Die Arbeit versucht sich nun der wissenschaftlichen Aussage des Wirtschaftswachstums aus Fleckscher Perspektive zu nähern. Dabei beschränkt sie sich nicht auf das konkrete Fallbeispiel, vielmehr soll das konkrete Fallbeispiel dazu dienen, allgemeine erkenntnistheoretische Überlegungen anzustellen. Im Mittelpunkt solcher Überlegungen stehen Erkenntnisse, die bei Fleck Tatsachen genannt werden.
Am Beginn steht eine allgemeine Annäherung an den Begriff der Tatsache. Dabei tauchen auch die Begriffe Wahrheit, Wirklichkeit und Sprache auf, deren knappe Erläuterung und ihr Verhältnis zueinander wichtig sein werden. Ist diese Vorarbeit vollzogen, steht dem Fleckschen Tatsachenbegriff nichts mehr im Wege. Davon ausgehend soll die Erkenntnistheorie in einem ersten großen Abschnitt (theoretischer Hauptabschnitt – Kapitel 2) dargestellt werden. Dabei folgen Erläuterungen der Kernbegriffe Denkstil, Denkkollektiv, Denkzwang, Ur-Idee, aktive und passive Koppelungen. Das Verhältnis von Tatsache zu Wahrheit und Wirklichkeit soll in weiterer Folge die wissenschaftstheoretischen Konsequenzen seiner Ausführung erahnen lassen. Damit ist es ein Leichtes, seine Theorie einer philosophischen Strömung zuzuordnen.
Danach steht eine nähere Beschäftigung mit der Theorie der Metapher an. Die Metapher als heuristische Anlage soll ausgearbeitet werden und ihre Nähe zum Begriff der Prä-Idee dargelegt werden.
Im zweiten Teil der Arbeit (praktischer Hauptabschnitt – Kapitel 3) wird eine Operationalisierung der Grundüberlegungen von Fleck versucht. Dabei geht es darum, die Entstehung und Entwicklung einer wirtschaftswissenschaftlichen Tatsache nach Fleckscher
Manier nachzuzeichnen. Zu Beginn steht das Selbstverständnis der eigenen wissenschaftlichen Vorgehensweise im Vordergrund – die wissenschaftstheoretische Prä-Idee. Sie versucht auf die grundlegenden, impliziten Hypothesen aufmerksam zu machen, die als solche die Strategie der Forscher vorgeben, ohne dass sie in weiterer Folge in Frage gestellt wird.
[...]
5 Am Beispiel der Wassermannreaktion, mit der er in der experimentellen Forschung zu tun hatte, zeichnet er seine Theorie nach.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hauptabschnitt
2.1 Der Begriff der Tatsache
2.2 Die Krise der Wirklichkeit
2.3 Ludwik Flecks Erkenntnistheorie
2.3.1 Der Denkstil
2.3.2 Gestaltsehen
2.3.3 Das Denkkollektiv
2.3.4 Wissenschaftliche Denkkollektive
2.3.5 Denkstilbeharrende Kräfte
2.3.6 Dynamik wissenschaftlicher Denkkollektive
2.3.7 Die Gestalt der Prä-Idee als absolute Metapher
3. Praktischer Hauptabschnitt
3.1 Die wissenschaftstheoretische Prä-Idee der Ökonomie
3.2 Der Tatsachenbegriff in der Neoklassik
3.3 Der Begriff des Wirtschaftswachstums
3.3.1 Die Last der Tradition - der Begriff des Wachstums
3.3.2 Die Reihenfolge des Erkennens
3.3.3 Das Gewicht der Erziehung - Textanalyse des gegenwärtigen Standardwerkes
3.4 Beharrungstendenzen wissenschaftlicher Denkkollektive
3.5 Dynamik wissenschaftlicher Denkkollektive
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das erkenntnistheoretische Fundament des Begriffs "Wirtschaftswachstum" innerhalb der neoklassischen ökonomischen Theorie. Ziel ist es, durch eine Analyse der "Denkstile" und "Denkkollektive" nach Ludwik Fleck aufzudecken, welche impliziten wissenschaftstheoretischen Annahmen diesen Begriff stützen und warum er in der aktuellen Wirtschaftswissenschaft als unhintergehbare Notwendigkeit wahrgenommen wird.
- Erkenntnistheorie nach Ludwik Fleck (Denkstil, Denkkollektiv, Tatsachenbegriff)
- Die methodologische Prä-Idee der Ökonomie als "exakte" Wissenschaft
- Sozialhistorische Einflüsse auf den Wachstumsbegriff
- Textanalyse klassischer ökonomischer Lehrbuchliteratur (Samuelson/Nordhaus)
- Der Konflikt zwischen Beharrungstendenzen und wissenschaftlicher Dynamik
Auszug aus dem Buch
Die Krise der Wirklichkeit
„Der Glaube an eine eherne Ordnung der Natur nach unveränderlichen, das All durchwaltenden Gesetzen, war die größte geistige Tatsache der letzten Jahrhunderte.“
Der wissenschaftliche Realismus fühlte sich vor allem durch den wissenschaftlichen Fortschritt der letzten Jahrhunderte bestätigt. Im Verlauf der Zeit setzten sich wissenschaftliche Theorien gegenüber anderen durch, so dass diesen auch ein höherer Wahrheitsgehalt unterstellt wurde. Die Geschichte der Wissenschaft kann so gesehen als Fortschritt bezeichnet werden, ein Weg der sich unaufhörlich der Wahrheit asymptotisch nähert. Die Dynamik, vor allem in den Naturwissenschaften, führt unweigerlich zu dieser wissenschaftsoptimistischen Einschätzung. Diese Grundannahme trägt einem scheinbaren kontinuierlichen Fortschritt in der Beschreibung der Welt Rechnung, wonach das Wissen über die Welt immer mehr wurde. Die Wirklichkeit wird von Tag zu Tag ein Stück mehr erschlossen. Letzte Wahrheit, die Wahrheit, ist dann erreicht, wenn alle potentiell möglichen Beobachtungen als Tatsachen ausgedrückt auf einen Begründungszusammenhang zurückgeführt werden können. Das ist das letzte Ziel der Wissenschaft, gegen ihre Erfüllung schien in dieser historischen Phase nichts zu sprechen. Man steht hier in einer realistischen Tradition, genauer kann man diesen Ausführungen einen starken Realismus unterstellen, weil nicht nur von einer partiellen Teilhabe an der Wirklichkeit die Rede ist, sondern von der Erschließbarkeit der Wirklichkeit als Ganzes überhaupt. Dabei referieren wissenschaftliche Tatsachen auf etwas in der Wirklichkeit Vorliegendes, das durch diese Tatsache auch angemessen repräsentiert wird. Die Angemessenheit zeigt sich in der praktischen Anwendbarkeit der Theorie und somit in einer technologischen Verwertbarkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit problematisiert die Dauerpräsenz des Begriffs "Wirtschaftswachstum" im öffentlichen Bewusstsein und hinterfragt dessen fachfremde philosophische Relevanz.
2. Theoretischer Hauptabschnitt: Dieser Abschnitt erarbeitet die erkenntnistheoretischen Grundlagen von Ludwik Fleck, insbesondere die Begriffe Denkstil, Denkkollektiv und die Theorie der wissenschaftlichen Tatsache.
3. Praktischer Hauptabschnitt: Die theoretischen Konzepte werden auf die neoklassische Wirtschaftswissenschaft angewendet, um die "Denkzwänge" hinter dem Wachstumsbegriff freizulegen.
4. Schluss: Das Resümee bilanziert, dass die neoklassische Ökonomie auf einer mechanistischen Metapher aufbaut, die das Wirtschaftswachstum als naturgegebenes Gesetz etabliert und damit kritisches Hinterfragen erschwert.
Schlüsselwörter
Erkenntnistheorie, Ludwik Fleck, Wirtschaftswachstum, Denkstil, Denkkollektiv, Wissenschaftstheorie, Neoklassik, Metapher, Tatsache, Paradigma, Sozialwissenschaft, methodologischer Individualismus, Wissenschaftsgeschichte, Prä-Idee, Wirklichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit?
Die Arbeit analysiert mit den erkenntnistheoretischen Mitteln Ludwik Flecks, wie der Begriff des Wirtschaftswachstums in der neoklassischen Ökonomie zu einer unhinterfragbaren Tatsache wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die zentralen Felder sind die Wissenschaftstheorie, die Geschichte der ökonomischen Lehre sowie die Rolle von Metaphern und Denkgewohnheiten bei der Konstitution von wissenschaftlichen Tatsachen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Welcher Denkstil läuft der Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum in der gegenwärtig herrschenden ökonomischen Theorie vorher?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine erkenntnistheoretische Diskurs- und Begriffsanalyse auf Basis der fleckschen Epistemologie angewandt, ergänzt durch eine Textanalyse ökonomischer Standardwerke.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist in einen theoretischen Abschnitt (Grundlagen von Fleck) und einen praktischen Abschnitt (Anwendung auf die Ökonomie, insbesondere die neoklassische Theorie) gegliedert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Erkenntnistheorie, Denkstil, Wirtschaftswachstum, Neoklassik, Denkkollektiv und Prä-Idee.
Warum wird der Begriff des "Denkstils" auf die Ökonomie angewendet?
Um aufzuzeigen, dass die ökonomische Lehre nicht wertfrei die Realität abbildet, sondern durch soziale und historische Voraussetzungen geprägt ist, die eine bestimmte Sichtweise erzwingen.
Welche Rolle spielt die "mechanistische Metapher" in der Arbeit?
Sie fungiert als das maßgebliche "Hilfsgerüst", das die Ökonomen aus der klassischen Physik übernommen haben, um ihr Fach als harte, messbare Wissenschaft zu legitimieren.
Wie bewertet der Autor die Rolle des "Alltagskollektivs"?
Das Alltagskollektiv spielt eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung von Tatsachen; es nimmt wissenschaftliche Erkenntnisse auf, vereinfacht sie und macht sie als Teil des "gesunden Menschenverstands" unantastbar.
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- Markus Karner (Autor), 2012, Ludwik Flecks Erkenntnistheorie und der Begriff des Wirtschaftswachstums, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191450