen sich auf das ‚andere‘ εὐαγγέλιον τῆς περιτομῆς, welches nach Paulus aber οὐκ ἔστιν ἄλλο (durch ὃ eindeutig auf ἕτερον εὐαγγέλιον bezogen!). Sie stehen damit in einer Linie mit den ψευδάδελφοι (2,4), aber im Gegensatz zu Petrus, Jakobus und Johannes, d.h. den Jerusalemer Autoritäten, welche die paulinische Mission ausdrücklich anerkannten (2,9).

29 Außer 1,23, aber dort wird er einfach zur Bezeichnung des „christlichen“ Glaubens gebraucht.

30 Im Präskript Gal 1,4 wird allerdings die Hingabe Jesu „für unsere Sünden“ genannt.

31 Gal 1,1.10-12.16f.; 2,2.6. Die Gegner beriefen sich also vermutlich auf sie oder stellten sogar die Legitimität des paulinischen Apostolats in Frage, vgl. Dunn, Galatians, 10; Frey, Galaterbrief, 208f.

32 Dunn, Galatians, 12.118f. Er meint in Anm. 1: „This view is now common“, vgl. auch Ders., Incident, 38, wo er weitreichende Folgen postuliert.

33 Das wäre umso absurder, wenn die Gegner nach ihrem Sieg in Antiochia auch deren Tochtergemeinden auf ihre Linie bringen wollten, wie Dunn dies vermutet, Dunn, Galatians, 14; ähnlich Stuhlmacher, Rechtfertigung, 33. Dann wäre es geradezu ‚argumentativer Selbstmord‘, da den Gegnern die Niederlage in Antiochia bekannt war und sie ihre Position sofort gestärkt hätten, indem sie das Ergebnis ‚nachgereichten‘.

34 Vgl. Betz, Galaterbrief, 213; Bergmeier, Gerechtigkeit, 11; Eckstein, Verheißung, 23.

35 Vgl. Strack/Billerbeck, Kommentar, 374-376, sowie die Übersicht bei Dunn, Galatians, 118f.

36 Vgl. aaO., 122. Nach Paulus war der Grund „Furcht“ vor den Leuten von Jakobus (2,12). Das ἦλθεν der v.l. ist wohl fälschliche Wiederholung von V.11 oder Schreibfehler, die weiteren Varianten (z.B. τινα) sind als Angleichungen daran zu sehen, vgl. Metzger, Textual Commentary, 523.

37 Vgl. Eckstein, Verheißung, 5. Das zeigt der zweite Teil der Anklage: „wie kannst du die Heiden zwingen(!), auf jüdische Weise zu leben?“ Von einem Zwang redet der vorstehende Bericht nicht. Für Paulus ergibt sich dieser aber, da durch das Verhalten der Judenchristen Tischgemeinschaft mit ihnen für Heidenchristen nur über das „ἰουδαΐζειν“ möglich war. Vor allem steht hinter ἀναγκάζεις aber wohl der Zwang der Gegner (6,12).

38 ὑπόκρισις hatte von der LXX her die Bedeutung „Frevel, Abfall“, Wilckens, Art. ὑποκρίνομαι, 562-563. Paulus benutzt es hier wohl in dieser Tradition, da er es als Abfall von der ἀλήθεια τοῦ εὐαγγελίου deutet, aaO., 568.

39 An der Formulierung „ἀλήθεια τοῦ εὐαγγελίου“ wird besonders gut deutlich, dass Paulus das Verhalten des Petrus auf einer Ebene mit dem Bestreben der „ψευδάδελφοι“ von Gal 2,4f. ansiedelt.

40 Dunn, Galatians, 128.

41 Vgl. Betz, Galaterbrief, 215f.; Dunn, Galatians, 132.

42 Vgl. Eckstein, Verheißung, 7-9; Dunn, Galatians, 132f.

43 Das „Wissen“, das Paulus hier voraussetzt, ist m.E. kein allgemein jüdisches, sondern verdankt sich einem Erkennen im Gefolge der Christusoffenbarung, vgl. Klein, Individualgeschichte, 184. Gerade dieses „erkannt haben“ unterscheidet die hier als „ἡμεῖς Ἰουδαῖοι“ bezeichneten Juden christen von nicht-christusgläubigen Juden. Daher erscheint mir diese Übersetzung am besten. Beim textkritisch unsicheren δέ ist die äußere Bezeugung in etwa gleich gut. Adversativ verstanden lässt es sich als verdeutlichende Hinzufügung erklären. Andererseits könnte die Weglassung durch Paralleleinfluss motiviert sein, da εἰδότες bei Paulus sonst nie von δέ gefolgt wird (Röm 5,3; 6,9; [13,11;] 1Kor 15,58; 2Kor 4,14; 5,6; Phil 1,16). Da P46 zudem ein „freier Text“ (Aland, Text, 109) ist, scheint mir das Festhalten am δέ vertretbar (aber ohne adversative Bedeutung), vgl. Dunn, Galatians, 3.

44 Zur seltenen Übersetzung „außer“ von ἐὰν μή, vgl. Blass/Debrunner/Rehkopf, Grammatik, §3762 (Im Folgenden mit BDR und Paragraph abgekürzt angegeben, Hochziffern stehen für Anmerkungen dort). Dass es ein ausschließendes „außer“ ist und daher auch mit „sondern nur“ übersetzt werden könnte, ergibt sich durch die folgende Argumentation.

45 Die ingressive Übersetzung des Aorist ist m.E. an dieser Stelle am sinnvollsten, vgl. BDR §331.

46 Dunn, Galatians, 137. Dies wohl auch mit dem Ziel, die Berufung der Gegner auf Petrus zu disqualifizieren.

47 Eckstein, Verheißung, 15. Nach ihm sollte man im Blick auf Gal 2,16cd „vorsichtiger urteilen“. Es ist aber m.E. ebenfalls Vorsicht geboten, für Petrus eine klare Gegenposition anzunehmen, da Paulus dann damit rechnen müsste, dass dies den Gegner bekannt war, vgl. Anm. 33.

48 Dabei ist die Formulierung in 2,16d paulinische Schriftauslegung, indem Paulus die „Werke des Gesetzes“ mit Ps 142,2LXX ὅτι οὐ δικαιωθήσεται ἐνώπιόν σου πᾶς ζῶν verbindet. Zur Hinzufügung von ἐξ ἔργων νόμου vgl. ausführlich und sehr überzeugend aaO., 27-30.

49 Bei πίστις Ἰησοῦ Χριστοῦ handelt es sich an allen Stellen in Gal 2,11-21 bzw. Röm 3,21-31 um einen genitivus obiectivus, vgl. BDR §1635. Das wird in Gal 2,16 besonders deutlich an der offensichtlichen Parallelisierung von διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ; εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν ἐπιστεύσαμεν und ἐκ πίστεως Χριστοῦ. Die Auslegung, dass hier Jesu eigener Glaube gemeint sei, ist dagegen mehr als unwahrscheinlich, vgl. Betz, Galaterbrief, 220f. mit Anm. 40; Eckstein, Verheißung, 18 mit Anm. 102; Dunn, Galatians, 138f.

50 AaO., 135, sowie zur vorausgesetzten Bedeutung von δικαιοῦσθαι 134f. insgesamt.

51 Vgl. dazu oben B.II.3, v.a. Anm. 37.

52 Vgl. Mußner, Galaterbrief, 169; Dunn, New Perspective, 24f.; Bergmeier, Gerechtigkeit, 12.

53 Eckstein, Verheißung, 23, der es ebenso umfassender versteht, vgl. dazu auch seine Argumentation.

54 Vgl. zu dieser These von Michael Bachmann den Exkurs 4QMMT und ἔργα νόμου unten unter B.III.2.

55 Dunn stellt m.E. zurecht fest, dass die Beschneidung als exemplarischer Bekenntnismarker einen Rang hatte, „ to which all the works of the law could be epitomised “, Dunn, Yet, 210. (Hervorhebung im Original).

56 Dunn, New Perspective, 22f.

57 Eckstein, Verheißung, 23; Hofius, Werke, 81; Frey, Judentum, 41.

58 Alle Zitate bei Dunn, Galatians, 137.

59 AaO., 136.

60 Ebd.; Ders., Yet, 208.

61 Ders., Galatians, 137.

62 Ders., New Perspective, 6; Ders., Galatians, 148; Ders., Yet, 208; Sanders, Judentum, 298.

63 Dunn, Galatians, 17, mit Abgrenzung gegen Sanders in der dazugehörigen Fußnote!

64 So schreibt Dunn selbst aaO., 135f., dass die Wendung ἔργα νόμου an sich „means most naturally ‘deeds or actions which the law requires’” und „most Jews would, again most naturally, understand the phrase to mean ‘the obligations laid upon Israelites by virtue of their membership of Israel’“.

65 Gegen Rohde, Galater, 110; mit Eckstein, Verheißung, 23, der weitere Vertreter dieser Deutung nennt.

66 Vgl. ebd.: „Paulus konstatiert in diesen abbreviatorisch formulierten Sätzen lediglich die Unmöglichkeit, durchs Gesetz zum Heil zu kommen, ohne schon die Ursache und die Gründe zu entfalten.“

67 Vgl. Betz, Galaterbrief, 223; Eckstein, Verheißung, 30.46.55.

68 Vgl. die ausführlichen und m.E. überzeugenden Ausführungen dazu bei Eckstein, Verheißung, 32-34.

69 Mit Eckstein, aaO., 32-37; Schlier, Galater, 95; anders Betz, Galaterbrief, 223; Mußner, Galaterbrief, 176f. Den Realis vertritt auch Rohde, Galater, 113f., aber mit Bezug auf die frühere Tischgemeinschaft des Petrus, was m.E. zu kurz greift.

70 Eckstein, Verheißung, 37.

71 Ebd.; Betz, Galaterbrief, 225; Rohde, Galater, 110.

72 Vgl. die Deutungsmöglichkeiten, wie sie Eckstein, Verheißung, 37-41. referiert und selbst anmerkt, dass „letzte Klarheit bei der Einordnung des gegnerischen Einwandes nicht zu erreichen ist“, aaO., 39.

73 So Schlier, Galater, 95f. mit Hinweis auf Mk 2,15-17parr.

74 So Eckstein, Verheißung, 37.

75 AaO., 41.

76 „Ich“ ist „Vertretung für eine beliebige Person“, BDR §2812. Damit ist aber gerade nicht ausgeschlossen, dass das Verhalten des Petrus mit angesprochen ist. (Keinesfalls ist m.E. nur die banale Einsicht gemeint, Petrus hätte sich durch „abbrechen“ und „wieder aufrichten“ der Speisegebote als „Übertreter“ erwiesen.) Wenn Eckstein, Verheißung, 43 diesen Bezug verneint und „ich“ ausschließlich auf Paulus bezieht, ist dies m.E. eine Engführung, die sich zudem fälschlicherweise auf BDR §281 beruft, da dort in Anm. 2 ausdrücklich vermerkt wird, dass erst V. 19 „wirkliche 1. Ps.“ meint.

77 Wie Eckstein, aaO., 132f. betont, geht es Paulus nicht nur um einen quantitativen Beweis. Vielmehr deutet er von der Christuserkenntnis her, „wie es um sie ohne Christus […] in Wahrheit bestellt war.“, aaO., 132.

78 BDR §3601.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung und Funktion des Lexems "erga nomou" in Gal 2,11-21 und Röm 3,21-31
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Neutestamentliche Wissenschaft)
Note
1,2
Autor
Jahr
2011
Seiten
57
Katalognummer
V191370
ISBN (eBook)
9783656161394
ISBN (Buch)
9783656161301
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werke des Gesetzes, Paulus, New Perspective on Paul, Dunn, Erga Nomou, works of the law, Pauline theology, Römerbrief, Galaterbrief
Arbeit zitieren
Friedemann Holmer (Autor), 2011, Die Bedeutung und Funktion des Lexems "erga nomou" in Gal 2,11-21 und Röm 3,21-31, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191370

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