Die Wiedergewinnung der Transzendenz für das Management der kulturellen und interkulturellen Systemkrise


Forschungsarbeit, 2012

139 Seiten


Leseprobe

Inhalt

I. Kulturkrise als Chance
A. Prinzipien der Krise und ihrer Bewältigung

II. Erkenntnis als Weg
A. Die Integrität der Schöpfung
1. Kulturelle Identität und Ethik im Kontext der Integrität der Schöpfung
B. Fundamente und Grundlagen der Kultur
1. Die Kultur und die Schöpfungsordnung
C. Das religiöse Bewusstsein als einheitsstiftendes Prinzip der Menschheit
1. Menschliche Defizite hinsichtlich der komplementären Erkenntnis der Einheit und der Diversität
Auf der individuellen Ebene
Auf der kollektiven Ebene
2. Grundlagen und Weg der Einheit
D. Metaphysik und Kultur
1. Der Primat Gottes
2. Die biologische, die psychologische und die geistige Natur ganzheitlicher menschlicher Kultur

III. Eine lösungsorientierte transkulturelle Systematisierung kultureller und interkultureller Systemkrisen
1. Der Stand der interkulturellen Kunst und Wissenschaft
Von der menschlichen Bedingtheit bei der Erforschung kultureller Bedingtheit
2. Die Weiterentwicklung der interkulturellen Kunst und Wissenschaft:
Quellen, Modelle und die Erlangung vollkommener Kulturerkenntnis

I. Kulturkrise als Chance

A. Prinzipien der Krise und ihrer Bewältigung

Betrachtet man die Natur, insbesondere die uns am nächsten befindliche, das heißt die menschliche Natur, so stellen wir fest, dass Krankheiten häufig einen Zustand der Anomalie widerspiegeln, die die Weisheit des Körpers, welche sich über Millionen von Jahren entwickelt hat, im Wege dessen, was wir Krankheit nennen, zu korrigieren und zu sanieren sucht und somit einen Heilungsprozess verkörpert. Die Genesungsprozesse, ob physisch oder geistig sind, entsprechend dem Grad der Abweichung des Organismus von der Normalität und Integrität des menschlichen Terrains, mehr oder weniger schmerzhaft, sodass der Organismus im Verlauf seines Reintegrationsprozesses in eine regelrechte Krise gestürzt werden kann, die von Schwäche-, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein an eine Gesetzmäßigkeit sowohl höherer als auch tiefergreifender Ordnung begleitet sein kann, die die konventionelle medizinische Philosophie nur schwer in ihrer Gesamtheit zu erfassen vermag. Die höhere Ordnungserfordernis greift auf eine transzendente Ordnung und die tiefergreifende auf eine fundamentalere biologische Ordnung zur Wiederherstellung des geistig-physischen Gesamtterrains zu, deren Komplementarität die menschliche Einheit und Ganzheit rekonstituieren helfen können, sofern nicht bereits das Shakespearsche Dictum „Wenn es keine Heilmittel mehr gibt, endet der Kummer.“ im Spiel ist.

In jedem Fall ist die Krise ein Signal des Organismus, dass er in einem Zustand des Gleichgewichtsverlusts ist, den er im Wege der Krise wiederherzustellen versucht. Das Leben und seine organische Weisheit geben dem Organismus also die Möglichkeit, seine vitale Ordnung wiederherzustellen; eine Chance das Leben in seiner Integrität wiederzugewinnen, wenn man mit ihm zusammenarbeitet, statt sich weiter davon zu entfernen und somit das Ungleichgewicht und somit die Krise zu verschlimmern. Es ist also wichtig, die Signale des Organismus zu erkennen.

Da alles dem einen Leben der einen Schöpfung entstammt, dürfte alles von den einzigartigen Prinzipien der einen Schöpfung bestimmt sein, das heißt, dass die physischen, geistigen und sozialen Organismen unabhängig von ihrer Diversität in ähnlicher Weise gesteuert werden. Die organische Metapher ist somit auch auf die soziokulturelle Ebene übertragbar. Hier, wie auch im organischen Bereich, sind Krisen keine Krankheiten, sondern vielmehr Korrekturmechanismen, die eher an physische Geburtswehen erinnern, die ja ebensowenig wie die Geburt keine Krankheit sind, sondern das natürliche Gesetz des Fortbestands und der Weiterentwicklung der Menschheit verkörpern.

Die Dysfunktionalitäten im soziokulturellen Bereich, die wir heute in allen sozialen Subsystemen des Gesamtsystems der Schöpfung im menschlichen und ökologischen Bereich beobachten, dürften, basierend auf der Einheitserkenntnis der Schöpfung, ähnlich wie die organischen „Krisen“ einzuordnen sein. Zumindest ist das ein plausibler Denkansatz, der das gesamte Feld der einen Schöpfung einbezieht und somit umfassend genug ist, der einen Realität gerecht zu werden. Die Krisensymptomatik ist omnipräsent und erschließt sich jedem, der seine Augen für sein unmittelbares Umfeld öffnet oder die internationalen Nachrichten hört, liest oder sieht: Wirtschafts-, Finanz-, politische- ökologische Systeme, nationale, organisationale und globale drohen über Nacht einzubrechen und die Existenz zahlloser Menschen in ihrem Sog zu verschlingen, was durch die nun erreichte planetare Integration und Interdependenz exponentiell verstärkt wird. Die Kollabierung von Raum und Zeit lässt Krisen unter Umständen simultan oder mit geringerer Verzögerung weltweit in Erscheinung treten, was zur Interdependenz der Menschheit führt und somit weltweite Solidarität für das nachhaltige Krisenmanagement erfordert.

Die Krise ist evident. Doch ob sie fatale Krankheit oder eine Chance für die Transformation zu einer höheren und schöpfungskonformen Entwicklung wird, hängt vom Krisenmanagement ab, das heißt, zunächst vom Verständnis der Krise als Signal für die Korrektur eines Kurses im Hinblick auf die Steuerung eines Gesamtprozesses, zu deren Mitwirkung der Mensch nun aufgefordert ist. Sie ist keine Krankheit, sondern eine weise Mahnung durch die überzeitliche Weisheit der Schöpfung mit ihren Ordnungsprinzipien, eine Kurskorrektur, die jede Entwicklung hin und wieder erfordert, vorzunehmen, damit die Schöpfungsordnung ihr Werk optimal verrichten kann; also eine Aufforderung zur Kooperation mit dieser Ordnung und eine Warnung, dass im Falle der Nichtkooperation mit den singulären Prinzipien der einen Schöpfungsordnung irreversible Gleichgewichtsverluste eintreten könnten.

Es handelt sich bei den soziokulturellen wie auch den Krisen anderer Organismen um die Signalisierung eines kritischen Punktes der Entwicklung, der eine Entscheidung im Sinne der Finalität der Schöpfung erfordert. Somit ist die Krise eine Chance, die die Evolution vorsieht, um ihr eigenes Werk zu vollenden. Diese positive Leseart soziokultureller Krisen sozialer Organismen, wie auch jener anderer Organismen, ist eine gänzlich andere Optik als die pathologische, die die Symptome der Krise und der Geburtswehen der Entwicklung bekämpft, statt ihre Weisheit als Feedback für die Koordinatenbestimmung des derzeitigen Entwicklungsstandes der Entwicklungsprozesse im Hinblick auf die Finalität der Evolution oder Entwicklung zu nutzen.

Die Menschen haben keine andere Option als mit den Prinzipien der Schöpfung zu kooperieren oder sich selbst in verschiedenen Formen und Graden, den Ast auf dem Baum des Lebens, auf dem sie sich befinden, abzusägen und sich, sei es auf Raten oder auf einmal, abzuschaffen, weil sie die Erkenntnis des Baumes, dessen Integrität das Leben bedingt, aus dem Bewusstsein verdrängt haben.

Der technisch-wissenschaftlich orientierte Mensch, der nur Gesetzmäßigkeit in seinem gesamten mikro-makrokosmischen Universum erblickt, könnte fähig sein, die Schöpfungsaxiomatik insgesamt zu erkennen und dass diese ihn immer wieder auf den richtigen Kurs bringen muss, wenn er in die Irre geht. Indes, der Mensch hat die Freiheit von diesem Kurs abzuweichen und er zahlt dafür den Preis der Kurskorrektur, der dem Grad der Abweichung von der Schöpfungsordnung entspricht.

Vielleicht ist es erforderlich, unsere kulturrelative Wissenschaftlichkeit zu revidieren, wie es im Wege der historischen Paradigmenwandel im Einklang mit der Bewusstseinsevolution natürlich ist und die Axiomatik der Schöpfung in eine weitere Optik und Erkenntnis der Schöpfung miteinzubeziehen. Diese Erweiterung lässt Finalitäten der Schöpfung in die menschliche Wahrnehmung einfließen, die das Gesamtbild, die Finalität, den gegenwärtigen Zustand und den richtigen, wie auch den falschen Kurs, erkennen lassen. Dieses Gesamtszenario gestattet den konstruktiven Umgang mit der Krise als Feedback für die erforderliche Kurskorrektur, deren Ignorierung oder falsche Interpretation jedoch zu einer Eskalation der Krise als stärkerem und eindeutigerem Feedback und somit der unüberseh- und unüberhörbaren Aufforderung zu einer Kurskorrektur führen würde, denn die Schöpfungsaxiomatik ist eine ohne zweite und unabdingbar.

Die Finalität der Schöpfung ist die Permanenz ihrer selbst, weil ihre Negation die Negation des Lebens ist. Und außerhalb des Lebens gibt es keines. Krise konfrontiert uns mit dem Leben per se, mit seiner Gesetzmäßigkeit. Diese Gesetzmäßigkeit ist die Schöpfungsordnung, deren Ziel der Fortbestand des Lebens ist. Die Schöpfungsordnung mit ihrer das individuelle und soziale Leben wahrenden Axiomatik gilt es zu erkennen und mit ihr zu kooperieren. Somit ist ihre Integrität und das Leben möglich, während die Nichterkenntnis und Nichtkooperation die Integrität der Schöpfung und somit des Lebens unterminiert und dadurch das Leben prekär macht.

Sein und Nicht-Sein hängen an der Nabelschnur der Schöpfungsordnung. Es ist ein fortwährender Geburtsprozess. Wird sie durchtrennt, so werden die Formen des Lebens nicht mehr vom Leben, das nur die Integrität der Schöpfung verleiht, gespeist und eine Prekarisierung der Lebensformen tritt ein. Inbezug auf das Leben selbst bleibt der Mensch - und hier scheint eine Bifurkation der biologischen Metapher stattzufinden - immer in einem Zustand der Verbindung und Anbindung, ja mehr noch, der Einheit bleiben zu müssen, denn hier geht es um das Phänomen des Lebens mit seinen geistigen und biologischen Dimensionen insgesamt, das eines und nicht teilbar zu sein scheint.

An der Oberfläche ist eine Abnablung der biologischen Organismen erforderlich, damit die individuellen Lebensformen Gestalt annehmen können, doch niemand kann sich vom Leben abnabeln, sofern er überleben will und das zwingt uns immer wieder zur „Nabelschnur“ zurück, die uns an das Leben per se anbindet. Je besser diese Anbindung, die eine Einbindung in das Leben ist, gewahrt wird, desto lebensfähiger sind die Organsimen, denn unabhängig vom Leben, das die Schöpfung als Schöpfungsaxiomatik kennzeichnet und deren Wesenskern die Integrität der Schöpfungsordnung ist, gibt es nur schemenhaftes, aber kein lebendiges Leben.

Diese Erfordernis der Einbindung des Lebens in seine eigene Natur kommt sehr deutlich in der biblischen Maßgabe, „wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, bringt viele Frucht…ohne mich könnt ihr nichts tun“. Hier fordert jenes Prinzip des Lebens per se, das als Person in Christus inkarniert ist, die Integration aller von ihm geschaffenen Lebensformen mit dem Leben selbst. Darin besteht die Integrität des Lebens und der Schöpfung, weil nur in ihr das Leben gedeihen und fruchtbar sein kann. Und alle Kursabweichungen davon werden durch diverse Krisen signalisiert, damit der Mensch zur Integrität der Schöpfung und somit des Lebens im Hinblick auf seine eigene Permanenz zurückkehren kann.

Diese Chance in der Krise kann metaphysischer als Gnade, basierend auf der Liebe zwischen Schöpfer und Geschöpf bezeichnet werden. Ohne diese Liebe als weiteres Kennzeichen des Lebens, wäre dieses preisgegeben. Man könnte somit die Zeit der Krise als besondere Gnadenzeit übersetzen, in der der Schöpfer, dessen verborgenen Plan ohnehin niemand vereiteln kann, sich aus Liebe, gleich einem mahnenden Vater dem Geschöpf zuwendet und ihn zur Umkehr oder Korrektur seine Kurses im Hinblick auf die Finalität der Schöpfung des Individuums und der Gesellschaft auffordert.

Wenn das Leben zu einem Marktplatz verkommt, in dem nur Kaufen und Verkaufen eine Rolle spielen, so entsteht ein Ungleichgewicht, das den Menschen im Hinblick auf die Finalität der Schöpfung, der Reintegration mit dem Schöpfer, aus der Bahn wirft. Er verliert seine Anbindung und Einbindung in die Transzendenz. Und da es außerhalb dieser Quelle und Destination des Lebens kein anderes gibt, kommt er vom Kurs des integralen Lebens ab und verirrt sich. Diese Verirrung, die die Kultur- und Zivilisationskrisen nach sich zieht, kann somit nur durch eine Kursjustierung im Hinblick auf seine Finalität korrigiert werden. Die Wiederherstellung des einen Lebensprinzips in der Gestalt des transzendenten-immanenten Gleichgewichts korrigiert den Kurs und ermöglicht die Rückkehr zur Integrität und Integralität des Lebens als letztendlichem Garant nachhaltiger individueller und gesellschaftlicher Existenz in ihrer Diversität und fundamentalen Einheit.

Die Abweichung von der Transzendenz ist unwissenschaftlich, weil sie eine Gesetzmäßigkeit im Bereich der Schöpfung ignoriert und Eigeninteressen zum Maßstab und Gesetz macht und dieses dem Ganzen überstülpen möchte. Dieser Relativismus inbezug auf die eine Axiomatik, in der sich der Mensch bewegt, kann geisteswissenschaftlicher als ethischer Relativismus bezeichnet werden. Im individuellen und sozialen Bereich führt es zur rücksichtslosen Durchsetzung von Eigeninteressen, da kein universeller Maßstab mehr anerkannt wird.

In den Kategorein der Quantenphysik, die die Eroberung des Weltraums und unsere moderne Hightech ermöglichte, könnte man die Schöpfungsordnung um die Gesetzmäßigkeit eines metaphorischen immanenten-transzendenten Komplementaritätsprinzips erweitern, die eine weitere Präzisierung und Entschlüsselung des Schöpfungsgeheimnisses darstellt. Und ebenso, wie das Komplementaritätsprinzip, das die Eroberung des materiellen Raums des Kosmos einleitete, der nun schon weiter fortgeschritten ist, kann die metaphorische Transposition dieses Naturgesetzes, das die Beschaffenheit der Natur umfassender, unter dem Blickwinkel ihrer Dualität erweiternd und differenzierend präzisiert – dahingehend, dass man die Natur und die Energie entweder als Wellen oder Teilchen beschreiben kann; dass ein Teilchendetektor die Natur als Teilchen und ein Wellendetektor diese als Wellen erkennt – den komplementären geistigen Raum der Schöpfung präzisieren helfen und somit dessen Eroberung gleichermaßen in umfassenderer Form als bisher gestatten und dadurch das individuelle und soziokulturelle Management in effektiverer Form ermöglichen. Und die metaphorische Komplementarität kommt hier unter den komplementären immanenten und transzendenten Aspekten der Schöpfung zum Ausdruck.

So der Mensch dieses, das rein physikalisch-energetische Komplementaritätsprinzip transzendierende, erweiterte metaphorische immanent-transzendente Komplementaritätsprinzip zu erfassen und insbesondere in seinen geistigen Wahrnehmungs- und den daraus resultierenden Handlungsprozessen zu erkennen und darin einzubeziehen vermag, wird der Schöpfungsplan mit dem darin vorgesehenen Kurs für den Menschen evidenter. Somit kann er eine präzisere Ortung und Destinationsbestimmung seiner eigenen Berufung in der Schöpfung vornehmen. Darin besteht eine wesentliche Erkenntnis im Hinblick auf die Zivilisationskrisendiagnose und deren nachhaltiger Bewältigung.

Bereits Einstein scheint darauf hingewiesen zu haben, dass viele Probleme in einer bestimmten Formulierung unlösbar erscheinen und somit umformuliert werden müssen, um eine Lösung ins Blickfeld zu rücken. Und die Quantenphysik besagt, dass die Phänomene der Materie und der Energie unter dem Blickwinkel des Dualitätsprinzips beschrieben werden können. Unter diesem Blickwinkel einer differenzierteren komplementären Beschreibung unter den Aspekten von Teilchen oder Wellen lassen sich die Materie und die Energie dann auch effektiver mangen.

Wenn man analog die immanenten und die transzendenten Aspekte als eine komplementaritätsbasierte, differenziertere Beschreibung der Schöpfungsordnung erkennt, lässt sich insbesondere auch die zentrale menschliche Dimension der Schöpfung besser managen, weil sie im Einklang mit einer tieferen Erkenntnis derselben steht.

Transponiert man - und sei es nur metaphorisch - das quantenphysikalische Komplementaritätsprinzip von der unbelebten Natur auf die Schöpfung im allgemeinen, da sie im Phänomen der Energie einen gemeinsamen Nenner haben könnten und dann auf die spezifischen menschlichen Belange, so kann insbesondere die Relativierung der einen Schöpfungsaxiomatik, sowie die in unserer Ära Probleme verursachenden Diversitätsmanagementherausforderung, einer praktisch wirksamen Lösung entgegengeführt werden.

Bereits die eschatologischen Aspekte der Trinität, so könnte man argumentieren, tragen die Ursaat des Komplementaritätsprinzips in sich. Und der eine Gott tritt in komplementären Gestalten seiner selbst auf als Schöpfer, Erlöser und Leben spendender Heiliger Geist. Wenn nun die Multidimensionalität des Schöpfungsprinzips schon im Schöpfer angelegt ist – natürlich sind das menschliche, wenn auch szientistische Kategorien in Erwartung höherer Offenbarung – dann kann man mit Fug und Recht annehmen, dass das Komplementaritätsprinzip aufgrund der Untrennbarkeit von Schöpfer, Schöpfung und Geschöpf auch in der gesamtem Schöpfung reflektiert wird.

Die Quantenphysik hat dies nach der Theologie in einer szientistischeren anderen, einer komplementären Sprache zur Metaphysik formuliert und die heutige Zivilisationskrise kann durch eine metaphorische Anwendung dieses metaphysischen und physikalischen Prinzips im soziokulturellen Bereich effektiver diagnostiziert und die Krise somit eventuell nachhaltiger bewältigt werden.

Die Relativierungs- und Diversitätsprozesse im immanenten Bereich der Schöpfung erfordern eine komplementäre Beschreibung durch den transzendenten Aspekt der Schöpfung, weil nur so die zentrifugalen Relativierungs- und Diversifizierungsprozesse integrativ gesteuert werden können, sodass sie nicht der Auflösung durch Anarchie entgegenstreben. In unserer Zeit ist der komplementäre Aspekt der Schöpfungsaxiomatik, den wir hier als Transzendenz bezeichnen, aufgrund der Geschwindigkeit und der Zunahme zentrifugaler Prozesse aus dem Blickfeld gerückt worden. Säkularisierung und ethischer Relativismus tragen das ihre zu einer Entwurzelung des Menschen aus dem Humus der Schöpfungsordnung bei.

Und es ist eben gerade der komplementäre Aspekt der Einheit, der einen Schöpfungsgesetzmäßigkeit und somit der Integration und Polarisierung der diversifizierungs- und relativierungsbedingten Entpolarisierung und Entwurzelung, den die Transzendenz als die eine integrative Verwurzelung des Menschen beisteuern kann und in zunehmendem Maße muss, wenn der Mensch nicht vom Kurs abkommen will. Der Mensch bewegt sich also auch im geistig- soziokulturellen und individuellen Bereich in einer Schöpfung mit ihrer Schöpfungsaxiomatik.

Diese Gesetze kann niemand außer dem Schöpfer der Gesetze selbst relativieren. Und er kann im Wege der Bemühung des Menschen und der Gnade durchaus dem Menschen die Erkenntnis und die Einhaltung der Schöpfungsaxiomatik ermöglichen. Das gesamte Erlösungswerk ist ein Geschenk der Gnade Gottes zur Erlösung des Menschen von ansonsten unerbittlichen Gesetzen und menschlicher Verfehlung inbezug auf die Befolgung der Gesetze dieser Schöpfung. Teil der Weisheit ist die umfassendere Erkenntnis der Schöpfungsordnung und ihre Befolgung im Interesse des Lebens.

In Anlehnung an Einstein und das quantenphysikalische Komplementaritätsprinzip N. Bohrs, die bereits seit über 100 Jahren bekannt sind, kann man die Schöpfungsordnung nun ebenso komplementär unter eschatologischen (Offenbarung des alten und neuen Testaments), physikalischen oder soziokulturellen geistigen Aspekten beschreiben. Die drei stützen sich wiederum auf differenzierende, komplementäre Aspekte. Die eschatologische Komplementarität besteht, wie gesagt, in dem Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, während die physikalische Komplementarität in der Welle-Teilchen Dualität besteht und die spezifisch menschliche in der komplementären Immanenz und Transzendenz Erkenntnis als Voraussetzung für die Integration des Relativismus und für das globale kulturelle Diversitätsmanagement unserer Ära, sowie zur Behebung der Zivilisationskrise vermittels der den ethischen Relativismus integrierenden transzendenten ethischen Dimension. Die eine Ordnung hat singuläre Prinzipien, die das Leben bedingen und die in den diversen Bereichen der Schöpfung als ein Prinzip in diverser Gestalt zutage treten. Geht man noch einen Schritt weiter, so erschließt sich das Leben selbst, das der Schöpfer oder das Wort ist...

II. Erkenntnis als Weg

A. Die Integrität der Schöpfung

1 Kulturelle Identität und Ethik im Kontext der Integrität der Schöpfung

Im globalen, kosmisch orientierten Zeitalter hin zum Mikro- und Makrokosmos, ist es erforderlich, holistisch zu denken. Der Mensch besitzt als Wesen der Mitte, wie der Philosoph Blaise Pascal erkannte, die singuläre Fähigkeit, die gesamte Existenz zu erfassen, ebenso wie es auch die Religion, insbesondere die christliche schon immer nahegelegt hat, um darin das Panaceum für die Fragen des Lebens zu finden.

Einige wollen alles über einen Kamm scheren und Dinge gleichmachen, die ungleich geschaffen sind: Rassen, Religionen, Kulturen, Völker, Individuen mit ihren diversen geistigen und körperlichen Anlagen. Wieder andere sehen nur Unterschiede und rüsten ethnozentrisch gegen alles auf, was anders ist als sie selbst. Extremer Universalismus einerseits und ebenso extremer Partikularismus anderseits bilden die Pole eines Kontinuums von Optionen und Positionen. Kulturtheoretiker glauben bisweilen, sie könnten diese Sachverhalte intellektuell, idealerweise in der Gestalt eines mittleren Weges der Aussöhnung und sogar der Synergie der Positionen lösen, werden jedoch eines besseren belehrt, wenn sie mit der tiefen emotionalen Verwurzelung der Symbol- und Glaubenssysteme konfrontiert werden, mit denen sich die Menschen identifizieren. Weiter Denkende sehen die Lösung der Diversitätsherausforderungen in einem Weltethos, der jedoch die kreative Dialektik der Weltanschauungen zur Optimierung der geistigen Entwicklung der Menschheit einschränken könnte. Gibt es eine schöpfungskonforme Sichtweise der Dinge, die schöpfungskonforme und somit nachhaltige Lösungen in Aussicht stellt? Ist die Konvergenz, die Quadratur des Kreises von Einheit und Diversität, insbesondere im menschlichen Bereich, gar nicht innerhalb rein menschlicher Möglichkeiten und kann sie nur ein Geschenk der Evolution und des Schöpfers sein, ebenso wie beispielsweise die Einheit der Christen oder der Menschheitsfamilie insgesamt und ist der Mensch deshalb auf die Gnade Gottes und der Weisheit der Schöpfung angewiesen, deren er sich mit allen seinen Kräften mitarbeitend würdig erweisen muss, aber letztendlich nicht der Herr und Gebieter des Prozesses insgesamt ist?

Das hieße, dass der Mensch in dieser fundamentalen Frage seiner Existenz auf eine Grenze stößt, nämlich die seiner Bedingtheit an sich, der wir in anderen grundsätzlichen Fragen des Daseins, die auf eine ihn transzendierende Determiniertheit hinweisen, ebenfalls begegnen. Vielleicht kann gerade die Erkenntnis der Bedingtheit des Menschen auch in dieser Hinsicht jene Selbstrelativierung und Humilität in die Wege leiten, die einen realistischen geistigen Humus in der Gestalt der Erkenntnis und der Anerkennung der diesbezüglichen menschlichen Grenzen zum Schutz vor überheblicher Annahmen der Selbsterlösung mit ihren aus der Geschichte bekannten schwerwiegenden Folgen, bereiten, der ein Meilenstein auf dem Weg zur Lösung dieser drängenden Fragen unserer Zeit bedeuten kann.

Wer ist der Mensch? - ist ein Sachverhalt. Wer möchte der Mensch sein? - ein anderer. Wozu er faktisch wird, ist durch sein authentisches Sein, sein Sein-wollen und sein umstandsbedingtes Werden oder geworden sein bedingt. Die Identität entsteht also in einem komplexen Geflecht von a priori gegebenen Fakten, von umstandsbedingen weiteren Fakten, sowie den Wünschen des Sein- oder auch nicht so Sein-wollens und deren Integration oder Nichtintegration in einer Gesamtidentität.

Die meisten Menschen suchen ihr Leben lang nach ihrer Identität, bei anderen scheint sich die Suche zu erübrigen. Sie sind einfach, was sie sind oder Wenn und Aber und hinterfragen das nicht.

Für viele Menschen ist die Identität ´eine Frage des Werdens und nicht abgeschlossen, besonders wenn die Selbstverständlichkeit des Seins dessen, was sie sind, in ihrer Biographie Diskontinuitäten erfahren hat. Die müssen dann, geistig und körperlich integriert werden, damit eine Selbstverständlichkeit des Seins, wie man ist, entsteht.

Mit der Fluidität der heutigen Biographien über kulturelle Kontexte hinweg gibt es mehr Komponenten in die Persönlichkeit zu integrieren. Ebenso ist die Geschwindigkeit des Übergangs von einem Kontext zum anderen, von einem biographischen Abschnitt zum anderen heutzutage größer und bedingt ebenso eine größere Integrationsfähigkeit von identitätsstiftenden Faktoren, damit die Selbstverständlichkeit des Soseins ohne Wenn und Aber erfolgt.

Die Frage nach der Identität beschäftigt den Menschen seit er eine Bewusstheit seiner selbst erlangt hat. Er dokumentiert sein Sosein bereits in den Höhlengemälden, die ihn in seiner Wechselwirkung mit der Umwelt – beispielsweise in Tierrepräsentationen oder Jagdszenen – darstellen. Hier definiert sich der Mensch sozusagen über sein Milieu.

Vor über zweitausend Jahren haben die alten Griechen, die die Wiege unserer Zivilisation verkörpern, bereits erkannt, dass die Selbsterkenntnis von höchstem Stellenwert und größter Bedeutung für den Menschen ist und daher die Maxime des „Gnothi Seauton“ „(Mensch erkenne dich selbst…“) formuliert. 2000 Jahre später bringt der spanische Philosoph die Antwort auf die Frage nach der Identität auf einen Punkt, der alle prägenden Faktoren der multifaktorierten, komplexen Identität in dem Dictum „Yo soy yo y mis circunstancias“( „Ich bin ich und meine Umstände“) subsumiert.

Die christliche Zivilisation postuliert, dass der Mensch ein Ebenbild des Schöpfers ist und beantwortet damit alle Identitätsfragen in fundamentaler Art und Weise, die ihre ureigene Art der Selbstverständlichkeit des Soseins mit sich bringt, die sie von der Quelle des Seins an sich ableitet. Dieses hohe Ideal geht, oder sollte in Ergänzung der panaceumhaften Lösung der Identitätsfrage auch mit einer diesem Status entsprechenden Rechenschaftspflichtigkeit und ethischem Bewusstsein einhergehen

Die Biologie systematisiert die Erkenntnisse über die Identität als DNA, als biochemische Information. Man kann den Menschen durch viele wissenschaftliche Optiken der Erkenntnis beschreiben, deren Interdisziplinarität ein informatives Menschenbild entwirft. Die einen beschreiben ihn geistig, die anderen seelisch und wieder andere körperlich.

Die Kulturellsten behaupten, dass der Mensch eine biologische Konditionierung mitbringt, eine kulturelle sich im Wege der Sozialisierung hinzugefügt wird und dass aus der Variation der universellen und soziokulturellen Faktoren die singuläre Persönlichkeit entsteht. So entstehen eine universelle, eine gruppenspezifische und eine persönliche Identität.

Trotz aller menschlicher Bemühungen natur- und sozialwissenschaftlicher, sowie eschatologischer Art, bleibt die Antwort auf die Frage des “wer bin ich?“, i. e. die Frage nach der Identität und fundamentalen Wesenheit des Menschen letztendlich eine geheimnisvolle, die nur annähernd entschlüsselt werden kann, sodass das Verweilen in der Position des Fragenden und Suchenden das Bekannte und noch Unbekannte sinnvoll verbindet und weitere Erkenntnisse inbezug auf die Natur des Ich nicht ausschließt sondern proaktiv ermöglicht. Das Sosein kann dann als ein Sein im Werden betrachtet werden. Dennoch ist ein Quantum an definitiver und verbindlicher Information erforderlich, damit die Struktur und die Funktion des Menschen unverrückbare Kontinuität in der Zeit besitzen und ein normales, vorhersehbares körperlich-geistiges Leben ermöglichen.

Sowohl der Körper, als auch der Geist und ihre Verbindung scheinen aus der genetischen und geistigen Geschichte des Individuums zu resultieren, aus Information und Bewusstsein, die sich als Körper verdichten und ihn prägen. Wieviel Bewusstheit um die geistige und biologische gespeicherte Information der Mensch besitzt ist eine weitere Frage. Wieviel Information der beiden Arten braucht er, um optimal leben zu können? Welche Bestandteile strukturieren ihn, damit die Selbstverständlichkeit des Seins und des Soseins erfolgen kann und dass das Leben ihn optimal in einer optimalen Struktur mit optimalen Möglichkeiten trägt. Wenn er seine optimale Identität hat, braucht er nicht an sie zu denken. Er ist einfach, was er ist.

Wieviel Identität braucht der Mensch? Soviel, wie er für eine gesunde Struktur und Funktionsweise seines integralen Wesens braucht. Alles darüber hinaus ist Identifikation, die antagonisierend wirkt und Konflikte heraufbeschwört. Der Körper muss das Recht auf die ihm unverwechselbar eigene, in seiner singulären genetischen Ausstattung festgelegten Anatomie und Physiologie haben und sie uneingeschränkt realisieren können. Das gilt auch für seine geistigen Attribute. Niemand kann und soll ihm verwehren, der zu sein, zu den ihm sein Schöpfer und die Summe seiner Entwicklung bestimmt hat. Niemand kann an seine einzigartige Stelle und Aufgabe in der Schöpfung treten. Dies ist theoretisch in den Menschen- und Persönlichkeitsrechten der zivilisierten Völker kodifiziert, doch in der Praxis sind die Psychen der Individuen und Gruppen nicht auf diesem Evolutionsniveau und suchen die geistig, seelisch, körperliche Identität von Mitmenschen zu ihrem vermeintlichen Vorteil zu beschneiden und gewissermaßen zu kolonisieren, in dem sie in der Genuss der Macht über die Attribute von Mitmenschen kommen wollen. Sie überidentifizieren sich mit ihrer Identität und leiten dadurch einen Vorherrschaftsanspruch über andere ab und zwingen sie nach ihrer Pfeife zu tanzen, das heißt, sich an sie und ihre Werte und Normen anzupassen, damit sie auf der empfangenden und der herrschenden Seite sind. Ihre Selbstverständlichkeit soll sich zu Lasten Dritter durchsetzen, während die Selbstverständlichkeit des Soseins wie man ist jener deshalb in ein Tauziehen um die beanspruchten eigenen Persönlichkeitsrechte - mit den unethischen Identität verletzenden Ansprüchen – mit den die Identität Dritter kolonisieren wollender gerät.

Die Gier der Individuen und Gruppen ignoriert gern jegliche Identität, um sie nicht honorieren zu müssen. Hier beginnt die ethische Problematik, die mit dem Ignorieren und der Negation der Identität des Anderen beginnt, um sie rücksichtlos seinen eigenen Interessen dienstbar zu machen. Während das Ungleichgewicht, in Spieltheorie Begriffen als das Nullsummenspiel aufrecht erhalten wird, wird der Kolonisierte gezwungen, unter seinem Potenzial zu leben und gewissermaßen an den Kolonisierenden persönlichen Tribut zu entrichten, der in der Differenz der unterbunden Realisierung, das heißt, dem persönlichen Attributebereich zwischen dem aufgezwungenen Status und dem Status persönlicher Integrität besteht. Den Bereich den der Kolonisierte nicht nutzen kann, obwohl er ihm gehört, kann vom Kolonisierer genutzt werden. Bereich ist hier geistig-körperlich und räumlich zu verstehen

Das koloniale historische Muster des Anspruchs auf fremdes territoriales Terrain vollzieht sich nun in seiner moderneren Variante kultureller Kolonisierung als Anspruch auf das persönliche Terrain. Die verborgene Agenda des interindividuellen und intergruppen und intergender (gender steht für Geschlecht) Konkurrenzgebarens neokolonialer oder kulturell kolonisierender Art hat sich nunmehr, auch territorial unabhängig, landauf-landab unter dem Firnis vermeintlicher und fraglicher Zivilisation als unkontrollierbares Verhaltenspattern verselbständigt und erzeugt sozialen Stress par excellence.

Die neokoloniale Kulturkolonialismus kann sich auch schleichend in großem kulturellem Maßstab vollziehen, wenn Migranten einer anderen kulturellen Provenienz mit entsprechend großer kultureller Distanz und somit bedeutsamen unterschiedlichen kulturbedingten psychophysiologischen Formen der Selbststrukturierung, insbesondere ab einer gewissen demographisch relevanten Masse, allmählich die strukturellen Equilibria ihrer Zielkultur verändern. Mit einer gewissen kritischen Masse und einer langfristeigen strategischen Intention der Verdrängung integerer indigener, kulturell bedingter Strukturen, kann dies zu seitens der Migrationspolitik unvorhergesehenen und bedingt reversiblen kulturellen Wandlungsprozessen führen. Daher führt kurzfristige Kultur und Migrationspolitik irgendwann zu xenophobischen Reaktionen, da die Zielkultur, auf die sich diese Strategie richtet, in eine Identitätskrise gerät, die den interkulturellen Konflikt mit sich bringen kann. Historische, wie auch zeitgenössische Beispiele gibt es für dieses kulturelle Identitätsmissmanagement.

Das interindividuelle und intergruppen, neokoloniale kulturkolonisierende Pattern ist durch eine Einschränkung einerseits versus einer Entgrenzung andererseits gekennzeichnet. Es ist eine Form des Missbrauchs des anderen und der Aneignung persönlicher Rechte. Illegitimer Herrschafts- und Machtanspruch und somit illegitime Freiheitsberaubung der somit in ihrer legitimen Freiheit und Persönlichkeitsrechten – die persönliche und kulturelle Identität ist ihr Fundament – Eingeschränkten; insgesamt der Versuch einer fremden Ressourcenaneignung, das heißt letztendlich der Entrechtung. Dieses Pattern erstreckt sich vom interindividuell-intrakulturell-Interkulturellen bis hin zum Globalen und zum interreligiösen fundamentalistischen Konflikt, der obendrein noch weltweit seitens der Weltöffentlichkeit toleriert wird. Somit ist die gesamte Weltöffentlichkeit implizit solidarisch mit unethischem Gewohnheitsrecht. So Unrecht wird zu Gewohnheitsrecht und international salonfähig.

Der ethische Kompass im Individuum, über den beinahe jeder in gewissem Maß verfügt, sollte eigentlich eine Empfindung für die Rechte und Grenzen der Akteure bereitstellen. Doch die Logik der Kolonisierung und Machtausübung über andere zum eigenen Vorteil ignoriert eben diese Grenzen oder sucht sie zu lockern oder zu überwinden, um sich der Beute der Identität des Kolonisierten und seine Attribute und Ressourcen zu bemächtigen. Dies erfordert eine Bewehrung und bedingt den antikolonialistischen Krieg, der weniger, wie in der Kolonialzeit zur Erweiterung der Macht- Einfluss und Besitzsphäre, um das Terrain im politischen, sondern vielmehr um das Terrain im persönlichen menschlichen Sinne in der Gestalt des geistig-körperlichen Terrains geführt wird.

Kulturelle Wertepräferenzen können diese materiell- immateriellen Identitätskonflikte begünstigen, wenn der der Kolonialisierungstrieb jedoch nicht vorhanden ist, dann können die Wertepräferenzen mit gegenseitiger Rücksichtnahme gelebt werden, sodass kein Konflikt entsteht. Die Ethik, das heißt die Rücksichtnahme und der Respekt hinsichtlich der Identitäten Dritter hat eine die kulturellen Wertepräferenzen steuernde Funktion. Mit anderen Worten, eine potenzieller Kulturkonflikt kann nur einer sein oder werden, wenn die ethische Steuerungs- und Integrationsfunktion nicht vorhanden ist.

Die Frage der kulturellen Friedfertigkeit oder der kulturell bedingten Zwietracht läuft auf eine Frage der Balance zwischen Kultur und Ethik hinaus. Wird erstere priorisiert, so entsteht Kulturkonflikt, wird jedoch letztere priorisiert, so ist Koexistenz möglich und sogar konfliktfrei, ja sogar synergetisch und stilvoll, maßvoll, zufriedenstellend und aufgrund des weiteren Spektrums an Optionen sogar menschlich bereichernd. Die ethische Steuerungsdimension kann also, in der Tat – und es ist eine ihrer Funktionen - potenzielle kulturelle Antagonismen in kulturelle Komplementaritäten und Synergien transformieren. Diese Ambivalenz des Kulturellen erfordert eine entsprechende kulturelle Bewusstheitsbildung aller kultureller Akteure und das sind alle Individuen und insbesondere die strategischen kulturellen Akteur mit ihrer Leitbild, Leitkultur und politischen Funktion.

Wenn Komplementaritäten integriert werden entsteht Transformation und Transformation integriert vermeintliche Antagonismen. Die Funktion der Ethik besteht also in der Transformation und Integration kultureller Gegensätze und sie ist der Schlüssel zur friedlichen Koexistenz einer myriadenfach diversen Menschheit mit ihren diversen kulturellen Präferenzen hinsichtlich Werten, Normen, Einstellungen und Verhaltensmuster. Ethik bezieht sich auf die Erkenntnis und den Respekt der eigenen und anderen Identitäten, geistig, seelisch und leiblich. Und umgekehrt bedeutet die Abwesenheit der Ethik die Verweigerung der Bewusstwerdung und Rücksichtnahme auf Identitäten. Es hat den oben beschriebenen Konfliktkreislauf zur Folge.

Die beschriebene kulturell-ethische Interdependenz lässt sich geistes- und humanwissenschaftlich basiert modellieren und ihre Axiomatik zur bewussten Steuerung menschlicher Diversität einsetzen. Siehe Modellierung mit Erläuterung auf Seite 117.

In der Relativität der menschlichen Raum-Zeit entstehen zwangsläufig Dialektiken aufgrund der Determiniertheit des Menschen durch diverse materielle und immaterielle Koordinaten, die nur durch eine der Relativität des Menschlichen übergeordnete integrative Dimension in die Koexistenz, die Integration und eventuell sogar in einem dritten Schritt in Synergien überführt werden können. Religion und Ethik leisten diese Konvergenz und Integration der Dualität und Dialektik, weil sie den Respekt der diversen geistig und körperlich manifestierten Raum-Zeit Koordinaten, der kulturellen DNA des Anderen postulieren. In der Tat, es ist ihre eigentliche Essenz. Sie sind naturgemäß integrativ, während viele andere menschliche Attribute im Zeichen der zeit-räumlich relativen Dialektik stehen. Aus diesem Grund werden die religiös-ethischen Attribute des Menschen im Zeitalter der Globalisierung und neuer demographischer Bedingungen und der damit einhergehenden Heterogenisierung und Diversifizierung menschlicher Systeme, Organisationen und Institutionen, zu unabdingbaren, die Kontinuität dieser Systeme bedingenden Faktoren.

Es ist sinnvoll sich der beiden Kräfte in der menschlichen Konstitution bewusst zu werden und sie gezielt zu nutzen: die integrative, die Diversität steuernden und die dialektischen die Diversität fördernden, bzw. eine Balance zwischen Diversifikation und Integration zu ermöglichen. Integration ist durch zentripetale Kräfte übersetzbar und Diversifikation durch zentrifugale Kräfte. Wie in der naturwissenschaftlichen Physik ist auch der geisteswissenschaftliche Bereich von dieser übergeordneten energetischen Gesetzmäßigkeit geprägt und die Steuerungsfunktion der zentripetalen-zentrifugalen Balance ist besonders in der Rationalität der Ethik anzusiedeln, die somit eine übergeordnete, integrative Rolle im Bewusstsein und seinen Prozessen spielt.

Gewiss, die ethischen Ansichten und Annahmen diverser Kulturkreise haben verschiedene Gewichtungen und Ausprägungen, doch beinahe alle haben gewisse universelle Attribute des Respektes der essentiellen menschlichen Attribute, in denen sie konvergieren, weil ihre gemeinsame menschliche Natur über alle kulturellen Grenzen hinweg diesen ethischen Kompass, mit den natürlichen kulturellen Ausprägungsvariation, bereitstellt. Er ist in der DNA des Spezies Mensch bereitgestellt, obwohl er bisweilen der Vergessenheit anheimfällt, bis die Kulturen wieder gezwungenermaßen zu ihm zurückkehren müssen, wenn sie von Bestand sein wollen. Die komplementären diversifizierenden und integrativen Aspekte des Menschen konstituieren seine Ganzheit. Das Problem besteht im Verlust der Ganzheit und somit der Unsteurerbarkeit des Menschen mit den dadurch bedingten sozialen Kollateralschäden bis hin zu den epochalen Zivilisationskonflikten. Die Lösung besteht in der Ganzheit und Balance des Menschlichen, die die Natur für ihr eigenes Überleben vorgesehen hat.

Insbesondere der Westen beruft sich auf sein jüdisch-christliches Erbe. Doch wenn es darum geht für dieses Partei zu ergreifen, scheint mein auf das Pluralismus Konzept zurückzugreifen, das wie in anderen Bereichen der Gesellschaft den Wettbewerb unter den Akuteren gewährleistet. Der Liberalismus der finanzwirtschaftlichen Laisser-faire ungezügelter Durchsetzung von Interessen, der die Welt nun dem Chaos und der Unberechenbarkeit näher gebracht hat, scheint auch in der weltanschaulichen Bereich überzugreifen und den ungezügelten Konkurrenzkampf der Religionen mit kriegerischen Mitteln führen zu wollen. Das wird die Welt dem Abgrund noch einen Schritt näher bringen. Beide haben den Mangel an ethischen Maßstäben, im Sinne des Respektes der legitimen weltanschaulichen Diversität und des Respektes der legitimen Rechte dritter und ihrer Integrität gemeinsam.

Auch die implizite Komplizität mit der weltweiten Zerstörung der Integrität der Umwelt, sowie der Integrität des Lebens von der natürlichen Zeugung bis zum natürlichen Tod - ohne die Manipulation des Menschen auf diesem irdischen Weg durch die Schöpfung – weist, trotz der medienwirksamen Mediatisierung scheinbar konträrer Evidenz, einen Mangel an ethischem Bewusstsein und die damit einhergehende Preisgabe der Integrität des Menschen und der Schöpfung in seinen diversen Facetten für vermeintliche Vorteile auf, die sich letztendlich aber, jenseits von Schwarzmalerei, insgesamt als den Weg zum Abgrund bereitend entpuppen.

Im kleineren, aber ebenso verheerenden Maßstab, werden in Deutschland im Interesse von Konzernen, wie beispielsweise gegenwärtig der deutschen Bahn, die in einer süddeutschen Stadt ein zweifelshaften Bahnprojekt mit Unterstützung der Regierung und unter Einsatz der Polizei an bürgerkriegsartige Zustände der Gewaltanwendung erinnert, ein Pattern, das hierzulande bereits Teil der politischen Kultur und Praxis unabhängig von der ideologischer Orientierung geworden ist. Denn, von vierzig Jahren, hat der Daimler Konzern ein ebenso verheerendes Projekt unter der Bezeichnung Teststrecke in Baden, ebenso mit der Unterstützung der Landesregierung der Bevölkerung unter menschlichen und nicht zu beziffernden Umweltkosten aufzwingen dürfen.

Es erinnert an eine amerikanische Karikatur Hitlers in der Gestalt eines Hampelmannes, der von den Konzernen an der diesen Hampelmann bewegenden und steuernden Schnur gezogen wird. Das überzeitliche Patteren im nationalkulturellen und regionalkulturellen Kontext ist überdeutlich und lässt auf eine offenbar noch nicht bewältigte anachronistische, autoritäre und unethische Wertepräferenz schließen, die die Alliierten mit der Umerziehung des deutschen Volkes hin zu demokratischere Bewusstseinsstrukturen und Funktionen, gefolgt von der entsprechenden gesellschaftlichen Praxis, nach Lage der unbeschönigten Evidenz ohne Erfolg, wie es scheint, umzukanalisieren versuchten. Auch im globalen Maßstab scheint sich in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise das psychologisch-kulturelle Pattern der besagten amerikanischen Karikatur zu verifizieren.

Und schließlich ist da noch die Parallele zwischen einer weltweiten impliziten Tolerierung der Christenverfolgung in derzeit über 50 Ländern der Welt mit der gegenwärtig mediatisierten ethnisch-religiösen Säuberung in Pakistan und Nigeria (und Ägypten) und dem Appeasement gegenüber dem Hitlerismus. Man hat nicht gelernt, dass Appeasement die Kräfte des Bösen noch potenziert und sie in ihren Absichten zu bestärken scheint.

Die Integrität und Identität der menschlichen und der umweltlichen Natur, also die Integrität der Schöpfung insgesamt, wird durch die Zeit überdauernde ethisch und mitmenschlich unsolidarische, defizitäre Pattern, korrumpiert.

B. Fundamente und Grundlagen der Kultur

1 Die Kultur und die

Schöpfungsordnung

Der Mensch ist ein ganzheitliches, geistig-seelisch-körperliches Wesen. Er hat sich weder selbst erschaffen, noch aus sich selbst entwickelt. Daher wird er von Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die er ebensowenig selbst erschaffen hat. Außer dieser lebensfähigen menschlichen Struktur gibt es bislang keine andere. Dies bedeutet, dass die Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten dieses einzigartigen Lebens ohne Ersatz und Alternative in der gegebenen Form anerkannt werden müssen. So ist das Gesetz des Lebens ohne Alternative.

Die geistig-seelische-körperliche Diversität ist Teil dieser singulären Gesetzmäßigkeit des Lebens, das in seiner Essenz Einheit ist: Einheit des Lebens, Einheit der Schöpfung, Einheit des Menschen. Die Quadratur von Einheit und Diversität ist immer im einen Leben, der einen Schöpfung und der Einheit des Menschen als Summum dieser einen Schöpfung lösbar und auflösbar.

Alle wahren Religionen und in zunehmenden Maße auch die sogenannten harten Wissenschaften, ebenso wie die Geistes- und Sozialwissenschaften, die nur eine vermeintlich rationalere Nachformulierung der ersteren sind, erkennen das in zunehmenden Maße. Und in dem Maße, wie die Schöpfungsordnung, die in wahrer Religion und überzeitlicher Offenbarung dem Menschen kundgetan und vorgegeben ist, in den Wissenschaften nachvollzogen und in den soziokulturellen, institutionellen Umfeldern bis zum Individuum hin Gehör und Befolgung findet, entsteht individueller und sozialer Frieden, national und international.

Darin besteht der eine wahre Weg der Schöpfung ohne zweiten. Er ist einfach und eins. Doch der Archetyp des Ungehorsams, der im Abweichen von der primär gegebenen Ordnung und der Zuwendung zu einer anderen menschlichen Ordnung bereits im Paradies begonnen hat, begleitet den Menschen von seiner Entstehung und Entwicklung her unablässig. Das heißt, wenn in den vier Phasen:

1. Offenbarung der Gesetzmäßigkeiten
2. Wissenschaftlich formulierter Nachvollzug
3. Applikation des einen Schöpfungsgesetzes in den soziokulturellen und institutionellen Umfeldern
4. Anwendung des einen Schöpfungsgesetzes auf der individuellen Ebene

ein Abweichung von den Schöpfungsgesetzen eintritt, so entstehen Probleme in den diversen Bereichen der nach dem einen Gesetz geschaffenen Schöpfung, weil die normale Existenz der Welt mit dem Menschen von dieser einen Schöpfungsordnung abhängig ist und für die es keinen gleichwertigen Ersatz gibt, soviele Alternativkonstrukte der Mensch in seinem impliziten und expliziten Ungehorsam gegenüber der einen Wahrheit der Schöpfung auch in die Welt setzen mag.

Soziale und vermeintlich rationale wissenschaftliche Revolutionen werden immer vergehen und unnachhaltig sein, wenn sie vom einen Gesetz in irgendeiner Form abweichen. Wenn es einen Determinismus gibt, dann die Permanenz der Schöpfungsaxiomatik und nicht die geistigen Moden des Menschen in vielerlei Gestalt.

Dieser Schöpfungsdeterminismus mit seiner Schöpfungsgesetzmäßigkeit oder die Natur des Kosmos, die die Altvordern bereits als die Ordnung schlechthin erkannt haben, ist der einzige Determinismus im Sinne einer fundamentalen Determiniertheit des Menschen, von der er aber die Freiheit der Wahl hat abzuweichen oder die anders zu interpretieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 139 Seiten

Details

Titel
Die Wiedergewinnung der Transzendenz für das Management der kulturellen und interkulturellen Systemkrise
Autor
Jahr
2012
Seiten
139
Katalognummer
V191440
ISBN (eBook)
9783656163244
ISBN (Buch)
9783656566250
Dateigröße
1487 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
englische Passagen
Schlagworte
Kulturkrisenmanagement, transkulturelles Management, interkulturelles Management
Arbeit zitieren
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler (Autor), 2012, Die Wiedergewinnung der Transzendenz für das Management der kulturellen und interkulturellen Systemkrise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191440

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